David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Von der Kunst, bei der Lektüre russischer Literatur aus der Stalinzeit nicht permanent an Woody Allens Biographie zu denken. Soeben ausgelesen: Andrej Platonow – „Die glückliche Moskwa“ (1936)

moskw

von David Wonschewski

Dass die Werke mancher Autoren zu Lebzeiten ganz oder teilweise verboten und als gesellschaftsschädlich verunglimpft wurden, ist nicht neu. Betrifft aber immer nur andere Länder, andere Zeiten. Dachte ich, tatsächlich noch dieser Tage, als ich mich an Platonows frisch veröffentlichtes Romanfragment „Die glückliche Moskwa“ machte. Ja, ich suhlte mich geradewegs in dem Privileg in einer freien, toleranten und aufgeklärten Demokratie zu leben, einer Gesellschaft, in der das freie Wort ein nicht zu diskutierender Wert ist. Bis die Meldung über den Ticker kam, dass die Autobiografie von Woody Allen nicht nur in den USA, nein, auch hier in Deutschland verboten, genauer gesagt: gar nicht erst veröffentlicht werden soll ( ich spare mir die Details an dieser Stelle, lassen sich bei Bedarf HIER zusammengefasst nachlesen). Unfassbar. Und unschätzbar wertvoll, dass Rowohlt-Verleger Florian Illies das Buch von Allen nun doch herausbringt. Obschon namhafte deutsche Moralisten mit einigem publikumswirksamem Druck ihre eigene Reputation auf Allens Schultern aufzupolieren trachteten, sich über Recht und Gesetz zu erheben können glaubten. Wie widerwärtig das war.

Was das mit Platonow zu tun hat? Konkret wenig, generell sehr viel. Denn die knapp 150 Seiten schmale glückliche Moskwa – der zweite Teil des Manuskripts ist Platonow bei einer Zugfahrt gestohlen worden – liest sich zugegeben zunächst etwas plätschernd dahin, weiß zudem durch eine allzu heftige Portion Symbolismus zu enervieren. Gerät aber gerade dadurch zum Faszinosum,  dass man sich vergegenwärtigt wie verklausuliert kritische Intellektuelle unter Stalin schreiben mussten. Gerade Platonow, der nicht nur verachtet, sondern auch verboten worden war. Und das in einer Zeit, in der unliebsame Charaktere wahrhaftig entfernt wurden, verschwanden, von einem Tag auf den anderen, auf Nimmerwidersehen. Nein, Arbeitslager und/oder Lynchmord muss ein Allen nicht fürchten in der heutigen Zeit. Aber einen Rufmord. Auf Grundlage von Spekulationen, Gerüchten, Aussage gegen Aussage. Was ich persönlich gesellschaftlich als noch viel beschämender empfinde. Man kann den düstersten gesellen unserer jüngeren Geschichte so einiges vorwerfen, zumindest bigott aber waren sie selten. Der Versuch einer nachträglichen Tilgung einer prallevollen künstlerischen Vita, der Versuch unliebsame Ereignisse mittels Knebel aus der Welt zu schaffen, der Versuch via Moral Geschichtsdeutung und Juristerei zu betreiben, das ist auch Deutschland, auch 2020 – Orwell lässt grüßen.

Kaum empörten sich einige deutsche Autoren mittels offenem Brief, erinnerte ich mich an ostdeutsche Hitperlen von Karat, City, Karussell, denen der unfassbare verbale Drahtseilakt gelang knapp an der Verbotslinie entlangzutänzeln, eindeutig regimekritische Lieder dennoch durch die Zensur zu kriegen, diese gar zu Gassenhauern zu machen („Am Fenster“, „Als ich fortging“ etc.). Und begann jede weitere Zeile von „Die glückliche Moskwa“ in mich aufzusaugen. Weil kritische Bücher, unbequeme Gedanken, unliebsame und doch penetrant zur Feder greifende Zeitgenossen niemals verboten, sondern unbedingt und ganz besonders gehört und gelesen werden müssen. Es gibt schon genug, was wir uns von unseren Kindern und Kindeskindern vorwerfen müssen. Geschichtsfälschung und einseitge Sichtweisen muss nicht auch noch drauf auf den Gerümpelberg.

Womit ich den übergeordneten Rahmen denn auch verlassen möchte. Worum es in dem Buch von Platonow geht ist schnell zusammengefasst: Eine junge Frau kommt Mitte der dreißiger Jahre nach Moskau, um ihr Glück zu suchen. Moskwa, »Tochter der Revolution«, ist ein starkes, prachtvolles Geschöpf, eine Fallschirmspringerin, der Wind ist ihr Element. Beim Besuch einer Metrobaustelle stürzt sie in den Schacht und verliert ein Bein. Ihrer Attraktivität tut dies keinen Abbruch. Bei zahllosen erotischen Abenteuern lernt sie Männer kennen – darunter einen Ingenieur, eine Chirurgen und einen aus der Gesellschaft ausgestoßenen Intellektuellen –, die sich unsterblich in sie verlieben. Für Moskwa ist Sex nur eine physiologische Notwendigkeit. Unter Glück versteht sie etwas anderes, etwas Zukünftiges. Zum Leben mit einem einzelnen Mann fühlt sie sich nicht geschaffen, und solange sie ihre Entsprechung, ihr Glückskorrelat noch nicht gefunden hat, gibt sie dem Alleinsein den Vorzug.

Wie eingangs erwähnt, liest sich das alles ein wenig plätschernd. Solange man sich eben nicht vergegenwärtigt, dass Stalin es zur Losung seines Regimes machten, dass das Leben eines jeden Arbeiters im Kommunismus nicht nur besser, sondern auch fröhlicher wird. Dem erteilt Platonow eine derart heftige Absage, dass das Adjektiv „glücklich“ im Romantitel als zynisch erachtet werden muss.

„Jeden Morgen nach dem Frühstück begleitete Sambikin Moskwa ans Ufer des geräuschvollen Meeres, und Moskwa blickte stundenlang in den Raum ohne Rückkehr. Ich gehe weg, ich gehe irgendwohin, flüsterte sie immer dasselbe. Sambikin schwieg in ihrer Nähe, seine Eingeweide schmerzten, als ob sie langsam faulten, und in dem verödeten Kopf schmachtete der bettelarme Gedanke der Liebe zu Moskwas verarmtem einbeinigen Körper. Sambikin schämte sich seines jammervollen Lebens; in der Totensille der Mittagsruhe ging er in den Gebirgswald und murmelte dort, brach Äste ab, sang, beschwor die ganze Natur, von ihm abzulassen und ihm endlich Ruhe und Arbeitsfähigkeit zu geben, legte sich in die Erde und fühlte, wie uninteressant alles war.

Wenn er gegen Abend zurückkam, konnte er häufig nicht zu Moskwa vordringen, so sehr war sie von der Aufmerksamkeit, Fürsorge und Zudringlichkeit der in der Erholung dicker werdenden Männe rumgeben. Moskwas Verstümmelung war jetzt kaum zu bemerken, man hatte ihr aus Tuapse eine Prothese gebracht, und sie ging ohne Krücken, nur mit einem Spazierstock, in den schon alle, denen Moskwa gefiel, ihre Namen und Daten eingeritzt und Symbole wahnsinniger Leidenschaften eingezeichnet hatten. Moskwa betrachte ihren Stock und begriff, dass sie sich aufhängen müsste, wenn die Zeichnungen aufrichtig wären: Ihre Bekannten zeichneten im grunde nur das eine – wie gern sie von ihr Kinder bekommen würden.“

Zeilen wie diese sind es, die verdeutlichen, dass Platonow, Sohn eines Lokomotivführers und durchaus überzeugter Kommunist, bestenfalls an zweiter oder dritter Stelle regimekritisch war (es war zuvorderst die staatlich betriebene Zwangskollektivierung, mit der er haderte), vor allem aber leidenschaftlicher Symbolist und herausragender Existenzialist. Und das viele Jahre bevor ein Camus, ein Sarte, eine de Beauvoir diese philosophsiche Strömung im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig machten.

Dass Platonow, zu Lebzeiten nur von Schriftstellerkollegen geschätzt, seine Wirkmächtigkeit nicht mehr mitbekam ist letztlich Stalin, seiner Ächtung und seinem Verbot anzukreiden. Seine Hauptwerke, er selbst verstarb 1951, erschienen erst Ende der Achtziger Jahre und heute, weitere dreißig Jahre später, nimmt er endlich den ihm gebührenden Platz als einer der großen modernen russischen Schriftsteller ein.

„Die glückliche Moskwa“, Fragment geblieben, funktioniert vor diesem großen Hintergrund, eingezwängt zwischen wirkmächtige Begriffe wie Stalin, Kommunismus, Verbot, Rufmord, Rehablitierung, Existentialismus nur bedingt, zerbröselt fast ein wenig. Eine Empfehlung, das Werk zu lesen, gibt es daher nicht, da auch die 40 Seiten Anhang nur sehr bedingt für Platonow-Laien geschrieben sind. besser eigent sich da sein Hauptwerk „Die Baugrube“ (1930, erschienen 1987).

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

5 Kommentare zu “Von der Kunst, bei der Lektüre russischer Literatur aus der Stalinzeit nicht permanent an Woody Allens Biographie zu denken. Soeben ausgelesen: Andrej Platonow – „Die glückliche Moskwa“ (1936)

  1. davidwonschewski
    18. März 2020

    Das finde ich auch vollkommen okay und respektiere das, wenn andere Menschen zu anderen eigenen Urteilen kommen. Aber da geht es für mich eben los. Weil a etwas nicht lesen will, es b vorzuenthalten finde ich absurd und letztlich auch in gewisser Weise schlecht bis gefährlich. Also sagst du ja gar nicht. Und im Detail, aber das habe ich ja erörtert, ist gerade Kunst von vermeintlich schlechten Menschen wichtig. Und wenn wir schon nicht verurteilte Menschen die in 1000 Kilometern Entfernung leben vom Hörensagen als schlecht einsortieren, naja, dann haben wir ein fettes Problem. Ich selbst stand ja andersherum vor dem Problem, ich habe Mia Farrow sehr gerne gesehen. So wie die sich – vom Hörensagen her – verhalten hat mag ich die gerade nicht auf meinem Bildschirm haben. Ist aber genauso unfair und daneben. Weil nixgenauesweißmannicht als Begründung für bestenfalls garnix taugt.

  2. Xeniana
    18. März 2020

    Das Buch bestelle ich mir. Ich bin in der DDR aufgewachsen mit schönsten unromantischen Namen, Xeniana ist somit Ausdruck von etwas wo man hin will. Ich bin Jahrgang 69. Ich muss gestehen, dass ich zu Woody Allen eigentlich nichts sagen kann, hab mich fast gar nicht damit beschäftigt. Hole ich jetzt nach.

  3. Xeniana
    18. März 2020

    Zur Thema der Woody Allen Biografie: Man hat da erneut die Frage ob man Werk vom Künstler trennen kann. Ich für meinen Teil werde das Buch nicht lesen wollen. Fand es im ersten Augenblick auch gut das es nicht verlegt wird, später die Frage nach der Zensur….

  4. davidwonschewski
    18. März 2020

    Absolut. Ich weiß zwar nicht wie alt du bist und woher – obschon der Name Xeniana ähnlich wie mein Nachname eine östliche Anmutung hat – aber ja, romantisch gesehen fasst es mich auch an, da hat Suhrkamp echt „einen rausgehauen“.

  5. Xeniana
    18. März 2020

    So ein schönes Cover:) , Katapultiert mich sofort in die Vergangenheit.

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