David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Wie Nostradamus, allerdings treffsicherer, konkreter. Soeben ausgelesen: Philip K. Dick – „Eine andere Welt“ (1974)

dickwelt

von David Wonschewski

Das ist schon urig. Hierzulande ist, außerhalb gewisser Freak-Kreise, der Name Philip K. Dick nahezu unbekannt. Und auch ich stieß, heute ist es mir fast peinlich, erst vor einigen Jahren in einem Artikel über, hüstel, Arnold Schwarzenegger über den 1982 in Santa Ana verstorbenen Amerikaner. Lesen mochte ich ihn da aber nicht, aus simplem, sehr blasiertem Grunde: Wer die literarische Grundlage für Hollywood-Blockbuster wie „Minority Report“, „Total Recall“ oder Blade Runner“ oder Amazon-Serien wie „The Man in the High Castle“ geliefert hat, darf mal hübsch die maximal mögliche Entfernung zu meinem Bücherregal einhalten. Ganz zu schweigen davon, dass SciFi-Kram doch nun wirklich bestenfalls zurückgebliebene Geister zu beglücken weiß. Solche die statt mit Worten und Argumenten lieber mit Laserschwertern diskutieren.

Nun ja, ich war halt noch etwas jünger damals, bastelte krampfhaft an meiner Indie-Attitüte – und dachte, zu meiner Entschuldigung, damals zum Beispiel ja auch noch, dass Death Metal eine stumpfe Musikrichtung ist, ausgeübt von klumphändigen Losern mit Affinität zu nur Blut und nur Destroy. Was bekanntlich nur meinen kann, wer keine Ahnung hat.

Und heute? Heute lese ich Philip K. Dick, schüttel durchweg staunend den Kopf, komme nicht umhin ihn in meinem empiristischen Philosophenregal zwischen Bacon, Hobbes und Mill einzusortieren und mich zu fragen, warum wir eigentlich noch immer einem Nostradamus hinterherkaspern, wenn ein Dick all die prophetischen Sehnsüchte viel besser, ganz sicher zumindest moderner bedient?

Die Zeitspanne öffentlicher Wirksamkeit umfasst bei Philip K. Dick gut 25 Jahre, von 1955 bis zu seinem Tod 1982. Unzählige Romane und Kurzgeschichte gehen auf sein Konto, einsortiert vor allem ins Science Fiction-Genre, was, ähnlich wie beim von mir hohepriestertempelartig verehrten JG Ballard, gleichermaßen richtig wie komplett daneben ist.

„Eine andere Welt“, Dicks Roman aus dem Jahr 1974, ist das beste, vielleicht sogar ein Paradebeispiel dafür. Denn die Welt, in der sich die Handlung bewegt, ist wie so oft bei ihm in seinen Grundzügen die Welt, wie wir sie kennen, bevölkert von Menschen, wie wir sie kennen. Seltsamen Klonen, Androiden oder sonstigen Fantasy-Mischwesen begegnen wir nicht, sondern treffen den Protagonisten, Jason Taverner, im Jahr 1988 in Los Angeles an (wohlgemerkt: zum Schreib- und Veröffentlichungsdatum des Romans ergo knapp 15 Jahre in der Zukunft). Und hier geht technisch bereits einiges ab: man fährt in hyperwendigen Flipflaps, fliegt in ultraschnellen Quibbels, hört Musik über Biofeed-Kopfhörer und tankt an Robotzapfsäulen. Wie, nichts verstanden? Nicht schlimm, streut Dick derlei potentielle zukünftige Erfindungen doch eher nebenbei ein, nix zu raffen stört das Verständnis der Geschichte nie, sich ein paar eigene Gedanken zu machen wie so ein Gerät wohl aussehen könnte, was es alles kann macht hingegen Spaß und regt den Erfindergeist an. Gründe, warum sich Dick direkt neben Nostradamus gesellen darf, liefert er in seinem umfassenden Oeuvre schon in technischer Hinsicht zuhauf, so auch in „Eine andere Welt“. Da wird Musik vornehmlich zwar noch aus Jukeboxen oder mittels Schallplatten gehört, der ein oder andere privilegierte Mensch aber bedient sich schon obskurer Diskdatenspeichersysteme, die es ermöglichen Musik zu hören ohne die jewielige Platte physisch aus dem regal zu holen. Wohlgemerkt: die CD wurde erst Anfang der achtziger Jahre eingeführt.

Jason Taverner kann sich sowas leisten, denn er ist erfolgreicher Entertainer, 19 Schallplatten zieren seine Vita und seine Nightshow schauen sich 30 Millionen Bürger an (also die auf der Erde und die in den Marskolonien zusammengerechnet). Einem wie ihm gehört die Welt, nicht zuletzt, weil er einer der ganz wenigen „Sechser“ ist, Ergebnis eines Experiments, das darauf abzielte, Menschen zu optimieren, indem charakterliche Schwächen über Genmanipulation abgebaut und Stärken künstlich aufgebaut werden. Ein typisch dick’scher Gedankenstrang, der sich zwar durch die ganze Geschichte zieht, de facto aber unter „nicht so wichtig“ läuft. Dem Menschen des Jahres 2019 aber durchaus als heftig heißes Eisen erscheint, weit heißer als FlipFlaps und Quibbeles.

Eines Tages aber wird Taverner in einem schäbigen Hotelzimmer wach und muss feststellen: keine Sau kennt ihn mehr. Seine Geliebte und sein Agent legen auf, wenn er anruft. Und im Fernsehprogramm: keine Spur mehr von der so erfolgreichen „Jason Taverner Show“. Noch schlimmer: all seine persönlichen Daten, verschwunden aus allen öffentlichen Registern. Nie geboren, der Taverner! Von einem der wichtigsten und beliebtesten Menschen der Welt wird Taverner über Nacht zu einem Menschen, der nicht existiert, nie existiert hat. Und das in einer Welt – und hier läuft der moderne Dick dem mittelalterlichen Nostradamus den Rang ab -, die zu einem einzigen großen Überwachungsstaat mutiert ist. In der man es sich nicht erlauben kann auch nur einen Minute ohne gültige Papiere zu sein. Da sonst die Verschleppung, das Zwangsarbeitslager droht. Fortan ist Taverner also auf der Flucht. Vor wem? Keine Ahnung. Wohin? Ach, frag uns doch sowas nicht.

Doch, ganz sicher hat auch Philip K. Dick seinen Orwell gelesen, auch hier watched Big Brother dich unentwegt, überall, aus jedem Knopfloch, aus jeder Ritze. Dieses durch Orwell weltberühmt gewordene reale Schreckenszenario blättert Dick, wie in vielen seiner Romane, jedoch auf, holt es facettenreich in die Moderne. Denn wo Orwell zuvorderst staatsphilosophische Überlegungen, Drohungen, Warnungen aufwarf,  wirft sich Dick mit Karacho auf das Individuum, zielt auf nicht weniger als auf den Kopf der Menschen. Mit dem Ergebnis, dass er die anonym-bürokratisch agierende Staatsmacht – hier die POLs und NATs – fast schon entlastet, alle Verantwortung den Menschen zuschiebt und ihrer Unfähigkeit Verlockungen zu widerstehen, ihrer Bereitschaft zu machen – was eben technisch, naturwissenschaftlich machbar ist. Das gelingt ihm, indem er zwei Zutaten mischt, die ihn auf den ersten Blick als einfach nur ein Kind seiner Zeit ausweisen, ihn auf den zweiten aber von einem zugedröhnten Spinner ( der Dick tatsächlich war) zurecht in den Rang eines intellektuellen Sehers heben: Drogen und Wahrnehmungsphilosophie, auch Empiristik genannt. Dick interessiert sich weniger dafür zu beschreiben wie so ein Quibbel oder Flipflap aussieht, wie er beschaffen ist. Ihm ist aucz nicht daran gelegen uns darzulegen wie die Polizei künftiger Generationen mittels „EEG-Kopter-Scan“ aufspüren wird. Was ihn interessiert ist die Überlegung, was eine Pille mit uns anrichtet, die uns nicht high macht, aber unmerklich als sicher geltende Grundsätze aushebelt. Beispiel: das Aufheben der festen Koordinate „Raum“. Wenn ich mich in der Turnhalle befinde, kann ich mich kaum zugleich in der Kirche daneben finden. Geht nicht. Dick geht nun nicht hin und behauptet, da schluckt einer so eine Pille und ist dann via Zellteilung oder sowas dann plötzlich zeitgleich an beiden Orten. Nein, das wäre nicht Philosophie, sondern Naturwissenschaft und das macht nicht den Reiz von Dick Literatur aus. Dick fragt zuvorderst philosophisch, das Zentrum der Überlegung ist stes der menschliche Geist, so wankelmütig, so nichts wissend, so unrettbar dem Chaos der Sinneseindrücke unterworfen. Was, fragt Dick: wenn ich einfach glaube wo zu sein, wer zu sein? Und so fest daran glaube, dass ich alles andere und alle anderen mit mir ziehe. Und so aus einem Hirngespinst Realität werden lasse?

Es gibt Menschen, die ahnen, dass man Erfolg erzwingen kann. Und die wissen, dass Glaube Berge versetzen kann, das Unmögliche möglich ist. Lippenbekenntnisse, sicher, in ihrer Motivationsplumpheit oftmals nahe an Kalenderblattsprüchen gebaut. Weil nurw enige sie bisher mit Inhalt gefüllt haben. Philip K. Dick macht genau das, die Weiten es Universums, die wir von einem SciFi-Autor etwas klischeehaft erwarten, finden sich bei Dick zumeist im Kopf des Einzelnen.

Natürlich lässt „Eine andere Welt“, der Roman um den Entertainer Jason Taverner, der zurück will in die Welt, die er kennt und Felix Buckman, den Polizeichef, der Angst vor der Welt hat, wie er sie kennt, keine Auflösung zu, von einem Happy End ganz zu schweigen. Das wäre als würden sich am Ende eines David Lynch Films alle Protagonisten lachen in den Armen liegen und Paare ihre Ehegelübde erneuern. Das geht stilistisch nicht, aber auch im Sinne der Gedankenfreiheit nicht. Ist ein brillanter Dick doch ein solcher Dick, der im Laufe der Handung viele Fragezeichen entfacht – und kaum eines davon tilgt.

Und genau deswegen ist es große Literatur: Schuldig bleibt die Antworten nicht der Roman. Sondern die Menschheit. Wir, du, ich.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

 

 

 

 

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