David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Das große Lachen über das große Verbieten. Oder: Reinhard Mey, Wegbereiter der Neuen Rechten?

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von David Wonschewski

Es begann im September 2001. Ich hatte gerade begonnen beim Radio zu arbeiten, als Hilfskraft in der Musikredaktion – als in New York Türme einstürzten. Wenige Stunden später die klare Weisung der Geschäftsführung: die kommenden Tage keine Gute-Laune-Partymusik mehr, geht nicht. Die Hermes House Band, sowas vergisst man nicht, war die erste Band, die ich persönlich, mit meiner eigenen Hand Finger, aus moralisch-ethischen Erwägungen in die Verbannung schickte. Dutzende weitere folgten in jenen turbulenten Tagen. Und ich mittendrin, als tapferes Eliminierungshelfershelferlein. Doch: Ich verstand es, wähnte mich auf der richtigen, der guten Seite. Man muss empathisch sein, das ist oberste Menschenpflicht. Den Leidenden allüberall entgegenkommen, so weit es nur eben geht. Ich glaube ich fand mich selbst selbst ziemlich formidabel in jenen Tagen, gelebtes Christentum.

Doch das währte nicht lange. Zwei Tage später tauchte eine hochrangige Redakteurin kopfschüttelnd in meinem Büro auf. Wie wenig empathisch ich sei. Und wie unfassbar stumpf, gefühlos, unsensibel. Tote in New York und ich spiele: Ronan Keating, „If-tomorrow-never-comes“. Wenn-morgen-niemals-kommt.

Es war der erste Anschiss meines Radiolebens, auch den vergisst man nicht. Ich also über die Playlist, mir selbst Refrains vorgesungen, akribisch nach potentiellen Anstößigkeiten gesucht. „Yesterday“ von den Beatles (all my troubles seemed so far away)? Raus, klar. Meat Loafs „I would do anything for love (but I won’t do that)“? Es gab Leute, die die Wahl hatten zu verbrennen oder aus dem dem 37. Stock in den Tod zu springen. Empathie, Wonschewski, Empathie!! Meat Loaf – raus, logo. Kann man nicht bringen, nicht bei den TV-Bildern.

Schlussendlich blieb dann eben nur noch Enya, wir erinnern uns. Mit Grausen. Als wenn der 11.September 2001 für sich nicht schon schrecklich genug gewesen wäre.

2004 dann der Tsunami in Asien. Ich mochte die Band Juli nie, und was habe ich deren „Perfekte Welle“ mit Freude aus dem Radio gekickt. Allein der Grund war doof. Künstlerisch-mediale Verantwortung war das nicht. Es war arschloses Kuschen vor Leuten, die Zusammenhänge herbeihirnen wollen, wo gar keine sind. Mich mit den Opfern einer Naturkatastrophe vor Thailand zu solidarisieren heißt das Formatgejaule einer deutschen Band aus dem Radioprogramm zu nehmen? Aha, okay, alles klar. Ich machte mir noch keine allzu großen Gedanken über all das, nahm es eher als Jucken über dem rechten Auge war, hielt es für etwas, was mich gewiss nicht wiederkehrend beschäftigen wird. Ob Juli was mit dem Tsunami zu schaffen hatten hat sich nie so ganz klären lassen. Was ich weiß ist, dass sich die Band bis heute nie so recht vom Tsunami in Asien distanziert, sich nie dafür entschuldigt, sich nie überzeugend auf ihren Alben mit den vielen vielen Toten auseinandergesetzt hat. Aber ich greife vor. Das ist schon 2020er-Sprech.

Dass irgendwas systemisch faul ist „im Staate Dänemark“ merkte ich etwas später. Ich hatte das Pech kein ganz so kleines Licht mehr zu sein, das die eigene Verantwortung hinter anderen verbergen konnte. Ich war vollausgebildeter Musikredakteur, was immer das auch sein soll. In Sachsen verschwand seinerzeit ein kleines Mädchen, sie hieß Michelle. Die Zeichen verdichteten sich, dass dieses Verschwinden in Zusammenhang mit sehr unschönen Dingen aus dem Bereich männlicher Sexualität stehen könnte. Keiner wußte es genau, aber das Gerücht, es waberte. Wir ahnen was folgte: „Wonschewski! Beatles stillegen! Sofort! Michelle, ma belle…Wir fördern derlei Schweinereien nicht! Anstand, Wonschewski, Anstand!!“

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich halte die Beatles für enorm gut, aber heillos überfrachtet, kulturhistorisch aufgeladen. Die Kinks, The Who, das sind meine 60er Bands. Ich nehme sehr gerne Beatles-Songs aus dem Programm. Ich brauche aber Gründe, Zusammenhänge. Waren die Beatles eigentlich jemals in Sachsen? Keine Ahnung. Man müsste Paul McCartney mal fragen. Und zwar b-e-v-o-r man sich entscheidet, mit Verlaub, George Harrison mal so mir nichts dir nichts aufs Grab zu pinkeln. Als ich gezwungen wurde die Beatles aus dem Programm zu nehmen hörte das mit dem Jucken über dem rechten Auge auf. Und ich begann stattdessen Pickel und Geschwüre auszubilden. Als körperliche Reaktion auf allzu erfindungsreiche Moralisten.

Ich dachte seinerzeit, wir wären bereits am gesellschaftlichen Tiefpunkt angelangt. Waren wir aber nicht. Das sind wir erst heute. Seinerzeit war all das Wirbeln temporär, anlassbezogen. Ronan Keatings Karriere ist aus rein künstlerischen Gründen versandet, Juli kehrten zurück ins Radio, die Beatles sind weiterhin DIE Beatles. Doch so blieb es nicht. Die Lust zu zerstören, zu tilgen, unsere eigene Eitelkeit zu befeuern, uns auf dem Rücken anderer als tolle Menschen aufzuführen, die wuchs. Und wuchs und wuchs.

Gary Glitter. Ich war inzwischen, so um 2010, Musikchef bei einem Oldie-Sender. Ich mache mir nicht die Mühe alles akribisch nachzugooglen, es geht hier um subjektives Empfinden. So weit ich weiß ist die 70er Glam-Ikone ein verurteilter Kinderschänder. Die inzwischen berühmte Szene aus „Joker“, wo Joaquin Phoenix die Treppe runtertanzt, das im Hintergrund, was man da hört, das ist Gary Glitter. Eine konfrontative Musikauswahl in einem konfrontativen Film. Ich las 2008 erstmals von dem, was Glitter so tat. Niemand forderte mich diesmal auf seine Lieder aus der Playlist zu löschen, was die Sache deutlich erschwerte. Nur ich und mein Gewissen. Glitter war in deutschen Breiten nicht mehr präsent genug, um Leute anzuspornen in Scharen das eigene Ego an ihm aufzubügeln. Mutterseelenallein saß ich da und dachte: „Und nun, weiser Wonschewski?“ Juli, Keating, schön und gut. Das hier ist aber eine andere Hausnummer. Kannste eigentlich nicht bringen. Kannste doch. Kannste nicht, kannste doch,, kannste nicht – kannste nicht doch!? Ich schob es auf die lange Bank, tat das, was so viele Entscheidungsträger tun: Ich verschanzte mich hinter den Zahlen. Musikresearch. Das Volk, es war eindeutig, wollte Glitter im Radio, also kriegte es Glitter im Radio. Beschwerden sind dementsprechend immer ans Volk zu richten, nie an mich. Das war in der Tat professionelles Verhalten. Fühlte sich aber eben auch wieder an wie the return of good ol‘ Helfershelfersleinchen. Egal wie ich es drehte und wendete, in welchem Winkel und Sonneneinfallslicht ich mich dem Thema „Moral und Kulturrezeption“ auch stellte: ich blieb der tumbe Knöpfchendruecker, meinungsschwammiges und rueckgratloses, willfähriges Erfüllungstool der Massen.

Vor Jahren erzählten mir Senioren, dass sie letztlich auf exakt diese Weise in den 30ern zu Nazis wurden. Ungleich härteres Thema, aber gleiche Wirkweise. Man kann ja nix dafür. Man sitzt ja nur da und macht seinen Job. Langsam begann mir was zu dämmern: jeder Mensch kann und darf sich wie ein Arsch verhalten, es ist unabdingbar, dass das ab und an passiert. Unverzeihlich ist es nur, wenn ausgerechnet Arschlosigkeit zu Arschsein führt. Man merkt: ich war einer Form von Haltung auf der Spur, verwirrrte und verhedderte mich aber noch zu sehr in mir selbst. Und lechzte nach einem klaren Standpunkt, der nicht mit jedem aufziehenden Wind neu ins Wanken gerät.

Die Chance Position zu beziehen bekam ich 2013. ich hatte ein kleines Liedermacher-Blatt gegründet, zu dem auch ein Online-Radio gehörte. Ein befreundeter Musiker aus Berlin empfahl mir Kurt Demmler. Im Westen nahezu unbekannt, kennt im Osten quasi jedes Kind Demmler. Eine fast schon zynische Formulierung, denn Mitte der Nuller Jahre wurden Pädophilie-Vorwürfe gegen ihn immer lauter. Es kam zu einem Gerichtsverfahren, das ohne Ergebnis blieb, weil Demmler sich mittendrin erhängte. Es ist wichtig an Demmlers Musik zu erinnern, Demmler ist das erste deutsche Rufmordtodesopfer seit Ende des Dritten Reiches – so der Musiker. Einer Mitarbeiterin hingegen, „selbst Mutter von zwei Kindern“ fielen nach eigenem Bekunden jedesmal die Fußnägel von den Zehen, wenn sie „diesen Demmler-Widerling“ so zärtlich säuseln hörte. Nichts genaues weiß man nicht,warnte der Musiker. Und das sei schon zu viel, wenn es ein Grundübel an der Wurzel auszureissen gilt, sagte die Mitarbeiterin.

Nein, ich entschied mich nicht für Demmler. Aber ich entschied mich für seine Musik. Demmlers Songs durften bleiben. Und diese Linie ziehe ich seitdem, sei es professionell oder auch nur in meinem Kopf, ganz privat, durch: R Kelly darf bleiben, Michael Jackson darf bleiben. Hemmingway und Bukowski dürfen nicht nur bleiben, nein, sie müssen es sogar, Picasso sowieso. Karikaturen des Propheten, Karikaturen einer farbigen Weltklassetennisspielerin, gerade Mutter geworden – rein in die Zeitungen. Vielinterpretierbare Gedichte auf den Fassaden von Uni-Gebäuden, bitte dranlassen. Filme von Dieter Wedel gefallen mir seit jeher nicht, er ist und bleibt aber einer der bedeutendsten Regisseure unseres Landes, zurecht. Seine Filme? Senden, senden, senden. Kevin Spacey muss dringend zurück vor die Kamera, Johnny Depp ist dem Reputationssensenmann, wie es scheint, gerade noch von der Schippe gehüpft, darauf habe ich die Tage schon einen getrunken, der Welt gratuliert. Weinstein wurden über 80 Sachen vorgeworfen, justitiabel blieben eine handvoll Delikte. Dafür wurde er verurteilt, gut so, richtig. Warum sich Schauspielerinnen und Schauspieler nun von seinen Filmen distanzieren, will ich nicht verstehen. Ich kann da nichts Aufrichtiges dran entdecken, ich sehe nur PR.

Man sollte davon absehen Strassen, Gebäude, Institute, Kasernen nach eventuellen oder verurteilten Drecksäcken zu benennen. Aber ein Student aus Film und Fotographie muss Riefenstahls Werke gesehen haben. Und jeder Rhetorik-Interessierte die Reden jener Zeit betrachten dürfen.

Mein klarer Dank geht raus an Rowohlt-Verleger Florian lllies, der dieser Tage dem öffentlichen Druck selbsternannter Moralisten standhielt und die Autobiografie von Woody Allen herausbringt. Der nie wegen irgendwas verurteilt wurde, bei dessen widerwärtigem Streit mit den Farrows Aussage gegen Aussage steht. Der das Pech hat im Gegensatz zu Depp nicht über aussagekräftiges Tonmaterial zu verfügen, das ihn entlastet. Wenn ich „Hannah und ihre Schwestern“ (1986) anschaue, interessiert es mich nicht und hat es mich nicht zu interessieren was fast zeitgleich, in den 80ern, im Hause Farrow-Allen vor sich ging. Mich interessiert, ob die USA ein funktionierendes Justizwesen haben. Haben sie, sogar unter Trump. Und Ende.

„Was folgt daraus, wenn man die Ethik die Ästhetik aushebeln lässt?“, hat Illies in einem früheren Zeitungsartikel einmal gefragt. Eine kluge Frage, wie ich finde.

Ich? Ich will Kunst von vermeintlichen und wirklichen Arschlöchern, gerade von denen. Kunst von Saubermännern interessiert mich nicht, die Giesingers und Forsters dieser Welt operieren an der Grenze zur Belanglosigkeit. Das ist ihr gutes Recht, sollen sie Hallen füllen und sich eine goldene Nase verdienen mit diesen Texten, die keinem weh tun und die nur und genau deswegen – hier spricht der Radiofachmann – so vehement im Radio laufen. Ich mag keinen HipHop, diese Musik bringt mir nichts – aber ich will ihn. Und ja, auch in seiner üblen Ausprägung. Weil er wichtig ist, weil er auf den Tisch bringt, weil er erklärt und dadurch letztlich kathartisch wirkt, mehr bringt als von unserer schwer erträglichen Familienministerin aufgesetzte Programme. Ich will Thomas Bernhards und ich will sogar Sibylle Bergs, deren Texte und Bücher ich lese, obschon ich permanent den Kopf schütteln will, ihr gerne ins Gesicht schreien möchte, das es unfassbar ist wie wenig Ahnung eine derart talentierte und hochintelligente Schreiberin von der Welt haben kann. Ihr Buch „GRM“ möchte ich gerne mit großem TamTam in den Krater eines aktiven Vulkans werfen, aber nicht jetzt, erst später. Erst möchte ich das Mistding noch möglichst oft verleihen, damit möglichst viele Menschen es lesen. Und mir dann was sagen dazu, Position beziehen. Ich finde die Frau so daneben, dass ich mich jetzt schon, keine Ironie, auf das nächste Buch von ihr freue. Klingt unlogisch, so als Satz, ist aber total logisch.

Es geht mich nichts an wer was wie privat macht. Es geht mich auch nichts an wer wofür verurteilt wird oder nicht verurteilt wird. Verantwortung? Ich habe die Verantwortung dafür zu sorgen, dass mir das alles auch möglichst lange egal bleibt. Es gibt Behörden, Institutionen für sowas. Unser Staatskonstrukt, unsere Gewaltenteilung funktioniert.

Sobald Kunst nur noch von guten Menschen für gute Menschen gemacht wird, schafft sie sich selbst ab, verreckt an der eigenen Sinnlosigkeit.

Kunst ist Reibung. Das geht nicht mit Seife.

Was das alles mit Reinhard Mey zu tun hat? Nichts, sage ich. Viel, schreibt Zeit online. Und zwar HIER. Schrieb‘ ich oben irgendwo, dass ich anderer Leute Meinung bei dem Thema respektiere? Ist gelogen, bei Texten anständiger Leute, wie dem aus der Zeit online, kegelt es mich mittlerweile vom Stuhl vor Lachen. Reinhard Mey, der fiese Wegbereiter der Rechten! Aus den CD-Regalen mit dem Schuft!

(Auf dem Bild ist das Buch „Skippy stirbt“ vom irischen Autor Paul Murray zu sehen, empfohlen vom in den sozialen Medien mitunter als Oberarsch tituliertem US-Starautor Bret Easton Ellis in seiner, nunja, Biografie „Weiss“. Bizarrerweise habe ich schon oft die Erfahrung gemacht, dass je fragwürdiger ein Charakter ist, desto besser seine Kulturtipps sind. „Skippy“ ist großartig.).

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

6 Kommentare zu “Das große Lachen über das große Verbieten. Oder: Reinhard Mey, Wegbereiter der Neuen Rechten?

  1. davidwonschewski
    23. April 2020

    Besten Dank für die Rückmeldung! Ich gestehe: Den „Schattenmann“ habe ich nie gesehen, vielleicht wäre das doch mal eine hübsche Initialzündung zum Nachholen… Feine Grüße!

  2. Bludgeon
    23. April 2020

    Yeeeeeaaahr! Soeben gefunden. Herrlich. Bis auf das mit dem Wedel. Von dem ist der „Schattenmann“ und der ist prima. Über diesen reinhard-Mey als Fastnaziblödsinn hab ich mich in meinem Blog auch aufgeregt. Und dieser vorauseilende Gehorsam all dieser freiheitlichen Untertanen der Kulturbranche: Ächz. Als Ossi haste das schließlich alles schon mal durch!

  3. Xing
    16. April 2020

    Danke, ich weiß jetzt, welche Haltung dazu führt, sich als „Misanthrop“ zu bezeichnen. Einverstanden.

  4. davidwonschewski
    1. April 2020

    😏🤭😁😁

  5. galgenzork
    1. April 2020

    Nur wer ab und zu in die Scheiße greift, weiß sauberes Geschirr zu schätzen. Ich habe keine Ahnung, was ich damit meine. Aber ich folge Ihrer Argumentationsschnur mit Vergnügen.

  6. Alraune
    19. März 2020

    Welch eine Abrechnung. Danke für so viel Hintergrund. Ich hätte es mir denken müssen.

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