David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Soeben ausgehört: The Strokes – „The New Abnormal“ (2020)

stroabno

von David Wonschewski

Das habe ich schon 2001 nicht verstanden. Was der Hype soll. Dabei war genau ich gemeint, genau ich mittendrin, wurde genau ich zum Huldiger all dessen, was folgte auf das Plattendebüt der Strokes. „Is this it?“, so hieß es. Und es gilt noch immer als Start- und Befreiungsschuss, als musikalische Rückkehr zu irgendwas, zugleich als artifizielles Vorwärts nach, tja, sonstwohin.

Wie gesagt, verstanden habe ich es nie, obschon ich, wie eingangs erwähnt, mittendrin und dabei war. Berlin. Ich gerade Student geworden, Islamwischenschaft und Jüdische Studien, so richtig fein zeckig. Und dort, wenn auch wie im Fall der Strokes zunächst als Importware aus UK und USA, also die Geburt der 2000er Version von Indie-Disco. Ich tanzte sogar, im „Magnet“, im „Fritz Club“, im „Grünen Salon“ und und und. Nur nicht zu den Strokes. Die fand ich überschätzt. Und irgendwie lahm. Die „Rückkehr der Gitarrenmusik“, die allerorten als nahezu revolutionär bejubelt wurde, konnte ich nicht erkennen. Ich sah und hörte fünf New Yorker Trend-Heinis, die recht gelungene Popmusik für springfreudige Dancefloor-Mädchen machten. Und deren einzige wirklich bemerkenswerte Eigenschaft darin bestand, dass der Gitarrist Albert Hammond heißt und der Sohn der 70er-Pop-Ikone gleichen namens ist.

Die Strokes habe ich zwangsläufig und pflichtschuldigst immer so mitgehört. Ließ sich halt schwerlich vermeiden, so als Teil eines sozialen Großstadtgefüges. Zwar haben die Jungs um den beneidenswert gutaussehend-coolen Sänger mit dem beneidenswert schönen Namen – Julian Casablancas – durchgängig Alben veröffentlicht seitdem, mittlerweile sechs an der Zahl. Dem Quatsch folgen mochte ich aber nicht mehr so recht. Man hat schließlich andere Dinge zu schaffen, wenn man Erwachsen wird, erste echte Durststrecken durchkriecht, dem Moloch Berlin gerade entkommt. Die eigene Zukunft anpacken will und muss. Endlich, so ab Ende dreißig, eine veritable finanzielle Rentenindee entwickeln, zum Beispiel.

Vollkommen auf dem falschen Fuß erwischte mich dieser Tage „The New Abnormal“, das neue Klangscheiblein der Strokes. Ich wollte eigentlich nur schauen, ob der Badly Drawn Boy echt zurückgekehrt ist, auch Rufus Wainwright sich echt nochmal raustraut. Und da las ich es eben. Und hatte sofort Lust. Unbändige Lust mir das Ding anzuhören, zweieinhalb Lieder, drei bestenfalls und dann laut auszurufen: „Immah noch öööde!!“.

Denn wir wissen: je älter der Mensch, desto weniger gern kehrt er um auf einem einmal beschrittenen Pfad.

Was auffällt, ist die Länge der neuen Lieder, viele deutlich über fünf, teilweise über sechs Minuten. Auf „This is it?“ wurde seinerzeit kein einziges Mal die vier Minutengrenze erreicht. Das beeindruckt schon vorm ersten Ton bei einer Band, die langatmig, groß- und breitflächig nie konnte, nie wollte, nicht ist. Derart lange Hüpfsongs für eine neue Indie-Hüpfmädelgeneration? Kaum vorstellbar. Eine erste Hoffnung keimt auf: Knackig war gestern.

The Adults Are Talking“ heißt der Opener. Ist, mit Verlaub, scheiß-catchy komponiert  und so easy strukturiert, dass man sich ärgert, dass man das Teil nicht selbst geschrieben und unters Volk gejubelt hat. Altersvorsorge und so. Zwar auch hier zunächst vier Minuten gehüpfte Gleichtönigkeit, aber kein Stück öde, bevor Casablancas die letzte Minute mittels Falsett und fast schon gesprochenem „fickt euch“-Outro in bester Falco-Manier auf fünf Minuten veredelt. Ein in seiner Jugend auf cool machender Schönling (sein Vater ist im Übrigen Gründer der Model-Agentur „Elite“), nun, mit Anfang vierzig, in seiner zur Schau gestellten Abweisung wirklich lässig geworden? Klingt so.

Brooklyn Bridge to Chorus“ ist ein Titel, den man allein schon vom Namen her ablehnen möchte. Bis man feststellt, dass das Ding über einen Chorus verfügt, der einen die Hände hochreißen, den Himmel anjaulen lassen möchte. Ich schätze, das ist exakt die Art von Song, die Coldplay seit gefühlten 50 Jahren mit ihren widerlich UUH-OOH Refrains schreiben möchten. Die Strokes schnoddern das Teil mal ebenso auf die Ärmel ihrer Spacklederjacken.

In den Credits der Single „Bad Decisions“ steht doch tasächlich Billy Idol vermerkt. Lustig. Auf ihrem zweiten Longplayer „First Impressions Of Earth“ hatten die Strokes das Stück „Razorblade gehabt. Gute Nummer, würde es nicht wie Barry Manilows Welthit „Mandy“ in, naja, Hüpfmädchenmanier eben klingen. Damals hatte der junge Pfau Casablancas sich (aus vermutlich auch rentensichernden Gründen) noch allein fett in die Credits bügeln lassen. Hübsch, wie sich die Prioritäten mit der Zeit verschieben: bei „Bad Decisions“ verdienen nun laut Credits alle Strokes mit, Billy Idol auch, da Casablancas das Gefühl nicht loswurde, den Refrain bei dem irgendwie gemoppst zu haben. Ich vermute mal „Dancing with myself“ ist gemeint. Blondie wird dafür nicht erwähnt, nach denen „Bad Decisions“ noch viel eher klingt.

Eternal Summer“ und „At The Door“ strafen mein Eingangsgelaber am meisten Lügen, sind breitflächig angelegt, langsam, natürlich nölend, mit langem öööö. Vollkommen ungeeignet für Gummitwistereien, schälen dafür das heraus, was vielleicht der Kern des strokes’schen Erfolgs ist, immer war: dieser latent durch Bass und Schlagzeug und Lederjacken durchschimmernde Retro-Computer-Sound. Strokes hören, doch das war immer ein wenig wie auf Atari zocken.

Es ist nicht ganz auszumachenm, ob die Strokes sich verändert haben oder ich oder einfach nur die Welt in der wir Leben. Vielleicht wird das Leben mit dem Alter bedeutend schwieriger und komplizierter, genau das aber zieht manch Überambitionen – bei Kreativen wie Rezipienten – ab und an wohltuend den Nervstachel. Die Strokes müssen keine Platte mehr aufnehmen, der Legendenstatus ist eh gesichert und so richtig voll wie annodazumal werden die Locations bei Liveauftritten auch nicht mehr. Und ich, tja, ich muss mir auch kein Strokes-Zeug antun, ich bin im Elton John- und Sting-Alter angekommen, in abenteuerlustigen Phasen dann eben bei Pink Floyd oder David Bowie. Sich jung fühlen wird eh überschätzt, sich jung fühlen müssen sollte sogar gänzlich umschifft werden. Vielleicht auch einfach so eine Epikur-Sache: je weniger man erwartet und zu erwarten bereit ist, desto leichter und näher am Glück gebaut gerät das Leen. Halte deine Begierden gering und so.

Die Strokes bedeuten mir so wenig und sind mir weiterhin so egal, dass „The New Abnormal“ nach den neuen Alben von Messer und die Arbeit mein drittes Highlight 2020 ist. Und auf meinem Digitalteller rotiert und rotiert.

 

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