David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Nichts als Mutmassungen über den Inhalt. Soeben ausgelesen: Uwe Johnson – „Mutmassungen über Jakob“ (1959)

mumaja

von David Wonschewski

Es gibt Bücher, die liest man, emsig, beflissen. Und stellt so ab Seite 50 fest, dass man so gar nichts rafft. Wenn ein solches Buch dann noch ein anerkannt großer Wurf der Weltliteratur ist und sein Verfasser im Pantheon der Literatengötter beheimatet ist, tja, dann beginnt das große Zweifeln an sich selbst. Das ging mir zuletzt bei Handke so (HIER), zuvor schon bei Fernando Pessoa und jetzt auch bei Uwe Johnsons Nachkriegsklassiker“Mutmassungen über Jakob“.

Worum geht es? Es geht um den Tod des erfahrenen Bahnbeamten Jakob Abs, der beim Überqueren der Gleise von einer Lokomotive zerquetscht wird. Unachtsamkeit? Selbstmord? Oder gar ein Mord? Der ganze Roman ergeht sich, daher der Titel, in Mutmassungen darüber was geschehen sein könnte. Worum es ansonsten noch in dem Buch geht sind bestenfalls Mutmassungen meinerseits. Es geht um zwei Generationen, die es bei dem Versuch zerreibt sich Mitte der 50iger Jahre für das richtigere Deutschland zu entscheiden, die hüben wie drüben ein wenig Gutes und zuviel Schlechtes entdeckt. Es geht um Beschattungen und Anwerbeversuche der Stasi. Und irgendwie, mittendrin, immer wieder auch um die Unmöglichkeit einer Liebe in jenen so schwer bestimmbaren Jahren. Was diesen Roman so schwierig nachvollziehbar macht ist, dass er sich allen herkömmlichen Erzählmitteln entzieht. In der Schriftstellergrundschule lerne wir noch wie wichtig es sei den Leser jederzeit „mitzunehmen“. Über diese Kinderei war Uwe Johnson mit seinen bei Veröffentlichung gerade einmal 25 Jahren offensichtlich weit drüber weg, macht er doch wgemutig gernau das Gegenteil: er lässt den Leser fallen oder zumindest allein, wie und wo er nur kann. Befreit ihn, um es positiv zu sagen, aus der traditionellen Passivität und Unmündigkeit und weigert sich schlichtweg eine klare Dramaturgie oder sonstige Aufbereitung und leicht verdaulichen und gut portionierten Einheiten zu liefern.  Das vollbringt er, indem er hier Fragment and Fragment reiht, Erzählspiltter an Erzählsplitter. Zwar gibt es fünf große Abschnitte, ansonsten aber herrscht das reinste Tohuwabohu, die Erzählperspektiven changieren, gerne auch mal mitten im Satz und wer dort gerade erzählt, das kann sich der Leser gerne selbst zusammenreimen. Dialoge, Innere Monologe, auktoriale Erzählweise, verschiedene Ich-Perspektiven – es ist für jeden was dabeiDoch nicht nur das: Johnson garniert seinen Text, warum auch immer, mit Passagen aus holperigem Englisch, flechted manch unübersetzten italienischen und russischen Kommentar ein und überzieht sein Werk gerade mit Mechlenburger Platt, an dessen Verständnis jeder Leser aufgerufen ist sich zu versuchen: „Das‘ das werübe wie uns nich wädn streitn müssn un was keine den annrn äklän muss, öwe süss sei ik niks, in all de annin Saokn büssü hie nich me-i to Hus, mössi nich wunnin wenn ik mein dat isnich recht as du läws.“

Wir dürfen bei einem hohen Geist wie Uwe Jonhnon selbstverständlich getrost davon ausgehen, dass all das keine Hilf- und Planlosigkeit ist, sondern exakt so und nicht anders intendiert ist. Und in der Tat, gibt man dem Roman die Zeit sich auf seinen gut 300 Seiten zu entfalten, so wird nach und nach deutlich, dass die (fehlende) Form und die (fehlende) Struktur hier nicht weniger transportieren als den fehlenden Halt von Grenzwanderern jener Zeit. Menschen, die vor Kriegsende nie radikal genug (oder auch einfach nur zu jung) gewesen waren sich für eine Seite entscheiden zu müssen und die es eben tasächlich zerreibt zwischen den großen Blöcken der Weltpolitik des 20. Jahrhunderts, umherirren lässt zwischen Spionage und Gegenspionage, Verdächtigungen, Vermutungen, Verleumdungen und Vorwürfen. „Dann geh doch nach den Westen!“, wie es oftmals in der ein oder anderen Variante heißt.

Was den Roman zumindest partiell zu einem Genuss werden lässt ist Uwe Johnsons enorm sensibles Sprachgefühl, dass Buch ist – und hier erinnert es in der Tat an Pessoas „Buch der Unruhe“ – durchzogen mit einem Meer an Beschreibungen kleiner Gesten und Worte, die den Leser innehalten und über das geschaffene Bild nachdenken lassen. Nicht selten gar poetische Formulierungen, so unique, dass sie fernab einer jeglichen angekitschten Abgegfriffenheit für sich alleine glänzen:

„Denn sie konnten noch lange nicht nach Hause. Als Bartsch die Tür aufschloss, hatte Jakob eben ein weitläufiges Stück Zeit aus der Nacht geschnitten mit leichtem und schwerem Eilgüterverkehr und Vorortzügen und Fernverbindungen, die blieben als ein verknäulter Haufen für den kommenden Tag, man konnte es nur noch zusammenwickeln und ordentlich verschnüren und wegschmeissen: sagte er.“

Einerseits hat Johnson für „Mutmassungen über Jakob“ 1960 den Fontane-Preis der Stadt West-Berlin erhalten. Sehr nachvollziehbar, wie ich denke, allein der literarische Mut dieses definitiv Hochbegabten gehört hübsch dekoriert. Anderseits polarisierte das Buch schon damals und tut das bis heute. Berühmte Literaturkritiker und Feuilletonisten haben sich an dem Werk die Zähne ausgebissen, vergeblich. Und nicht wenige von Ihnen haben das Buch als ein grandios gescheitertes Experiment gesehen. Auch das zurecht, wie ich finde. Ein Buch das jeder lesen sollte, der Literatur noch streng von Unterhaltung abzutrennen vermag.

„Jakob hatte sich nicht gerührt. Er beugte sich vor und legte beide Hände fest auf das feuchte harte Tuch seines Mantels. Ohne den Kopf zu wenden sagte er: Ja. Sie wollen sagen dass Sie sich nicht zum Spass mit anderer Leute Leben befassen. Er blieb so vorgestützt, reglos starrte er aus seiner Schräge auf seine Hände, in denen das Blut arbeitete. Soll einer sich selbst versäumen über einem Zweck: sagte seine Stimme selbstwillig fragend zäh bis zum letzten Laut.“

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

4 Kommentare zu “Nichts als Mutmassungen über den Inhalt. Soeben ausgelesen: Uwe Johnson – „Mutmassungen über Jakob“ (1959)

  1. Bludgeon
    26. April 2020

    Applaus! 🙂

  2. davidwonschewski
    26. April 2020

    Freut mich zu lesen. Und ich dachte schon es läge an mir, mutmasste schon ich hätte Seite über Seite watt‘ anne Birne, dass ich es nicht raff. Naja, hauptsache hochdekoriert. Vielleicht hatten die Dekorierenden auch einfach scheu die eigene Ahnungslosigkeit zuzugeben, dass es besser einen Orden gab. Soll ja vorkommen.

  3. Bludgeon
    26. April 2020

    Ich hab mich daran auch versucht. bis Seite 60 ungefähr. Nee, dat geit nit! Da funtzt nix. Später erfuhr ich: Der Johnson war ein deratig abgetrockneter Ost-Elbier; der hatte ja mal im Westen so eine TV-Reihe, wo er Ostsendungen kommentiert – quasi ein gegen-Schnitzler und garantiert genauso bierernst überzogen; als ich davon mal Kostproben sah, war mir dann klar, dass ich von dem wohl literarisch nichts brauche. Diese komplette Leidenschaftslosigkeit der Figuren, die hatt’ich schon bei Fontane satt genug.

  4. hannahbuchholz
    23. März 2020

    Mit Johnsons Mutmaßungen über Jakob mussten wir uns damals (in den Jahren 1989 / 1990) in unserem Deutschleistungskurs herumärgern… Ich habe es damals gehaßt… und wenn ich mir jetzt so deine Zitate daraus zu Gemüte führe, lieber David, dann weiß ich auch wieder, wieso… ; )
    Später (in meinem Studium der Literaturwissenschaft) ist mir glücklicherweise niemals wieder ein Buch untergekommen, das so dermaßen sperrig gewesen wäre und gegen das ich eine so ausgeprägte Abneigung entwickelt hätte wie gegen dieses. Und ja, einige Passagen klingen durchaus poetisch, aber dennoch: ich bin so froh, daß ich dieses Buch niemals wieder aufschlagen muss… ; )
    Liebe Grüße, Hannah

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