David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Männerfantasien. Soeben ausgelesen: Jules Verne – „20.000 Meilen unter den Meeren“ (1869)

von David Wonschewski

Sieht man einmal von meinen Erfahrungen mit dem amerikanischen Autor Philip K. Dick ab, so ist meine Kenntnis jeglicher Science-Fiction-Literatur arg begrenzt. Doch das Interesse wurde durch eben diesen jüngst geweckt und so nahm ich mir vor doch einfach einmal quasi ganz vorne zu starten, bei einem der Begründer dieses Genres: Jules Verne. Und bei einem Buch, bei dem ich vor Wochen noch gesagt hätte „klaaar, kenn‘ ich!“, obschon ich es nie gelesen, ja nicht einmal die Verfilmung gesehen habe. Daran sind im Übrigen wahrliche Klassiker zu erkennen. Dass Leute, die sich nie intensiv damit beschäftigt haben, der Fehleinschätzung unterliegen sie hätten es getan.

„20.000 Meilen unter den Meeren“ sollte es also für den Beginn sein. Irgendwas mit U-Boot und einem Kapitän Nemo, das hätte ich schon vorher herunterplappern können. Aber sonst? Niente.

Im Schnelldurchlauf: Der französische Naturforscher Professor Aronnax erleidet mit seinem Diener Conseil und dem kanadischen Harpunier Ned Land Schiffbruch. Anstatt auf einem einsamen Eiland angespült zu werden, verschlägt es die drei zunächst auf, dann in ein seltsame Unterwassergefährt, dass sich als riesiges hochmodernes U-Boot entpuppt. Chef dort ist der enigmatische Kapitän Nemo, der den dreien schnell klar macht, dass er nicht vorhat jemals wieder irgendwo an Land zu gehen, sie dementsprechend an Bord alle Freiheiten haben werden, bestens versorgt sind – aber eben bis zu ihrem Lebensende mit ihm dort werden ausharren müssen.

Der impulsive Naturbursche Ned Land ist wenig begeistert, der immer ruhige Conseil kommt damit klar – und der Professor, anfangs skeptisch, wird zunehmend begeisterter, gibt Kapitän Nemo ihm doch die unglaubliche Möglichkeit seine Unterwasser- und Meeresstudien so intensiv zu betreiben wie nie zuvor. Denn dieses U-Boot, die Nautilus, ist – und hier wird es also Sci-Fi – ein technisches Wudnerwerk, dass es so noch gar nicht gibt, geben dürfte, geben kann. Der gute Kapitän Nemo, offenbar ein Ingieneur vor dem Herrn, hat ein Wassergefährt konstruiert, das so tief zu tauchen versteht wie nichts und niemand zuvor, zugleich wendig und robust ist. Von allerhand anderen technischen Spirenzchen an Bord einmal abgesehen.

Mehrere Monate verbringen die drei „Gestrandeten“ mit und bei Kapitän Nemo und seiner Crew. Pendeln zwischen Phasen aus Langeweile und sporadischen Abenteuern, sehen Geschöpfe, die noch niemand zuvor gesehen hat, erhalten Einblicke in natürliche Zusammenhänge, auf die noch niemand zuvor gekommen ist. Und geraten mehr aals einmal auch in Lebensgefahr, sei es durch unerwartete geologische Meeresverhältnisse, monsterhafte Unterwassergeschöpfe oder, tjaha, Eingeborene auf Kajaks, schön in Lendenschurz, mit Pfeil und Bogen und Axt.

Erst als Kapitän Nemo in einer Auseinandersetzung mit einer fremden Macht auf einem großen Schiff – die Details lässt Verne bewusst im Dunkeln – in Konflikt gerät, um eine alte Narbe zu heilen, eine frühere Schmach zu tilgen, rache zu üben, wird er nachlässig, so dass das Trio sich an die Küste Norwegens flüchten kann und entkommt.

Warum ein solches Buch schon bei seinem Erscheinen zu einem Erfolg wurde wird gerade in der Nachbetrachtung, schlappe 150 Jahre später, schnell ersichtlich: denn wie auch Philip K. Dick ist Jules Verne ein Autor, der seinen Stoff und die Ideen so nah an der Realität ausgerichtet hat, so nahm am (damals) aktuellen Stand von Forschung und Wissenschaft, dass selbst die spinnerten Ideen nicht nur vorstellbar, sondern regelrecht plausibel sind. Nein, sein Roman spielt in keiner Zukunft, in keiner fremden Galaxie und potentielle Außerirdische ersetzt er durch unbekannte Meeresgeschöpfe – wobei noch treffender bemerkt werden muss, dass die einzigen halbwegs Außerirdischen hier die Protagonisten sind, die als Einzige beständig in fremde Lebenswelten vordränge in ihrem futuristischen Stahl- und Eisengeschoss. Mit Sicherheit ist es das, was einen wirklich guten Sci-Fi-Autoren auszeichnet, dass er nicht nur literarisch erzählen kann, sondern unfassbar beschlagen ist in den unterschiedlichsten Wissenschaften. Seite für Seite macht Verne klar wieviel Ahnung er hat von Physik, Chemie, Biologie, Geologie. Und dass wir hier nicht von gut gepauktem Schulwissen sprechen, sondern von den brandneuesten Entwicklungen jener Zeit, was sich allein an dem Namen „Rühmkorff“ festmachen lässt (gerne mal googlen) oder an der simplen Tatsache, dass die Art von U-Boot, die Verne dort beschreibt, auch erst in jenen Jahren erdacht und entwickelt wurden. Allein die akurate Beschreibung, wie man unter Wasser aus einem U-Boot aussteigen kann ohne dass zugleich das ganze Gefährt geflutet wird, lässt einen heutzutage schmunzeln, tausednmal gesehen, auch bei Raumschiffen im All – stellte um 1860 aber noch eine ziemliche Herausforderung dar.

Doch wie das so ist: hat einer Ahnung und hält nicht hinterm Berg damit, so droht er jene zu verlieren, die weniger Ahnung haben, eventuell auch nicht ganz so viel Interesse an etwas. Mich persönlich haben zum Beispiel diverse physikalische Erörterungen sehr angeregt nebenbei immer wieder das Internet zu bemühen, um zu schauen, ob es dieses und jenes echt gibt ode rob das nun eine Spinnerei Vernes ist, die bis heute nicht umgesetzt werden konnte. Derweil mich die vielen detaillierten Beschreibungen von Unterwassertieren eher genervt haben. Einfach nicht mein Thema, Fisch, Krake, Koralle, dazu ein paar Adjektive – groß, schön, furchterregend – hätten mir vollkommen gereicht. Ist mit Verne aber eben nicht zu machen.

Womit wir bei einem weiteren Umstand wären, der einen Klassiker ausmacht: Das Ding, so scheint es, ist 2020 so aktuell wie nie. Sieht man einmal davon ab, dass es ein ziemlicher Männerschinken ist – auf 600 Seiten schafft es gerade einmal eine Frau ins Buch und dass auch nur auf einer Seite, als Meerleiche auf einem untergegangenen Schiff – liest sich „20.000 Meilen unter den Meeren“ wie ein Manifest von Great Thunbergs Fridays for Dingsbumms. Wie Kapitän Nemo sich gegen Walfang ausspricht und den jagdlustigen Harpunier Ned Land als ziemlichen Blödkopp dastehen lässt, ich musste es zweimal lesen, um zu glauben, dass das so schon 1869 geschrieben wurde. Inklusive Warnung, dass bald alle Wale von der Erde getilt sein könnte. Oder wie der Kapitän sich dafür ausspricht den bedrohlichen, technisch aber hoffnungslos unterlegenen Inseleingeborenen auf ihren Holzbooten nur kein Haar zu krümmen, sich besser heimlich zu verkrümeln von einem Ort, an dem man doch eh nichts verloren hat, herrje, ein Passus wie gemacht fürs Wahlprogramm der Grünen. Und dazu noch Kapitän Nemo, ein Eremit, wie ihn Henry David Thoreau nicht besser hätte konzipieren können, angewidert vom eitlen Treiben und Streben der Menscheit, angewidert von Egoismus und Gier, Mord und Totschlag.

Womit wir bei Vernes literarischen Fähigkeiten angekommen wären. Denn wie in den Sätzen zuvor angedeutet, kann so ein Stoff in seiner plaktiven Schönwetterhaftigkeit auch derart aus dem Ruder geraten, dass jemand wie ich keine 200 Seiten davon erträgt. Dass ich den Roman i 5 Tagen durchsuchtete ist – und auch hier kommt der Realist durch – Vernes Lust zu verdanken, die Zwiespältigkeit der Menschen und des Lebens aufzuzeigen. Nein, sympathisch ist Kapitän Nemo keineswegs, eher spröde, wortkarg, eigensinnig. Und dass er Wale leben lassen will ist nett, dass er am Ende aber ein Schiff jener mysteriösen anderen Macht mit zig zig Mann ohne mit der Wimper zu zucken untergehen lässt, dass imh auch egal ist wie sich seine „freien Gefangenen“ fühlen, lässt ihn in einem fragwürdigen Licht erscheinen. Wie überhaupt klar wird, dass der Typ nur in zweiter Linie freiheitsliebend und naturverbunden ist. In erster Linie ist er einfach mal nur verbittert. Wie auch die Technik als solche, die Verne sehr geschickt mal im Einklang mit, dann wieder im Widerspruch zu der sie umgebenden Natur zeigt. Technik, allen voran die seinerzeit noch so junge, nahezu unbekannte Elektrizität kann viel Wunderbares bewirken. Aber auch zerstören.

Soeben habe ich einmal nachgeschaut, wer denn bei der Verfilmung dieses Romans so mitgespielt hat. Kirk Douglas als Harpunier Ned Land. Das passt, wer als Sklave Spartacus Speere auf Römer schleudern kann, kann das auch als freiheitsliebender Fischfänger.

Keine Frage, ein tolles, richtig gutes Buch. Überraschend frisch und aktuell. Und vergleicht man es mit anderen französischen Klassikern jener Zeit, wirkt es heute, 2020, auch überraschend selten altbacken.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

Ein Kommentar zu “Männerfantasien. Soeben ausgelesen: Jules Verne – „20.000 Meilen unter den Meeren“ (1869)

  1. Bludgeon
    22. Mai 2020

    Das scheint ja ne ungekürzte Erstauflagen-Reprint-Geschichte zu sein, wenn da soviel „Wissenschaft“ drin ist. Früher gab es die „von Weitschweifigkeiten bereinigten“ Nachauflagen. Sakrileg – aber eben lesbarer, vor allem für „die Jugend“.
    Jules Verne hat mich durch die 70er begleitet. Den Film „20 000 Meilen…“ hab ich mit ca 13 gesehn – BEGEISTERT! Das Buch nicht gelesen, aber einige der anderen.
    Ich finde ja, das Jules Verne mit „Mathias Sandorf“ und „20 000 Meilen…“ beide Male Dumas „Grafen von Monte Christo“ aktualisiert hat: Die perfekte Rache, des unschuldig Verfolgten.

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