David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Fickt das System bevor es euch fickt. Soeben ausgelesen: Benjamin Quaderer – „Für immer die Alpen“ (2020)

Fuer immer die Alpen von Benjamin Quaderer

von David Wonschewski

Mit Debütromanen im Generellen – und mit lang erwarteten Debütromanen im Speziellen – ist es stets so eine Sache: Der Autor, wer will es ihm verübeln, geht nach bester und traditioneller Künstlerart davon aus, dass er was Besonderes kann. Dass er alles ist, nur eines definitiv nicht:  durchschnittlich. Das ist zunächst gar nicht schlimm, im Gegenteil, wer sich für Durchschnitt hält, fängt selten richtig an zu schreiben, steht selten den mitunter zähen Weg bis hin zur ersten Buchveröffentlichung durch. Nicht schwierig nachzuvollziehen, dass der wirklich oder auch nur vermeintlich Hochtalentierte vor dem selbstentfachten Druck steht es allen zeigen zu wollen, allen zeigen zu müssen. Etwas vorzulegen, von dem die Fachwelt sagt: „Wow, das ist neu, das ist anders, das ist geil!“. Oder so.

Die wirklich fähigen Jungliteraten mit langem Atem erkennt man daher zumeist auch daran, dass es ihnen schon beim Debüt gelingt mit ihren Talenten Maß zu halten. Nicht gleich ein Feuerwerk abbrennen zu müssen, sondern einfach ersteinmal eine simple Kerze zu entzünden. Um es direkt zu sagen: Benjamin Qaderer, Jahrgang 1989, hat sich für das Feuerwerk entschieden. Und offensichtlich beschlossen sein Debüt „Für immer die Alpen“ zu einer Art Collage seiner fraglos vorhandenen multiplen literarischen Talente verkommen zu lassen. Mit dem verqueren Ergebnis, dass der Roman, der die Biographie der fiktiven Person Johann Kaiser erzählt, die wiederum entfernt an die Lebensgeschichte des realen liechtensteiner Steuerdatenräubers Heinrich Kieber angelehnt ist, letztlich nur einen Protagonisten kennt: Benjamin Quaderer.

Johann Kaiser wächst in Liechtenstein auf, die spanische Mutter sucht früh das Weite – Johann sucht und seht ihr ein Leben lang hinterher – der Vater beschließt ihn in ein Waisenhaus zu geben. Dort wird Johann wie der Querulant behandelt, der er offenbar auch bereits ist, was ihn mental über Wasser hält ist seine Lust auf Literatur, sein Intellekt und vor allem: sein Fernweh. Auf der Suche nach seiner Mutter türmt Johann nach Barcelona, lebt kurz in einem Kloster, kommt dann auf einer Schweizer Privatschule für Zöglinge wohlhabender Exil-Eidgenossen unter. Und verpasst sich erstmals einen neuen Nachnamen, aus Angst qua Herkunft erneut nur Mobbing zu erleben, sobald herauskommt, dass er niemand ist, nichts hat. Er wählt den Nahcnamen einer Werkzeugdynastie und tritt als ebensolcher Spross auf, schließt Freundschaften, gelangt in höhere Kreise. Macht dann eine Ausbildung in einem Reisebüro, arbeitet später bei einer Fluglinie, kommt durch verbilligte Tickets dazu jedes Wochenende in einem anderen Land zu verbringen. Zieht nach Barcelona, kauft begüterten Freunden, die auf dem absteigenden Ast sind, ein Haus ab, irgendwas läuft beim Geldtransfer schief, sie bedrohen ihn, er tourt fast zwei Jahre lang mit einem Camper durch Australien, flieht dann nach Argentinien, wird dort von Helfern dieser ehemaligen Freunde gekidnappt und zwei Wochen lang in einem Wasserturm festgehalten, übel gefoltert. Sie denken halt, er wäre der Sohn der Werkzeugdynastie, ist er aber nicht, blechen muss er dennoch.

Wer hier bereits denkt, dass das aber schon ein ganz schön heftiges Themengewurstel ist, dass da doch schon vier bis fünf Romane angerissen wurden, dem darf gesagt sein: Wir sind erst bei der Hälfte. Zurück in Liechtenstein denkt er nur an juristische Rache, er verklagt, kniet sich fast schon neurotisch in die Anklageschrift, muss jedoch erleben, dass er keine Gerechtigkeit erfährt, sondern – oh, dieses Liechtenstein! – selbst auf der Anklagebank landet, verurteilt wird. Er sucht dann einen neuen Job, findet ihn bei einer liechtensteiner Bank, wo er im Kellergeschoss Akten digitalisieren darf, bevor die Papiere geschreddert werden. Und stößt dabei auf berühmte Namen aus dem Ausland, erkennt die Muster international betriebener Steuerhinterziehung, merkt, was für ein Pfund er da plötzlich in Händen hält. Schreibt den Fürsten von Liechtenstein direkt an, der soll seinen Justizirrtum neu aufrollen, um Geld geht es Johann Kaiser nicht, er ist kein Erpresser, er will Gerechtigkeit. Sonst, ja, sonst sieht er sich gezwungen… Der Rest ist eine lupenreine Agentengeschichte rund um Profiler, verdeckte Ermittlungen, Abhörmethoden, Zeugenschutzprogramme.

Puh. Alles ein bißchen viel, alles ein wenig arg zusammengeklatscht. Was deswegen zumProblem wird, da Quaderer fast durchgängig zeigt, was für ein Talent er hat. Wie er seine Sehnsucht nach der Mutter, die Entfremdung vom Vater, die harten Jahre im Waisenhaus beschreibt: großartig, sensibel, vielschichtig, Pädagogik-Literatur für Fortgeschrittene. Wie er seine Zeit in Australien und Barcelona beschreibt – pittoresk, Reiseliteratur für angehende Marco Polos! Und dann auf dem letzten Drittel diese Agentenstory,  super erhirnt, spannend konzipiert, garniert mit den psychologischen Effekten eines von der Öffentlichkeit zunehmend gehassten Paranoikers, den es zerreibt zwischen Schuld und Sühne, der, auf Adorno aufbauend, zu dem Schluss kommt, dass es manchmal notwendig ist das Falsche im Falschen zu tun – DAS wäre der eigentliche Roman gewesen. Und doch macht Quaderer all das kaputt, indem er all diese Themenkomplexe immer nur anreißt, als wolle er zeigen: schaut, ich kann das…aber auch das…und wem es gefällt, auch das hier hätte ich noch zu bieten… Zu allem Übel unterstreicht er das auch stilistisch, vermutlich wollen er und sein Verlag hier seine Augeschlossenheit für Experimente verdeutlichen: Es gibt Seiten die sind bis zu dreiviertel angefüllt mit Fußnoten (mal echte, mal fiktive), die Australien-Geschichte wird quasi nur am obersten Seitenrand zügig durcherzählt, darunter in kleiner Schrift zig Australien-Anekdoten (angeblich so gemacht, weil Kaiser sich nicht erinnern kann, ob die Anekdoten erfunden sind oder nicht), es gibt eine Seite voller Haikus, auf manchen Seiten stehen nur ein paar Wörter und die tolle Agentengeschichte schießt leider den Vogel ab: teils aus der Sicht von Johann Kaiser, teils aus der Sicht des Kriminalpsychologen gechrieben, auf der linken Seite in roter Schrift stets der Profiler, rechts in schwarzer Schrift Kaiser. Man kann sich also aussuchen, ob man zunächst zig Seiten von Kaiser liest, dann zurückblättert und die Story des Psychologen liest. Oder ob man es so wie ich macht, zwei Seiten Kaiser, dann – Quaderer zwingt uns dazu – mitten im Gedanken, mitten im Satz aufhören, zurückblättern, die zwei Seiten Profiler lesen. Sich dieserart durch das Buch ruckeln. Ja, das kann man mutig nennen, fühlt sich aber an wie hinken, wie wenn man beständig das linke Bein nachziehen muss. Ätzend.

Fünf Jahre hat Quaderer an seinem Buch geschrieben, unfassbar viel recherchiert. Auch das ist ein Talent, die meisten Debütanten verlegen sich darauf ausschließlich etwas zu beschreiben, was sie 1:1 so kennen, persönlich erlebt haben. Geblieben ist der Eindruck, dass Quaderer ein Hochbegabter ist, der das große Manko hat noch nicht zu wissen was er will. Sollte ihm das in den nächsten Jahren aber noch einfallen, wird da gewiß noch manch Romanjuwel folgen. „Für immer die Alpen“ ist kein solcher. Quaderer selbst wusste es zu verhindern.

„Schöller, der junge Jurastudent aus dem benachbarten Vorarlberg, hat das e-Doc-Team schon drei Wochen nach Arbeitsbeginn wieder verlassen. Er wolle, hat er mit seiner Kündigung wedelnd gesagt, ‚dieses Schweinesystem‘ nicht länger unterstützen, auch wenn er so gut verdiene wie vorher noch nie. Sein Weggang hat das Team in drei Lager gespalten. Da gibt es die einen, welche die Ansicht vertreten, dass sich der Schöller nicht so anstellen soll. Die Gesetze im Kleinstaat ließen zu, was die Treuhand triebe, und was die Gesetze zuließen, sei legal, da gäbe es nichts zu diskutieren. Es sind vor allem Teammitglieder mit Familie, die so argumentieren. Dann gibt es die Gleichgültigen, und neben den Gleichgültigen gibt es diejenigen, die Schällers Aussagen mindestens ins Grübeln gebracht haben. In den Kaffepausen stecken sie ihre Köpfe zusammen und flüstern.

Ja, es stimmt schon. Das Personen- und Gesellschaftsrecht in Liechtenstein ist, sagen wir, etwas speziell. Und es stimmt auch, dass der wirtschaftliche Aufschwung der letzten achtzig Jahre eng damit verknüpft ist .(…) Das System ist so simpel wie genial. Es braucht dafür nicht mehr als Geld, ein Postfach und einen Treuhänder, der Geld und Postfach in eine Stiftung verwandelt.“

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