David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Mich interessiert nichts mehr. Soeben ausgelesen: László Krasznahorkai – „Der Gefangene von Urga“ (1993)

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von David Wonschewski

Wie Kreise sich schließen können. Als ich mit dem Roman „Schwarzer Frost“ (HIER) vor einigen Jahren meine eigene Depressionsbeschau vorlegte, arbeitete ich in die Erzählung auch meine Reise nach China ein. Einige Wochen bereiste ich das Land 2007 mit dem Rucksack, aufgebrochen war ich in der naiven Hoffnung in diesem uns fremdesten Land etwas zu finden, von dem ich selbst nicht wusste wie es aussehen sollte. Und von dem ich nur wusste, dass ich es in Deutschland, in Europa, gewiss nicht mehr finden werde. Nicht in diesem Leben.

China selbst dann: ernüchternd. In seiner so trostlos seltsamen Weise aber dann doch reinigend, wie ich jedoch erst nach meiner Rückkehr feststellen konnte. Platt gesagt: China erwies sich als derart daneben, dass ich Deutschland plötzlich nicht nur zu schätzen wusste, nein, ich konnte auch wieder frei atmen hier.

Zwei Romane habe ich von László Krasznahorkai vor „Der Gefangene von Urga“ gelesen („Satanstango“ und „Die Melancholie des Widerstands“).  Und dabei die Feststellung gemacht, dass Krasznahorkai einer dieser sich im Metaphysischen ausbreitenden Autoren ist, deren Bücher man regelmäßig entnervt an die Wand werfen möchte. Definitiv nicht für jedermann erträglich. Und doch gab mir sein Schreiben immer etwas, fasziniert mich etwas an dem Ungar. Klar, das Scheitern, das seine Bücher durchzieht. Am Boden liegende Leute, die den Aufbruch wagen, um nichts zu finden.

In „Der Gefangene von Urga“ erzählt László Krasznahorkai von seiner Reise nach und seinem kurzen Aufenhalt in China. Über die Mongolei reist er ins Land und bleibt bei seiner Rückkehr auch dort – nämlich in Urga – einige Zeit stecken. Interessant, dass der Autor auf der Bezeichnung „Urga“ besteht, was nichts anderes ist als Ulan-Bator, die Hauptstadt der Mongolei, die in Europa zum Zeitpunkt seiner Reise, Anfang der Neunziger, schon seit über 60 Jahren niemand mehr so nannte. Allein seine Schilderungen der Zugfahrt im mongolisch-chinesischen Grenzgebiet und seine Beobachtungen der mit ihm Reisenden geraten derart belanglos und eintönig zum melancholischen Fest, dass jeder mit den Sinnlosigkeiten des Lebens Vertraute jubelnd in die Hände klatschen möchte:

„Zwischen uns bestand eine Ähnlichkeit, die uns in ihrer entwickeltsten Variante anstatt mit Freude oder Stolz eher mit Unruhe erfüllte, vermuteten wir doch einen Angriff auf unsere behütete Einsamkeit; andererseits war es aer ein so verräterische, so offenkundige Ähnlichkeit, dass ich mich jetzt noch ermächtigt fühle, zwar nicht bestätigbare, aber doch wahre, sogenannte freie Aussagen dazu zu machen…beispielsweise dazu, dass wir, sofern wir nach dem Grund der Reise gefragt wurden (Wozu fahrt ihr bloß nach China….!), weiteren Fragen mit großer Wahrscheinlichkeit auf genau die gleiche Weise vorbeugten, indem wir sagten, weil wir Vergessen für unsere Sorgen suchten, und dass, wenn die ungläubigen und ein wenig gekränkten Fragenden hierauf brummelten, zur anderen Seite der Erde zu wandern, das sei nicht gerade die normale Art des Vergessens, wir mit noch größerer Wahrscheinlichkeit antworteten, o ja, dass timme, aber unsere Sorgen seien auch nicht das, was man normal nenne.“

Chapeau! Mal eben in wenigen Zeilen zusammengefasst, wofür ich in „Schwarzer Frost“ Seiten über Seiten brauchte. In China selbst macht László Krasznahorkai dann die Erfahrungen, die auch ich selbst, knapp 20 Jahre später machte. Viele depressive oder melancholische Menschen kennen diese abstrakte Sehnsucht danach ein Verschollener zu sein, ein Verschluckter, ein Unauffindbarer. Klappt in keiner Wüste, klappt auf keinem Berg – klappt aber ganz hervorrragend in chinesischen Millionenstädten, zumindest war das bei mir so und gewiss noch viel mehr Angfang der Neunziger. Das muss man in der Tat erlebt haben, wir reden hier nich vom simplen sich Verlaufen oder Zuständen von Orientierungslosigkeit inmitten einer fremden Kultur mit keinerlei sprachlichen Anbindungsmöglichkeiten. Wir reden von einer Form von Selbstauflösung. Von nicht weniger als einem Wechsel des eigenen Aggregatzustandes. Krasznahorkai erlebt es in der Wüste Gobi, er erlebt es beim Spaziergang durch Peking, erlebt es im Flugzeug, beim Eintauchen in ein dichtes Wolkenfeld.

Sich selbst nicht mehr spüren, endlich nicht mehr man selbst sein.

In der „Gefangene von Urga“ gelingt Krasznahorkai das literarische Kunststück für dieses Gefühl, diese Sehnsucht Worte zu finden. Diese Worte sind, wie schon bei seinen früheren Werken, nicht immer komplett, fotmals zumindest nicht sofort nachvollziehbar. Gehäuft gibt es Stellen, Seiten gar, die liest man ohne Sicherheit zu erhalten, dass man das jetzt alles richtig, ja überhaupt verstanden hat. Und ob das überhaupt was mit Handlung zu tun hat – apropos: gibt es eine solche überhaupt? Nicht so richtig. Das Rumhirnen ist hier die Erzählung, der gedankliche Versuch möglichst viel Abstand zwischen sich und sich zu bekommen. Aufgepeppt mit ein wenig asiatischem Lokalkolorit, das hier, wie auch in meinem „Frost“, zuvorderst als Nation und Region gewordene zerplaze Hoffnung fungiert. Kein Wunder, dass die schönsten Erfahrungen Krasznahorkais die überstiegene Künstlichkeit der chinesischen Oper sowie der Besuch bei einem hochtalentierten, nur bei ihm hilflos agierenden mongolischen Heilungslama sind.

Gerade hier offenbart sich etwas, für das derdie LeserIn natürlich erstmal empfänglich gemacht wird: Humor. Ja, auch das beherrscht Krasznahorkai inmitten all seiner mitunter arg verschwurbelten Reflektionen: die Lachhaftigkeit. Die Fähigkeit sein eigenes Kopfleiden durch den Kakao zu ziehen und nicht zuletzt dadurch, das Mittel ist wohlerprobt und sehr effektiv, zu gesunden. Frei nach dem Motto: Ich bin so im Eimer – wäre doch schade, das nicht noch einige Jahrzehnte länger zu sein.

„Es ist Schluss mit den Perspektiven, folgerte ich traurig, während die Boeing steil in die Höhe zog, es ist vollbracht, ich bin fertig und am Ende, jetzt könnte ich mich hinsetzen und faulenzen, essen, nachsinnen, dösen, von jetzt an müsste ich nicht mehr der Welt nachjagen. Ich werde nicht mehr in die Weite schauen, sagte ich mir und versuchte auch schon, nüchtern aus dem ovalen Fensterchen zu blicken, der Himmel draußen war klar, das Blau strahlte geradezu, und unter mir, etwa dreitausend Kilometer entfernt, schwamm eine Traumwolkenschar in die Unendlichkeit. Ich beobachtete ein letztes Mal die Weite, und plötzlich verlangte mich sehr nach Sonnenlicht, nach dem, was man am Nachmittag hat, ungefähr zwischen vier und fünf, ich dachte, wenn ich wieder zu Hause bin, setze ich mich in diese Nachmittagssonne und sonne mich einfach nur. Ich sonne mich und gebe mich nur mit dem ab, was diese Nachmittagssonne beleuchtet, denn mich interessiert von jetzt an nichts mehr, nichts außer den den Staubkörnchen, dachte ich an Bord der Boeing, Staubkörnchen, wie sie durch diesen Nachmittag tazen, und dieses Sonnenlicht, und dieser Nachmittag.“

Ich selbst bin jetzt, 2020, an genau diesem sehr schönen Punkt, an dem László Krasznahorkai Anfang der Neunziger Jahre gewesen ist. Wohl wissend, dass ein deftiger Schuss sämige Romantik in diesem Gefühl steckt. Denn ich veröffentliche noch immer Blog-Einträge und László Krasznahorkai veröffentlicht noch immer Romane, erst 2019 habe ich ihn bei Denis Scheck gesehen. So much for Rückzug.

Bevor ich „Der Gefangene von Urga“ las, war ich mir offen gestanden nicht ganz sicher, ob es mit dann drei gelesenen Romanen von Krasznahorkai dann nicht auch genug ist. Jetzt, nach der Lektüre, kann ich das entscheiden von mir weisen. Halte dich gut fest, Fischer-Verlag: Sobald der lokale Buchmarketender wieder geöffnet hat, greife ich mir den Rest seiner Werke.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

 

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