David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Soeben ausgehört: Einstürzende Neubauten – „Alles in Allem“ (2020)

von David Wonschewski

Irgendwie lustig. Würde man in einer herkömmlichen alemannischen Einkaufspassage Passanten anhalten und den Begriff „Einstürzende Neubauten“ fallen lassen, ich bin mir sicher: 95 Prozent hätten keine Ahnung was damit gemeint ist. Och, nichts ist damit gemeint. Nur, dass es eine Band ist, die außerhalb Deutschlands nach Kraftwerk und Rammstein – okay und den Scorpions – als DIE deutsche Band überhaupt wahrgenommen wird. Dass die hierzulande weiterhin keiner kennt, ne, das glaubt uns keine Sau außerhalb unserer Grenzen geopolitischer (und vielleicht auch mentaler) Natur. Ist aber so. Und hätte good ol‘ Nick Cave Blixa Bargeld nicht zu einen Bad Seed werden lassen, ach, es wäre alles noch viel anonymer, noch unbekannter.
„Alles in Allem“ heißt das neue Album, lange genug hat es ja gedauert. Geht wohl schon als Alterswerk durch, immerhin bewegen sich Blixa & Co. längt im Ü60-Bereich. Und herrje, was ist denn da passiert? Sind die Neubauten tatsächlich arriviert geworden, angepasster, altersmilde gar?
Ja, durchaus. Gut, die trommelfellzerfetzenden und selbige auch zersetzenden „Kollaps“-Zeiten sind knackige 40 Jahre vorbei. Zwar experimentiert die Band immer noch wie blöde an allem herum, was theoretisch (und manchmal nichtmal das) einen Ton hinterlassen könnte, aber es klingt nicht halt längst mehr wie Baustelle. Wozu auch, das von ihnen quasi erfundene Genre „Industrial“ hockt in seiner wohlverdienten Wahrnehmungslücke, wartet auf die erste Retro-Welle. Nein, das was die Neubauten auf „Alles in Allem“ abliefern klingt wahnsinnig faszinierend, wahnsinnig elegant, bedrückend weise, mystisch-entrückt beinahe. Man schämt sich ja fast jenes abgeschmackte Bild des Weines zu nutzen, der ja mit den Jahren auch immer erlesener wird, doch genau das ist es. Gut waren die Neubauten schon immer. Jetzt haben sie auch noch recht.

Nein, texten können die Neubauten seit jeher, jeder Songtext sprachliches Neuland. Charisma war auch nie ihr Problem, Eleganz sowieso nicht. Und doch bricht dieses Album mit seinen Geschichten und deren so leicht zugänglicher Verpackung im Bandoeuvre nochmal nach oben aus. Als Referenzpunkt fällt mir da bestenfalls der alternde und älteste Cohen ein, der konnte kurz vorm Lebensende auch nochmal doppeldüster und doppelklug dahermäandern, dass man gar nicht wusste, ob der Schauder auf der Haut nun wohliger oder schreckhafter Natur ist. Das Stück „Am Landwehrkanal“ hätte in seiner schunkelnden Sprödigkeit auch aus der Feder von Maurenbrecher sein können, „Möbliertes Lied“ zelebriert auf konfrontative Art Liedtextkunst und gehört Zeile für Zeile von Lyrikversessenen auswendig gelernt. Der Titeltrack „Alles in Allem“ hat mit knapp viereinhalb Minuten zwar keinesfalls Überlange, baut sich jedoch gerade in seiner Langsamkeit unentrinnbar und clever auf von Nichts zu Unendlichkeit.
„Grazer Damm“, der einzige Track deutlich über sechs Minuten, ist hingegen in seinem aus Seele gepresstem Schmerzbekenntnis der Weg zurück, aus der Unendlichkeit, ins Loch. Ein wahrliches Königsstück für jeden, der bewusst nicht Tanzen, bewusst nicht wieder nur schon tausendfach Durchgekautes ins Ohr geschmalzt haben will.

Wenn alte weiße Männer Musik für noch nicht ganz so alte weiße Männer machen muss das eben nicht per se verwerflich sein.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. Juni 2020 von in Soeben ausgehört und getaggt mit , , , , , , , , .
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