David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Privilegiert und am Arsch. Soeben ausgelesen: Bret Easton Ellis – „Unter Null“ (1985)

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von David Wonschewski

Heute, mit der Brille des Jahres 2020 auf der Nase, lässt sich nur noch bedingt nachvollziehen, warum „Unter Null“ bei seinem Erscheinen Mitte der 80iger Jahre auf Anhieb zum Kult- und Skandalbuch aufstieg. Und Bret Easton Ellis in den Rang eines literarischen Wunderkinds und Pioniers emporhob, der den Weg für so viele bereitete, die auf den von ihm bereiteten Wegen entlangschlenderten. Dass dem so ist, dass sich „Unter Null“ heute, 35 Jahre später,  über weite Strecken fast schon etwas belanglos wegliest, nun, dafür ist nicht zuletzt Easton Ellis selbst verantwortlich, der mit „American Psycho“ einige Jahre später sein Überwerk vorlegte, in dem all das, was in „Unter Null“ schemenhaft bereits angelegt ist, noch pointierter, noch kompromissloser auf die Spitze getrieben wurde.

Und es liegt natürlich auch daran, dass das Thema „privilegierte weiße Kids geraten aus purer Langeweile auf eine schiefe Bahn aus Drogen, Sex und Gewalt“ mittlerweile mannigfaltig durchgekaut und wieder ausgespuckt wurde, Ellis‘ Melange aus emotionaler Kälte, gesellschaftlicher Abgestumpftheit und popkultureller Besessenheit wieder und wieder kopiert wurde in Film und Literatur. Und so liest sich „Unter Null“ an vielen Stellen tatsächlich wie eine, vielleicht sogar die Steilvorlage zu beispielsweise dem Christian Kracht Debütroman „Faserland“ von 1995.

Der Inhalt? Nun, Studienanfänger Clay kommt für die vierwöchigen Weihnachtsferien aus New Hampshire zurück nach Hause, nach Los Angeles, quartiert sich in seinem Kinderzimmer ein, trifft Freude zum Koksen, schlendert von Party zu Party, versackt vor MTV.

Es ist Weihnachtsmorgen und ich bin high vom Kokain, und eine meiner Schwestern hat mir einen ziemlich teuren ledergebundenen Terminkalender geschenkt; die Seiten sind groß und weiß und elegant bedruckt, mit goldenen und silbernen Buchstaben. Ich bedanke mich bei ihr und küsse sie und so weiter, und sie lächelt und gießt sich noch ein Glas Champagner ein. Ich habe mal versucht, einen Terminkalender zu führen, einen Sommer lang, aber es funktionierte nicht. Ich geriet durcheinander und schrieb Sachen rein, nur damit etwas drinstand, und ich kam zu der Erkenntnis, dass ich einfach nicht genug zu tun hatte, um einen Terminkalender zu führen. Ich weiß, dass ich diesen nicht benutzen werde, aber wahrscheinlich nehme ich ihn mit nach New Hampshire, und er wird einfach ein paar Monate auf meinem Schreibtisch liegen, unbenutzt, leer. Meine Mutter sitzt auf dem Rand der Wohnzimmercouch, trinkt Champagner und beobachtet uns. Meine Schwestern öffnen ihre Geschenke nachlässig, gleichgültig. Mein Vater wirkt energisch und schreibt Schecks für meine Schwestern und mich aus, und ich überlege mir, warum er das nicht schon früher gemacht hat, aber dann vergesse ich den Gedanken und schaue zum Fenster hinaus, auf den Garten, durch den der warme Wind weht. Das Wasser im Pool kräuselt sich.“

Ja, Clay und seine Familie, seine Freunde, haben es nicht nzur metereologisch auf die Sonnenseite des Lebens geschafft. Alle Väter sind beruflich erfolgreich, entweder in der Wirtschaft oder im Filmgeschäft, wirken nicht nur optisch jünger als sie sind, derweil die in der Regel getrennt von ihnen lebenden Mütter ein wenig älter wirken als sie sind, sich von Shopping zu Champagner und von Champagner zurück zu Shopping hangeln. Geld ist mehr als genügend da, alle schippern durch die Welt, alle sind blond und braungebrannt, alle haben Liebschaften und Verhältnisse, Pools und Lamborghinis. Derweil ihre Kinder, die Generation Clay, es gebündelt auf höhere Schulen und Universitäten schafft. So weit, so gut, würde dieses privilegiete Sonnenleben nicht derart oft an der Grenze zur Dekadenz entlangschippern, dass zunächst Langeweile, schlussendlich dann die komplette Leere daraus wird. Die jungen Leute wissen, dass sie studieren, aber was sie studieren, warum sie studieren und ob sie nach den vier Wochen überhaupt an ihre Universitäten zurückkehren – alles, was Zukunft betrifft versinkt nicht nur im nächtlichen Feierleben, nein es verreckt auch am Tag, gerade dann, versandet am pittoresken Strand von L.A.. Es ist bezeichnend mit welcher Nonchalance homosexuelle Anwandlungen vieler Beteiligter in seinen Roman einbindet. Gleichgeschlechtliche Liebe vorde m Hintergrund der „neuenetdeckten Krankheit“ AIDS – Mitte der achtiger Jahre ein heißes, hochsensibles Eisen weltweit. Nicht so in „unter Null“, wo Männer eben mit Männern Sex haben, so normal, so Standard wie der Pool hinterm, der Lamborghini vorm Haus.

Noch immer frappierend zu lesen sind Easton Ellis‘ Schilderungen des schleichenden Übergangs von Langeweile über Empfindungslosigkeit und Apathie bis hin zu brutalem Sadismus. Als hinter einer Diskothek eine Leiche gefunden wird, scheldnern die jungen Leute über diverse Tage und Abende hinweg dorthin wie zu einem Sightseeing-Punkt. Sie ereifern sich nicht, sind nicht aus dem Häuschen oder aufgeregt, sie stehen einfach dort und stellen diese und jene kurzen Überlegungen an. Als jemand fragt, ob es nichjt ratsam sei die Polizei zu informieren, wird er nicht ausgelacht oder weggebuht sondern mit einem simplen „Wozu?“ sachlich niederargumentiert. Auch als die Leute sich auf einer Party auf einer großen Leinwand einen üblen gewalttätigen Porno mit tödlichem Ausgang ansehenwid stellen Clay und seine Freunde und Freundinnen schnell fest, dass das wohl keinesfalls gestellt, sondern irgendwo mitgefilmt worden, also echt ist. Und nehmen es schuterzuckend zur Kenntnis. An anderer Stelle heißt es:

Wir fahren nach Westwood. Der Film, den Kim und Blair sehen wollen, fängt um zehn an und handelt von einer Gruppe junger hübscher Verbindungsstudentinnen, die mit aufgeschlitzten Kehlen in einen Pool geschmissen werden. Ihc sehe die meiste Zeit gar nicht hin, nur bei den blutrünstigen Stellen. Meine Augen wandern immer wieder weg von der Leinwand und zu den beiden grünen Leuchtschildern mit der Aufschrift AUSGANG, die über den beiden Türen hinten im Kino hängen.“

Wie später in „American Psycho“ auf die Spitze getrieben, lässt der Autor seinen Protagonisten in „Untern Null“ viel von Cafè zu Bar, von Bar zu Diskothek springen, dauernd wird darüber nachsinniert, wo man sich am besten trifft, wo man als nächstes hinfährt. Wobei das Nachsinnierend darüber mehr Gehalt hat als das spätere tatsächliche Treffen, das zwischen Nonsens-Dialogen, Langeweile und dem gar nicht erst Auftauchen dieser und jener Verabredung pendelt – was aber auch niemanden so wirklich aufregt, nicht einmal den Versetzten, ist halt so, läuft halt so on the „sunny side of life“. Man kommt oder man kommt nicht und wenn man nicht kommt, dann weil man verpennt hat, zugekokst ist, seinen linken Schuh nicht hat finden können, ach ist doch egal. Eenso in „Unter Null“ bereits im Easton Ellis-Gepäck: ein intensiver Blick auf Klamotten und eine permantene Auseinandersetzung mit populäer Musik. Icicle Works, INXS, Go-Go’s, Fleetwood Mac, Adamt Ant, Sting, Duran Duran, Spandau Ballet, XTC, Elvis Costello – ein Fest für alle Musikinteressierten.

Das Ende soll hier nicht verraten werden, lediglich ist darauf hinzuweisen, dass Clay sich schussendlich nur noch danach sehnt „das Schlimmste zu erleben“. Was genau das ist kommt derart überraschend, dass es tatsächlich auch heute noch ein wenig sprachlos macht.

Und auch wenn „Unter Null“ sich heute, vom leicht schockierenden Ende einmal abgesehen, recht fluffig weglesen lässt, nur noch wenig Empörungspotential besitzt, so gerät die Lektüre dennoch zu einem Genuss für einen jeden Leser, der auf Roadmovies amerikanischer Prägung steht. Zwar ist Clay ein Protagonist, der herrlich viel durch die Gegend heizt und dabei kaum vom Fleck kommt, doch allein seine Beschreibungen von Los Angeles und Umgebung – Palisades, Mullholland, Melrose, Studio City, La Cienega, Rodeo Street, Sunset Boulevard, Colony – lassen fast einen jeden Europäer innehalten, an warmen Wind und Wärme denken, an Filme, Filme und wieder Filme…

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

 

 

 

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