David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Außer Spesen nix gewesen. Soeben ausgelesen: Jochen Schimmang – „Adorno wohnt hier nicht mehr“ (2019)

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von David Wonschewski

Zugegeben, zwar veröffentlicht Jochen Schimmang schon seit Ende der Siebzigerjahre Romane und Erzählungen – und das beileibe nicht bei den kleinsten und schmalsten Verlagslichtern – gehört habe ich den Namen zum ersten Mal jedoch vor wenigen Tagen, im guten alten Deutschlandfunk, in dem der gebürtige Northeimer als „erfolglosester großer Autor unseres Landes“ gepriesen wurde. Was treffend formuliert sein mag, denn zum einen hatte ich tatsächlich noch nichts von ihm gehört, zum anderen lässt sich unschwer herausfinden, dass er nie einen der bedeutenderen Literaturpreise gewonnen hat, kein Buchtitel einem auch nur irgendwie bekannt vorkommen will und obschon immer wieder von Rezensenten und Kritikern gefeiert, offenbar noch nie Bekanntschaft mit irgendwelchen Bestsellerlisten gemacht hat.

Gut möglich, dass sich, Schimmang ist inzwischen über siebzig, das Hauptthema seinen Erzählbands „Adorno wohnt hier nicht mehr“ da fast schon von selbst gestellt hat: das Verschwinden. Das vom Erdboden verschluckt, das aus dem Licht der Öffentlichkeit gezerrt, das von der Nachwelt vergessen werden.

„Gutermuth und Rothermund“ ist die kurze Geschichte eines Philosophen, der für einen Vortrag in einer nicht nur mittelgroßen, sondern auch äußerst mittelmäßigen Stadt weilt und zunächst vergeblich, dann jedoch erfolgreich versucht, seinem akademischen Aufpasserpersonal zu entkommen. Und der bei seinem ziellosen Irren durch die Aussagelosigkeit seiner Gaststadt auf den einzigen großen Namen stößt, den selbige je hervorgebracht hat: den des Malers Robert Guthermuth“. Fasziniert davon, dass er, durchaus kunstbewandert, noch nie von diesem Mann gehört hat und von der Tatsache, dass Guthermuth 1931 sein Haus verließ und dann einfach verschwand, heftet er sich an dessen historische Fersen.

„Das Schönste an der Welt wird für mich mehr und mehr, dass man noch immer in ihr verschwinden kann, auch wenn es von Jahr zu Jahr schwieriger wird. Das ist meine Art der Weltfrömmigkeit. Von allen Seinsweisen der Welt ist diejenige als Versteck für mich die faszinierendste. Ich las alle Bücher über Verschollene, egal, ob fiktiv oder real. Gutermuths Geschichte kannte ich noch nicht, und das erstaunte mich etwas. Aber ich hatte ja zuvor auch von Gutermuth noch nichts gehört.“

Derweil hier noch das Schmunzeln obsiegt, wird es in „Gott um halb sieben“ traurig. Zwar nicht todtraurig, ist doch auch in dieser Geschichte wieder einmal niemand gestorben, sondern einfach nur verschwunden – das aber spurlos, mit hinterlassener Nachricht Marke „ich bin dann ab jetzt mal weg, such nicht nach mir“. Und das kostet Simone, eine Akademikerin Ende zwanzig, richtig Körner. Gegangen ist Clemens, der Mann, mit dem sie die schönsten zwei Monate Ihres Lebens verlebte, der Mann, der wohl als die Liebe ihres Lebens Einzug halten wird. Und der sich von einem Tag auf den anderen entscheidet zu verschwinden. Löste seine Wohnung auf, kündigte den Job, hinterließ eine kurze Nachricht. War weg. Selten wurde das emotionale Gestrandetsein, die absolute Hilflosigkeit, ja die Spitze der Einsamkeit auf wenigen Seiten so zum Greifen nahe formuliert wie es Jochen Schimmang hier gelingt.

Adorno wohnt hier nicht mehr„, der längste Text dieses Erzählbands ist ein toller Ritt durch die Frankfurter Philosophen- und Literatenszene von Mitte der Sechzigerjahre bis Mitte der Achtzigerjahre etwa, der sich insofern an das Grundthema – das Verschwinden – angliedert, da es Schimmang gelingt, es gleich auf mehreren Ebenen zu beleuchten. Sei es der Tod seines einzigen Mentors, Theodor „Teddie“ Adorno, das Verschwinden des Suhrkamp Verlags aus Frankfurt oder aber, der eigentliche Aufhänger der Geschichte, sein Wiedersehen mit einem ehemaligen Autorengefährten ist, mit dem er fast zeitgleich seinen Debütroman bei Suhrkamp, Ende der Siebzigerjahre, veröffentlichte. Bei dem, literarisch, dann aber nichts mehr nachkam, der, um sich und seine Familie durchzubringen, keine andere Chance hatte als bei Wach- und Sicherheitsdiensten anzuheuern. Eine Tätigkeit, der er noch heute, inzwischen im Rentenalter angekommen, nachgeht, sich als gescheiterten Menschen begreift – derweil sich der Protagonist seit jenen Anfangstagen im halbseidenen, aber doch durchgängigen Ruhm sonnen darf ein durchweg produktiver, veröffentlichender und mehr oder minder relevanter Schriftsteller zu sein. Gerade für den unbedarften Leser eine hübsche Gelegenheit sich in Sachen junger deutscher Literatur- und Verlagsgeschichte ein paar Zusatzkenntnisse draufzuschaffen, bevor mit „Happy Birthday, alter Künstler“ der amüsanteste der hier versammetten Texte anschließt. Ein Schriftsteller, der sich mit seiner Ehefrau schon vor Jahren aufs „platte Land“ zurückgezogen hat, begeht seinen siebzigsten Geburtstag. Und freut sich darauf diesen Tag in all der so herrlich selbst gewählten Einöde zu begehen, der nahezu komplett entzivilisierten Umgebung seiner so beruhigenden Isolation. Doch weit gefehlt, da hat er die Rechnung ohne all die Figuren seiner Vita gemacht, die nun nahen, über Wiese und Feld und wieder Wiese und wieder Feld. Der Vorteil des platten Landes ist, dass der Protagonist die unerwünschte Gästeschar mit dem Feldstecher schon aus einigen Kilometern Entfernung nahen sehen kann, manche aus Osten, andere aus Westen, diese aus dem Süden, jene dem Norden. Er sieht sie über die Äcker stolpern und doch unverdrossen näher und näher kommen, ihm ihre unerwünschte Aufwartung zu machen. Der Nachteil am Leben auf dem platten Land – auch an Flucht ist kaum zu denken, ist doch auch er, sobald er aus dem Hause tritt, aus weiter Entfernung zu sehen, sofort entdeckt… Verschwinden als Wunsch und doch Unmöglichkeit.

Der einzige Text, der sich hier ein wenig ziellos und zu selbstreferenziell hinzieht, ist das als Interview aufbereitete „Herr Rutschky oder Der Optimismus„. Ähnlich wie im Titeltext erfahren wir auch hier viele Details rund um Verleger, Literaten, Fachpublikationen und Befindlichkeiten, damals, irgendwann, in einem Gestern, das Schimmang mit Sicherheit persönlich bestens kennt, noch immer gegenwärtig ist und mit ihm einer erquicklich kleinen Zahl sich elitär gebender Kulturprotagonisten alter Schule, alter Mach- und Bauart. Anders als vorherige Texte, die sich auch prima lesen lassen, wenn man dreißig oder mehr Jahre jünger ist als Schimmang und das Feuilleton der achtziger und frühen neunziger Jahre nicht miterleben konnte, schließt dieses Interview aus, knallt von vorneherein die Türe zu. Wenn hier also jemand verschwindet, dann ist es zuvorderst der zu junge Leser.

Der klar beste Text der Erzählsammlung kommt kurz vor Schluss. In „Valerie Voss, Abwesenheitspflegerin“ verlässt Schimmang die eigene Biografie so weit wie nur möglich, macht zum ersten und einzigen Mal eine Frau zur Protagonistin – und schafft als kleines Bonbon noch einen hübschen Bogen zur ersten Geschichte rund um Gutermuth und Rothermund. Valerie Voss, Juristin, wird ihre nur auf Drängen der Mutter gewählte Profession zu steif, zu unehrlich, zu lebensfern, sodass sie sich entschließt auszusteigen und umzusatteln und freie Abwesenheitspflegerin zu werden. Beauftragt in der Regel von öffentlichen Stellen kümmert sie sich um die finanziellen Angelegenheiten verschollener Personen, was letztlich stets dazu führt, dass sie nach ebensolchen auch zu recherchieren, zu suchen, ja diese bestenfalls gar zu finden hat. Ein einerseits stumpf-bürokratischer Job, wie gemacht für die erfahrene Rechtsanwältin. Andererseits aber ein Job, der mit jedem neuen nicht auffindbaren Klienten einen neuen, höchst faszinierenden doppelten Boden offenbart. Wenn ein Mensch offensichtlich nicht bei einem Unfall gestorben ist und offensichtlich auch nicht getötet wurde – sondern einfach weg ist, vom einen Tag auf den anderen, manchmal mit vielen Vorbereitungen, manchmal nahezu ohne, spontan, wie einer plötzlichen inneren Eingebung folgend, was steckt dann dahinter? Und gibt es, so man diese Person nach Monaten oder Jahren, bevor sie offiziell für tot erklärt werden kann, aufspürt, ein moralisches Anrecht auf Offenlegung, zumindest administrative Aufdeckung? Es sind eine Reihe interessanter Schicksale, auf die Schimmang seine Protagonistin hier treffen lässt. Und doch lässt er auch keinen Zweifel daran, dass es das wirkliche Verschollensein nicht gibt, dass das erfolgreiche Hinterherspüren und Auffinden nie wirklich von Erfolg gekrönt sein kann. Da stets ein freier Wille dahintersteckt, das klare Bestreben eine undurchdringliche, unüberwindbare Mauer zu ziehen zwischen sich und das eigene gestern. Eine Einsicht, die Schimmang am schönsten mit einem Handke-Zitat zu illustrieren weiß: Bitte such mich nicht, es wäre nicht schön, mich zu finden.

Dass Schimmang in „Adorno wohnt hier nicht mehr“ auf geradezu brachiale Art immer wieder seine eigene Biografie einfließen lässt, sei ihm gegönnt. Vielleicht ist es auch seine Art eines Memoirenversuchs, wo er doch weiß, dass offiziell als „Memoiren“ oder „Erinnerungen“ herausgegebene Notizen in seinem Fall ein wenig unstatthaft, fehl am Platz gewesen ist. Es ist daher der letzte kurze Text, „Die Endspielmaschine“, die ein wenig bange macht. Schimmang lässt hier, bewusst ein wenig unkonkret, sein Verhältnis zu Kritikern, Fördern und Neidern aufblitzen. Doch die Art wie er hier Revue passieren lässt erweckt den Eindruck, als habe Schimmang hier vor, was er auch schon einer anderen Hauptfigur seiner Erzählungen gönnend auf den leib und in die Seele schrieb: es nun gut sein zu lassen. Abzuschließen. Den Schlüssel wegzuwerfen. Und zu gehen.

Von nun an möglichst nicht mehr nach ihm zu suchen.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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