David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Gegenentwurf zum Virtue Signaling. Soeben ausgelesen: Dag Solstadt – „Professor Andersens Nacht“ (1996)

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von David Wonschewski

Zugegeben, dass Dag Solstad in seiner norwegischen Heimat als eine der größten literarischen Nummern gilt, weiß aus hiesigem Blickwinkel betrachtet zu verwundern. Nicht, dass ich seinen Romanen – knapp 20 Stück hat er seit seinem Debüt 1969 veröffentlicht – nichts abgewinnen könnte. Im Gegenteil, nach „T. Singer“ (1999, Rezension HIER) und „Scham und Würde“  (1994, Rezension HIER) ist „Professor Andersens Nacht“ bereits der dritte Roman des Wahl-Berliners, den ich mir mit Vorfreude binnen weniger Monate zugelegt habe.

Nein, es ist einfach die Art von philosophisch-minimalistischer Literatur, die Solstad Buch für Buch bietet und die hierzulande, mit Sicherheit unter „special interest“ abgelegt, kaum bis gar nicht den Weg in eine breitere Öffentlichkeit finden würde. Was auch daran zu erkennen ist, dass sich mit dem Dörlemann Verlag aus der Schweiz ein fraglos honorables Haus, aber eben kein deutsches Verlagsschlachtschiff den Norweger einheimsen wollte oder konnte. Wie dem auch sei,  in Norwegen weiß man derlei Autoren wie es scheint noch zu schätzen – was, wie so viele andere Dinge auch, ein weiteres Mal für dieses Land und seine Bevölkerung spricht.

Die Herangehensweise von Solstad ist stets die gleiche: Eine richtige Story, eine wirkliche Handlung bietet er nicht. Es sind vielmehr kleine – fast möchte man sagen verschwindend kleine – Aufhänger, die er sich sucht. Und von denen aus er dann ein Panorama aus Selbstzweifeln und Reflexionen, seine pittoresken Gedankendschungel pinselt. Im Mittelpunkt seiner Stories stehen stets weiße, gebildete, gut situierte männliche Norweger zwischen Anfang 30 und 60. Die, wie Solstad immer wieder bekennt, doch im Grunde das beste – den Nonsens- und Luftbegriff „privilegiert“ nutzt er selten – aller möglichen Erdenleben führen. Um dann doch (oder gerade deswegen!) in der Mitte des Lebens über eine vermeintliche Nichtigkeit zu stolpern. Und in der Folge an den Fragen, die sie sich selbst stellen, durchzudrehen. In „Scham und Würde“ war es der ruhig-besonnene Lehrer für norwegische Literatur, der seit über zwanzig Jahren routiniert seine Ibsen-Lektionen abspult. Um dann, eines Tages, aus dem heitersten aller heiteren Himmel, eine Schülerin brüllend als „Mopsgesicht!“ zu titulieren. Und damit mal eben seine Karriere plus Pension schrottet. Er hatte kein Problem mit speziell dieser Schülerin, auch war die Situation keine speziell angespannte, als es geschah. Und doch war es wohl irgendwie einfach fällig, das zu tun. Warum?

In „Professor Andersens Nacht “ treffen wir den Literatur-Dozenten und (erneut) Ibsen-Fachmann Pål Andersen, der ein zwar einsames, aber keineswegs ungeselliges Osloer Leben führt, 55-jährig.  Andersen verbringt den Heiligabend allein, macht es sich notdürftig ganz nett, schaut aus dem Fenster – und sieht, in bester Hitchcock-Manier, wie in der Wohnung gegenüber eine Frau erwürgt wird. Andersen greift intuitiv zum Hörer, um die Polizei zu verständigen. Lässt den Arm dann aber sinken, ruft nicht an. Er kann es einfach nicht. Wie beim „Mopsgesicht“ stellt Solstad auch hier die Frage: Warum kann er es nicht? Er, ein sensibler Feingeist, eine pflichtbewusste Stütze der Gesellschaft, dem es 55 Jahre gelungen ist die heftigsten Grobheiten des Lebens großräumig zu umfahren – kann einfach nicht angemessen panisch reagieren, nicht seiner Verantwortung als norwegischer Staatsbürger nachkommen und einen Mord melden.

Am zweiten Weihnachtstag ist Andersen bei Freunden eingeladen, der Hausherr ist sogar Arzt und Andersen plant, mit dem in einer ruhigen Minute darüber zu sprechen, da er weiß, dass er ihm alles anvertrauen kann. Doch kaum vor Ort gelingt ihm auch das nicht. Der Abend vergeht und Andersen erzählt: nichts.

Es kommt, was so oft kommt bei Solstad. Was ich persönlich liebe – vielleicht, weil ich selbst so bin, mich arg wiedererkenne – Andersen bedenkt alles schön säuberlich hin und her, um, man ahnt es, schlussendlich nirgends zu landen. Diese ewigen Gedankenkreise, das wiederholte Starten von Punkt eins, das muss man als Leser mögen. Tut man das nicht, kann es, logisch, auch schnell nerven.

„Als Professor Andersen klar wurde,dass es ihm nicht einmal möglich war, Henrik Nordstrom anzuzeigen, wurde er zunächst ärgerlich. ‚Aber das ist ja lächerlich‘, dachte er, ‚eigentlich will ich ja nichts anderes, als den Kerl anzeigen, es wäre eine einzige Erleichterung, und jetzt ist der Weg geebnet. Was um alles in der Welt hindert mich daran? Starrsinn und Unbeugsamkeit‘, dachte er gereizt, ‚eine unerträgliche Sturheit, die sich in meinem Naturell leider findet und es prägt oder aufrechterhält, wie ich mir sicher einbilde. Das ist absolut unerträglich. Hätte ich wenigstens einen vernünftigen Grund, aber das habe ich nicht. Alle Gründe, die ich habe oder hatte, habe ich sofort abgestreift, so dass ich jetzt nackt dastehe, beinahe zitternd‘, murmelte er. ‚Weshalb zittere ich so?‘, dachte er resigniert und schüttelte den Kopf, während er rastlos durch die Wohnung lief, noch immer im Pyjama mit einem Morgenmantel darüber, am hellichten Tag. Von Zeit zu Zeit hielt er plötzlich inne und blieb auf der Stelle stehen, mitten im Raum, reglos, so konnte er minutenlang verharren und nachdenken, so weit er mit seinen Argumenten kam.“

Ob Professor Andersen doch noch die Polizei informiert, ob Henrik Nordstrom wirklich ein Mörder ist, nun, das will hier nicht verraten werden. Ist, auch das ist typisch Solstad, aber auch gar nicht kriegsentscheidend. Kriegsentscheidend ist auch in diesem leicht zu lesenden philosophischen Roman die persönliche Beantwortung der Frage, was Identität ist, wie sie sich definiert. Und wie man, so man denn überhaupt das Glück hat über eine solche zu verfügen, diese auch ab dem fünfzigsten Lebensjahr weiterhin aufrecht hält, vor sich und der Welt rechtfertigt.

Nein, eine wirkliche Story hat Solstad erneut nicht am Start, aber derart viele kleine Gedankenjuwelen, dass man aus dem Markieren und Post-it-Kleben gar nicht mehr herauskommt. Allein wie Solstad seine eigene Sippe – gebildet, wohlsituiert, weiß – zerlegt ist großartig. Männliche und weibliche Altlinke, die einst mitunter radikale Studenten waren und mitunter der Meinung sind es noch immer zu sein. Das inzwischen beträchtliche Vermögen, die Leitungsposition, den teuren Sportwagen, die italienischen Maßanzüge anders rechtfertigen, um sich nur nicht einzugestehen, dass Sie längst das sind, was sie nie sein wollten: das Establishment. Wir kennen das von Konstantin Wecker-Konzerten, auf denen sie auch noch immer „Widerstand!“ und „Revolution!“ grölen wie schon seit den 70er-Jahren. Und blind dafür sind, wie gebräunt sie aussehen, was für Anzüge und Kostüme sie währenddessen tragen, in was für Autos sie nach dem Konzert da eigentlich steigen.

Establishment sind immer die anderen. Sich typisch deutsch (oder hier: norwegisch) verhalten sich auch immer nur die anderen. Es ist Solstad hoch anzurechnen, dass er in immer wieder neuen Facetten die Frage nach der eigenen Schuld und Verantwortlichkeit aufwirft, nie den Finger erhebt, um auf andere zu zeigen, sondern schonungslos und sich selbst an den Pranger stellt.

Würde einer wie Professor Andersen bei Fridays for Future mitmarschieren oder bei den europäischen Blacklivesmatter-Demonstrationen? Der intuitive Wunsch es als aufgeklärter, weltoffener und verantwortungsbewusster Bürger zu tun wäre gewiss da, wie bei so vielen anderen Leuten hierzulande auch, wie bei mir persönlich ebenfalls. Doch er würde sich dagegen entscheiden, würde nicht mitlaufen, sich dem Sog, nur immer auf der guten und integren Seite zu stehen und sich dabei von möglichst vielen Leuten beobachten zu lassen, widerstehen. Statt durch Städte zu laufen und sich den Kulturkampf anderer Bevölkerungsschichten anzueignen, würde er in seiner Bude Kilometer schrubben. Auf und Ab laufen, sich fragen, wo er vielleicht wirklich falsch abgebogen ist, warum er diese und jene doch eigentlich gute Tat, gute Verhaltensweise nicht bieten kann.

Ich persönlich reagiere seit einiger Zeit sehr ungut und zunehmend ungehalten auf das, was neuerdings „Virtue Signaling“ genannt wird und gerade in sozialen Netzwerken unfassbar emsig betrieben wird. Das Establishment sind immer die anderen, Täter auch. Und das Mitlaufen bei einer Demonstration, das Hochhalten eines Plakates reicht jenen, die von „Virtue Signaling“ befallen sind, als klarer Beweis der eigenen Tugendhaftigkeit. Frei nach dem Motto: „Wer ein Plakat hochhält und sich dabei fotografieren lässt und dieses Foto dann verbreitet – ist frei von Sünde.“ Moderner Ablasshandel, irgendwie.

Als Dag Solstad seine von mir bisher gelesenen drei Romane schrieb, da gab es dieses „Virtue Signaling“ noch nicht in dieser eitlen Verformung, wohl auch weil es noch keine sozialen Digitalnetzwerke gab, bei denen man wusste, dass simple positive Botschaften und Komplexitätsverweigerung Klicks und Likes pushen. Gerade das macht diesen Autor und Denker jedoch aus: dass die Fragen, die er sich stellt, vielleicht nicht so alt wie die Menschheit, aber doch so alt wie unsere moderne westliche Gesellschaft sind.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

 

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