David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Jüdische Identitätserosion. Soeben ausgelesen: Dana von Suffrin – „Otto“ (2019)

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von David Wonschewski

Wenn man mir im Deutschlandfunk schon mitteilt, ein gerade erschienenes Buch sei schon jetzt DER Roman des Jahres, na, dann will ich ihn doch erst einmal lesen, bevor ich mich – so oder so, die alten Reflexe – über üble Hypemaschinerien und dunkle Marketingmächte auslasse.

Bisher hatte ich gedacht, dass „Herkunft“ von Saša Stanišić schon DER Roman des Jahres wäre. Warum das aber nun, soviel sei vorweggenommen, tatsächlich genauso gut „Otto“ von Dana von Suffrin sein kann und warum beides vielleicht sogar ein wenig zusammenhängt, dazu später mehr.

In „Otto“ widmet sich Dana von Suffrin dem eigentlich Unerzählbaren: der Geschichte ihrer jüdischen Familie. Das bewerkstelligt sie nicht aus eigenem Antrieb, nein, ihr Vater Otto treibt sie in seinen letzten Lebensmonaten dazu. Sie, das ist hier die Protagonistin Timna, die mit Ihrer Schwester Babi als Tochter eines Siebenbürger Juden aufwächst. Ein geborener Rumäne also, den es nach dem Zweiten Weltkrieg erst nach Haifa treibt, der sich dann jedoch, nach der Teilnahme an den diversen israelischen Kriegen, dazu entschließt nach Deutschland zu gehen und bis zu seinem Lebensende in München wohnt, wo auch seine beiden Töchter aufwachsen und Wurzeln schlagen.

Dieser Otto, es lässt ich nicht anders sagen, ist dabei ein Charakter, der all die oftmals karikierten Marotten der Deutschen in seiner Person vereinigt, kurzum nach Süddeutschland passt wie Topf auf Deckel, wie Arsch auf Eimer. Das geht schon mit dem urdeutschen Vornamen los, Otto, ihm gegeben von jüdischen Vorfahren, denen zu Zeiten des Kaiserreichs nicht der Sinn nach Integration stand, sondern nach Assimilation. Und der nun, im Alter, an Starrsinn und Eigenbrötlertum schwerlich zu übertreffen ist. Er lässt über Jahre hinweg in Lokalen und Mensen Servietten mitgehen, obschon niemand in der Familie solche nutzt. Er pinkelt in seine Gläser, um seinen Urin besser kontrollieren zu können. Beständig droht er dem Krankenhauspersonal es mit Klagen zu überziehen, schimpft allüberall gleichermaßen auf Nazis wie auf Kommunisten, von denen er sich noch immer permanent umlagert sieht. Dreht jeden Cent zweimal um,  hat eine Vorliebe für Messinstrumente aller Art. Und überzieht seine Töchter mit einem schlechten Familiengewissen und tituliert sie nicht selten als blöde Gänse oder Ähnliches.

Das wäre alles ganz schon frappierend, wenn Dana von Suffrin diesen Otto nicht zugleich als in ihrer Sprödheit doch niedliche, fast schon liebenswerte Person schildern würde. Eine Person, die in ihren besten Momenten so lustig und so unfassbar aus der Welt und aus der Moderne erscheint wie der berühmte Ekel Alfred aus der 70er Jahre Serie „Ein Herz und eine Seele“.

Mein Vater aß immer alle unsere Reste auf. Tann hatte mir erzählt, dass das so ein Vaterding sei: Alle Väter essen immer alle Reste auf, deswegen werden sie alle unheimlich dick. Mein Vater sagte, er könne kein Essen wegwerfen wegen dem Krieg: Es ist Verbrechen, Essen wegzuwerfen!, rief er. Deswegen warf er sich das Essen lieber in die Speiseröhre.

Ja, der Vater wünscht sich von Timna ein Geschichtsbuch über seine Familienhistorie. Und nein, Timna schreibt es nicht, kriegt es nicht auf die Reihe, wie sie selbst gesteht. Zu lose all die Enden, zu mannigfaltig die Ansatzpunkte – und zu unkooperativ der Vater, wenn es darum geht einmal stringent und von vorne bis hinten durcherzählt von sich zu geben. Und so wird aus „Otto“ mehr zufällige Aneinanderreihung von Erinnerungen einer Tochter an ihre Kindheit im Schatten (manchmal auch der Sonne) eines keinesfalls schlechten durchaus aber schwierigen, sehr komplexen Vaters. 33 kurze Kapitel hat der Roman, die sich mehr lesen wie eine Anekdotensammlung, an der Oberfläche auf zumeist dunkelhumorige Weise das wechselhafte Leben eines Mannes sporadisch beleuchten, zwischen den Zeilen aber viel intensivere Geschichten vermitteln. Die Geschichte vom Scheitern zweiter Töchter beispielsweise, die nicht nur horrende Schwierigkeiten haben ihren eigenen Platz im Leben zu finden, sondern die sich auch damit abfinden müssen es ihrem Vater letztlich nie recht haben machen zu können. Oder aber die Geschichte jüdischer Tradition, der man in „Otto“ beim zunehmenden Verwässern regelrecht zuschauen kann. Otto legt wert darauf die Synagoge zu besuchen, ist ab einem gewissen Alter aber auch derjenige, der es nie bis zum Schluss aushält, vorher aus der Menge türmt, seine Töchter mit sich zieht. Die früh wissen, dass sie nach dem Tod ihres Vaters nie wieder eine Synagoge betreten wollen, keine Verbindung dazu mehr aufbauen werden können. Auch hohe Fest Pessach erodiert in dieser Familie gerade. Wie es sich gehört wird in frühen Jahren noch ausgiebig gekocht, ein paar Jahre später schon bringt der Lieferdienst die Speisen, der Vater brabbelt noch ein paar hebräische Gebete vor sich hin, den Töchter Riten und Gebräuche zu vermitteln, geschweige denn auf den Erwerb der hebräischen Sprache zu drängen, nein, das ist Otto alles nicht mehr so wichtig. Seine ewigen Verlautbarungen über den Vorteil am Jüdischsein verkommen somit zu puren Lippenbekenntnissen. Gebrabbel eines alten Mannes, der sich einfach nicht mehr umstellen kann, sich schon gar nicht mehr selbst hinterfragen möchte.

In dieser Hinsicht erinnert Otto nicht selten an die Oma aus „Herkunft“, dem hochgelobten und hochdekorierten Roman von Saša Stanišić. Wie das ganze Buch in seiner Anlage überhaupt wie ein gedanklicher Zwilling von „Herkunft“ wirkt. Wie Saša Stanišić versucht sich auch Dana von Suffrin daran, ihr eigenes Hier und Heute im Licht ihrer Familiengeschichte und eben der eigentlichen Herkunft einer Standortbestimmung zu unterziehen. Fördert dabei viel zutage, an das es sich zu denken lohnt, mal schmunzelnd, mal melancholisch. Das es sich in Gedanken, doch nur dort, zu bewahren lohnt. Und muss – nein will – schlussendlich doch erkennen, dass Rumänien, Zweiter Weltkrieg, Israel, Judentum Begrifflichkeiten ihres Vaters sind. Und nicht ihre. Eine Wurzellosigkeit wird hier offenbar, von der weder die Autorin noch der Leser so recht weiß, ob das nun gut oder schlecht ist. Das zeigt sich auch in dem Moment, als Otto sich in seinen späten Jahren für den Kauf eines gesichtslosen Hauses in einem gesichtslosen Münchener Vorort entscheidet. Ein Schritt, den die Töchter zunächst kaum nachvollziehen können:

„Doch Otto wollte das Reihenhaus, den Neubau, das Haus ohne Zeit und ohne Geschichte, vielleicht weil er selbst so viel Geschichte in sich hatte, dass er nicht von weiteren Geschichten umgeben sein wollte. (…) Das Haus erzählte nicht: nicht von an Traurigkeit absterbenden Ehefrauen, nicht von glitschigen Hausgeburten, nicht von betrunkenen, ungewaschenen Männern. Niemand hatte auf diesem Grund Angst vor der Nacht gehabt, niemand sich eheliche Freuden genommen, keiner hatte sich auf den ersten Schultag gefreut; das Haus kannte kein Seufzen, kein Sterben und kein Leben.“

Der mediale Hype, der „Otto“ begleitet, ist mit Sicherheit auch der simplen Tatsache geschuldet, dass solche biografischen Romane, wie eben auch „Herkunft“ einer aktuellen emotionalen Bedarfslage entsprechen. Gerade in linken Kreisen ist nach all den Jahren, in denen wir uns mit gescheiterter Integration auseinandersetzen mussten (oder auch wollten) die Sehnsucht enorm, nun auch einmal diese anderen Geschichten zu hören. Geschichten fernab jeglicher Polarisierung, gestrickt nicht in Schwarz und nicht in Weiß, ja nicht einmal in zwanghaftem Bunt. Sondern Geschichten, so sanft erzählt, dass sich die Farben erst nach und nach zu erkennen geben.

„Otto“ ist ein solcher Roman, lustig und traurig zugleich, vezweifelt und doch voller Hoffnung. Empfehlenswert allemal, eine wirklich wunderbare Lektüre. Warum derlei Stoffe gleich als DER Roman des Jahres gehandelt werden müssen erschließt sich mir zwar nicht so ganz, muss es aber auch gar nicht. Das Schlusswort gebührt hier Dana von Suffrin, Timna:

„Das ist das Traurige der Welt, die Momente halten nicht, und auch die schönen vergessen wir; und selbst wenn nicht, irgendwann nehmen wir sie mit, und sie lösen sich auf mit uns.“

Dana von Suffrin tanzt auf engstem Raum. Doch, doch: Das ist ziemlich gut.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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