David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Was für ein Hurenzeug ist der Krieg. Soeben ausgelesen: Ernest Hemingway – „Wem die Stunde schlägt“ (1940)

hemwemdie

von David Wonschewski

Mein erster Hemingway. Und was war ich gespannt. Dass der Amerikaner 1954 den Literaturnobelpreis erhalten hat, ach, geschenkt. Aber was für ein Leben er führte! Hemingways Großvater kämpfte im Sezessionskrieg, hatte es dann als Immobilienmakler in Chicago zu Wohlstand gebracht. Sein Vater wurde Landarzt, seine Mutter brachte ihrerseits ein weiteres stattliches Familienvermögen ins Haus. So jemand wie Ernest Hemingway, möchte man meinen, hatte also alle Chancen auf das, was gemeinhin ein „privilegiertes Leben“ genannt wird. Aus einer hochgeachteten Familie stammend, mit mehr als genug finanziellen Ressourcen ausgestattet und selbst keineswegs ein kleines Intelligenzlicht.

Doch wo alles klar ist, wo alle Wege bereitet, alle Happen vorgekaut sind, da ist auch stets der Geburtsort der Langeweile. Der Beginn einer lebenslangen Suche, einer Sehnsucht nach – ja was eigentlich? Er wurde Journalist, meldete sich jedoch auch früh freiwillig zu Fronteinsätzen in europäischen Kriegsgebieten. Er wurde schwer verwundet und konnte, bei aller feinsinnigen Betätigung in Pariser Literatenzirkeln, doch nie so ganz von der Gewalt lassen, ließ sich magisch anziehen von ihr. Er brachte anderen das Boxen bei, berichtete als Reporter aus dem spanischen Bürgerkrieg, liebte den Stierkampf, ging mit den Blixens in Afrika auf Großwildjagd. Nicht zu vergessen das Fischen, ein Mann und das Meer, auch das war nicht nur literarische Fiktion seines größten Erfolgs „Der alte Mann und das Meer“, nein, es bildete eine der vielen Facetten eines unglaublich variantenreiche Lebens ab.

Und der Mann kannte Promis. Den Hollywood-Star Gary Cooper beispielsweise. Womit wir bei „Wem die Stunde schlägt“ sind, dem Roman, den Hemingway seinem Kumpel Cooper direkt auf den Leib schrieb, mit dem festen Vorsatz das Ganze hinterher verfilmen zu lassen. Um es vorweg zu nehmen: Es glückte. Die Geschichte des Lehrers Robert Jordan, der als Sprengmeister im spanischen Bürgerkrieg hinter den feindlichen Linien operiert, wurde zu einem der meistverkauften Romane der 40er-Jahre, ein Klassiker, dessen Verfilmung – natürlich mit Gary Cooper – die Kinosäle füllte.

Die im Roman geschilderte Handlung umfasst einen Zeitraum von nur rund 70 Stunden, knapp drei Tage in der letzten Maiwoche des Jahres 1937. Der Sprengstoffexperte Jordan erhält den Auftrag, zeitgleich zum bevorstehenden Angriff der Republikaner auf die Stadt Segovia eine Brücke zu sprengen. Hinter den Linien der Feinde sucht Jordan die Zusammenarbeit mit der Guerillagruppe um den zum emsigen, aber ruhigen Säufer verkommenen Rebellenführer Pablo. Pablos Widerstand gegen die gefährliche Operation steht Jordans Pflichtgefühl entgegen. Jordan braucht Pablo, dringend. Pablo aber schert sich einen Dreck um Werte wie Zuverlässigkeit und Kameradschaft. Robert Jordan hingegen wird nicht nur von den lokalpatriotischen Spaniern, sondern auch dem Leser zunehmend skeptisch gesehen: Was will ein amerikanischer Lehrer in den spanischen  Bergen, was treibt ihn dazu sich, so fern der Heimat, in Gefahr zu begeben?

Liest man „Wem die Stunde schlägt“ heute – und auch noch als ersten Hemingway-Roman – so braucht es seine 150 Seiten bis man eine erste ungefähre Ahnung erhält, warum der Mann literarisch so hochgeschätzt und auch noch mit einem Nobelpreis dekoriert wurde. Denn der Beginn der auf dem Papier wahrlich spannungsgeladen-explosiven Story gerät altbacken. Was vielleicht auch an Gary Cooper liegt, der Hollywood-Verfilmung, dem unsäglichen Filmfoto auf der vorliegenden Ausgabe. Man fühlt sich, auch wenn es Spanien ist und nicht Arizona, wie in einem Western auf Groschenheft-Niveau. Bartstoppelgesichtige Kerle lungern verschwitzt in den Bergen herum, pennen an Lagerfeuern, saufen Wein aus Schläuchen, futtern Schmorfleisch aus Bohnen, spucken auf den Boden und oh, wie locker sitzt doch der Revolver. Sergio Leone meets Karl May. Das ist gar nicht schlecht, wenn man gerade Bock auf „Western“ hat, auch darauf eingestellt ist. Mit Bock auf Literaturnobelpreis und spanischen Bürgerkrieg wird man jedoch zunächst einmal schwer enttäuscht.

Geradezu unerträglich jedoch wird die Geschichte durch, man fürchtet es fast: eine Frau. Maria heißt sie, in der Verfilmung samt geschorenem Haar gespielt von Ingrid Bergman. Bei einem Überfall hatte der Guerillatrupp die schwer traumatisierte Frau eingesackt und mitgenommen, verfährt respektvoll mit ihr, Robert Jordan verliebt sich in sie und sie in ihn. Und man muss nicht einmal Feminist sein, um die Dialoge, die die gefallsüchtige junge Frau mit dem kernig-coolen Alleinkämpfer Jordan führt, unerträglich zu finden. Er nennt sie immer nur „mein kleines Kaninchen“, derweil sie nur interessiert, wie sie ihm eine gute Frau sein kann, wie sie sich für ihn schlank halten kann – was er als wichtig bejaht – wie sie sich seine Liebe verdienen, wo sie das Gute-Frau-sein erlernen kann. Auch wenn in den 40er-Jahren gewiss noch ein anderer Beziehungswind herrschte, so zeigt Hemingway in der Figur einer weiteren Frau, der aufbrausend-dominanten Endvierzigerin Pilar, dass er sehr wohl in der Lage ist facettenreichere weibliche Figuren zu zeichnen. Sodass man wohl oder übel zu dem Schluss kommen muss, dass der Herr Literaturnobelpreisträger Maria exakt so dargestellt haben wollte, als in ihrer Anbiederung schwer erträgliches Stück nichts. So geworden durch erlebte Gewalt, ihre Eltern wurden vor ihren Augen erschossen, mitsamt Vergewaltigung. Das ist theoretisch toll gedacht, aber liest sich so lächerlich, dass Maria, man muss es so klar sagen, einem im Alleingang die Freude am Roman verdirbt und Hemingway als prototypischen weißen privilegierten Mann gehobenen Alterns dastehen lässt, der vielleicht exakt solche Frauenzimmer (das Wort passt hier bestens) bevorzugt. Wann immer die Story richtig Fahrt aufnimmt, richtig tief wird und zeigt, warum Hemingway ein würdiger Literaturnobelpreisträger ist – platzt die nervige Maria hinein, der hoch konzentriert arbeitende Jordan gerät ins Säuseln – oh, mein kleines Kaninchen! – spürt die kleinen Brüste an seiner verschwitzten Brust (steht da so, wiederholt), fragt sich, wie Maria wohl aussehen wird, wenn nur ihr von den Faschisten geschorenes Haar endlich wieder lang ist und…ach, lassen wir das.

Es ist wie so oft: 550 Seiten stark ist der Roman. Hätte Hemingway sich nicht so sehr darauf verlegt, seinem Kumpel Gary Cooper was hollywoodreif-Weibliches mit in den Schlafsack vorm Lagerfeuer zu stecken, der Roman wäre dichter und bedeutender geworden. Denn das, was Hemingway in allen von Maria befreiten Situationen zu Papier bringt, hat, sobald man mit dem Zossen erst mal staubtief in die Story galoppiert ist, verdammt viel zu bieten. Die in kurzer Zeit und auf engstem Raum spielende Geschichte gerät zum Verwirrspiel um Vertrauen und Kameradschaft in kriegerischen Zeiten. Ein halbes Dutzend Leute hat Robert Jordan um sich herum, wer hier wen akzeptiert, wer hier nicht vielleicht einfach nur auf die erstbeste Gelegenheit wartet wen von hinten umzunieten: Man weiß es bis zum Schluss nicht so recht. Zudem leben Hemingways Schilderungen davon, dass er sich erkennbar zu bewegen weiß in einer Umgebung aus Misstrauen und Gewalt, dass er echt echt echt weiß wie es ist eine Waffe zu halten, wen abzuknallen, sich selbst eine Kugel zu fangen.

Das aber reicht natürlich nicht für den Literaturnobelpreis, nein, es braucht auch eine psychologische Tiefe. Und so sehr Hemingway seine Maria misslingt, umso fulminanter geraten ihm alle anderen Personen. Wie Hemingways eigener Opa kämpfte auch Robert Jordans Großvater im amerikanischen Bürgerkrieg, Jordan bewunderte ihn und bewundert ihn, umso länger er selbst im spanischen Untergrund hockt, mehr. Im Gegensatz zu seinem Vater, einem überforderten Weichling, der sich – mit der Kriegswaffe des Großvaters – selbst erschoss. Wie Hemingway hier mit nur wenigen Zeilen eine amerikanische Mehrgenerationengeschichte einwebt, wie er die urtypisch amerikanische Art Waffengewalt zu interpretieren integriert, die auch weit entfernt, in Spanien, den einmal infizierten Familienspross Robert nicht loslässt, doch, das ist schon groß. So groß, dass es, umso fassbarer es eigentlich wird, die wirklichen Beweggründe Robert Jordans im spanischen Untergrund zu kämpfen verschleiert. Ist der Mann wirklich so republikanisch – heute würde man zur Verdeutlichung sagen: links – wie man sein muss, um sich freiwillig einem derartigen Himmelfahrtskommando unterzuordnen? In vielen Reflexionen beschäftigt sich Robert Jordan mit der eigenen Angst, dem eigenen Pflichtgefühl, der Sehnsucht einfach nur einer großen Sache anzugehören, Teil von etwas Bedeutendem zu sein. Und legt dabei klar, dass die Frage, ob jemand nun „Faschist“ oder „Republikaner“ ist, doch eigentlich nur vorgeschoben ist.

„Volksfeinde. Dieses Schlagwort könnte er eigentlich weglassen. Das ist ein billiges Schlagwort, das er sich schenken wird. Das hat er nun seinem Zusammensein mit Maria zu verdanken. Er ist in seinen politischen Anschauungen schon so bigott und engstirnig geworden wie ein ahrtgesottener Baptist, und phrasenhafte Ausdrücke wie Volksfeind schießen ihm einfach durch den Kopf, ohne dass er sie untersucht. Alle Arten von Klischees, revolutionäre und patriotische! Sein Hirn verwendet sie völlig kritiklos. Natürlich stimmen sie, aber sie rutschen einem zu leicht über die Zunge. Seit gestern abend und seit heute nachmittag sieht er diese Dinge viel klarer und reiner. Es ist sonderbar mit der Bigotterie. Um bigott zu sein, muss man die tiefe Überzeugung hegen, dass man recht hat, und nichts macht einen so selbstsicher und selbstgerecht wie die Abstinenz. Abstinenz ist der Feind der Ketzerei.“

Ich frage mich, was aus „Wem die Stunde schlägt“ geworden wäre, wenn Hemingway nicht gleich Gary Cooper zur Verfilmung im Hirn gehabt hätte. Zu wissen, dass man eine literarisch große Nummer ist und eine Verfilmung des kommenden Werks noch vorm Verfassen der ersten Seite quasi sicher ist, das muss nicht lähmen, es kann aber zu einer Art von Verkleisterung führen, so wie hier. „Wem die Stunde schlägt“ ist über weite Strecken schier großartig, in der Summe aber leider auch das, was man gemeinhin als einen „ziemlichen Schinken“ bezeichnet.

Wie gut, dass Hemingways 12 Jahre später veröffentlichtes Meisterwerk, „Der alte Mann und das Meer“, so ein dünnes Buch ist. Ich habe es noch nicht gelesen, aber ich hege die Hoffnung, dass er dort die Schere ansetzte, die er auch in „Wem die Stunde schlägt“ problemlos schön hätte ansetzen können.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

4 Kommentare zu “Was für ein Hurenzeug ist der Krieg. Soeben ausgelesen: Ernest Hemingway – „Wem die Stunde schlägt“ (1940)

  1. davidwonschewski
    24. Mai 2020

    Leider nicht. Ich hätte es wissen müssen: Never chose a novel with a filmposter as a cover…dass mit Drogen in selbstgewählten Refugien die besten Kunsterzeugnisse erstehen ist nun allerdings nicht so neu, oder?;-) Feiste Grüße.

  2. Dude
    24. Mai 2020

    Kein Wort von Cuba, Putas, Coca und Cuba libre? Die besten Sachen hat H. als Drogensüchtiger in seinem selbstgewählten Refugium geschrieben. 🙂

  3. davidwonschewski
    26. April 2020

    Na, ich wend emich dann mal den kürzeren texten zu, besten Dank für die Bestätigung meiner Ahnung/Hoffnung. Zu dem Nobelpreistärger: Lustigerweise habe ich weiter oben ja schonmal Literaturnobelpreist stehen, da war mir das gleiche passiert – fiel mir aber direkt selbst auf, so dass ich es änderte, also von Frieden zur Literatur. Weiter unten dann offenbar das gleiche nochmal, diesmal ohne, dass es mir direkt auffielt. Aber interessant, ich glaube das liegt an diversen Verquickungen im Kopf, die dem Literaten mehr Friendssstiftung aufbürden als dem z.B. dem ion Oslo gehrten Physiker oder Wirtschaftswissenschaftler. Ich besser es aus!; – )

  4. Xing
    26. April 2020

    Die Kurzgeschichten von Hemingway sind konzentrierter, die kalkulierten Wirkungen stellen sich eher ein. Übrigens: Im Text wird Hemingway einmal als „Herr Friedensnobelpreisträger“ etikettiert, ein Schnellschuss, dessen Ironie er goutieren würde.

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