David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Slippery When Wet. Soeben ausgelesen: Graham Greene – „Das Herz aller Dinge“ (1948)

grrher

von David Wonschewski

Über ein Werk, das von zig Kritikergremien zu einem der bedeutendsten britischen Romane aller Zeiten gekürt worden ist, ist längst alles gesagt. Und so möchte ich zumindest einen gewiss noch nie genutzten Zugang wählen, um zu erläutern, was mir an „Das Herz aller Dinge“ von Graham Greene nicht so recht behagen will: Bon Jovi.

Wie? Was? Diese amerikanischen Hardrocker, die nie Hardrocker waren, sondern bestenfalls Hairspray Biker, die eine fette Karriere hinlegten und Millionen scheffelten, indem sie in Lederjacken verpackten Schnulzpop boten und bieten – die? Ja, die. Denn an die musste ich fortwährend denken, als ich „Das Herz aller Dinge“ las. Weil sich Greene, zumindest hier, einer ähnlichen Vorgehensweise bediente wie die ach so harten Buben aus New Jersey. Diese Vorgehensweise lässt sich recht simpel zusammenfassen: Reiße alles an, was angesagt sein könnte, vermenge es zu einem stimmig erscheinenden Ganzen. Werde dabei aber nie in eine der Richtungen zu konkret, denn wirst du zu konkret in einer Richtung, gehen jene Interessierte stiften, die wegen einer der anderen Richtungen bei dir hängen geblieben waren.

Abschaltimpulsminimierung, so nennt sich das. Es ist die Lithium-Methode vieler erfolgreicher Künstler und Medien (und Menschen ganz allgemein), da – ähnlich wie bei diesem gerne eingesetzten Prophylaktikum – sämtliche Ausschläge nach oben und nach unten gekappt werden. Ich weiß, wovon ich rede, auf diese Weise habe ich fast 15 Jahre lang in Berlin die Musik für einen großen Radiosender zusammengestellt. Bon Jovi fanden dort dauernd statt, da Bon Jovi das Herz eines jeden Formatradio-Musikredakteurs aufgehen lassen: Viele mögen sie ein wenig, keiner hasst sie. Wenn man sie spielt, freuen sich die Männer – weil Rock – und jauchzen die Frauen – weil, naja, Jon Bon Jovi halt. Beide Geschlechter gleichauf zu bespielen gelingt fast keiner Band. Die Alten fühlen sich an früher erinnert, die Jungen kannten die neuen Hits aus den TV-Übertragungen der Fußball-WM. Malen nach Zahlen, ob nun clevere Methode oder einfach nur günstig gewachsen: Niemand beherrscht es wie Bon Jovi.

Und, wie es scheint, Graham Greene. Und so lesen wir schon in der kurzen Autorenvorstellung vor Romanbeginn, dass dieser es schaffte Abenteuer, Kriminalistik, Erotik und Religiosität zu verbinden. Das stimmt tatsächlich, in „Das Herz aller Dinge“ findet sich das alles – aber eben nichts davon richtig. Alles wird angerissen, aber nie konkret zu Ende beschrieben. Wodurch sich das für mich echt blöde Bild ergibt, dass Greene, der als Geheimdienstmitarbeiter die Welt bereiste und alles andere als ein unmutiges Leben führte, ein unfassbar feiger Autor ist.

Die Hauptfigur des Romans ist der Polizist Scobie, der während des Zweiten Weltkriegs als Major im kolonialen Westafrika – es wird nie genau benannt, aber diverse Anmerkungen lassen mich auf Liberia oder Sierra Leone tippen –  diszipliniert seinen Dienst tut. Verheiratet ist er mit der Katholikin Louise, für die auch er selbst der katholischen Kirche beigetreten ist. Etwas widerwillig, wie wir immer wieder lesen, muss Louise ihn doch immer wieder antreiben, auch ja regelmäßig zu beten, zur Messe und zur Beichte zu gehen. Er gibt, beruflich wie privat, sein Bestes. Louise zufriedenstellen kann er aber nicht, sie fühlt sich – nicht ganz zu Unrecht – wie am Hinterteil der Welt abgelegt, in der tiefsten afrikanischen Provinz, als Frau auch noch zu nichts anderem als Nichtstun verdammt. Sie glaubt nicht, dass Scobie sie je wirklich liebte und auch Scobie glaubt das nicht so richtig, auch wenn er freilich etwas anderes behauptet. Und so halten es beide für eine gute Idee, als Louise die Möglichkeit hat mit einer Freundin für einige Zeit ins wesentlich fortschrittlichere Südafrika zu reisen. Leider kostet ein solcher Trip mächtig Kohle, die Scobie nicht hat. Und so lässt er sich auf einen zwielichtigen syrischen Kaufmann ein, der ihm einen „Kredit“ gibt allerdings immer wieder in Aussicht stellt, dass Scobie diesen nicht so unbedingt zurückzahlen muss. Sich gegenseitig zu helfen, dafür seien Freunde – richtig gute Freunde – schließlich da. Eine heikle Situation für einen Staatsdiener. Zumal ihm mit dem jungen Wilson eine wahrliche Laus im Nacken sitzt, eine von der Regierung in London undercover eingeschleuste Aufpasszecke, wenn auch zuvorderst zu dem Zweck, es sofort zu melden, wenn sich einer der eigenen Leute mit Deutschen einlassen sollte.

Während der Abwesenheit von Louise lernt Scobie eine junge Engländerin, kennen, Helen, und beginnt eine Affäre mit ihr. Er ist sich bewusst, dass er damit eine schwere Sünde begeht, und versucht dementsprechend,  als Louise zurückkehrt, diese Affäre vor ihr zu verbergen. Kann aber nicht von Helen lassen, sodass sein Priester ihm empfiehlt, in sich zugehen und ihm die Absolution verweigert. Das macht der gute Scobie auch und begeht, nach emsigen Diskussionen mit sich selbst und mit Gott, einen sauberen Selbstmord. Sauber in dem Sinne, dass nur der widerliche Wilson peilt, dass es Suizid waren, während Scobie alle anderen erfolgreich glauben lässt, er sei an einer Angina Pectoris verstorben.

Doch, doch, das ist fraglos eine runde Geschichte und es wundert nicht, dass das Ding verfilmt wurde, denn auch wenn ich mir den Streifen nicht angesehen habe, erkennt man sofort, dass „Das Herz aller Dinge“ sich mühelos und gewiss auch nahezu eins zu eins auf die Leinwand übertragen lassen kann. Wie sich der ganze Schinken überhaupt liest, als sei genau das vielleicht sogar der ursprüngliche Zweck des Schreibens gewesen. Mit cineastischer Action, weinerlichen Frauen und grimmigen Kerlen, das Ganze vor der halbwegs exotischen Kulisse Afrikas, klar, da geht was. Aber so als Buch gerät „Das Herz aller Dinge“ so inhaltsleer wie sein Titel. Kommt als bedeutungsschwerer Karton ins Haus, entpuppt sich beim Öffnen dann aber also unfassbar leer. Was auch eine gewisse Kunst ist, denn Greene ist mit Sicherheit kein Schönwetterschreiber. Er bringt die rassistische Alltags-Attitüde der Briten derart ungeschönt auf den Punkt, dass man das Wort „Boy“ (so nennen die Engländer kleine einheimische Jungen, die in ihren Haushalten als, tja, Mädchen für alles arbeiten, jeder hält sich so einen „Boy“), man dieses Wort echt nicht mehr lesen mag. Immer wieder wirft er zwischen den Zeilen auch die Frage auf, was zum Teufel Briten eigentlich in Afrika zu suchen haben, ist es doch offensichtlich, dass jeder Einzelne dort vollkommen fehl am Platz ist. Fremdgehende Katholiken, ein Priester, der – man fühlt sich ein wenig an Ingmar Bergman’s Filmklassiker „Licht im Winter“ (1963) erinnert – der den Sinn an seiner Berufung verloren hat und sich mitschuldig fühlt an Scobies Suizid, und schließlich vor allem der Selbstmord an sich – das sind schon toughe Themen, die Greene da auffährt. Nur, dass der Kriminalteil nicht spannend, der Fremdgeherteil nicht leidenschaftlich und der Schuldkomplexteil nicht frappierend gerät. Man liest das alles und denkt sich: Och, naja, so ist das halt. Shit happens manchmal eben.

Sehr gut möglich, dass auch das letztlich so ein Generationending ist. Ich heute, siebzig Jahre nach Erscheinen, gar nicht mehr ermessen kann, welch wichtigen Dienst Greene der (Literatur-)Welt mit diesem Roman erwiesen hat. Da er einer der ersten Autoren war, die derlei Themen (europäischen Rassismus, Religionskritik) in die Öffentlichkeit brachten und er zudem die Gabe besaß das Ganze so zu verpacken, dass auch die breite Masse sich damit beschäftigen wollte, niemand von vornherein abgeneigt war. Denn auch das ist natürlich wahr: Mit dem Holzhammer kämpfen kann jeder. Mit dem Florett hingegen nur wenige.

Und so muss ich mich vielleicht auch bei Bon Jovi entschuldigen. Dass auch harte Kerle sogar in der Öffentlichkeit unfassbare Softies sein können, dass auch Männer geschminkt sein und eine lange Mähne mit Haarspray auftuffen dürfen, dass es gar nicht peinlich ist, tätowiert und in Lederklamotten Musik zu machen, zu der auch Greise und Kinder freudig mithoppsen – ohne Bon Jovi hätten wir all das vielleicht nie erfahren. Das Ende der maskulinen Steinzeit, der Beginn des feministischen Zeitalters, eingeläutet 1986 via „Slippery When Wet“. Der Gedanke gefällt mir.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

 

 

3 Kommentare zu “Slippery When Wet. Soeben ausgelesen: Graham Greene – „Das Herz aller Dinge“ (1948)

  1. Bludgeon
    27. Juni 2020

    Kenn ich, den letzten Satz: „Mein“ Spielhagen mochte Fontane! Gratulierte ihm zur „Effi Briest“! Ächz. Und Frank Goosen macht in „Liegen lernen“ MEINE Barclay James Harvest als Mädchenband runter!

  2. davidwonschewski
    27. Juni 2020

    Ja, das ist immer die Masterfrage. Wenn so viele beinharte Literaturkritiker das Ding heiligen, naja, dann liegt der Verdacht nahe, dass es eher an mir liegt. Absolut. Ich hatte das ja nur jüngst bei meinem ersten Hemingway ja auch, Himmel, und ich kriege derzeit so einen Eindruck von der Literatur der damaligen Zeit, de rmir nicht gefällt. Aber ich erkläre ihn mir auch zeithstorisch. Zu Kriegszeiten – oder kurz danach – lechzen die Menschen nach was Anderem als zu Kriegszeiten. Fridays for Future ist ja nicht ohne Grund eine Privilegiertenbewegung. Und mehr als „ganz gut“ kriege ich zu den Stones oder Beatles auch nicht gesagt. Alles das, weil: nicht vor Ort als es geschah. Thomas Verbogt, den ich ja die Tage hochlobte für seinen Roman, hat auch Greene genannt darin, ichd achte ich schau nicht richtig. Der den ich geil finde schreibt wie wichtig ihm Greene ist, den ich oll finde. Ganz lustig.

  3. Bludgeon
    27. Juni 2020

    Hm. Interessanter Veriss. Und dann noch die Bon Chauvi Entlarvung! Ich glaub dir jeses Wort. Ich kenne das Buch nicht. Aber ich kenne „Stunde der Kommödianten“ (Kuba; Castroputsch) und „Der stille Amerikaner“ (Vietnamkrieg). Ich fand die beide gut (mit 23 und 25 gelesen) , und von den „Kommödianten“ auch noch die Peter Ustinovverfilmung gesehen, allerdings alles vergessen, außer – dass ich begeistert war.
    Nanci Griffith erinnert an „The quiet american“ auf ihrem wunderbaren „Heart in mind“ Album. Also vllt hast du nur das falsche Buch von ihm erwischt, vielleicht ist er aber auch mittlerweile ein total überholter Autor der Kalten Krieges? Es spricht schon länger keiner mehr von ihm. Ich sollte mal wieder hineinschauen.

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