David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Sibylle Berg scheitert, Miriam Toews meistert. Soeben ausgelesen: Miriam Toews – „Die Aussprache“ (2019)

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von David Wonschewski

Sagen wir es so plakativ, wie es nun einmal ist: an sich will „Mann“ so einen Roman anno 2020 nicht mehr lesen. Nach medialer „#metoo“- und „menaretrash“-Überdosis ist der Akku irgendwie halt auch einfach erstmal leer. Und der Kaffee auf.
Was noch gar nix über“zu Recht“ oder „zu Unrecht“, über „wichtig“ oder „übertrieben“ feministischer Bestrebungen aussagen soll. Sondern einfach darüber, wozu man sich auf 250 Seiten noch mal extra geben soll, wo man es doch eh beinahe täglich in der Presse liest: Gestern und Schuld, dein Name ist Mann. Hoffnung und Unschuld, dein Name ist Frau.

Nun, offen gesprochen, ich weiß selbst nicht, warum ich dennoch zu „Die Aussprache“ griff. Vielleicht weil ich mir, als doch eigentlich „links-alternativer“ und doch zunehmend von allzu ideologischen thematischen Aufbereitungen abgestoßener Mann einfach noch einmal so richtig lustvoll den Rest geben wollte. Privilegiertheit und Masochismus lagen bekanntlich schon immer nah beieinander.
Vielleicht aber, und das kommt der Wahrheit vermutlich viel näher, wollte ich einmal schauen, ob der literarische Feminismus international differenziertere Lesarten zu bieten hat als der Nationale, dem man zwischen populistisch verbalisierenden SPIEGEL-Kolumnistinnen und Feuilleton-Karrieristen seit geraumer Zeit ausgeliefert ist.
Nun denn: Er hat. Und „Die Aussprache“ von Miriam Toews gerät auf den Punkt (was bedeutsamer ist als „grandios“ oder „toll“). Und das ohne 80 Prozent des eigenen weiblichen Geschlechts als komplett blöd oder total gehirngewaschen oder absolut naiv gleich mit abzuwerten. Eine wahre Kunst, die nur wenige Feministinnen beherrschen.

Das gewählte Grundsujet will den „angry white man“ dabei erst einmal abnerven: In einer abgeschiedenen ländlichen Gemeinde (den bewusst isoliert lebenden „Mennoniten“, eine Glaubens- und vielmehr Lebensrichtung, die den hierzulande bekannteren „Amish“ recht nahekommt) wird fast die gesamte weibliche Bevölkerung nachts qua Überfall erst betäubt, dann missbraucht und schlussendlich – als finale furioso und je nach Lust und Laune des Betäubenden – geschändet. Blickt aber in der Gemeinde erst mal keiner so richtig und die alten weisungsbefugten Männer sagen: Gericht Gottes! Schuld der Frau, hier offenbart sich Lasterhaftigkeit und Liederlichkeit des femininen Charakters, der Klatschgeschichten erfindet oder aber wahlweise seine gerechte Strafe und Sühne empfängt.
Et cetera.
Und „angry white man“-Leser so: gäähn.
Dumm nur, dass dieses Sujet keine Fiktion, sondern aktenkundig ist. Und nicht 1835 geschah, sondern nach 2005. Und nicht nur, ganz filmgerecht, junge aufblühende Frauen unter den Opfern waren, sondern Frauen jeden Alters.
Und „angry white man“-Leser so, jetzt dann doch unangenehm berührt: Nicht wirklich, oder?
Der Roman indes ist fiktiv. Die recht- und moralsprechenden Männer beschließen, die vorüber in der Stadt inhaftierten Missetäter in die Gemeinde heimzuholen und sie die Gnade und das Verzeihen des rechten Glaubens spüren zu lassen, dabei sogar vom Kollektiv erwirtschafte Gelder zur Aufbringung der Kaution zu verwenden.
Und die angry missbrauchten und betäubt zur Schwangerschaft genötigten Mennonitenfrauen so: Hä??!
Acht Frauen der Gemeinde versammeln sich also auf einem Heuschober und diskutieren, wie man nun umgeht mit der Situation. Gehen oder bleiben? Stumm und rechtlos, in der Gemeindehierarchie noch unter dem Vieh angeordnet, verharren – oder Kind und Kegel packen, fortziehen in „die Welt“, die keiner kennt und deren Auswüchse unbekannt sind?
Knieend sterben oder kniend leben oder aufrecht gehen oder aufrecht sterben – das sind die vier Wahlmöglichkeiten der Frauen.
Toews erster enorm guter Schachzug ist es, einen Mann als eigentlichen Protagonisten einzuführen. Ein quasi Externer, ein Lehrer, der in der erwähnten Gemeindehierarchie dieser landwirtschaftlich geprägten Kommune ganz unten steht, wird beauftragt, die zweitägige Diskussion der Frauen zu protokollieren. Da er der Einzige ist, der schreiben kann. Und von den Frauen nicht als Gefahr, ja nicht mal als Mann angesehen wird.
Das ist, mit Verlaub, genial gewählt. Denn derweil die acht Frauen im Gespräch stotternd „harte“ feministische Themen (Selbstbestimmung / Angst/ Abhängigkeit/ Liebe / Verantwortung / Glaube / Kinder) durchprügeln oder durchzuprügeln versuchen, agiert der nahezu unsichtbare Lehrer als Spiegel. Und offenbart gerade dadurch, dass er selbst in den Augen der anwesenden Frauen als wertlos und ehrlos erachtet wird, diese Frauen das in der Gemeinde vorherrschende Lebens- und Gedankenkonstrukt nicht nur stützen, sondern auch befeuern. Toews kehrt sie hervor: Die Schuld der Frauen. Nicht am Missbrauch, natürlich nicht. Aber an der Situation, die ist, wie sie ist. Diesem, zumindest hier zurecht, so üblen Geschlechter-Status-Quo.

Damit gerät „Die Aussprache“ vielfach differenzierter, vielschichtiger und letztlich verbindender als Sibylle Bergs Bestseller „GRM“, der gar nicht erst versucht, Männer und Frauen verbal einander näherzubringen, der nur eine Ausholbewegung, nur eine Schlagrichtung kennt. Die wirklich unangenehmen Fragen, Berg umschifft sie, ersäuft und erstickt sie geradezu in Furor. Zu Dreiverteln eine fulminant pointierte Gesellschaftsanalyse, ist „GRM“ zu einem Viertel aber eben auch ein heillos überfordertes, bewusst polarisierendes Fiasko, mit steter Tuchfühlung zum Genderpopulismus. All das ist Toews nicht.

Frau, entreiße dein Schicksal den weißen Kerlen, krakeelt Berg.

Frau, dein Schicksal liegt in deiner eigenen Hand. Dummerweise lag es da aber auch die vergangenen 2000 Jahre schon. Sagt hingegen Toews, sachlich.

Mehr soll hier bewusst nicht ausklamüsert werden. Lesen lohnt sehr, Empfehlung.
Man liest, dass Miriam Toews dereinst selbst einer mennonitischen Gemeinde entrann. Allein aus dem Aspekt heraus – bald 35 Jahre nach Peter Weirs Film „Der letzte Zeuge“ (mit Harrison Ford) ist „Die Aussprache“ schon einen Schmöker wert. Denn auch wenn wir modernen Menschen lachen und schmunzeln: Je abgespeckter eine Gesellschaft, desto klarer, ja geradezu destillierter treten Grundprobleme zutage. Was auch das Highlight an dem Roman ist – und man darf vermuten, es ist auch der toewsche Grund den Roman hier anzusiedeln. Denn wie abgespeckt, abgeschabt liegt die Grundproblematik plötzlich da, frei vom Schmonz und von all den Eitelkeiten unserer Zeit: Braucht Frau Mann nun eigentlich? Und wäre Mann nicht eventuell viel friedfertiger – ohne Frau?

Ein Musikjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Juli 2020 von in 2019, Anderer Geister Werk, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , .
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