David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Die faszinierende Geschichte hinter dem Mega-Hit. Heute: Michael Jackson – „Billie Jean“ (1982)

mjackbi

von David Wonschewski

Produzent Quincy Jones kriegt sich kaum ein vor Lachen. Es ist Anfang der 80er-Jahre und soeben ist er daheim bei einem seiner jüngeren musikalischen Schützlinge hinaus in den Garten getreten, um den Pool zu bestaunen. Zu beglotzen gibt es in erster Linie aber was ganz anderes: eine Frau. Locker gewandet im Bikini, lässig dahingeflezt auf einer Liege, die Sonnenbrille auf der Nase. Wer die Frau ist? Na, die Freundin seines Schützlings. Und Mutter seines Sohns. Ist doch klar!

Den Rest erledigt der Wachschutz, die Frau wird sanft, aber bestimmt vom Grundstück des kommenden King of Pop komplimentiert. Wie sie es überhaupt dort hinauf geschafft hat, noch dazu in dieser Selbstverständlichkeit – weiblich-fanatischer Erfindungsreichtum. Noch als die Dame längst fort ist, biegt Quincy Jones sich vor Lachen. Er arbeitet seit Jahrzehnten mit millionenschweren Popstars, er kennt den Wahn von Groupies gleichermaßen wie die Neigung seiner unreifen männlichen Stars wenig bis gar nichts anbrennen zu lassen. In der Regel nimmt er derlei Geschichten daher ernst, sehr ernst. Das hier aber nicht, das ist einfach nur lachhaft.

Denn das hier ist Michael Jackson. Und der ist… Quincy Jones weiß selbst nicht, was der ist, er weiß nur, dass er seit frühester Jugend schon anders ist. In Bezug auf: alles. Er hat schon die Band von Michael und seinen Brüdern produziert, die Jackson 5, allen vier anderen Jacksons hätte er ohne Weiteres zugetraut auf Tour in irgendeiner Besenkammer wilden Sex mit einer Unbekannten zu praktizieren, mitsamt unliebsamen Folgen. Aber Michael? Nein. Niemals.

Während Quincy sich totlacht, ist Michael Jackson weniger amüsiert. Er ist mit diesem beängstigenden Phänomen aufgewachsen: älteren Brüdern, die sich ausleben wollen. Und Frauen, die genau das, aus welchem Grund auch immer, zu nutzen trachten. Es gab eine Zeit, in der in jeder Großstadt der USA mindestens eine Handvoll Frauen zu finden war, die felsenfest bezeugten, dass einer der Jackson 5 Vater ihres Kindes ist. Auch was das Thema angeht, ist Michael Jackson hochempfindlich.

Michael Jackson setzt sich also hin und macht das, was er am besten kann: einen Song. Den Text zu „Billie Jean“ hat der hochveranlagte Musiker in einem halben Tag fertig. An der Musik wird er viele Wochen feilen, allein die Basslinie beschäftigt ihn 20-30 Tage. Das Problem ist gar nicht so sehr, dass ihm nichts einfällt. Das Problem ist: er hat zu viele Ideen. Was das bedeutet, erläutert der amerikanische Plattenmogul Antonio „LA“ Reid in einem Interview mit dem Rolling Stone im Jahr 2004: „Billie Jean is the most important record he’s made, not only because of its commercial success but because of the musical depth of the record. It has more hooks in it than anything I’ve ever heard. Everything in that song was catchy, and every instrument was playing a different hook. You could separate it into 12 different musical pieces and I think you’d have 12 different hits. Every day, I look for that kind of song.“

Bisschen was zu meckern hat Quincy Jones aber schon. Am Titel zum Beispiel: „Billie Jean“ ist komplett ungeeignet, noch zu sehr ist dieser Name mit der weiblichen US-Tennisikone Billie Jean King verbunden, einer bekannten Kämpferin für gleichgeschlechtliche Liebe, was ja nun gar nicht zum textlichen Inhalt des Liedes passen will, zu viel unnötige Verwirrung hervorrufen wird. „Not my Lover“ soll das Stück besser heißen. Nun, an Michael Jackson beißt er sich damit die Zähne aus: Das Lied kommt 1982 als „Billie Jean“ heraus, landet in kaum einem Land nicht auf Platz 1 und wird einer der bekanntesten Hits der Popgeschichte.

Okay, okay, denkt sich Quincy Jones. Dann aber das Intro, das ist ja fast 30 Sekunden lang, dauert viel zu lange bis da der Gesang einsetzt, das muss kürzer, knackiger, das muss sofort BÄMM machen! Nö, sagt Michael, gerade das Intro erweckt in ihm doch die unbändige Lust zu tanzen, eben weil es so lang ist. Quincy Jones ist alles andere als ein Produzenten-Leichtgewicht, der Mann weiß was geht, was läuft. Er weiß aber auch, dass Michael Jackson tänzerisch aus einer anderen Galaxie stammt. Also überlässt er auch hier seinem künftigen Weltstar die Deutungshoheit.

Legendär wird die Nummer aber auch aus einem anderen Grund: dem zugehörigen Video. Und das in gleich zweierlei Hinsicht. Zum einen war das junge MTV zu Beginn der 80er-Jahre, ob nun rassistisch oder nicht rassistisch motiviert, eine rein weiße Angelegenheit. Weiße Musikredakteure stellten einem weißen Publikum weiße Musik vor. Heutzutage ist, im Übrigen zuvorderst dank Michael Jackson, gar nicht mal mehr so klar, was „weiße Musik“ überhaupt ist, 1982 sah die Welt in dieser Hinsicht noch eindeutiger aus. Vor „Billie Jean“ hatte es mit der Jungencombo Musical Youth und ihrem Hit „Pass the Dutchie“ nur einen farbigen Act gegeben, der es in die Hot Rotation geschafft hatte. Da hatten jedoch andere, sehr kommerzielle Beweggründe den Ausschlag gegeben. Michael Jackson, in jenen Jahren längst ein Superstar, wurde noch geschnitten, so gut es ging. Bis seine Beliebtheit und sein Erfolg zu einem derart wuchtigen Argument wurden, das selbst das seinerzeit große MTV nicht wegdiskutieren konnte. Die TV-Macher versuchten noch „Beat it“ ins Programm zu nehmen anstatt „Billie Jean“, immerhin war dort der weiße Van Halen-Rockgitarrist Eddie mit von der Partie, aber vergeblich: „Billie Jean“ war es vorbehalten die rassistische Mauer zu durchbrechen, „Beat it“ schlenderte nur knapp versetzt hinterher, etwas später dann „Thriller“. Drei Songs, drei Musikvideos für die Ewigkeit.

Untrennbar mit „Billie Jean“ ist so vieles verbunden, was Michael Jackson zum Star machte: Er initiierte eine ganz neue Form von, tja, durchchoreografiertem Hochleistungstanzen, heute Standard in jedem hotten Uptempo-Song, seinerzeit noch arg unüblich. Das war neu, das hatte Druck, das war schlichtweg geil. Das Tanzen auf sich nach und nach erleuchtenden Quadraten, aus der Not geborene Idee, wurde später nicht nur in unzähligen weiteren Musikvideos kopiert, sondern auch in TV-Shows, Werbeclips, und und und.

Und dann das Jahr 1983: Anlässlich 25 Jahre Motown Music gab es ein live im TV übertragenes Konzert, an dem viele Labelgrößen teilnahmen. Auch die Jackson 5 fanden sich noch einmal kurz in der Ur-Besetzung zusammen. Man war darauf eingestellt rührselig ein paar alte Songs zu trällern, sich publikumswirksam auf der Bühne zu umarmen, Nettes über das Label, die farbige Community, den Zustand der Welt zu sagen. Klappte auch ganz gut, bis Michael Jackson alles sprengte, die Medley-Performance seiner Brüder plötzlich, wie mit einem Knall, mittels „Billie Jean“zu einem seichten Klamauk verkümmern ließ. Das Video, unten eingebunden, bitte in Gänze schauen, genießen (vorspulen auf 1:49 min, ab dann durchaus aber auch die paar Minuten Jackson 5 genießen, der plötzliche Bruch danach ist wunderbar). Es ist alles zum ersten, wirklich ersten Mal da: Die weißen Handschuhe, wie er mit dem Hut spielt und ihn in einer unglaublich schwungvollen Bewegung wegschleudert, immer eine Hand in der Hosentasche, der ganze Bewegungsapparat. Und natürlich: (bei Minute 13.00 etwa) der erste öffentliche Moonwalk.

Einer der größten Momente der Pophistorie.

Abgeschaut hat sich Michael Jackson den Moonwalk im Übrigen bei einem Mann namens Jeffrey Daniel. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lesen Sie auch die Hintergrundgeschichte zu:

Kansas – „Dust in the Wind“. Und zwar: HIER.

Kate Bush – „Wuthering Heights“. HIER.

Noch viele mehr –HIER.

Ein Musikjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

 

2 Kommentare zu “Die faszinierende Geschichte hinter dem Mega-Hit. Heute: Michael Jackson – „Billie Jean“ (1982)

  1. davidwonschewski
    23. April 2020

    Vielen Dank für die Rückmeldung. Ja, absolut. Letztlich ist es bei Songs wie mit Menschen: man kann ihnen in der Regel nur vor die Stirn schauen, denkt das reicht, um sie zu kennen. Ab und an gibt es aber was zum Wühlen und man merkt: wenig ist so plakativ wie es scheint. Oder so; – )
    Viele Grüße,
    David

  2. auflderlsuche
    23. April 2020

    Wow, wie spannend und witzig mal die Hintergrundgeschichte zu diesem absoluten Meisterwerk zu erfahren. Ein sehr gelungener Artikel!!

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