David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Wenn nichts so sehr erdet wie eine Hasenscharte. Soeben ausgelesen: Knut Hamsun – „Segen der Erde“ (1917)

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von David Wonschewski

Angelockt von seinem knapp 30 Jahre zuvor, 1890, entstandenen Debütroman „Hunger“ (HIER), von dessen sprödem Humor und seiner philosophischen Reduktion aufs Minimum, trachtete ich also danach einmal zu schauen, wofür Knut Hamsun denn da eigentlich später seinen Literaturnobelpreis einheimste: „Segen der Erde“.

Zugegeben, die knappe Zusammenfassung auf dem Buchrücken wollte mir wenig zusagen: da geht also ein einfacher Bauer hin, um in der kargen, nahezu unbesiedelten norwegischen Ödmark Land zu beackern. Erst wohnt es sich recht einsam dort, soäter gesellt sich ihm eine Frau hinzu. Die beiden verzweifeln ein wenig an der Natur, aber nicht komplett, verzweifeln auch an Dorfbewohnern auf Stippvisite und vorbeiziehenden Lappen, aber eben auch nur ein bißchen – und arbeiten sich dort in der kalten Wildnis den Allerwertesten ab. Und, juhu, bringen es mittels Zähigkeit und Gottvertrauen zu was. Der Hof wächst, die Familie wächst, viele Jahre später wohnt es sich schon nicht mehr ganz so einsam dort, diverse Neudiedler sind hinterhergezogen, haben eigene Höfe aufgebaut. Und unser Bauer, längst wirtschaftlich einigermaßen gut gestellt, mit dem meisten Vieh und den besten Gerätschaften, wird als eine Art Markgraf akzeptiert. Großgrundbesitz von der Pike auf gedacht, gewissermaßen.

Nimmt man dann noch hinzu, dass in diversen Artikeln auf die biblische Kraft von „Segen der Erde“ hingewisen wird, ja unser Bauer sogar den Namen Isak trägt, er mit diversen Plagen zu kämpfen hat, eine fast schon stoische Gleichmut ihn über die Scharmützel mit neidvollen, eitlen Nachbarn und Mägden, schwedischen Kapitalisten und auf schnellen Reibach schielenden Großkaufleuten trägt, ja sich in die Geschichte sogar zwei in Flüssen ertränkte Neugeborene und verlorene Söhne finden, nun, da ist der Interessen-Ofen bei mir persönlich erstmal: aus.

Wie gut, dass auch ich über eine etwas halsstarrige Art verfüge: was gekauft wird, wird gefälligst auch gelsen! Mich also auf einen zähne Lektürekampf vorbereitet – der es dann nicht wurde. 500 Seiten in nichtmal vier Tagen habe ich verschlungen. Geschuldet Hamuns erneut sehr spröden, so klaren Schreibstil, seiner Freude daran sämtliche Protagonisten als, wie sage ich es, nun charakterlich etwas limitiert darzustellen, mit einer Fülle guter Eigenschaften, die durch ein, zwei üble Eigenschaften pulverisiert, zumindest egalisiert werden. Der Mensch, er scheitert nie an der Natur, sondern zuvorderst an seiner eigenen Beschränktheit, so gibt uns Hamsun in „Segen der Erde“ mit auf den Weg. Da ist Inger, Isaks, Frau, die dereinst nur deswegen den Weg in die Ödmark fand, da sie nicht die Hellste ist und dazu seit Geburt mit einer Hasenscharte ausgestattet, ergo im Dorf an keinen Mann vermittelbar. Isak nimmt sie, sie bekommen zwei Kinder, kurz vor der dritten Niederkunft aber taucht ein vorbeireisender Lappe auf, zeigt den Kindern einen toten Hasen, was von der abergläubischen Inger als Weissagung verstanden wird, nach zwei gesunden unversehrten Kindern wird das dritte Kind ihren Fluch annehmen. Ob da was dran ist oder nicht lässt Hamsun offen, Inger besteht darauf bei der Geburt allein zu sein, sieht das Kind und, man muss es so sagen: entsorgt es schnell. Kommt ins Gefängnis, sieben Jahre (natürlich sieben!). Und kommt verändert zurück. Nein, nicht traumatisiert, im Gegenteil:  Dort, im Frauenknast der Hauptstadt, hat sie eine gute Ausbildung erhalten, viele handwerkliche Tätigkeiten erlernt, sich den Tonfall der zumindest etwas besseren norwegischen Gesellschaft draufgeschafft, plus, man ahnt es fast: deren Begehrrichkeiten. Das Schlimmste aber: Inger wurde dort im Knast endlich einmal von anständigen Ärzten begutachtet, eine kleine Operation später bleibt von dem, was einst ein Fluch war nur noch eine kleine Narbe auf der Oberlippe. Schalu und schön kehrt Inger also auf den Hof zurück, zum zwar tüchtigen, aber wortarmen, auf seine Art einfältigen, so gar nicht eleganten, null attraktiven Isak. Um es angelehnt an Loriot zu sagen: im Frauenknast war definitiv mehr Lametta!

Inger kommt zurück, bringt noch eine gesunde Tochter mit, und quartiert ich bei Isak und ihrer alten Widersacherin Oline ein, die zu ihrer entfertnen Verwandtschaft gehört, ein intrigantes Klatschweib ist, auf dessen Hilfe der in Sachen Kommunikation so arg limitierte Isak während Ingers Abwesenheit aber angewiesen wr.

„Isak hatte es durchaus bemerkt: Wenn Os-Anders oder andere Lappen da gewesen sind, kocht Oline noch längere Zeit danach Kaffee in Ingers kleinem Kessel. Sie tut es, wenn Isak im Wald oder auf dem Feld ist, und wenn er sie dabei überrascht schweigt er. Aber er weiß, dass er jedes Mal um einen Ziegenkäse oder ein Knäuel Wolle ärmer geworden ist. Deshalb ist es eine gute Leistung von Isak, dass er Oline nicht zwischen seine Finger nimmt und sie ob ihrer Niedertracht zerquetscht. Überhaupt versucht Isak wahrlich, ein immer besserer Mensch zu werden, was immer er damit beabsichtigt, ob es um des Hausfriedens willen ist oder weil er hofft, Gott werde ihm dadurch Inger wiedergeben. Er hat einen Hang zum Grübeln und zum Aberglauben, sogar die Bauernschläue, die er besitzt, ist treuherzig. Zu Anfang des Herbstes hatte sich gezeigt, dass das Grasdach auf seinem Stall über dem Pferd herabzusacken begann, da kaute Isak ein paarmal an seinem Eisenbart, aber dann lächelte er wie ein Mann, der einen Spaß versteht, und stützte das Dach mit Sparren wieder auf. Kein böses Wort war ihm entfahren. Ein anderer Zug: Der Schuppen, in dem er seinen gesamten Lebensmittelvorrat hatte, stand nur an den Ecken auf hohen Steinfüßen. Durch die große Lücke in der Mauer kamen kleine Vögel in den Schuppen und flatterten darin herum und fanden nicht wieder hinaus. Oline klagte, die Spatzen pickten in den Lebensmitteln und trippelten auf dem Pökelfleisch herum und machten noch Schlimmeres. Isak sagte: Es ist nicht gut, dass die Vögel hereinkommen und nicht wieder herausfinden! Und mitten in einer arbeitsreichen Zeit brach er Steine und verschloss die Lücken in der Mauer.

Wer weiß, was er sich dabei dachte, ob er hoffte, Inger bald wiederzubekommen, wenn er sich so gut aufführte.“

So gesehen ist „Segen der Erde“ ein Buch, dass derzeit wieder vermehrt gelesen und auch gemocht werden dürfte. Denn nicht nur erzählt Hamsun hier die Geschichte eines Mannes, der zwar zu Wohlstand gelangt, dem ein jegliches kapitalistisches Denken jedoch abgeht, der nichtmal der Berufswahl seines ältesten Sohnen, der Kontorist wird, etwas abgewinnen kann. Mehr als einmal lassen die verschrobenen Charaktere des Romans gewinnsüchtige Finanzjongleure auflaufen, ach was sage ich denn: ziemlich doof dastehen. Mehr als einmal zeigt Hamsun, dass Tiere charakterlich weit über dem Menschen stehen, dass ein einfaches Leben mit harter Arbeit weiter trägt als ein Streben nach Gewinn, Schmuck, Kleidern. Allein die Späße, die seine Söhne angesichts der zu erwartenden Millionenerbschaft eines alten Onkels treiben, machen klar, dass – so plakativ sich das hier auch anhört – ein fruchtbarer Boden und regelmäßiger Regen, frische Landluft und ein unverstellter Blick hinauf aufs Land in ihrer Prioritätenliste weit über einer Erbschaft stehen.

Es sind immer nur die Einflüsse von Außen, die das Leben Isaks beschweren. Der älteste Sohn, der für die Landarbeit nicht geschaffen ist und sich auch nicht für Frauen interessiert – latent deutet Hamsun hier eine potenzielle Homosexualität an – und der einen benachbarten, von Isak aufgekauften Hof nichtmal gechenkt haben will, nur in den USA seine Zukunft sieht. Die Großstadt Bergen mit ihren sinnlosen Versprechen, auf die zuvorderst die Frauen in „Segen der Erde“ hereinfallen. Der norwegische Staat, der einen Mann nicht einfach Mann sein und sein Land beackern lassen kann, permanent von der ahnungslosen Hauptstadt neue Verordnungen in die Ödmark schickt. Nicht zu vergessen die Schweden, für den Provinznorweger offensichtlich Sinnbild für etwas degenerierte Geschäftemacher, denen bestenfalls erahnte Mineralvorkommen in den Bergen der Umgebung wichtiger sind als das Gesindel, das für sie in den entsprechenden Stollen schuften darf.

Ich habe die landwirtschtlich-historische Entwicklung Europas nun nicht auf dem Schirm, es ist jedoch vorstellbar, dass das was Hamsun dort vor 100 Jahren beschrieb, kein Traum war, sondern eine umsetzbare Realität. Dass er damals – wie heftig! – schon merkte, dass monetär und in Sachen Werte was ziemlich aus dem Ruder läuft in unserer Gesellschaft. Nur ein „zurück zu den Ursprüngen“ Rettung verspricht. Damals vielleicht noch ein Akt des Willens und Wollens. Heute, 2020 gesellt sich zu Willen und Wollen auch noch die Notwendigkeit hinzu so einen menschenleeren Landstrich wie die Ödmark noch zu finden. Und, achja, zu wissen wie man mit zwei Händen und einer Axt einen Stall errichtet. Ich persönlich wäre damit schon überfordert.

Ein großartiges Buch, das sich auch deswegen gleichermaßen vergnügt wie atemlos liest, da man selbst die kaputtesten Gestalten (Oline, Geissler) laut lachend umarmen möchte. Und man zudem beständig ahnt, dass dieser so schön erdachte Naturladen dem naiven Isak über kurz oder lang zwangsläufig um die Ohren fliegen muss. Geht ja gar nicht anders.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

 

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