David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Soeben ausgelesen: Philip K. Dick – „Der dunkle Schirm“ (1977)

dunkdick

von David Wonschewski

Beliebte Bibelstelle, dieses 1Kor 13,12 – also aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther. Inspirierte schon 1961 den Pastorensohn Ingmar Bergman zu seinem düsteren Schizophrenie-Filmdrama „Wie in einem Spiegel“ und ließ auch den unbegreiflicher Weise noch immer zuvorderst unter Science Fiction laufenden Kultautor Philip K. Dick nicht kalt, was 1977 in der Veröffentlichung seines Romans „Der dunkle Schirm“ resultierte. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild“, heißt es bei Paulus, was sich in Bergmans Protagonistin Karin in Visionen äußert, bei Dicks Bob Arctor hingegen in der für Dick typischen Melange aus Drogen und totalitärer Überwachung, hübsch gewürzt mit einem deftigen Schuss sich daraus entwickelnder Dauerparanoia.

Bob Arctor arbeitet als verdeckter Ermittler in der Drogenszene von Kalifornien. Um möglichst glaubwürdig zu wirken, beginnt er in zunächst kleinem Rahmen, dann in zunehmend größerem Stil mit Drogen zu dealen. Sein Ziel: an die Hintermänner der Kleindealerin Donna zu kommen, von der er seinen Stoff bezieht. Arctor lebt mit zwei ausgemachten Freaks, dem grenzgenialen Tüfftler Barris und dem Sunnyboy Luckman zusammen, eine ziemliche Chaos-WG, bei der die gehorteten Drogen, man kann es sich fast denken, nicht ausschließlich für den Weiterverkauf gedacht sind.

Die Geschichte spielt zu Beginn der 90er Jahre, von Dick aus betrachtet also gut 15 Jahre in der Zukunft, was den visionären Gelüsten des Autors genug Möglichkeiten lässt sich in manch dystopisches Gewand zu kleiden. Ins Pantheon Dickscher Fantastereien hat es dabei definitiv der „Jedermann-Anzug“ geschafft, ein in Geheimlaboren entwickeltes Kleidungsstück für Agenten, die darin mitsamt Gesicht ein für jedermann ständig wechselndes anderes Aussehen annehmen. Somit schlichtweg unerkannt und nicht identifizierbar bleiben. Um sich zu schützen trägt Bob Arctor diesen Anzug immer dann, wenn er unter dem Decknamen „Fred“ mit seinem behördlichen Vorgesetzten Hank zusammentrifft, der dann ebenfalls einen solchen Anzug trägt. Bob weiß also nicht wer sich hinter Hank verbirgt und vice versa. Als die eigentliche Zielperson von Bob spurlos verschwindet erhält er von Hank daher einen neuen Auftrag, der gleichermaßen herrlich schwachsinnig wie in diesem Rahmen plausibel ist: er soll sich an den Drogenhändler Bob Arctor heften. In seiner WG werden Überwachungskameras installiert und Bob hat den Auftrag die Aufnahmen in einem geheimen Büro einige Straßenzüge weiter regelmäßig zu sichten, um zu sehen was Arctor und seine zwielichtigen Mitbewohner so treiben. Eine Aufgabe, die zunächst widersinnig erscheint, weiß er doch auch ohne Kameras was dort getrieben wird, dann jedoch brisant wird, als er Barris über die Kameras bei manch auffällig seltsamer Aktion beobachtet.

Doch Dick wäre nicht Dick, würde er diese nette Idee nicht noch weiter drehen. Und so dauert es nicht lange, und Bob Arctor sieht auch sich selbst auf den Filmaufnahmen – wie er in augenscheinlich klarem Bewusstsein Dinge tut, an die er keinerlei Erinnerung hat. Der Einstieg in den Wahnsinn.

Was die Literatur von Philip K. Dick auch in „Der dunkle Schirm“ so attraktiv macht ist, dass er seine Geschichten niemals allzu weit in die Zukunft verlagert und somit selten allzu „spacig“wird. Und so gerät auch dieser Roman zuvorderst zu einer ziemlich lustigen Geschichte um drei verpeilte Hippie-Freunde, die wahnsinnig viel zugedröhnten Spaß miteinander haben, schlussendlich aber derart neben der Spur sind, dass sie sich gegenseitig derart misstrauen, dass gleich eine ganze Reihe hochamüsanter „Die drei Stooges“-Momente dabei herauskommt. So gesehen ist es flappsige Underground-, inzwischen vielleicht eher Popliteratur. Wäre da nicht der thematische, dieser gesellschaftsdystopische Umhang, den Dick mit verdammt feiner Nadel zu nähen versteht. Dass der 1982 verstorbene Autor sich mit Drogen beinahe jeglicher Coleur sowie gescheiterten Entwöhnprogrammen bestens auskannte macht er hier Seite für Seite deutlich. Und er vermischt seine eigenen Erfahrungen mit Verschwörungstheorien, die faszinierender Weise, umso spinnerter sie erscheinen, desto plausibler werden. Gut, an einen „Jedermann-Anzug“ muss man sich auch 2020 gedanklich noch gewöhnen. Aber dass es beispielsweise eines Tages Firmen geben könnte, die zu einer monopolartigen Marktmacht gelangen und den Massenkonsum zu einem irrwitzigen perpetuum mobile verkommen lassen, oha, doch, dieser Entwicklung sind wir seit Erscheinen des Romans doch schon unfassbar nahe gekommen.

Die Krönung – und damit auch der Grund, warum Dick als weitaus mehr als „nur“ ein Science Fiction-Autor – jedoch bilden seine philosophischen Spekulationen. Das Spiel aus Schein und Sein, aus Wirklichkeit und Wahn, aus Bedrohung, Verschwörung und Paranoia – niemand hat empiristische Unschärfen im Sein des Menschen literarisch vor Dick derart auf die Spitze getrieben. Und niemand, so wie in „Der dunkle Schirm“, so weit zu Ende gedacht bis von der Persönlichkeit und der Individualität eines Menschen, hier von Bob Arctor, nichts mehr übrigbleibt, alles zerbröselt ist. Sympathisch verbunden mit der Jahrtausende alten und auch von Dick nicht konkret beantworteten Frage, ob nicht genau das der beste aller Bewusstseinszustände ist: nichts zu wissen, nichts zu ahnen, keine Erinnerungen zu besitzen, keine Zukunft zu kennen.

Im Hier und Jetzt zu schweben.

„Das ist ungefähr so, als hätten Sie in Ihrem Wagen zwei Tankanzeiger, sagte der erste Beamte. Und einer davon würde anzeigen, dass der Tank voll ist, während der andere auf leer steht. Beide Anzeigen können nicht gleichzeitig zutreffen, die Informationen liegen im Widerstreit miteinander. Nun ist es aber in Ihrem Fall nicht so, dass einer der Tankanzeiger funktioniert und der andere nicht, vielmehr…Also, so sieht die Sache aus: Beide Tankanzeiger überwachen genau die gleiche Menge Benzin – das gleiche Benzin, der gleiche Tank. Sie testen sozusagen das gleiche Ding. Sie als Fahrer haben nur eine indirekte Beziehung zum Benzintank, nämlich über die Benzinanzeige oder, in Ihrem Fall, die Benzinanzeigen. Tatsächlich könnte der Tank völlig leer sein, und Sie würden nichts davon wissen, bis es Ihnen eine Anzeige auf dem Armaturenbrett mitteilt oder der Wagen einfach stehen bleibt. Es sollte also nie zwei Benzinanzeigen geben, die einander widersprechende Informationen liefern, denn wenn das der Fall ist, können Sie überhaupt kein Wissen mehr über den Zustand erlangen, auf den sich Ihre Informationen beziehen.

Fred sah die beiden an. Und was bedeutet das Ganze?

Ich bin mir sicher, dass Sie das bereits wissen, sagte der Beamte links von ihm. Sie erfahren es, ohne zu begreifen, warum und was es genau ist.

Die beiden Hemisphären meines Gehirns konkurrieren miteinander?

Ja.

Wieso?

Substanz T. In funktionaler Hinsicht bewirkt sie das oft. Das war es, was wir erwartet hatten, das war es, was der Test uns bestätigt hat. Die für gewöhnlich dominante linke Hemisphäre ist geschädigt, und die rechte Hemisphäre versucht fortwährend, die durch diese Schädigung bedingten Ausfälle zu kompensieren. Aber die nun paarweise auftretenden gehirnfunktionen verschmelzen nicht zu einem einheitlichen Ganzen, weil der Körper für diesen Zustand nicht ausgelegt ist.“

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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