David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Und, was lest ihr gerade so? 02. Juli 2020

gespräkathe

Und so lässt sich die Schar der Bücherenthusiasten in zwei Lager trennen: Auf der einen Seite das sympathische Volk der entspannten Lust-und-Laune-Schmökerer, die Bücher kaufen, weil der Klappentext ganz nett klang. Die ihre Bücher beim Lesen knicken und kneten und über zwei unschätzbare Tugenden verfügen: sich Bücher ausleihen sowie eigene Bücher verleihen. Auf der anderen Seite hingegen jene abgeschmackte Sippe notorischer Romanbürokraten, gehetzte und getriebene Lesegeister, die ihre Bücher nach Größe und Farbe sortieren, ihre „gelesen-“ und ihre „noch nicht gelesen-Stapel“ nach Zentimeter bemessen, nebeneinanderstellen, mitunter sogar hochmathematische Formeln finden, mit denen der eine Stapel zum anderen Stapel aufs Jahr gesehen in Relation gesetzt wird. Und die nur deswegen eine Schusswaffe im Haus haben, weil es immer wieder mal Gäste gibt, die dem Fehlschluss erliegen Bücher in Regalen wären da, um von Herrn Hinz und Frau Kunz mit ihren Drecksgriffeln einfach so da rausgezogen zu werden. Sind sie nicht!!!

Was soll ich lügen. Ich bin ein solcher Verdammter, gehöre zur letzten Gruppe. Ich führe eine Buch-Excelliste, die mehr Spalten hat, als ich weit zählen kann. Die werde ich niemals jemandem zeigen, es sind schon ganz andere Leute für unmündig erklärt worden. Womit wir bei Mario Vargas Llosa wären. Ich habe mir vorgenommen, alle seine Bücher zu lesen. Warum? Keine Ahnung. Ist halt so. Vielleicht weil ich Worte wie „Teniente“ oder „Serrano“ so gern lese (ich glaube mittlerweile, Vargas Llosa kann gar nicht ohne). Oder weil mich Militärregime-Stories per se in den Bann ziehen. Vielleicht würde ich auch einfach gerne mal nach Südamerika, kann auch sein. Damit aber nicht genug: Wie auch bei Philip Roth und Orhan Pamuk habe ich mir vorgenommen, die Bücher chronologisch zu lesen. Warum? Nun, manche schwören einen Eid auf die Fahne, ich schwöre einzig auf meine Excel-Liste. Linientreu ist für mich nicht einfach nur ein Wort, nein, es ist ein Wert! Sprach’s und wusste sofort, dass diese Erklärung, abgesehen von reichlich Pathos, ziemlich schmal daherkommt.

„Gespräch in der Kathedrale“ ist der dritte Roman von Vargas Llosa, Baujahr 1969. Wenig überraschend geht es wieder um junge Südamerikaner, die in einem sehr militaristischen Umfeld aufwachsen. Ihre eigenen Wege finden, darin zu überleben, Karrieren zu starten oder auch kaputt zu gehen. Und, ebenso wenig überraschend, hat Vargas Llosa wenig Lust daran „den Leser mitzunehmen“. Schon das Debüt „Die Stadt und die Hunde“ (1963) war sehr anspruchsvoll, der Nachfolger „Das grüne Haus“ (1966) dann schon zum irre werden. „Gespräch in der Kathedrale“ – ich bin auf Seite 100 – ist da nicht viel anders. Vargas Llosa klatscht verschiedene Zeit- und Erzählebenen brutal ineinander, oftmals weiß man nicht, wer da gerade spricht und wann und wenn man weiß wer da gerade spricht, weiß man nicht wann und wenn das Wann klar ist, so hilft das nur wenig, wenn man nicht weiß wer. Manchmal haut er eine Dialogzeile einfach so in die Erzählung und wenn man gut ist, erinnert man sich, dass diese Zeile eigentlich ein Versatzstück der Situation von vor 45 Seiten ist, Zeitebene 3, Subthema 8c. Wenn man das aber nicht peilt, dann irrt und wirrt man herum, fragt sich, wo denn der „Don Cayo“ plötzlich herkommt, saß der auch mit am Tisch von Anfang an? Nein, saß er nicht. Der Autor hatte einfach Bock dem Leser den Mittelfinger zu zeigen. Da ich die späteren Bücher von Vargas Llosa nicht kenne, weiß ich nicht, ob der diesen Inhalten und diesem „Heul doch und renn‘ zu Mama, du blöder Leser!“-Stil treu geblieben ist. Den Nobelpreis (2010) kriegt man ja gewiss nicht, weil keiner einen gerafft hat.

Lesemasochist, der ich bin, zieht mich so etwas ja total an. Noch auf Seite 100 nur bedingt zu wissen, worum es geht. Und mir die good ol‘ „Königs Erläuterungen“ meiner Schulzeit zurückzuwünschen.

 

 

4 Kommentare zu “Und, was lest ihr gerade so? 02. Juli 2020

  1. buchuhu
    10. Juli 2020

    Vargas-Llosa-Kenner zu sein, möchte ich mir nicht unbedingt anmaßen, Vargas-Llosa-Fan bin ich auf alle Fälle. Ich hab… lass mich zum Regal gehen und nachschauen… ja, 13 Bücher von ihm gelesen. Beim Lesen Deiner „Kathedrale“-Rezension hat mich große Nostalgie überkommen. Eines dieser älteren Werke müsste ich auch mal wieder lesen, sein Alterswerk ist dagegen nur ein müder Abklatsch. Auch den „Hauptmann und sein Frauenbatallion“ kenne ich noch nicht – aber wie kommst Du darauf, dass da weniger gebumst wird? 🙂

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  2. davidwonschewski
    10. Juli 2020

    Hey – besten Dank! Deinen Kommentar habe ich schon eher gelesen, er begleitete mich auf den letztm 300 Seiten der Kathedrale…ach, den Rest liest du evtl ja in meiner Gesamtrezension zum Buch, ist gerade online gegangen. Du bist also quasi ein Vargas Llosa-Kenner? Klasse. Mich pikiert es ja, dass ich je älter ich werde, umso mehr mich für so Militärregine-Plots interessiere. Gib mir noch 20 Jahre und ich schau mir gewiss auch wieder Zweiter Weltkiegsfilme an, „Brücke von Dingsbumms“ und so…;-) Beste Grüße!

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  3. buchuhu
    9. Juli 2020

    Wenn Du tatsächlich chronologisch weiterliest, wird es tendenziell immer leichter… weil man dann mit Vargas Llosas Erzähltechniken vertraut ist, aber auch, weil er sie nur noch in der Light-Version anwendet. Du hast noch viel Schönes vor Dir, aber „Die Stadt und die Hunde“ und „Das grüne Haus“ sind und bleiben meine Lieblingsbücher von Vargas Llosa. Die „Kathedrale“ habe ich noch nicht gelesen, eine von vielen Lücken, die ich noch habe.

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  4. Klausbernd
    5. Juli 2020

    Hi David,
    tja, wir gehören auch zur zweiten Gruppe der Leser, die metikulös jedes ihrer Bücher in das Programm iBookshelf eingeben, bewerten und auch noch ein Tagebuch über ihre Leseerlebnisse führen. Warum? Weil es uns Spaß macht.
    Vargas Llosas Bücher stehen auch fein nach Erscheinungstermin geordnet in unserer Bibliothek, ungelesen. Eins seiner Bücher lasen wir vor Zeiten an, aber es konnte uns nicht begeistern und so wurde es eingeordnet, um am St. Nimmerleinstag noch einmal hervorzuholen.
    Herzliche Grüße vom stürmischen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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