David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Der plattwalzende Philanthrop. Soeben ausgelesen: Dave Eggers – „Die Parade“ (2020)

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von David Wonschewski

Eine jede Generation verfügt über eine Reihe zeitgenössischer Autoren, die man einfach gelesen haben muss, so man sich und der Welt glaubhaft versichern möchte, dass man sich wirklich wirklich für Literatur interessiert. Der mit Preisen und Auszeichnungen überhäufte Amerikaner Dave Eggers, der mit „The Circle“ 2013 einen wahrlichen Monster-Megaseller landete, gehört definitiv dazu.

Nun, „The Circle“ habe ich bisher nicht gelesen, was schlichtweg daran lag, dass mir das Ding so oft von immer den falschen Leuten empfohlen wurde, dass es irgendwie einfach nicht mehr ging. Auch Eggers umschiffe ich seitdem großräumig, obschon der „Arme“ natürlich so überhaupt nicht für mein eigenes Befindlichkeitstrara kann. Nun denn, neuer – und erster Versuch – also mit dem 2020er Roman „Die Parade“.

Und, wie fand ich es? Um es vorneweg zu sagen: Joa, geht schon. Kann man machen.

Begeisterung sieht anders aus. Enttäuschung allerdings auch.

Die Grundidee der bewusst ziemlich anonym gehaltenen „Parade“ weiß zu gefallen: zwei namenlose Männer aus man-weiß-nicht-genau-woher werden beauftragt in wo-auch-immer eine Straße vom provinziellen Süden in die Hauptstadt im Norden zu asphaltieren. Das Land leidet noch an den Folgen eines jahrelangen Bürgerkrieges, in dem die Rebellen von wer-weiß-das-schon das Regime des ist-doch-auch-egal bekämpften. Mit all den üblichen Folgen eines Bürgerkrieges: Blut, Tod, Zerstörung, Geschrei, Hunger, Vergewaltigung, Trauma. Die beiden Männer dürfen sich aus Sicherheitsgründen – die Gefahr eines Kidnappings liegt noch in der Luft – nicht kennen, nennen sich – und auch Eggers nennt sie durchgängig so – daher nur „Vier“ und „Neun“. Vier hockt auf einer gigantischen Asphaltiermaschine, der RS-80, auf der er mit 4 Stundenkilometern zwei Wochen lang mehrere Stunden am Tag Meter um Meter macht. Neun hingegen braust auf einem Quad vorneweg, seine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Vier – da die gigantische Maschine bestenfalls nicht angehalten werden sollte – auf keinerlei Anomalien trifft. Von Erdhügeln bis umherstreunenden Menschen gehört alles dazu.

Nun hat Eggers seine beiden Protagonisten – und das gelingt ihm wahrlich meisterhaft – so angelegt, dass sie sich von Beginn an nicht verstehen können. Vier ist diverse Jahre älter und erfahrener, es ist bereits sein dreiundsechzigster Auslandseinsatz dieser Art, er hat die Regeln und Zwänge dieser Tätigkeit verinnerlicht und setzt sie hochdiszipliniert, fast möchte man sagen Meter um Meter, um. Nicht mit Einheimischen sprechen. Nicht auf Einladungen reagieren. Niemanden anlächeln, niemandem eine Gunst erweisen. Keine fremden Speisen annehmen. Asphaltieren, schlafen, asphaltieren, schlafen, dabei die ganze Zeit möglichst die Schnauze halten und nach zwei Wochen: weg.

Ganz anders der jüngere Neun, für den es der erste Auslandseinsatz dieser Art ist. Neun mit seinen langen Haaren, der keine Lust auf seinen Funktionsanzug hat und im Shirt auf seinem Rad durch die Gegend braust. Der sich schon in der ersten Nacht vor Ort eine Prostituierte nimmt, der mit den Einheimischen feiert, sich für deren Speisen und Bräuche interessiert, mit kleinen Kindern in Wasserlöchern planscht, sehr aktiv ist, vieles tut – nur eben seinen Job nicht so richtig, was Vier regelmäßig in die Bredouille bringt. Bis Neun eines Tages sterbenskrank darniederliegt, Malaria-oder-sonstwas, was niemanden so wenig wundert wie Vier.

„Das Wasser kochte, und Neun gab die Eier hinein. ‚Ich bin also einfach der Straße gefolgt zu dem Dorf. Und es war hell erleuchtet, einfach mit nackten Glühbirnen behängt, Lichterketten. Es war voller Leben. Als wir tagsüber dran vorbeigekommen sind, hat es bloß ausgesehen wie eine Reihe Holzhütten, nicht? Aber als ich nachts da durchgegangen bin – Gott, es war so wach, so elktrisiert. Überall Menschen. Die haben mich angestaunt, weil es hier absolut niemanden gibt wie uns, aber nach einer Weile war ich bloß ein normaler Teil ihres Lebens. Es gab Musik aus winzigen Radios und vorsintflutlichen Gettoblastern, Geräte, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. CDs, sogar Kassetten! So viel Musik. Und das Essen!‘

Neun bot Vier ein gekochtes Ei an, das er gepellt hatte. ‚Nein‘, sagte Vier. ‚In zwei Minuten müssen wir los.‘

Neun aß die Eier hastig mit gierigen Bissen. ‚Ach, sind die gut. Gestern gelegt. Eine Frau hat sie aus dem Hühnerstall geholt. Hat sie der Henne direkt unterm Hintern weggeschnappt. Ich hab’s gesehen. Ah, Gott, die schmecken nach Leben.“

Doch, das macht Eggers schon grandios, wie er hier zwei unterschiedliche Charaktere auf engstem Raum Reibung und zwischenmenschliche Spannung erzeugen lässt. Und dabei die Hauptfrage des Romans stellt, die er freilich unbeantwortet lässt: Wer hilft dem zerrütteten Land eigentlich besser? Der, der sich kopfüber ins örtliche Leben wirft, ein kultureller Land-und-Leute-Enthusiast? Oder der, der dafür sorgt, dass diese hochwichtige Hauptstraße (künftiger Weg zu Elektrizität, Medikamenten, Bildung) zügig fertig wird und sich in jeder Minute der hochsensiblen Tatsache bewusst ist, dass auch die positivste Grundeinstellung nicht verhindern kann, dass man unter Umständen mit nur einer Geste, einem schlecht gewählten Wort verbrannte Erde hinterlässt, weiteren Konfliktzündstoff, so als privilegierter Mensch aus einem friedlichen Land, für zwei Wochen unter lauter Bürgerkriegsopfern.

Also doch ein enorm guter und wichtiger Roman? Eher nicht. Dass ich „Die Parade“ zwar lesens- aber keineswegs empfehlenswert finde, liegt an zwei großen Schwächen: Die Erzählung ist stellenweise ganz schön platt. Und entfacht weder Spannung (womit ich noch leben könnte), noch Emotionen. Eggers – wie gesagt, ich habe zuvor nichts anderes gelesen – erscheint mir ein fast schon technokratischer Schriftsteller zu sein, dem es gelingt hungernde Kinder, vergewaltigte Frauen und einen dahinsiechenden Neun zu schildern, ohne dass es einen auch nur juckt. Keinen Schimmer, ob das so gewollt ist, aus Sicht des disziplinierten Vier erzählt ergibt der nüchterne Stil vielleicht sogar Sinn. Wenn da nicht die Stellen wären, die es fast klischeehaft werden lassen. Vier stopft sich abends Kopfhörer ins Ohr und man fragt sich fast das komplette Buch hindurch, was für feine Musik er denn da wohl hört. Schließlich erfahren wir: Keine Musik, er hat seine Frau und seine Tochter beim Frühstück aufgenommen und hört sich das dauernd an. Der hölzerne Vier, der Oberbeamte, der hat ja doch ein Herz und kennt die Sehnsucht. Fast wäre man geneigt ganz entzückt oooooh! zu säuseln. Geht aber nicht, weil Eggers diesen an sich sehr hübschen Einfall irgendwie, tja, telefonbuchartig runterkliert. Dass alle Einheimischen supernett oder zumindest viel netter als gedacht sind, und nur die beiden Protagonisten sowie eine blonde Krankenschwester moralisch offenbar total verkorkst ist auch so eine Sache. Vom ziemlich verhunzten Ende gar nicht zu sprechen, dass Eggers auf der letzten halben Seite derart ungelenk anpresst als …nun …als war da einfach die Deadline überschritten und das Manuskript musste zügig zum Verlag.

Ganz witzig, dass er da fast seinem asphaltierenden Vier gleicht, der mit seiner eigenen Deadline im Nacken auch mehr oder minder emotionslos alles plattwalzt.

Natürlich würde ich wieder was von Eggers lesen, klar. Es drängt mich aber nicht gerade dazu.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. Juli 2020 von in 2020, Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , , , , .
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