David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Sich zum Sterben in Höhlen verkriechen darf immer das Tier, niemals der Mensch. Soeben ausgelesen: H.G. Wells – „Der unsichtbare Mann“ (1897)

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von David Wonschewski

Ach, wie schön das ist, wenn man seine eigenen Schreibversuche 1:1 mit einem Klassiker der Weltliteratur vergleichen darf. Denn ich erinnere mich noch genau: 1991, ich war 14 Jahre alt, Deutscharbeit. Thema: Schreibe eine Geschichte zum Begriff „unsichtbar“.  Wie unser Lehrer auf dieses Thema kam, blieb sein Geheimnis, wir hatten zuvor nichts in der Richtung behandelt und taten es auch danach nicht und ich vermute, ihm war erst am Morgen eingefallen, dass ja eine Klassenarbeit zu schreiben war, so dass er sich auf der Fahrt zur Schule fix ein beliebiges Aufsatzthema aus den Fingern saugte.

H.G. Wells war mir seinerzeit komplett unbekannt, erst mit 16 sollte ich die 1960er Verfilmung der „Zeitmaschine“ sehen – und nie wieder vergessen. Doch ich will nicht abschweifen, das Thema war gestellt, eine Schulstunde lang kaute ich auf meinem Bleistift und gab am Ende ein leeres Blatt ab. Ich weiß auch noch, woran das lag: Ich vermochte es sechzig lange Minuten nicht, mich für eine Richtung zu entscheiden, die meine Geschichte nehmen könnte. Treibt da einer Schabernack? Oder wird er kriminell? Vielleicht gar was dazwischen, verschafft er sich einfach ein paar halbwegs sympathische Vorteile, moralisch zu verurteilen, aber für jeden Normalsterblichen de facto doch sehr nachvollziehbar?

Nun, als ich damals, 1991, das leere Blatt abgab, hatte ich es einfach verbockt. Heute, 29 Jahre später, kurz nachdem ich „Der unsichtbare Mann“ – den siebten Roman von Wells – gelesen habe, habe ich ein kleines Aha-Erlebnis. Denn das, was ich seinerzeit „kreativ durchlitt“, war nicht Ideenlosigkeit, ich war meinen Klassenkameraden, die emsig ihre vier oder fünf Seiten schrieben, gar nicht hinterher. Auch nicht voraus, nein, aber ich war mittendrin. Mehr als die meisten von ihnen. Denn diese Fantasie, ein einzelner Mensch könnte unsichtbar sein, die ist bekanntlich fast so alt wie die Literaturgeschichte (man schlage nach unter „Tarnkappe“). Und hat bis heute ihre Faszination genau deswegen nicht verloren, da sie den Menschen, lässt er sich erst einmal darauf ein, an die Grenzen dessen bringt, was wir zivilisiert nennen. H.G. Wells kommt das große Verdienst zu, dieses so fantastische Thema nicht von der fantastischen, sondern der menschlichen Seite zu betrachten. Indem er untersucht, wie schwammig unser Begriff von Identität ist, auf welch tönernen Füßen unsere Werte doch stehen, so nur eine vermeintliche Konstante – von anderen gesehen werden – wegfällt. Und vor allem:  wie wichtig es für uns Menschen doch ist, von anderen gesehen, gemustert, auch beurteilt zu werden. Gerade in der heutigen Zeit, wo Hunderttausende von Selbstermächtigungs- und Entfaltungspostings in den sozialen Netzwerken es feiern, möglichst wenig auf das Urteil der Masse zu geben, zeigt ein Klassiker wie der von Wells, dass das zwar schön klingt und massig Likes generiert, letztlich aber eben auch so ein Gedanke für die Tonne ist.

Wer nicht gesehen, nicht mit anderen verglichen, nicht bewertet wird – geht kaputt. Ganz einfach. Wir brauchen das.

Ein mysteriöser Mann, sehr spät erfahren wir, dass er Griffin heißt, kommt im englischen Dorf Iping in ein Gasthaus, nimmt sich auf unbestimmte Zeit ein Zimmer – und gibt den Gasthausbetreibern sowie deren Gästen Rätsel auf. Denn der Fremde trägt einen langärmligen, dicken Mantel und Handschuhe; sein Gesicht ist von Bandagen bedeckt – mit Ausnahme einer gefälschten rosa Nase ist es ganz versteckt. Er agiert sehr zurückgezogen und fällt doch früh durch sein jähzorniges und unfreundliches Wesen auf. Er fordert, in Ruhe gelassen zu werden, verbringt die meiste Zeit in seinem Zimmer, hantiert mit einer Reihe von Chemikalien und Laborgeräten und verlässt nur nachts das Gästehaus.

Da Wells seinen Roman „Der unsichtbare Mann“ genannt hat, zieht er seinem Stoff hier, was Spannung angeht, zunächst bewusst den Stecker. Denn im Gegensatz zu den Dorfbewohnern, die zuvorderst an einen üblen Unfall oder eine seltene Pigmenterkrankung glauben, wissen wir Leser ja bereits, was los ist. Doch exakt das ist Wells, wie er, als Autor, zum Klassiker wurde: Eine spannende Geschichte zu schreiben ist zwar durchaus sein Kalkül, durch die erzählerische Vordertür zu kommen, jedoch nicht sein Begehr. Nein, Wells holt den Leser bewusst vom Start weg mit in sein Autorenboot, was eine Spannung zweiter Ordnung erzeugt. Denn ist das Was bereits klar, richtet sich das ganze Augenmerk auf das Wie. Und exakt das will Wells erreichen. Mit Erfolg, denn anstatt mit den Dorfbewohnern zu überlegen, was für ein seltsamer Kerl dort abgestiegen ist, schauen wir diesen Dorfbewohnern ganz genau auf die Augen, die Münder, die Hände. Warum kommen sie nicht auf die nahe liegende Lösung? Und warum neigen sie vor allem zu negativen Einschätzungen, warum formiert sich bereits ein erster kleiner Mob, obschon Griffin sich abgesehen von ein paar verbalen Grobheiten nichts hat zu Schulden kommen lassen? Auch das ein altbekanntes Menschenthema – ist da einer anders als alle anderen, auch wenn er nur bedingt etwas dafür kann und doch gar nichts anderes will als sich zurückzuziehen und in Ruhe gelassen zu werden: Die Meute lässt ihn nicht. Sich zum Sterben in Höhlen verkriechen darf nur das Tier, niemals aber der Mensch.

Und genau das erzeugt Spannung, befindet sich der Leser doch in einer allgegenwärtigen „Wie würden Sie entscheiden?“- Situation. Findet sich gleichermaßen in nur an der Oberfläche simplen Überlegungen und Verhaltensschemata der Dorfbewohner wieder, wie er sich auch als Griffin erlebt, der mit dieser doch so privilegiert erscheinenden Ausnahmesituation nichts von alledem umsetzen kann, was man sich gemeinhin davon erträumt.

In die Enge getrieben offenbart sich Griffin den Menschen von Iping, was natürlich komplett nach hinten losgeht. Ein Tumult bricht los, er muss sich mit Gewalt seinen Weg herausbahnen, in die Wälder türmen. Und sinnt auf Rache. Und zugleich einen Weg heraus aus seiner misslichen Lage. Schlussendlich, nur so viel soll verraten werden, bleibt Ratlosigkeit. Ob Unsichtbarkeit nicht auch besser hätte verwertet werden können, als der rabiate Griffin es zu tun vermochte. Oder ob es nicht doch eher die Unsichtbarkeit ist, die einen jeden edlen Charakter zwangsläufig an den Egoismus, die Brutalität, den Hass verscherbelt.

Kommt uns irgendwie bekannt vor? Ja, absolut. Im Gegensatz zu anderen alten Scifi-Themen scheint Unsichtbarkeit aktuell nicht sonderlich gefragt zu sein, an allem Möglichen schrauben wir Menschen, dass in irgendeinem schattigen Labor sich ein kaputtes Genie an diesem Sehnsuchtsfeld tothirnt, schwer vorstellbar. Vielleicht ist das auch ein wenig Wells zu verdanken, dass Unsichtbarkeit wenig attraktiv und somit nicht lukrativ erscheint.  Im Gegensatz zu diversen anderen  Forschungsfeldern, die letztlich kein Stück weniger riskant sind, nicht weniger ethische Fragen aufwerfen als Unsichtbarkeit. Dolly lässt grüßen.

„Der unsichtbare Mann“ ist zum Klassiker geworden, da er hochkomplexe Überlegungen aus Wissenschaft und Philosophie vermengt – und in eine denkbar einfache Erzählung packt. Dass Wells als (Mit-)Begründer von Scifi-Literatur gilt und bis heute einen Standard darstellt, an dem sich jeder in diese Richtung tendierende Autor messen lassen muss, liegt an genau dieser Kunst. Dass Undenkbare und Spinnerte konkret werden zu lassen. Und uns mit nur ein paar verbalen Pinselstrichen klar zu machen, was zum Teufel das mit uns zu tun haben sollte.

Betonung auf: zum Teufel.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

 

 

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