David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Und, was lest ihr gerade so? 18. August 2020

buckbuck

Also ich bin ja, so „von Haus aus“, ausgebildeter Radio-Musikredakteur. Klingt zwar nicht so, wenn einem die Einheitsbrei-Klangsoße so aus dem Äther entgegenätzt, ist aber tatsächlich ein harter Lehrberuf. Mache ich inzwischen nicht mehr, die Marotte Playlists nach Werten einer vermeintlich größtmöglichen Abwechslung zusammenzustellen ist dennoch geblieben. Kann ich auch in Sachen Literatur nicht abstellen. Ich habe immer einen Vorrat von 20-30 noch nicht gelesenen Büchern im Regal stehen. Und glaube keiner, die stehen da wahllos aufgereiht, naha-heiiin! Ich lese betont abwechlungsreich, sortiere entsprechend vor: Auf alt folgt sehr alt folgt ganz neu folgt wieder alt auf sehr alt auf ganz neu. Auf Mann folgt Mann folgt Frau folgt Mann folgt Frau folgt Mann, wieder Mann, dann Frau. Auf Europa folgt Nordamerika folgt „was Exotisches“ folgt Europa folgt Nordamerika folgt Europa, dann Nordamerika, dann „was Exotisches“…. Das alles gleichzeitig einhalten, gegen keine selbst erhirnte Regel verstoßen ist eine ganz schöne Frickelarbeit – und genau deswegen ist Radio-Musikredakteur ein Ausbildungsberuf. Wenn ich richtig gut drauf bin und eine weitere Herausforderung suche, dann sortiere ich auch noch nach Indie- und Massenverlagen. Ich hörte von Menschen, die finden aus Sorge ums Kind, die Hypothek, die Rente nicht in den Schlaf. Ich hingegen schrecke des nachts hoch, weil mich das Gefühl überkommt, im Zimmer nebenan könnte der Balzac nicht adäquat weit vom Beckett positioniert sein, ich hätte dem brandneuen Monika Maron-Roman mit seinihrem Standplatz ein moralischen Unrecht getan. Ein Mensch mit Herz spürt so etwas einfach!

Unschwer vorstellbar, dass ich viel mehr Bücher lesen könnte, wenn ich nicht so viel Zeit mit diesem strunzdummen Sortieren verdaddeln würde.  Ja, ich weiß, das ist einerseits ganz schön dämlich, nahe an psychotisch. Andererseits darf ich mich aber als ausgewogensten Leser aller Zeiten bezeichnen. Bubble sind immer nur die anderenIst doch auch was.

Und bevor jemand fragt: Ich kaufe Bücher selbstverständlich nicht danach, sondern wie es sich gehört wahllos, nach Spontaninteresse. Was die Sache erheblich erschwert: Ich habe mir, pünktlich zum 100. Geburtstag von Bukowski dieser Tage, vier Romane von dem sexistisch schreibenden Saufkumpanen bestellt. Viermal Mann, Nordamerika, „alt“, Massenverlag. Und stell fest, den kriege ich nicht ausgewogen unterverteilt, der selbsternannte „literarische Penner“ haut mir meine ganze Playlist auseinander!

Die im Übrigen eh total fürs Hinterteil ist, wie man oftmals im Nachgang erst merkt. Den schroffen Bukowski vom Bild habe ich gerade beendet, die poetische Lahiri just angefangen. Erschien mir als größtmöglich vorstellbarer Sprung, heftige Abwechslung. Und stelle verwundert fest: Der Stil mag sich arg unterscheiden, inhaltlich beschreiben die beiden aber  das gleiche Lebensgefühl, kommen sich sogar unglaublich nah.

Und, was lest ihr so?

Viele Grüße in den Tag,

David

3 Kommentare zu “Und, was lest ihr gerade so? 18. August 2020

  1. davidwonschewski
    3. September 2020

    Naja, ich glaube das ist so gewollt vom bösen System. Trotz Corona weiterhin 80.000 Neuerscheinungen jährlich. Schlechtes Gewissen vorprogrammiert. Die Wolf-Nummer interessiert mich, kenne bisher nix nix nix von ihr. Habe versaaaagt!;-) Liebe Grüße!

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  2. LuxOr
    26. August 2020

    Ich muß zugeben, ich hinke mit meiner Leseliste stets einige Jahre bis Jahrzehnte hinterher, also keine kreative Auswahl, wie Du sie beschreibst. Der letzte aktuelle Roman, den ich mir vornahm, war glaube ich Hennings „Ein deutscher Sommer“ über das Gladbecker Geiseldrama, einfach, weil ich mich selbst noch gut daran erinnern konnte und mich deshalb darür interessierte. Das Lese-Erlebnis war dann aber doch eher zwiespältig, da aus dem weit verzweigten Arsenal der Figuren, aus deren Blickwinkel das Drama dieses Sommers erzählt wurde, zum Ende hin alle bis auf zwei gekappt wurden, ausgerechnet diejenigen, welche am uinteressantesten bzw am wenigsten sympathisch rüberkamen. Na, vielleicht war ich auch zu streng. Henning schreibt nun jedenfalls an einem neuen Werk mit zeitgeschichtlichem Hintergrund, über die Ermordung Alfrred Herrhausens, eventuell ein neuer Anlaß und Versuch für mich mit einem aktuellen Roman.

    Ach so, ich las gerade Christa Wolfs „Stadt der Engel“ aus, eine Art Fortsetzung ihrer „Kindheitsmuster“, das mich sehr beeindruckt hatte. Ich mag ja durchaus Texte, die assoziativ-essayistisch-autobiographisch erzählen, vermutlich meinem allgemeinen Geschichtsinteresse geschuldet. Nur widerfuhr mir dabei ein ähnlihches Schicksal wie oben. Ich verschlang den Roman für meine Begriffe förmlich – ich bin ein bekennender Langsam-Leser. Doch mit dem letzten Viertel (immer noch ca. 100 Seiten) mäanderte die Geschichte etwas zu sehr vor sich hin bzw franste aus und urplötzlich mußte natürlich tatsächlich ein Engel mit dem kreativen Namen Angelina – wir befanden uns ja ohnehin im Großraum Los Angeles – eingeführt werden, der dem Leser bis zum Schluß ehalten blieb. Das wirkte auf mich dann doch zu aufgesetzt. Nun denn.

    Und die Moral von der Geschicht‘? Vielleicht sollt ich ein jedes Buch nach Zweidrittel oder Dreiviertel zur Seite legen, frei nach dem Motto, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist? 🙂

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  3. Simone Lucia Birkner
    21. August 2020

    Gerade: Fiskus von Felicia Zeller. 17 Stücke auf meiner Leseliste – wollte sie bis Sonntag abgehakt haben… zu viele Kinder in meinem Urlaub dabei.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. August 2020 von in Nachrichten, Und, was lest ihr gerade so?.
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