David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Wenn Liebe auf Ratlosigkeit trifft. Soeben ausgelesen: Heinrich Böll – „Und sagte kein einziges Wort“ (1953)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Da war ich wohl naiv. Zu glauben, mir mal eben fix Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“ zu Gemüte führen würde reichen, kompakter, pointierter und niederschmetternder als das könne es eh nicht werden, komme was da noch wolle. Wie man sich doch irren kann.

Zur gesamtheitlichen Einordnung: Ich gehöre zu jenen Leuten, die zu Schul- und Studienzeiten derart überfrachtet wurden mit NS-Aufarbeitung, dass ich das Thema mittlerweile großräumig umschiffe. Ja, jede x-te Hitler-Dokumentation auf Phoenix ist wichtig, sollte ausgestrahlt werden. Nur halt bitte nicht mehr für mich. Ich leiste mir das Privileg aller Spätgeborenen – und zappe die dunkelste aller deutschen Zeiten weg. So ich mich diesem Sujet überhaupt noch widme, dann über Umwege. Ich habe moderne hebräische Literatur studiert, verfolge die israelische Romanszene noch immer. Und, klar: kein Oz, kein Yehoshua, kein Shalev oder Grossman, ohne nicht auch einen Hauch von Progromerfahrung übermittelt zu bekommen. In irgendeinem Nebensatz sickert sie mir dort immer zähflüssig entgegen, die unliebsame nationale Vergangenheit. Und wenn nicht so dann: über mental zerfleddert aus Kriegseinsätzen heimkehrende Soldaten. Wie hart, brutal und grausam ein Krieg ist, das zu zeigen hat eine inzwischen lange Tradition in Kunst und Kultur. Darauf hinzuweisen, dass für viele Veteranen eine zweite große Grausamkeit allerdings erst mit dem Frieden beginnt, mit der Heimkehr und der Wiedereingliederung in die Zivilgesellschaft – das wurde jahrzehntelang geradezu schamhaft, bestenfalls stiefmütterlich behandelt. Natürlich gab es diese Aufarbeitung punktuell immer, und Borcherts 1947er Drama ist vermutlich das berühmteste Beispiel dafür. Unterm Strich war es jedoch ein gewaltiges Tabuthema, sich damit auseinanderzusetzen, dass aus dem Krieg heimkehrende Männer keine Helden sind. Sondern im wahrsten Sinne des Wortes zerschossene Charaktere, unfähig den Alltag zu meistern. Oder wie es heute treffender heißt: traumatisiert. Es war ein weiter Weg bis dahin. Und Böll ist einer, der uns auch auf diesem Weg ein gutes Stück vorausgegangen ist.

1953 erschien Heinrich Bölls zweiter Roman „Und sagte kein einziges Wort“, ein Buch, dem das Kunststück gelingt, vordergründig Kritik an Kirche, Ehe und bigotten Moralvorstellungen der Fünfziger Jahre zu üben, zwischen den Zeilen aber – der Zweite Weltkrieg wird nur in wenigen Sätzen direkt erwähnt – das komplette zivile Versagen eines aus der russischen Gefangenschaft zurückgekehrten Soldaten zu transportieren.

In „Und sagte kein einziges Wort“ treffen wir das Ehepaar Fred und Käte Bogner, das seit zwei Monaten räumlich getrennt lebt. Der Grund: Fred ist alkoholkrank und hat seine Aggressionen, die aufgrund der Enge der Wohnung und des Lärms ihrer drei kleinen Kinder entstehen, nur selten im Griff. Ja, wenige Jahre nach Kriegsende ist der Wohnraum in Deutschland noch knapp, viele Familien müssen sich als Untermieter in Räume etwas wohlhabenderer Menschen quetschen, so auch die Bogners. Für eine größere Wohnung reicht Freds Gehalt nicht, da er seit seiner Rückkehr aus dem Krieg nur noch eine schlecht bezahlte Tätigkeit als Telefonist ausüben kann. Von der sich prüde gebenden, de facto jedoch einfach nur bigotten Zimmervermieterin, die über exzellente Beziehungen zum lokalen Klerus verfügt, erhält das Paar wenig Unterstützung, vielmehr kristallisiert sich in ihr eine offensiv zur Schau getragenen Christlichkeit eine unbarmherzige Gegenspielerin heraus. Auch die katholische Amtskirche stellt die Einhaltung von Geboten und den Empfang von Sakramenten über das leibliche und seelische Wohl der Menschen, für deren Nöte sie keinerlei Gespür besitzt. Fred hat seinen Gottesglauben in den kalten Weiten Russlands verloren, Käte hingegen verhebt sich in ihrer Not noch an Kirchgängen, Gebeten und Beichten etwas abzugewinnen – ohne Erfolg.

Ja, Fred ist weg. Freiwillig gegangen, um nicht länger denen zu schaden, die er liebt. Und so kümmert Käte sich allein um die Kinder, finanziert von Fred, der ihr sein gesamtes Gehalt zu Monatsbeginn zukommen lässt. Derweil er selbst – verdammt nahe an der Obdachlosigkeit – mal hier, mal da unterkommt. Die beiden lieben sich noch, sie haben sich nur räumlich getrennt, haben den Kindern erzählt Fred, ihr Papa, sei vorübergehend erkrankt und dürfe daher nicht bei ihnen wohnen. Um sich dann einmal die Woche heimlich in einem Stundenhotel zu treffen, beisammen zu sein, gemeinsam einzuschlafen.

Das Buch ist als doppelter Ich-Roman konzipiert; in den dreizehn Kapiteln werden – alternierend aus der Sicht von Fred und Käte – die Probleme einer Ehe in von Armut und Wohnungsnot geprägten Zeiten reflektiert. Zeiten, in denen die Kirche zwar noch ein festes Fundament innerhalb der Gesellschaft hat, deren Einfluss nach zwei großen Kriegen und allzu offensichtlicher Menschenferne jedoch stark zu bröckeln beginnt. Nicht die mitunter satirischen Schilderungen klerikalen Verhaltens sind es aber, die „Und sagte kein Wort“ zu einem so intensiven Leseerlebnis machen, auch nicht Bölls gekonnte Skizzierung von Bigotterie, von Armut, auch Trauer. Die Darstellung einer in Perspektivlosigkeit ertrinken Liebe ist es. Ja, Fred ist ein Alkoholiker geworden – aber auch Käte war eine solche, kann es sogar komplett nachvollziehen warum jemand in diesem Leben säuft. Das Trinken, es trennt die beiden nicht, es eint sie vielmehr. Je länger wir die beiden durch ihren Alltag stolpern sehen, desto zärtlich betrachten wir Fred wie er Schnapsglas um Schnapsglas hebt. Und wie er vor Spielautomaten steht, darauf hoffend, dass ausgerechnet ein solcher ihm und Käte eine Aussicht auf Zukunft geben könnte. Auch die Schilderungen von Käte, wie sie mit den drei Kindern in dem engen Zimmer hockt, tragen dazu bei, dass wir erst Mitleid mit den beiden bekommen, dann aber, nach und nach, verstehen, warum einer, der im Krieg gewesen ist, der auf Schlachtfeldern gekämpft, Blut, Verletzungen, Qual und Tod begegnet ist, warum der es nicht mehr aushält, warum der nicht mehr so eng zusammengepfercht leben kann. Auch wenn Käte es ihm nicht verzeiht, dass er die Kinder geschlagen hat, dass er in dieserart Lebensverhältnissen eine tickende Aggressionsbombe ist, das begreift sie und nehmen auch wir als Leser, zunehmend bekümmert, zur Kenntnis.

Bei einem ihrer heimlichen Treffen gehen Fred und Käte zum Jahrmarkt und erleben einige wenige ausgelassene, schöne Stunden. Es sind Momente nicht für möglich gehaltener Ausgelassenheit und Heiterkeit, die zeigen, wie sehr die beiden, die seit 15 Jahren verheiratet sind, füreinander geschaffen sind, wie tief sie füreinander empfinden. Dann jedoch müssen sie sich abducken und sich wie Kleinkriminelle in einen Schuppen flüchten, da sie wenige Meter weiter ihre Kinder sehen, die mit der beauftragten Aufpassperson ebenfalls zum Jahrmarkt gegangen sind. Das sich so aufrichtig und erfrischend liebende Paar, dass sich vor den eigenen Kindern verstecken muss – selten habe ich eine Liebesgeschichte binnen weniger Momente derart heftig ins Trost- und Bodenlose abrutschen sehen.

Käte kann nicht mehr. Die heimlichen Treffen in billigen Hotels, an deren Ende Fred ihr oftmals sein letztes Geld zusteckt, lassen sie sich wie eine Prostituierte fühlen. Dazu Fred, der sich eingestehen muss, dass er Leben nur noch aus der Ferne, der Beobachterposition kann. Als schlecht integrierter Zaungast, der sich ein schönes Dasein zwar vorstellen, es aber nicht mehr zulassen kann, da er verrecken würde daran. Dass ein Mann doch wissen muss, was es bedeutet, wenn er heiratet, wird Käte kurz vor Ende des Romans ausrufen. Um dann hinzuzufügen: „Manchmal meine ich doch, dass der Krieg dir einen Knacks gegeben hat. Früher warst du anders.“

Es soll ja Leute geben, die bevorzugen bei Liebesgeschichten Happy Ends. Ich weiß zwar nicht, in welchem Krieg ich gekämpft habe, aber ich kann das nicht, ich ertrage das nicht. Ist es happy, ist es Plastik, ergo falsch. Diese Geschichte von Fred und Käte aber, die rührt mich, wirklich zutiefst. Das Glück, dem die beiden begegnet sind und von dem sie lassen müssen, um sich zu schützen, um überhaupt weiterhin lebensfähig zu sein, hat mir viele melancholische Seufzer entlockt. Und auf den letzten Seiten, da holt der junge Böll noch mal alles aus seiner prall gefüllten Talentkiste, benetzten sich meine Augen sogar und ganz von selbst mit einer leichten Wässerigkeit.

Bölls Klassiker „Ansichten eines Clowns“ (1963) und „Gruppenbild mit Dame“ (1971) gehören für mich zu den besten und wichtigsten deutschsprachigen Romanen nach 1950, auch wenn ich sie emotional als nicht sonderlich intensiv empfinde. „Und sagte kein einziges Wort“ hingegen muss nicht zwingend in Bestenlisten auftauchen – ist dafür von einer Intensität, die Sehnsucht schafft.

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2 Kommentare zu “Wenn Liebe auf Ratlosigkeit trifft. Soeben ausgelesen: Heinrich Böll – „Und sagte kein einziges Wort“ (1953)

  1. davidwonschewski
    26. August 2020

    Den „Adam“ habe ich tatsächlich gestern Abend auf meine Bestelliste gesetzt. 😉 Das mit „national“ und/oder „nationalsozialistisch“….für mich ist es tatsächlich noch mehr eine unliebsame nationale Vergangenheit…insofern, dass damals, als die Vergangenheit noch Aktuell war, nicht nur Nationalsozialisten es „vergurkt“ haben, um es bewusst lapidar zu sagen. Und auch aus heutiger Sicht, wenn ich alles auf „die Nationasozialisten“ schiebe, so als Jahrgang 1977, dann ist da für mich zuviel Distanz, zuviel eigene Sorglosigkeit, auch zuviel „mit mir wäre das damals nicht passiert“. Deine Herleitung passt natürlich ebenso, wenn man den Ansatz etwas anders wählt. Das mit den „Heimkehrern“ – klar, generelle Forulierungen haben immer was von Sippenhaft und es gibt wohl keine einzige je getätigte allgemeine Formulierung die komplett zugetroffen hätte. Wo bei den Heimkehrern „unfähig“ anfängt, wo es aufhört, wer etwas wann erfolgreich gemeistert hat und wer wo nicht, das bleibt wohl auf ewig interpretierbar. Mein Opa scheint nicht gescheitert zu sein, er starb mit Mitte 70 an einer herkömmlichen Bergmanns-Staublunge. Aber: er weigerte sich zeitlebens über alles vor 1950 zu sprechen. Keine Ahnung wie man das bewerten möchte, er hat es gemeistert durch Wegschließen. Auch bei Schriftstellern bin ich mir nicht sicher, wenn einer das Talent hat und eine literarische Karriere auf letztlich immer dem gleichen Thema – Krieg, Vertreibung – aufbaut, dann ist das natürlich grandios und weit weg von „unfähig“. Andererseits, wenn man etwas drüber nachdenkt, scheint mir so jemand nicht so weit weg von meinem Opa oder jemandem, der eben kein solches Talent hatte. Ob ich nun dauernd an Manuskripten arbeite und auf Lesereisen gehe oder aber mich den Schnäppsen widme – kann ein großer Unterschied sein, muss es aber nicht. Besten Dank für den Kommentar!

  2. Bludgeon
    26. August 2020

    Oh danke für die ersten Sätze dieser Rezension! Diese Überfrachtungserfahrung teile auch ich. Die Überdosis macht Schaden. Den Medienmachern von heute ist das scheißegal. Wie auch dem DDR-Fernsehen und dem DDR-Buchmarkt zuvor. Nichts soll vergessen werden, das ist wahr und richtig – aber die Überdosis stachelt zum pubertären Gegenhalten, zum Provozieren auf. Das wird offiziell bisher nicht kapiert.

    Aber zwei Anmerkungen zum restlichen Text:
    „Unsere unliebsame nationale Vergangenheit“ – schöner wäre gewesen „unsere unliebsame nationalsozialistische Vergangenheit“, denn unsere nationale ist deutlich länger als jene bösen 12 Jahre. Zu ihr gehören zwar auch diverse Fehler wie Kadavergehorsam, Absolutismus usw., aber eben auch all die Literaturfreigeister, die Sozialstaatentwicklung, die Anfänge ökologischer Landwirtschaft in Form von Forstschutz, die Patente der Industriellen Revolution usw.

    Und dann noch
    „Die Heimkehrer – zerschossene Charaktere … unfähig….“ Böll selber ist ein leibhaftiges Gegenbeispiel. Grass auch. Beide mögen in ihrer Jugend falsch geprägt gewesen sein. Von Böll gibt es Feldpostbriefe, in denen er von Landbesitz an der Wolga träumt. (Entdeckungs-Buhei in den 90ern) Grass war ein paar Monate in böser Uniform unterwegs, wie man übergenug inzwischen weiß. Aber was für eine Bilanz nach 45 haben sie hingelegt!

    Der heute zu unrecht vergessene Lorentzen mit seinem „Alles andere als ein Held“ wäre die Nummer 3 in dieser Beispielsammlung.

    Heute wird man mit Märchenfilmen a la „Unsere wunderbaren Jahre“ zugeschüttet, unsere Großmütter haben es gerichtet? Unsere Großväter haben versagt? Familiär sicher einige. Aber beruflich? Die kamen aus Gefangenschaft und gingen schuften. Mutti fiel ins alte Rollenbild (bei euch im Westen) in den Wirtschaftswunderjahren hattet ihr schnell wieder 80% Hausfrauen. Da können nicht „alle“ unfähige zerschossene Charaktere gewesen sein.

    Last not least: Böll „Wo warst du Adam?“ (Episodenroman über den II Weltkrieg); dicke Empfehlung! Ragt aus dem Einerlei der sonstigen Schmöker zum Theme heraus.

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