David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Die Banalität des Bösen. Soeben ausgelesen: Angel Igov – „Die Sanftmütigen“ (2015)

igooohff

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Mein eigener, so sanfter Opa hatte eine schwere Kindheit und Jugend. Geboren als unerwünschtes Resultat eines Stelldicheins eines polnischen Großgrundbesitzers mit seiner Magd, fristete er seine ersten Lebensjahre als eine Art männliches Aschenputtel: Du lebst zwar hier, aber du gehörst nicht dazu! Ein Familienmitglied zweiter Klasse, daheim schikaniert, gepeinigt, diskriminiert. Besser wurde es für meinen sanften Opa erst als sich in Deutschland zu Beginn der 30er-Jahre der Wind drehte. Endlich fand er Freunde, Menschen, die ihm zeigten, dass sogar er wertvoll ist, Respekt verdient. Und vor allem: Gebraucht wird. Mit 16 rannte mein sanfter Opa fort vom Hof, mit 17 kehrte er zurück. Ausgestattet mit ein paar Insignien der neuen Macht, weitreichenden Befugnissen der Partei. Und einer Schusswaffe.
Mein Vater hat nie herausbekommen, was mein sanfter Opa genau tat, bei seiner kurzen Rückkehr, dort auf dem Hof seiner Kindheit, mit den Menschen seiner frühen Jugend. Die einzige noch lebende Augenzeugin, die er Ende der 90er-Jahre auf einer Polenreise ausfindig machen konnte, wollte sich dazu nicht äußern. „Aufgeräumt“ habe mein sanfter Opa, nur so viel war herauszubekommen.
Mir war beim Erwerb von „Die Sanftmütigen“ nicht klar, dass Angel Igov letztlich die Geschichte meines Opas erzählt. Selbe Zeit, nur halt Bulgarien. Und nicht die Nazis räumen auf. Es sind die Kommunisten, hier der junge Waise Emil Strezov, die die Gegend nach echten und auch nur erdachten Faschisten durchkämmen. Urteil sprechen. Sein sterbende Vater schickt Emil nach Sofia, wo er im Haus eines Schusters und dessen stotterndem Sohn aufwächst. Das Heranwachsen gerät zäh, Emil ist ein sensibler Geist, poetisch begabt, doch das zählt wenig unter Jugendlichen auf den Straßen von Sofia. Dass sein einziger und bester Freund Kosta, nunmehr sein Halbbruder, stottert, macht den Alltag kaum besser. Im Gegenteil, ständig gibt es Bepöbelungen, permanent eins auf die Fresse.

Von wem? Unter anderem vom Erzähler, der sich rückblickend zu erklären versucht wie aus dem besonnenen Charakter Emil einer jener eingesetzten „Ankläger“ werden konnte. Eine der fragwürdigen Personen, die bei den sogenannten Volksgerichten zwischen Dezember 1944 und April 1945 mit flammenden Appellen dafür sorgten, dass neben einer Reihe wirklichen Faschisten auch unfassbar viele einfach nur unliebsame Menschen eine „gerechte Strafe“ erhielten. Im Lauf von dreieinhalb Monaten wurden in insgesamt 135 Prozessen 9155 Urteile gefällt, dabei 2730 Todesstrafen und 1305 lebenslängliche Freiheitsstrafen verfügt. Vor der Sechsten Kammer, in der Igov seinen jungen Emil ansiedelt und die sich mit „Journalisten und sonstigen Propagandisten der faschistischen Ideologie“, insbesondere Künstlern und Schriftstellern, zu befassen hatte, waren 101 Personen angeklagt.

Oha, das klingt nach schwierigem politischen Stoff. Ist es natürlich auch, Igov gelingt es jedoch, das Thema bemerkenswert locker an den Leser zu bringen, was nicht zuletzt an seiner eigenen mitunter poetisch-melancholischen Sprache liegt sowie seiner vornehmlichen Konzentration, wie selbst – oder gerade – ein doch zu tiefen Reflexionen neigender Geist nach und nach die Stufen hinabsteigt. Bis er irgendwann im Keller angekommen ist, das wurde, was wir so gerne mit dem platten Adjektiv „böse“ versehen. Igov ruht sich dabei nicht auf der Feststellung aus, dass Emil eine schwere Jugend hatte, das haben viele andere auch, gerade in jenen Jahren. Und so zeigt er, dass es zunächst Zufälligkeiten sind, die ihn auf das falsche Gleis setzen. In Kontakt mit der linken Jugendbewegung – den sogenannten Remsisten – kommt er über ein politisch zu allem entschlossenen Mädchen, Liljana. Und so macht er seine ersten Schritte als politischer Aktivist gar nicht einmal so sehr, da er sich so wahnsinnig für Inhalte interessiert. Sondern weil er nicht weiß, wohin mit sich, dieses Mädchen ihn mit den ersten schönen Gedanken seines jungen Lebens versorgt. Es mag sein, dass die Remsisten an einem Umsturz werkeln, Emil werkelt zuvorderst daran einem Mädchen zu gefallen. Und wird belohnt. Nein, nicht von Liljana, kein Stück. Sondern von der Umgebung, die schnell beginnt mehr in ihm zu sehen, als er ist.

„Vor dem Nachbarhaus kauerte der neunjährige Miko und kratzte mit einem Stock im Staub herum. Er sah dich kommen in deinem Aufputz, mit Lederjacke und roter Armbinde, eine Schirmmütze trugst du zwar noch nicht, in jenen ersten Tagen hatten die Milizionäre noch keine, waren nur an den Armbinden zu erkennen, aber dafür baumelte das Holster mit der Pistole an deinem Gürtel. Miko sah dich, und der Mund stand ihm offen, seine Augen blitzten vor Begeisterung, er erhob sich, warf den Stecken fort und salutierte, wie es sich gehört, mit der Rechten, an der aber nur zwei Finger waren, oje. Wollt ihr wissen, warum Miko nur zwei Finger an der Hand hat? Weil er eines Tages im Staub ebendieser Straße einen Füllfederhalter fand – einen von jenen, die die englischen Flieger abwarfen, der Füller lag im Staub und glänzte, Miko griff zu, schraubte ihn auf, und im selben Moment explodierte er in seiner Hand.

Bestimmt hast du es von deinem Fenster aus mitangesehen, hattest schon gehört von den englischen Füllhalterbomben, das Gerücht war im Viertel umgegangen: Die Amis schmissen Riesenbomben, die ganze Häuser in Schutt und Asche legten, ganze Wohnviertel, die Briten hatten solche Bomben auch, o ja, aner außerdem noch solche, die wie Spielzeug aussahen. Glitzerkram, lagen im Staub und lockten, und wenn die Knirpse zugriffen, explodierten sie und rissen ihnen die Finger ab. Du sahst es und warst vor Schreck wie gelähmt, konntest nicht schnell genug reagieren, rufen: He, Miko, Finger weg von dem Füller, bloß nicht aufschrauben! Und die englische Füllerbombe riss dem Judenkind Miko drei Finger ab, dabei behaupteten die Engländer, sie wollten die Juden vor Hitler retten.“

Dass Emils Abstieg ins Böse zuvorderst erschreckend banale menschliche Gründe hat verdeutlicht Igov an zwei in die Geschichte eingeflochtenen Charakteren: dem jungen jüdischen Hörfunkredakteur Elias sowie dem alternden Dichter Stiljanov. Erster wird zu einem von Emils besten Freunden, qua Intellektualität und jüdischer Progromerfahrungen jedoch auch zu so etwas wie einem wohl gesonnenen Gegenspieler. Auch Elias war das Amt des Anklägers angetragen worden, noch vor Emil, er hatte es jedoch abgelehnt dort „mitzutun“, obschon es ihm als Juden doch nun wahrlich niemand krummgenommen hätte diese Option zu nutzen, schlichtweg Rache zu üben, wie er zugibt. Genau das aber ist der Grund, warum er damit nichts zu tun haben will damit, schon gar nicht in der Sechsten Kammer, wo es letztlich nur um Worte geht, die Menschen, den damaligen Zeiten gemäß, verbreiteten. Igov gelingt es hier, einen fast schon philosophischen Stoff bemerkenswert unverkrampft einzuflechten. Nämlich die Auseinandersetzung darüber wie das vermeintlich falsche Wort zu ahnden ist, welcher Strafe jemand, der es durch seine Profession führte, zu führen gezwungen war, verdient hat. Emil beißt sich an Elias und seinen rechtsstaatlichen Warnungen die Zähne aus – und schleicht, das ist großartig von Igov in Szene gesetzt, doch nicht als klarer Verlierer aus der Diskussionsarena. Selbst Elias muss Emil zugestehen, dass auch dem geschwungenen Wort ein Brandsatz innewohnt und neue Systeme darauf angewiesen sind, die Vertreter alter Herrschaftsordnungen so unschädlich zu machen wie nur möglich.

An dem manierierten Dichter Stiljanov hat Emil einfach nur einen Narren gefressen. Es ist gut, dass sich nicht so recht verstehen lässt warum, Emil hat mit dem als eitler Geck herumstolzierenden Mann keinerlei Schnittpunkte, nur eben den, dass beide Dichter sind. Der eine jung, noch etwas gehemmt, der andere alt, erfolgreich, selbstbewusst die eigene Großartigkeit in einem piekfeinen Anzug durch die Gegend tragend. Selbst Emils Vorgesetzten fällt auf, wie ungelenk Emil versucht dem Dichter etwas vorzuwerfen, wie tief er sich in alle seine jemals geschriebenen Schriftstücke gräbt, um nur einen Hauch von Faschismus darin zu finden. Mit zunächst kleinerem Erfolg, er selbst darf Stiljanov abholen, in Untersuchungshaft festsetzen. Und als Ankläger später die Todesstrafe einfordern. Ob das gelingt – soll an dieser Stelle nicht ausgeplaudert werden.

„Die Sanftmütigen“ – gemeint sind damit im Übrigen der Erzähler und seinesgleichen, Mitläufer der Geschichte, moralische Richter, zu schwach etwas zu verhindern, stark genug alle und alles zu überleben – ist, wie an anderer Stelle zu lesen war, wahrhaftig geschrieben wie ein kompakter Schelmenroman, ein – so bitter das irgendwie auch wieder ist – richtiges Lesevergnügen, dem es auf seinen knapp 200 Seiten gelingt uns durch dunkelste menschliche Untiefen zu navigieren.

Ein enorm wichtiges Buch ist es zudem, da es uns die Bedeutung eines Begriffes aufzeigt, den zwar jeder im Munde führt, der dennoch nicht zuletzt durch die „Diskussionen“ in sozialen Netzwerken eine zunehmende Aushöhlung erfährt: Rechtsstaatlichkeit. Egal was der Mob, der Shitstorm, die Verfechter von Deplatforming, Cancel Culture und Politcal Correctness einfordern: Es ist verdammt gut, dass selbst Gesellen, die uns als Inbegriff allen Übels erscheinen, nicht so einfach verurteilt werden können. Dass ein Gerücht kein Beleg ist, dass ein Einzelner nicht in Sippenhaft genommen und für gesamtgesellschaftliche Schieflagen abgestraft werden kann. Natürlich zuckt es auch mich manchmal, wenn ich mal wieder lese, bei wem es nicht zur Anklage kam, wer schon wieder aus der U-Haft entlassen wurde, welche aus meiner Sicht fiese Gestalt offenbar weiterhin durchs Leben latschen darf als wäre nie etwas gewesen.

Es ist einem Buch wie „Die Sanftmütigen“ zu verdanken, dass ich diesen subjektiven Gedanken recht oft zurücksortiert kriege. Und mich daran erinnere, dass die Juristerei nicht grundlos ein Feld ist, das es einige Jahre zu studieren gilt. Und dass ihr Vorteil vielleicht gerade in dem liegt, was wir Kulturschaffende so gerne verspotten: ihrer spröden Trockenheit. Denn was geschieht, wenn Juristerei genau die verliert, wenn sie menschlich wird, das zeigt „Die Sanftmütigen“.

Gott – gerne auch Stalin – bewahre.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. September 2020 von in 1950 - 2018, Igov, Angel, Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , , .
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