David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Zwei Suizide, eine Nation. Soeben ausgelesen: Lutz Seiler – „Stern111“ (2020)

stern10

von David Wonschewski

Vorabfazit: 2 von 5 Sternen

Ein schöner Fall von eigentlich. Eigentlich hätte „Stern111“ – immerhin hat der Roman den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 erhalten – mich so richtig mitreißen müssen. Denn selten war ein Roman so sehr auf mich persönlich zugeschnitten. Ein junger Mann aus der Provinz hält die eigene Herkunft im und am Kopf nicht mehr aus, zieht nach Berlin, driftet ein wenig arg ins linke Milieu ab, hat noch weit vor politisch-gesellschaftlichen Ambitionen aber nur ein Ziel: Schriftsteller werden. Und, achja: Irgendeine Art von Heimat und Zugehörigkeit finden. Gut, im Gegensatz zu mir, der das Ganze zum Scheitern verurteilte Unterfangen 1998 in Angriff nahm, setzt sich Carl, der Protagonist in „Stern111“ direkt nach der Wende nach Berlin ab. Man schreibt das Jahr 1990 und er ist Mitte zwanzig. Und er stammt nicht wie ich aus Westfalen, sondern aus Thüringen, Gera.

Aber ansonsten treibt Carl sich in vielen Straßen herum, in denen auch ich mich wieder herumtrieb und nicht nur das: auch viele Etablissements, die er nennt, gab es zehn Jahre später noch, wurden oft – viel zun oft – Anlaufstelle abgerockt linker Sehnsüchte: Rykestraße, Winsstraße, Ackerstraße, Große Hamburger, Oranienburger (bevor sie zu heutigem Hochglanz-Plastik verkam). Das Acud, das Tacheles, die Assel, ach du Schande, hoch die Tassen. Tot überm Tresen liegen wollte man da nie, viele Jahre junges Lebendigsein zwischen kleiner Ideologie und großer Kunst (oder auch genau andersherum) abreißen aber schon.

Im Groben und Ganzen ist „Stern111“ zu lesen also durchaus ein wenig wie in meiner eigenen Vergangenheit zu wühlen. Doch auch was Carl und mich trennt, weiß an sich zu faszinieren: Carl stammt aus dem Osten und mit ihm, man kann es sich fast denken, auch seine Eltern. Und gerade die vielleicht noch weitaus mehr, haben sie doch wahrlich ihr gesamtes Erwachsenenleben im Schatten der deutsch-deutschen Teilung verbracht.  Umso seltsamer fühlt es sich für Carl an, dass gerade sie sich in den Tagen der Grenzöffnung Hals über Kopf in den Westen absetzen, es gar nicht abwarten können Ostdeutschland für immer den Rücken zu kehren. Derweil Carl es nur bis nach Berlin schafft, Ost-Berlin zuvorderst, mit gelegentlichen Abstechern in den Westteil der Stadt. Es fühlt sich insoferns eltsam an, dass seine Eltern nie sonderlich systemkritisch gewesen sind, nie mit irgendeiner Form von Westsehnsucht hausieren gingen. Gut vorstellbar, dass Carl sich ein wenig hintergangen fühlt, als sie ihm aufbürden sich um das Haus in Gera zu kümmern, um ihr Glück in der Ferne zu suchen. Die Alten ziehen los, die Jungen bleiben zurück – hätte es nicht andersherum sein müssen?

Carl hält sich nicht lange in Gera auf, er fährt nach Berlin, nächtigt zunächst in seinem Auto bis ihm auffällt, dass es im Ost-Teil der Stadt viele verweiste, leerstehende Wohnungen gibt. Bis wenige Tage oder Wochen zuvor noch bewohnt von Bürgern der DDR, die – niemand konnte seinerzeit wissen wie lange die Chance bestehen würde – wie Carls Eltern Hals über Kopf und nur mit dem Nötigsten im Gepäck „rübermachten“. Carl macht also, was so viele Junge, Alternative, Künstler in jenen Monaten machen – er zieht durch Berlin, lernt schnell leerstehenden Wohnraum von außen zu erkennen, bricht ein. Und bleibt einfach. Als gelernter Maurer hilft er einer Schar junger Leute, dem „Rudel“, einen fast schon verfallenen Keller zur Begegnungstätte, später zum Lokal auszubauen, in dem sich abends gleichermaßen alternative Deutsche wie in Berlin stationierte russische Soldaten treffen: die Assel. Hier arbeitet er, verdient das Nötigste, benötigt aber eben auch gar nicht mehr als gerade das, findet Gleichgesinnte, Träumer und Streuner, macht die ersten kleinen Schritte auf dem Künstlertableau, als Poet. Derweil seine Eltern eine kleine Odysee durch Westdeutschland hinlegen, seltsam beäugt von den einheimischen Westlern, manchmal in ihrer wirtschaftlichen Naivität absurd ausgebeutet werden, dann wieder auf fast schon überzogene Weise mitleidig – also auch von oben herab, irgendwie – hofiert.

Nein, so richtig ankommen, das schaffen Carls Eltern ebenso wenig wie er selbst. Lutz Seiler gelingt es hervorragend den Abenteuergeist jener frühen Wendemonate zu porträtieren, dessen Leidenschaft gelöscht wird von einer kühlen Realität, einer Entfremdung und Entwurzelung, die viele Ostbürger gleichsam über Nacht überkommt. Es ist vermutlich genau dieser literarische Befindlichkeitsdrahtseilakt, der Seiler auch den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse eingebracht hat, der den Roman so lesenwert macht. Ein kleines Generationenporträt von DDR-Bürgern, gestrandet zwischen kapitalistisch-liberaler Ellbogenmentalität und fadenscheinigen Erinnerungen an ein Leben in der DDR, dass so schlimm wie alle denken nun auch nicht gewesen ist, bei genauerer Betrachtung jedoch auch nur ein paar schimmernde Gedankenkleinode bereithält. Wie eben das „Stern111“, ein ostdeutsches Kofferradio, auf dem sich gerade einmal drei Sender finden ließen.

Auch wenn Carl und erst recht seine Eltern längst erwachsen sind, klar, ist es die Desillusionierung der Nachwendemonate, die ihnen den letzten Schlag Reife versetzt. Carls Eltern stellen fest, dass es nicht die DDR ist, die ihnen nichts zu geben vermag, sondern Deutschland. Dass ihr Traum Bill Haley heißt und Rock’n’Roll und es den nuneinmal nur in abgespackter Form in Hessen gibt. Derweil Carl feststellt, dass sein Poetentum gleichermaßen wie manch linke Ideologie nur Auswüchse einer Sinn- und Heimatsuche gewesen sind, die er weder in der Assel, noch mit seinen Gedichten bei einem Verlag jemals zu einem auch nur halbwegs befriedigenden Ende wird führen können.

Carls Eltern entscheiden sich für die USA. Und Carl, zumindest vorerst, gegen ein Künstlerleben, auch gegen eine große Jugendliebe – aber, immerhin: für eine Wohnung mit echtem Mietvertrag.

Doch, „Stern111“ ist ein tolles Buch, da es nicht wahnhaft nach Schuldigen sucht, Lutz Seiler – nicht zuletzt durch Einbindung zweier Suizidopfer, eines DDR-treu, das andere schwer marktwirtschatfshörig  – verbindend agiert. Und doch habe ich mich seltsam zäh durch die Erzählung geschleppt. Ein in einfacher Sprache erzähltes Buch, das mich über zwei Wochen Lesezeit „gekostet“ hat (allein das von mir genutzte Wort spricht hier Bände), bei dem ich selten Lust hatte mehr als 30 oder 40 Seiten am Stück zu lesen.

Vermutlich eine subjektive Ansichtskiste. Dass ich keinen Bock mehr auf Zweiter Weltkriegsstories habe das weiß ich schon lange. Dass mir nunmehr auch „Die Mauer in den Köpfen muss weg“-Geschichten zunehmend auf den Wecker fallen, das wurde mir erst durch das hervorragende angedachte „Stern111“ klar. Das toll konzipierte und gut geschriebene Buch zwitschert periphär an mir vorbei, erzählt mir wenig Neues und verpackt das mir Altbekannte in Larifari-Papier. Dass Zweiter Weltkrieg und Deutsch-deutsche Teilung weiter und immer weiter aufgearbeitet werden muss ist mir persönlich klar, hilft jedoch nicht. Themenfunken lassen sich nun einmal nicht auf Geheiß von oben entzünden. Nicht einmal von der Leipziger Buchmesse.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

3 Kommentare zu “Zwei Suizide, eine Nation. Soeben ausgelesen: Lutz Seiler – „Stern111“ (2020)

  1. Bludgeon
    17. Mai 2020

    Ja das mit demThema und dem Verlag und dem noch nicht mal ne Seite geschrieben schon Buchpreis – da sagste was!
    Ich hab mich so gewundert, über das westdeutsche Buhei zu Tellkamps „Turm“ damals! Das ist ein wunderbares Buch – aber das versteht man doch nur als Ossi und wenn de keine Dresdenbezüge hattest, dann gehen da auch schon Pointen unter. Sagenhaft, dass das Bestseller wurde. Mir wars recht – aber seltsam bleibts.
    Mit „Cruso“ ist es noch komischer, weil – die Fabel ist sowas von abgespaced und scheintot erzählt, da hab ich den Kauf schon im Laden verworfen. Mich aber später durch den Film gequält.
    Vermutlich hatte da jemand Einflussreiches so einen Fontanekomplex: Die Spraaaaache! Der Inhalt ist wurscht, das zu lesen, schafft keine Sau, aus dem Seiler mach ich den Ossi-James Joyce! Oder Uwe Johnson 2.0!

  2. davidwonschewski
    17. Mai 2020

    Als Ex-Radiomann müsste ich sowas ja eigentlich wissen, aber es kam doch gewiss auch drauf an, wo man sein Gerät aufstellte….das mit den 3 Sendern habe ich aus dem Buch, mir selbst war der Name erfrischend neu.
    Ja, für mich ist es auch noch immer nicht möglich so richtig zu sagen warum ich das Buch nicht so toll finde wie es im Ursprung gedacht ist. Der Kurzabriss der Story zeigt ja, dass die Nummer was auf den Hacken hat, aber irgendwie…irgendwie…zwitscherte das Buch periphär an mir vorbei. Ich will mich nicht unnötig systemkritisch – nah an der Verschwörungsgrenze geben – aber wenn ich annehme, dass Seiler in seinen Büchern auch so ein wenig sein persönliches Werden beschreibt , sein Teilwerden einer Gesellschaftsschicht, dazu der potente Verlag und eben das Grundthema – das hilft schon sehr, so einen Buchpreis einzuheimsen. Und da muss noch nichtmal eine Seite geschrieben oder gelesen sein. Wenn man selbst Bücher am Rande der Wahrnehmung veröffentlicht hat klingt das aber natürlich auch immer nach Neid, klar; – )

  3. Bludgeon
    16. Mai 2020

    So nebenbei:
    Man bekam auf jedem Stern-Radio mit UKW mehr als 3 Sender.
    Radio DDR 1/Radio DDR 2/ Stimme der DDR/Berliner Rundfunk – sind alleine schon 4 Ostsender und dann noch in Gera: Bayern3 und Rias (Sender Hof), vermutlich auch HR2 und HR 3; HR 1 kam schwächer.

    Eigentlich liest sich die Rezi interessant, auch wenn Berlin nu so gaaaaar nich‘ meine Stadt ist.
    Wenn der Seiler nicht zuvor „Cruso“ geschrieben hätte, dann hätt ich „stern dingsbums“ vermutlich schon. Aber „Cruso“ war hochgelobter Mist. Und der Film dann noch obendrauf. Ächz. Ich trau mich an Seilerbücher nicht ran.

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