David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Völlig losgelöst von der Erde. Soeben ausgelesen: Jhumpa Lahiri – „Wo ich mich finde“ (2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sterne

Die schlimmste Phase meines Lebens ist bezeichnender Weise auch die, in der ich zu einer für mich griffigen Definition von Glück gelangte. Es ist etwa fünf Jahre her, da führte eines zum anderen – und plötzlich stand ich komplett haltlos da. Haltlos – eine etwas abgegriffene Vokabel, die sich jedoch sehr gut konkretisieren lässt. Denn festen Halt findet der Mensch durch wenige Konstanten, die da lauten: Beziehung, Gesundheit, Job, Freundschaften und nicht zu unterschätzen: Wohnung. Fünf Lebenssäulen. Und wir kennen das: An einer, vielleicht auch zwei Säulen hakt oder klemmt immer was. Das wechselt sich ganz gerne ab, mal schwebt man mit dem Liebsten im siebten Himmel, dafür macht die Chefin Stress. Mal verlebt man mit den Kumpels den besten aller Urlaube, weiß bei der Rückkehr aber, dass man aus der geliebten Bude ausziehen, was Neues finden muss, weil zu teuer oder Eigenbedarf oder permanente Baustelle vorm Schlafzimmerfenster. Wenn alle vier Bereiche störungsfrei verlaufen, wenn sich eine Grundzufriedenheit einstellt, dann nenne ich das mittlerweile Glück. Wer Glück als eruptive Emotion begreift, ein purzelbaumschlagendes Etwas, der wird ein Leben lang scheitern. Wer auf die simple Frage „Is‘ was?“ aufrichtig und ehrlich antworten kann: „Nö, alles gut“ – hat es geschafft. Da bin ich aktuell sogar nur wenige Zentimeter von entfernt, die Gesundheitssäule könnte noch eine Terz stabiler werden. Vor fünf Jahren aber gelang mir das Kunststück, dass gar nichts stimmte, aber wirklich überhaupt nichts, fünf Säulen, fünfmal Grütze. Für über ein Jahr, 14 Monate. Unfassbar, hätte mir nie ausmalen können, dass so etwas geht. Und wie sich das anfühlt. Nämlich wie im schlechten Film. Wie falscher Fuffziger. Wie bestellt und nicht abgeholt. Zunächst war da noch Wut und Aufbegehren, auch Verzweiflung. Dummerweise stellte sich die Situation gegnerlos dar, da war nichts und niemand, auf den man sich, nötigenfalls auch hasserfüllt, stürzen konnte. Da war nur Ratlosigkeit, wie denn hier das eine zum anderen führen konnte, wie das Leben, das ich kannte, einfach so verschwinden konnte. Ich latschte durch meinen Tag und, wie erklärt man das, erlebte mich in Auflösung. Was wiederum bedeutet, dass ich andere beobachtete, jedoch zunehmend aufhörte, ein eigenständiges Referenzzentrum zu sein, einen Kontrapunkt zu bilden. Da war eine Leere, die amöbenhaft um sich griff, immer größer wurde. Und ich begann das Leben wie in Zeitlupe wahrzunehmen, wie durch einen Schleier zu betrachten. Das Ich verschwand. Das war nicht suizidal, das war Trance.

Auch die namenlose Protagonistin in „Wo ich mich finde“ von Jhumpa Lahiri läuft, so ein wenig einem falschen Fuffziger ähnelnd, durch die Gegend. Zwar erscheint ihr Leben auf den ersten Blick der komplette Gegenentwurf zu dem von mir eingangs geschilderten Leben zu sein, doch das ist – und auf den zweiten Blick erkennt man es – ein Trugschluss. Sie ist Mitte vierzig, hat einen gut bezahlten Job als Italienischlehrerin. Sie ist gesund, hat eine schöne Wohnung, eine Reihe Freunde – und keinen Mann, keine Kinder. Will sie aber auch nicht, luftig-leichte Flirts, die derart luftig-leicht sind, dass man als Leser geneigt ist, ihre tatsächliche Existenz anzuzweifeln, genügen ihr. Denn wie das so ist mit Ehemann und eigenen Kindern, das erlebt sie ja bei ihren Freunde. Nicht so richtig erstrebenswert, allesamt schiefe Beziehungskompromisse der unerfüllten Art.

Ja, nach meiner eigenen Definition könnte sie glücklich sein. Ist sie aber nicht, denn auch sie hat sich – das gibt schon der Romantitel her – komplett verloren. Schlendert nahe an der eigenen Unsichtbarkeit entlang. Existiert kaum noch als sie selbst, sondern fast nur noch durch die Beobachtung anderer. Partielle Teilhabe am Leben anderer Menschen ist alles, was sie hat. Jhumpa Lahiri findet viele wunderbare Wege, dieses sich auflösende Lebensgefühl einer keineswegs gescheiterten, aber schrecklich perspektivlosen Mittvierzigerin in wenigen Sätzen sprachlich aufs Blatt zu zaubern. Da sind die gebrauchten, abgenutzten, mitunter gar beschädigten Gegenstände, die sie beim Straßenhändler an der Ecke kauft und die sie sich lieber in die Wohnung stellt als Neuware. Da sich in ihnen ein stattgefundenes Leben erspüren lässt. Da ist ihr verheirateter Liebhaber, dessen Alltag sie verfolgen kann, weil sein Handy, während es in seiner Tasche steckt, permanent ungewollt Anrufe an sie startet, unbemerkt von ihm. Direkt kennt sie ihn nur als Mann, der sich gelegentlich meldet, um konkret Essen zu gehen und danach genauso konkret mit ihr in die Koje zu steigen. Über sein richtiges Leben aber weiß sie nichts, wohnt dem nur durch diese ungewollten Anrufe bei, hängt am Hörer, nimmt unkenntliche Sprachfetzen und kaum zu identifizierende Umgebungsgeräusche auf.

Aus 27 kurzen Kapiteln besteht „Wo ich mich finde“. Und sieht man einmal davon ab, dass sich Italien als Ort des Geschehens erkennen lässt, bleibt alles anonym, nicht nur die Protagonistin namenlos. Die Piazza bleibt eine Piazza, die Straße immer nur Straße, die Bar stets nur Bar. Ihre Freundinnen betitel sie durchweg als Freundinnen, Ehemänner als Ehemänner. Selbst einer ihrer – vielleicht erdachten – Flirts, im Fahrstuhl, mit einem Philosophen, von dessen Ableben sie wenige Monate später in der Zeitung liest, bleibt ein Wuschelkopf mit nettem Gesicht. Oft hört sie Fremde in einer Sprache am Telefon reden, die sie nicht kennt, ja nicht mal im Ansatz zuordnen kann.

Form ohne Inhalt. Zuschreibungen statt Beschreibungen. Sie verliert sich komplett. Einfach so? Nein, selbstverständlich nicht. Zwar fällt der Begriff nur in Zusammenhang mit ihrer Vergangenheit, nicht mit ihrem Jetzt, aber das Buch atmet nichts anderes als Angst. Angst zu versagen, Angst verletzt zu werden. Da sind die Mutter und der Vater, deren Pädagogik dazu führte, aus ihr eine Frau zu machen, die sich bestenfalls alles selbst versagt. Und da ist der Ex-Freund, die einzige feste Beziehung ihres Lebens, dessen Verhalten dazu führte, dass ihr Männer nur noch so lange gefallen, wie sie sich selbst nette Gedanken über sie machen kann. Sobald sie konkret werden – Namen bekommen, konkrete Handlungen vollführen, ja überhaupt nur sprechen – sind sie ihr nicht mehr geheuer, verwandeln sie sich augenblicklich in etwas Feindliches.

„Wo ich mich finde“ als feministisches Buch zu bezeichnen, das wäre grundfalsch. Zwar kommen Männer hier nicht gut weg und die paar, die zumindest nicht schlecht wegkommen, sind nur schemenhaft zu erkennen, doch ist hier keinerlei Furor, ja nicht einmal eine Anklage herauszuhören. Was das Ganze noch viel frappierender werden lässt. Fußballfreunde kennen diese Spiele, denen man zuschaut und früh zu der Erkenntnis gelangt: Die könnten statt 90 Minuten auch 180 spielen, da fällt definitiv kein Tor. So ein Leben führt die Protagonistin, man möchte sie schütteln, wachrütteln. Sie auffordern, sich irgendeinen Kerl zu schnappen und den wahllos zur Schnecke machen, auch wenn der nichts gemacht hat, es unfair wäre, egal, raus damit! Man möchte, dass sie sich besäuft oder Drogen nimmt oder irgendetwas anderes Ungebührliches macht, auch egal.

Macht sie aber nicht, sie lebt derart hinter Panzerglas, dass es von außen betrachtet mit Anständigkeit verwechselt werden kann. Wie bezeichnend, dass der einzige Mensch, den sie einmal ganz kurz anraunzt: eine Frau ist. Die sich ein wenig zu viel herausnimmt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. September 2020 von in 2020, Lahiri, Jhumpa, Nachrichten, Soeben ausgelesen.
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