David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Mama, Mama – ’s Lithium is‘ schon wieder alle! Soeben ausgelesen: David Vann – „Momentum“ (2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Was können einem bipolare Menschen doch auf die Eier gehen. Unglaublich. Diese übertriebenen manischen Phasen, wo du sie kaum gestoppt kriegst, sie schwer verständliches Zeug quatschen, irgendwo zwischen weise-wissend und grenzdebil-albern. Und dann, ganz plötzlich, der Umschwung, das Tal. Da liegen sie dann und jammern. Erläutern dir auf hundert Arten, warum Existenz ein Trugschluss ist, das selbstbestimmte Ausscheiden aus dem Leben die einzig mögliche Aufrichtigkeit darstellt. Als wenn das eine so wahnsinnig große Erkenntnis wäre, die über der Menschheit auszubreiten ist. Ist es nicht, es ist der kälteste, der am meisten abgestandene Kaffee aller Zeiten. Gründe zu gehen gab es schon immer viele, Gründe zu bleiben wenige, weiß jeder, muss nicht aus dem suizidalen Elfenbeinturm sämig herabdoziert werden. Sich dennoch täglich fürs Bleiben zu entscheiden ist exakt die Anstrengung, auf deren Rücken wir zum Glück galoppieren.

Aber erzähle das mal einem bipolaren Menschen. Schütteln und rütteln möchte man den, ihn anschreien, dass er klar werden soll, wieder normal. Und wenn nicht anders machbar: ihm eine runterhauen. Damit auch mal Schluss ist mit diesem labilen Affentheater.

Ich weiß, wovon ich rede. Bin selbst oft genug gut durchgerüttelt, geschüttelt, inbrünstig gebeten worden, wieder ich zu sein. Nicht mehr einer von den beiden anderen. Abzuschwören dem oben und unten, auf der gangbaren Mitte zu wandeln. Wie alle anderen oder die meisten oder zumindest mancher auch. Warum das so wichtig ist, das liegt auf der Hand. Gesellschaft ist immer eine Kompromisslösung. Wir haben uns darauf geeinigt, uns in jenen Schutzanzügen namens „normal“ und „gesittet“ zu begegnen, peinlich darauf zu achten, dass auch jeder möglichst viel Lebenszeit in diesem Schutzanzug verbringt, abgepuffert wie ein Kosmonaut durch die Gegend latscht. Denn lebte ein jeder die Freiheit aus, wirklich permanent er selbst zu sein, ein Hauen und Stechen gäbe das. Darum sind diese ganzen modernen „sei du selbst“-Verlautbarungen in Popsongs, Medien und sozialen Netzwerken ja solche Luftnummern. Nein, wir dürfen uns einander nicht pur und echt und – ganz schlimmes Wort – authentisch – begegnen, das ist überlebensnotwendig für die menschliche Spezies. Die hohe Wertschätzung von Begriffen wie Privatsphäre, Intimität, Vetrauen, ja Liebe geht auf diesen Kompromisszustand zurück. Die Angst, den zivilisierten Pfad der Mitte zu verlieren ist es, die diese Sehnsucht in uns entfacht. Die Hoffnung auf einen kleinen Spalt Ehrlichkeit inmitten jener Plakatwand namens Mensch.

Und nun die Masterfrage: Wenn ich das denke – wie viel Jim, das ist der Protagonist aus dem neuen David Vann Roman „Momentum“ steckt dann schon in mir? Ist das da oben schon depressives Gequatsche, ein Gedankenkonstrukt, auf das nur einer schwören kann, der sich weigert, seine Lithium-Tabletten zu nehmen? Oder ist es, frei nach den Beatles, zumindest ein „Fool on the hill“-Moment? Wenn wir uns nicht zu blöde sind, ständig die naive Weisheit der Kinder zu loben, wenn wir uns eingestehen, dass im Wein Wahrheit liegt, dann ist der Weg zu dem Punkt, an dem wir den vor sich hin quatschenden Idioten als Propheten erkennen so weit nicht. Tun wir aber nicht. Stattdessen: Kosmonautenanzug.

Apropos Prophet. Apropos Lithium. Jim, der Zahnarzt, gerade 39 Jahre alt, will in „Momentum“ diese fiesen Pillen, die den ausschweifenden Charakter auf zombiehaftes Mittelmaß stutzen, bis weder Freude noch Leid erfahrbar sind, auch nicht nehmen. Obschon er es bitternötig hätte. Denn nach einem verwursteten Leben aus zwei gescheiterten Ehen, einem Job, den er blöde findet und immensen Steuerschulden ist ihm nur noch nach einem: Sich möglichst bald das Hirn aus dem Schädel schroten. Wie praktisch, dass er seine .44 Magnum immer dabei hat. Und ein Hoch auf die USA, wo ein freier Mann die freie Wahl hat, mit sich herumzutragen, was er mit sich herumtragen möchte. Jim reist nach San Francisco, dort stammt er her, dort leben noch seine Eltern, der Bruder Gary, seine Ex-Frau mit seinen beiden Kindern. Es ist der letzte Anlauf, noch mal bei einem Therapeuten vorbeischauen, bei den Kindern, den Verwandten, der inbrünstig begehrten zweiten Ex-Frau, vielleicht bringt es ja was. Wobei, was soll das bringen? Es ist eine Abschiedstour und Jim macht auch keinen Hehl daraus. Verbalisiert fortwährend, dass dieses und jenes nun das letzte Mal in seinem Leben passiert. Weil ja bald finito ist. Seinem bodenständigen Bruder, abgestellt als Aufpasser, platzt regelmäßig der Kragen. Das selbstmitleidige Gejammere ist kaum zu ertragen. Und dazu noch diese unnötige kommunikative Ehrlichkeit nicht nur sich selbst, sondern auch allen anderen gegenüber. Garys strenggläubiger Ehefrau direkt nach der Begrüßung vor den Kopf zu knallen, dass auch ihr werter Herr Jesus letztlich ein Selbstmörder war, sogar ein besonders perfider, ist gleichermaßen unnötig wie, wenn man mal drüber nachdenkt: zutreffend. Seine Mutter muss sich anhören, dass sie seit Jahrzehnten die gleiche Frisur trägt, die gleichen Klamotten, sich kein Stück entwickelt hat. Der stille Vater, dass er nicht sprechen kann, nie gesprochen hat, stummer Hausgast ist. Und das alles nicht bei einer wilden Auseinandersetzung, nein, beim Kartenspiel. Ohne Anlass, einfach so spontan aus der Hüfte geschossen.

Jim fährt ein wenig durch die Gegend, erinnert sich an Stationen seiner Jugend. Dort, am Bach, hat er vor vielen Jahren Jane Williams geküsst, hat in einer schönen Sommernacht versucht, seine Hände unter ihren BH zu schieben. Na Applaus. Greifen nach zwei Fettklumpen, hat noch nie zu was geführt und wird auch nie zu etwas führen. Der Antrieb allen Lebens ist sinnbefreites perpetuum mobile. Alle Romantik, alles Laszive und Frivole sind hilflose Versuche, diese konkrete Wahrheit zu verstellen, abzudecken, aufzuhübschen. Überhaupt diese standardisierte Eile, diese theatralische Hektik beim Sex. Dabei läuft nur selten eine Uhr mit. Doch wir tun so als wäre diese Eile geboten, denn ohne gekünsteltes Drama ergäbe das Gepacke und Geschiebe noch viel weniger Sinn.

Dieserart sinnierend und deutend schleppt sich Jim durch seine Tage bei der Familie. Alle kompromittierend, beleidigend. Alles in Grund und Boden schlechtphilosophierend. Und genau hier gerät „Momentum“ zum literarischen Wagnis, zum mutigen Experiment. Und erhält gerade dadurch einen unschätzbaren therapeutischen Wert. Denn David Vann, der hier versucht, die letzten Tage seines Vaters abzubilden, lässt wirklich keinerlei Licht, keinerlei Luft an seinen Plot. Vom ersten Moment an stellt Jim klar, dass er sich umbringen wird. Und davon weicht er kein Stück ab. Wer manch nette dramatische Wendung sucht, warme Emotionen, die zu einem plötzlichen Zweifeln und Innehalten führen – sucht vergeblich. Man kann noch nicht mal sagen, dass die Erzählung immer weiter bergab führt, denn sie startet schon ganz unten, ganz im Dunkeln. Das aber ist nicht alles, der Therapeut, Gary, Jims Kinder, seine Ex-Frauen erweisen sich als klare, mitunter wunderbare Charaktere, ihre Argumente, ihre Versuche Jim Einhalt zu gebieten sind nicht von Pappe, sehr oft denkt man als Leser bei der Lektüre eines Dialogs: „Das war gut formuliert, jetzt haben sie ihn, jetzt wird ihm was klar“. Aber Pustekuchen, Jim wird nichts klar, weil es nichts gibt, was klar werden müsste. Denn auch wenn Jim ausführlich die Verfehlungen seines bisherigen Lebens beklagt, de facto sind da keine inneren Auseinandersetzungen, keine zu entknotenden Konflikte. Jim ist einfach am Ende der Fahnenstange angekommen. Und ist einer am Ende seiner eigenen Fahnenstange angekommen, so zerschellt jedes Argument an ihm. Faszinierend, wie ausgerechnet die Brust des Schwächsten hier zum widerstandsfähigsten Argumentwellenbrecher wird.

Allein das alles ist für viele Menschen nicht zu ertragen, viele Literaturfreunde wollen einen solchen Stoff nicht lesen, können ihn nicht lesen. Was mich persönlich verwundert, sich blutrünstige Actionfilme reinziehen oder irre schwedische Serienmörder-Thriller, alles kein Thema. Stellt sich aber einer knochentrocken hin und erklärt sein Leben für beendet und führt, abgesehen von einer sehr nackten Welt- und Menschheitssicht, aber keinerlei konkrete Gründe an, führt keine privaten Tragödien auf, die nicht viele andere Menschen ebenso in der Vita haben, so packt viele ach so hartgesottene Leser die Furcht.

Dass ein solches Buch mich bei der Leidenschaft packt, ist nachvollziehbar. An dem Punkt, an dem Jim steht, bin ich zwar nie gekommen und werde es auch nie – ich trage die bittere Gewissheit in mir ein sehr hohes Alter zu erreichen, weit über 90 zu werden – aber sein Wesen steht mir nah wie schon lange keine literarische Figur mehr nahe gestanden hat. Die „Weisheiten“, die Jim aus der Depressivenschatulle kramt, die kann ich komplett unterschreiben. Ich komme nur seit jeher zu einem anderen Schluss: Wenn eh alles Mist ist und nichts einen Wert hat, so bringt doch gerade das mich in die formidable Lage, das Leben besonders leicht nehmen zu können. Seltsam ist diese Ansicht nicht, selten noch viel weniger. Dass Fans von Musikrichtungen wie Death Metal oder Post Punk ausgeglichener, aggressionsbefreiter und angstloser sind als Freunde lebensbejahender Popmusik ist bekannt und birgt eine innere Logik. Fände ich Lieder von Namika oder Mark Forster gut, ich glaube, ich würde auch vor Lebensangst zerfließen, vor Weltpanik explodieren. Finde ich aber nicht. Ich stehe auf Joy Division und Killing Joke. Macht das Leben wesentlich entspannter.

Und, ab jetzt, Romane von David Vann. Denn so unangenehm das auch ist, der Mann aus Alaska hat mir einen Spiegel vorgehalten. Ich wusste ja immer, dass ich anderen Menschen in jenen Phasen ganz schön auf den Senkel gehen, sie zur totalen Weißglut treiben kann. Aber so dermaßen? Ist ja widerlich. So will ich niemals sein! Und so bin ich auch nicht!

Wenn ein einzelner Roman besser wirkt als jede Therapie oder Pille – dann können nur 5 von 5 Sternen vergeben werde.

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