David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Neulich, bei David Lynch. Soeben ausgelesen: Young-Ha Kim – „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ (2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

Natürlich wehren wir uns alle gegen Schubladendenken. Und natürlich sind wir alle unsagbar erfolglos dabei, ist noch kein Mensch gesichtet worden, der sich freimachen konnte davon, vorab von Ahnungen überflutet zu werden, sich verfrüht ein Bild zu machen, prophylaktische Klischeeurteile zu fällen. Das ist bei mir nicht anders. Wenn Kunst aus Ostasien kommt, beispielsweise, dann weiß ich vorab: Jetzt wird es richtig irre. Normal können Japaner oder Koreaner einfach nicht. Sicherlich, das ist einerseits ziemlich blöd, dass mein Kopf so tickt…anderseits gab und gibt es Yoko Ono oder Takeshi’s Castle ja nun wirklich! Vom Gangnam Style gar nicht zu reden! Derlei Absurditäten fanden doch nicht nur in meinem Kopf statt, ey, Leute, ich mag vielleicht bipolar sein, aber ich weiß schon noch was abgeht hier, ich merke das alles sehr wohl, jahaa, ich erfinde derart krude Kulturauswüchse nicht, ich nicht! Ist passiert, hat stattgefunden, ist nicht nur Teil meiner wahnhaften Episoden, diesem wilden Wechsel aus Lebenslustexplosionen und Paranoia…Punkt! Wie, Eigenverantwortung? Ich bin nur das verfolgte Opfer hier, der von Stimmen malträtierte Geist – Young-Ha Kim ist der Täter! Dort läuft er, schnappt ihn, bitte, so tut doch wa-ha-haaas. Heul. KopfgegendieWandschlag.

Als ich wieder zu mir kam, wach die Gedanken, frei das Atmen, sah ich sie neben mir liegen, diese „Aufzeichnungen eines Serienmörders“. Hatte ich sie dort hingelegt? Oder war Young-Ha Kim in der Nacht gekommen, hatte sie dort platziert, auf meinem Nachttisch. Um mich mürbe zu machen, meine hypomane Mentalzersetzung zu befeuern? Gott, dieser Nebel aber auch. Wie bei Byongsu Kim, dem 70jährigen Serienmörder, der seit 25 Jahren nicht mehr mordet. Bipolar ist der nicht, nein, Alzheimer schleicht sich in dessen Leben. Der Nebel scheint aber recht ähnlich beschaffen zu sein. Mit wem hat er gestern gesprochen? Und was soll er da gesagt haben? Dass er vergessen hat, den Hund zu füttern, daran erinnert er sich noch. Dass er gar keinen Hund hat, daran muss ihn seine Pflegetochter Unhi erst sanft erinnern.

Eine der vielen fiesen Charakteristika einer Alzheimererkrankung ist, dass man Begebenheiten aus der jüngeren und jüngsten Vergangenheit vergisst, solche aus früheren Lebensjahren aber nicht, im Gegenteil, sie erscheinen einem sogar noch viel plastischer vor Augen. Ist auch bei Byongsu so, bekümmert ihn aber nicht weiter. Das Morden war eine Passion, hat ihn nie seelisch belastet, ein schlechtes Gewissen kennt er nicht. Und strafrechtlich verjährt ist es obendrein. Es kümmert ihn so wenig, dass er sich nur spärlich damit befasst. Sich daran erinnert, dass sein erster Mord der an seinem Vater war. Der musste sein, weil der Mutter und kleine Schwester misshandelte. Und er letzte, das war der an Unhis Mutter. Der musste schon nicht mehr so unbedingt sein. Unhi weiß von alledem nichts, sie war damals vier. Und hat ein gutes Leben, ist eine blühende, erwachsene Frau geworden.

Das Hier und das Jetzt, das beschäftigt den ehemaligen Tierarzt viel mehr. Jutae Park beispielsweise. Dem ist er hinten auf den Wagen gedonnert. Beim Versuch, den Sachschaden ordentlich zu klären, hat der aber auffällig offensiv abgewiegelt. Also ist Byongsu um den Wagen herum, um sich den Lack genau anzusehen. Na ja und da wurde es dann eben augenfällig: Da tropfte Blut aus dem Kofferraum. Jutae Park hat zwar einen auf Jäger gemacht, aber wenn sich wer mit Menschenmord auskennt, dann Byongsu. Ein geschossenes Reh lag da ganz bestimmt nicht drin.

Was ist er froh, als er Jutae Park wieder los ist. Das ändert sich, als er in der Zeitung von einem neuen Serienmörder liest, der in der Gegend sein Unwesen treibt. Leichen werden gefunden. Noch schlimmer wird es, als Jutae Park plötzlich in seiner Wohnung steht. Unhi hat ihn mitgebracht, sie ist überglücklich: Er ist ihr neuer Freund. Ist er nicht toll?!

Seine Alzheimer Attacken zwingen Byongsu dazu, sich Notizen zu machen, alles auf Band zu sprechen, um es sich dann, wenn der große Nebel wieder auftaucht, durchlesen und anhören zu können. Das geht so lange gut, wie er noch weiß wie man den Aufnahmeknopf drückt, wie die Abspieltaste. Byongsu muss sich gottverdammt konzentrieren, seine Tochter ist mit einem Serienmörder liiert, sie schwebt in Lebensgefahr …

Was wird aus Byongsu und Jutae Park, ob Anhi überlebt, nun, das soll hier natürlich nicht ausgeplaudert werden. Festzuhalten ist aber, dass ich für dieses Buch doch wahrhaftig die hübsche Begrifflichkeit „kleines Meisterwerk“ auspacken möchte. Zugegeben, die ersten 40 Seiten war ich überzeugt davon, hier bestenfalls einen recht gelungenen Krimi vor mir zu haben, doch das ist lediglich die Zeit, die Young-Ha benötigt, um sein Miniatur-Karussell aufzubauen. Ab Seite 50 knipst er die Lichter und die Musik an, spätestens ab Seite 60 dann beginnt es sich zu drehen. Und wie es sich dreht, dieses drei Personen-Karussell, huiiiii!

Ja, das Buch ist spannend, doch ist das für mich – der ich Thriller öde finde und großräumig umfahre – nicht das, was seine Qualität ausmacht. Überhaupt sei erwähnt, dass Schilderungen blutrünstiger Gewaltexzesse hier nicht auftauchen, die Morden von anno dazumal als das abgetan werden, was sie wohl oder übel sind: ein alter Hut, keiner Erinnerung mehr wert. Was die „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ so faszinierend macht, das ist zunächst einmal wie gekonnt Young-Ha Kim die große Hilflosigkeit darstellt, die einen Menschen überkommt, wenn er sich auf seinen eigenen Geist nicht mehr verlassen kann, wenn echt und falsch, wahr und erfunden sich verdrehen und verknoten. Und er selbst in Momenten größter Liebenswürdigkeit, es ist nicht zu verhindern, zu einem unverständlich agierenden und redenden Menschen wird. Es gibt diese wunderbaren David Lynch-Momente in diesem Buch, wer „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“ gesehen hat kennt das, in denen wirklich gar nichts mehr klar ist. Jede Handbewegung, jede simpelste Logik hinterfragt werden muss. Was auch für den Roman als solchen gilt, den man getrost noch ein zweites Mal lesen kann, um dann ganz andere Sätze in einem neuen Licht, wie in einem Spiegel zu betrachten.

Young-Ha ist so nett, uns ein Ende, eine Lösung zu servieren. Und so fies, genau das nicht zu machen, uns hilflos und unwissend wie Byongsu Kim zurücklassen.

Ja, das geht, zeitgleich. Wer hätte das gedacht.

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Ein Kommentar zu “Neulich, bei David Lynch. Soeben ausgelesen: Young-Ha Kim – „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ (2020)

  1. metalunterpalmen
    30. September 2020

    Hört sich höchst spannend an. Die ostasiatischen Autoren schaffen es immer wieder mit ihren verrückten Ideen zu verstören, aber im nächsten Moment auch anzuziehen und zu fesseln.

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