David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Kill your idols! Oder: Wie ein Literaturagent einen Kübel Hass über mir ausschüttete.

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von David Wonschewski

Ich erinnere mich noch genau: 2010 las ich – aus purer Langeweile und weil er halt zufällig in der Gegend herumstand – meinen ersten Thomas-Bernhard-Roman: „Holzfällen. Eine Erregung.“ (1984). Ein künstlerisches Erweckungserlebnis wie ich es nie zuvor, aber auch nie mehr danach erleben durfte. Ein regelrechter Gürtel- und Gedankenöffner. Binnen weniger Monate suchtete ich – nachdem ich gut zehn Jahre fast gar keine Romane gelesen hatte, weil ich alles nichtssagend fand – alles durch, was von Bernhard in die Finger zu kriegen war. Und kaum war ich damit fertig, setzte ich mich hin und schrieb in drei Zügen meinen Debütroman nieder. „Kälte“, so lautete das Manuskript und ich bot es Verlag Hinz und Literaturagentur Kunz an. Die Rückmeldungen waren desolat. Die netten Antwortschreiben lobten meine Fähigkeit den Tonfall und die Gedankenwelten eines Thomas Bernhard ins neue Jahrtausend zu transportierten. Dass genau das aber ziemlich sinnlos sei. Die fieseste Replik kam von einem Agenten, der mich auf anderthalb Seiten zusammenstutzte, dass ihm selten eine so schamlose Bernhard-Kopie untergekommen sei. Die sei zwar recht gelungen, genau darum aber moralisch auf das Entschiedenste abzulehnen. Ich solle zusehen, dass ich mir einen eigenen Stil draufschaffe, bevor ich mich noch mal mit irgendwas irgendwo melde. Er warnte mich dann wortreich und zürnend noch vor diesem und jenem, selbst in Zornesdingen offenbar derart talentiert, dass ich schon glaubte, Wittgensteins Neffen persönlich angeschrieben zu haben.

Einen neuen Bernhard, so merkte ich schnell, braucht niemand. Wozu auch, offenbar hatte man am alten Bernhard, dem Original, (damalige) 20 Jahre nach seinem Tod noch genug zu knacken.

Und doch gaben mir diese Schelten Mut. Das war mehr, als ich erwartet hatte, war ich doch davon ausgegangen bestenfalls Standardabsagen zu erhalten. Formschreiben, aus denen man nicht schlau wird und die den Autor mit dem üblen Gefühl zurücklassen, dass vermutlich nicht eine Zeile seines Machwerks begutachtet worden ist. Also tat ich das, was einem Autor am wehsten tut: Ich strich aus meinem Manuskript die mir liebsten und aus meiner Sicht besten Stellen – das waren nämlich die deutlichsten Bernhard-Bezüge – um zu sehen, ob da überhaupt noch irgendwas übrig bleibt. Zu meinem großen Entsetzen tat es genau das, es blieb was übrig: ich. Wer so etwas schon mal erlebt hat, nach Tagen, Wochen, Monaten oder gar Jahren des Bastelns und Konzipierens plötzlich auf sich selbst zu stoßen, der wird das kennen. Das ist nicht nur lustig. Es ist mitunter sogar ein etwas beängstigendes Trauerspiel.

Was daran so entsetzlich war? Nun, in meinen literarischen Allmachtsfantasien hatte ich mich in den Gedanken verliebt als Bernhard-Abklatsch Karriere zu machen, also Retro-Wüterich 2.0 durch die Lande zu ziehen. Warum auch nicht, es gibt einen Markt für ABBA- und Queen-Revival-Bands, jeder Musikstil wird alle 20 Jahre von jungen Musikern neu aufgewärmt, warum mit einem solchen Konzept also nicht auch in der Literatur reüssieren?

Ganz einfach: weil es in der Literatur, mit Verlaub, besonders kacke ankommt. Dafür mag es verschiedene Gründe geben, vielleicht liegt es daran, dass der Literat im Gegensatz zum Musiker (eigentlich) kein Bühnenmensch ist, er nur sein Wort hat und die Öffentlichkeit weitaus weniger interessiert ist an allem, was da noch links und rechts so abgeht im Literatenleben (was ihn enorm von Fußballern, Schauspielern, Popsternchen unterscheidet). Und wenn ein Autor nur sein Wort hat und nicht mal das von ihm stammt, nun, bleibt halt nicht mehr viel, um es theoretisch gut finden zu können.

Ja, ich schröpfte mein Manuskript „Kälte“, bis es nur noch halb so umfangreich war. Entschied mich als ich, ich selbst, hinter und letztlich wohl auch in meinem Buch zu stehen. Um, so es schief geht, nicht Bernhard als Ausrede für irgendwas vorschieben zu müssen. So fand ich einen Verlag. Lernte, zu was ein guter Lektor fähig ist, der – erinnert sich noch wer an Tom Skerritt als strenger Bildungspapa im Film „Aus der Mitte entspringt ein Fluss?“ – mir die Wonnen der Streichung, Auslassung, Kürzung nahebrachte. Liest man meinen 2012 unter dem Namen „Schwarzer Frost“ erschienen Debüt-Roman, ich glaube nicht, dass man noch automatisch an Bernhard denken muss. Klar, eine gewisse zynisch-desperate Grundtendenz ist da, natürlich, genau die steckt ja auch in mir – andernfalls hätte ich mich seinerzeit von den Thomas-Bernhard-Romanen ja nicht dieserart wachküssen lassen können.

„Sei du selbst“ – wie oft liest man diesen Positivspruch in diversen Variationen. Es klingt so einfach, dabei ist es eine der schwierigsten Herausforderungen des Lebens. Zu erkennen was, vielleicht sogar wo man selbst ist. Ich danke den Verlagen und Agenten, die mich damals ablehnten, den Lektoren, die mich hemmungslos zusammenstrichen, mich auf Naturmaß stutzten.

Sich selbst finden ist kein Zustand, den man einmal erreicht und in dem man es sich dann gemütlich machen kann. Er muss immer wieder neu errungen werden, täglich. Darum blogge ich auch – und lösche nicht selten eigene Artikel nach kurzer Zeit wieder. Werkstatt des Lebens halt. Ich schreibe zehn Dinge auf, die ich denke und setze sie neben zehn Dinge, die ich als wichtig erachte. Wenn zehn Tage später von diesen zwanzig Punkten ein einziger verblieben ist, der sich noch immer nach mir selbst anfühlt, habe ich einen guten Job gemacht, habe gut an mir herumgemeißelt, herumgehämmert. Und wenn nicht: schreibenschreibenschreiben. Und dann wieder: kürzenlöschentilgen.

Wüsste ich noch wie jener arg aufdrehende Literaturagent hieß, der mir so richtig die Leviten las, ich glaube, ich würde ihm Blumen schicken. Denn ohne ihn säße ich gewiss noch immer in meiner eigenen Erregung, meiner Verstörung, meinem Beton fest. Ganz stilecht auf meinem eigenen Heldenplatz, natürlich.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

 

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Oktober 2020 von in Nachrichten.
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