David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Unnötig Lapidares eines verbal Hochbegabten. Soeben ausgelesen: Éric Vuillard – „Der Krieg der Armen“ (2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 2 von 5 Sternen

Und auch so etwas gibt es: Da wird ein Buch in nahezu sämtlichen veritablen Medien als herausragend, packend und erschütternd beschrieben – und mich lässt es nicht nur kalt, nein, ich frage mich sogar was das Buch überhaupt leisten soll. Dazu muss man wissen, dass ich zu jenen Lesern gehöre, die sogar ein subjektiv mieses Buch enorm zu schätzen wissen, prägen und schulen doch gerade als schlecht empfundene Bücher den eigenen Geschmack und die eigene Weltsicht mitunter sogar mehr als manch literarischer Oberknaller. „Der Krieg der Armen“ aber – 70 Seiten kompakt dargestellte Historie, sprachlich okay, alles schon mal gehört, einiges auch bereits anderweitig vertieft. Und Ende.

Hauptthema sind Thomas Müntzer und der Bauernkrieg, dazu auch die für Müntzer einflussreichen Vorbilder John Wyclif (1330 bis 1384) und Jan Hus (1370 bis 1415). Éric Vuillard blickt ins späte Mittelalter zurück und gelangt auf den wenigen Seiten bis an die Schwelle der Neuzeit. Der Prediger und Ketzer Thomas Müntzer wurde nach der vernichtenden Niederlage der deutschen Bauern bei Frankenhausen in Thüringen enthauptet, wir erinnern uns, am 27. Mai 1525 war das. Abgesehen von radikalen Verhaltensweisen und noch radikaleren Reden erfahren wir gar nicht sonderlich viel über ihn, was das Buch somit auch nicht einmal im Ansatz in Richtung Kurzbiografie bringt. Knapp zwei Jahrhunderte mit drei Schauplätzen – England, Böhmen und Mitteldeutschland – umspannt „Der Krieg der Armen“, man liest das Buch in zwei bis drei Stunden. Und ist, so man das Thema im Schulunterricht rudimentär abhandelte, kein Stück schlauer als zuvor. Natürlich ist auch das eine Kunstfertigkeit, dieses Verdichten von Geschichte, das Aufzeigen gesellschaftlicher Zusammenhänge auf engstem Raum – so gesehen ist Vuillard, der dieser Herausforderung auch in seinen früheren Büchern begegnete – ein wahrlicher Meister seines eigenen Fachs. Und – ebenfalls so gesehen – eignet sich „Der Aufstand der Armen“ als eine Art Lehrbuch für alle schriftstellerisch Aktiven, die ihre Informationen bisher lieber in acht Sätzen übermitteln als in einem, es auch schlichtweg nicht anders können (ich zähle mich selbst gerne dazu). Denn mit bemerkenswert wenigen Beschreibungen von Mensch, Dorf und Natur skizziert Vuillard die Umgebung, in der wir uns befinden, es braucht ihn nur wenige Wörter, um Sozialkolorit einzuflechten und somit die Stoßrichtung vorzugeben – die Unterdrückten, die sich erheben, die nicht länger gewillt sind, auch noch die rechte Wange hinzuhalten. Epochale Umwälzungen – Vuillard schafft es, sie nur zu streifen und doch deren Bedeutung emotional fühlbar zu machen. Die Erfindung des Buchdrucks beispielsweise, hier schreibt Vuillard: „Das ganze übrige Europa, war zwischen die Hügel jeder Stadt, zwischen die Buchstaben sämtlicher Namen geflossen, über die Regenrinnen, durch die Windungen jedes einzelnen Gedankens; und jeder Buchstabe, jeder Ideenzipfel, jedes Satzzeichen war in ein Stück Metall eingegangen. Man verteilte sie in einer Holzschublade. Die Hände wählten eines aus, und noch eins, und so entstanden Wörter, Zeilen und Seiten. Sie wurden in Tinte getaucht, und eine ungeheuerliche Kraft presste die Lettern langsam auf das Papier.“

Alles das ist fulminant an diesem „Krieg der Armen“ und gewiss ein Fest für Leute, die beispielsweise auch Lyrik zu schätzen wissen. Ich selbst gehöre leider nicht dazu und so kann auch der bewundernswerte Stil nicht darüber hinwegtäuschen, dass mir der Inhalt nebulös, das wirkliche Ziel gar nicht vor Augen tritt. Das ist Geschichte im Kurzabriss, nicht spannend genug, nicht empörend. Schon klar, eventuell liegt der Zweck auch eher darin, es als eine Art linke Streitschrift zu lesen, frei nach dem Motto „unsere Ahnen haben sich für uns erheben, lasst uns dasselbe für unsere Nachfahren tun, der Kampf ist noch nicht vorbei“. Mag sein, dafür gerät der Ton jedoch zu lasch.

Die fehlende Griffigkeit des Buches lässt sich dementsprechend auch an etwas anderem festmachen: Dass es Lust macht, sich einmal ein richtiges Buch zu den angerissenen Themen zu besorgen. Eine tiefergehende Biografie über diesen protestantischen Reformator, Zeitgenossen Luthers, Theologen und Rebell Thomas Müntzer zu lesen, mich intensiver mit dessen offenbar Klaus Kinski-haften Unangepasstheit und sprachlichen Rohheit zu beschäftigen, diese Lust hat Vuillard definitiv in mir erweckt. Auch eine nähere Beschäftigung mit Jan Hus steht nunmehr auf meinem persönlichen Bildungsplan. Das ist immerhin etwas. Hätte mir bei einem Blick in mein olles Geschichtsbuch aus den 90er-Jahren aber genauso passieren können.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. Oktober 2020 von in 2020, Soeben ausgelesen, Vuillard, Éric und getaggt mit , , , , , , .
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