David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Auf der Suche nach dem vergammelten Schinkenbrot. Soeben ausgelesen: Lukas Bärfuss – „Koala“ (2014)

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von David Wonschewski

Kennt ihr das? Ihr steht in eurem Wohnzimmer und denkt: Was zum Teufel müffelt hier denn so? Und ihr schaut euch um und euch fällt ein, ach, in der Schublade, da ist doch noch das Schinkenbrot von vorgestern in der Tasche. Zack, entsorgt, alles gut. Fühlt sich kurz etwas eklig an, dann aber ist da dieses aufgeräumte, dieses Alles-in-Ordnung-und-alles-unter-Kontrolle-Gefühl.

Was aber wenn ihr kein angegangenes Schinkenbrot findet? Ihr schaut unter den Tisch, kriecht hinter das Sofa – nichts. Ihr lüftet, nutzt Raumspray, reißt dann die Vorhänge runter, die Tischdecken auch, wascht alles bei 90 Grad. Hilft nichts, ein undefinierbarer Gestank bleibt, ein leichter Ekel wird zu eurem ständigen Mitbewohner. Ich hörte von Leuten, die wurden richtiggehend verrückt an so etwas, verloren ihren Verstand. Etwas sehen, aber nicht riechen können, damit kommen wir klar. Aber etwas riechen, das wir nicht sehen, das ist bei uns immer die Vorstufe von Wahnsinn.

Wir haben im Übrigen die Wahl, können selbst entscheiden, ob wir aufrichtig Angeekelte sein wollen – oder aber fortwährend dem Wahnsinn anheimfallen. Wie? Durch bewusste Konfrontation. Mit dem, was wir nicht ausstehen können, dem, was wir hassen, dem, was wir am liebsten aus der Welt, der Gesellschaft, unseren Wohnzimmern getilgt hätten. Das Monster unterm Bett ist nur so lange angsteinflößend wie man sich weigert mal unters Bett zu schauen.

Es gibt Leute, die finden es wichtig rechtsorientierte Parteien schneller zu verbieten oder den Begriff „Rasse“ aus dem Grundgesetz zu entfernen, anderslautend zu umschreiben. Diese Leute haben ihre guten Argumente, haben gewiss auch nur menschheitszugewandte Interessen. Folgen möchte ich Ihnen dennoch nicht, denn – um im Bild zu bleiben – der undefinierbare Gestank in unserem Land wird davon nicht weggehen, im Gegenteil. Und dann viel Spaß beim Suchen. Ich halte es für hilfreicher um die Existenz vergammelter Schinkenbrote zu wissen. Zu wissen, dass ich ab und an die Gewohnheit habe die Dinger in die Schublade zu legen. Zweite von links, übrigens. Eine Unsitte zwar, aber immerhin eine praktikable.

Ist ja alles schön und gut – aber wie komme ich da jetzt drauf? Durch Lukas Bärfuss und seinen zweiten Roman „Koala“. Denn lese ich einen alten oder nicht mehr ganz aktuellen Roman und erkenne ich darin ein Sujet von Allgemeingültigkeit, eine Betrachtung, die sich problemlos auch auf andere Gebiete und ins Hier und Jetzt transportieren lässt, dann weiß ich: Ich habe es mit einem ziemlich großen Schriftsteller zu tun. Und das ist der mehrfach preisgekrönte Dramaturg und Literat Bärfuss definitiv. Und sein Roman „Koala“ unterstreicht es wesentlich besser als „Hagard“ von 2017 (Rezension: HIER) und etwas besser als das schon grandiose Debüt „Hundert Tage“ von 2008 (Rezension: HIER).

Woher kommt unsere Tilgungssucht? Woher dieser seltsame Glaube das Ignorieren und Nichthinsehen könnten helfen, Political Correctness – mitsamt ihren absurden sprachlichen Auswüchsen – wären in irgendeiner Form hilfreich? Das ist die zentrale Frage, die auch Bärfuss stellt, wenngleich er sich einen anderen, gerne weiträumig umfahrenen Bereich sucht: den Suizid. Was das bedeutet, kenne ich selbst. Als ich vor einigen Jahren meinen Depressions-und-Suizid-Roman „Schwarzer Frost“ (HIER) veröffentlichte, ging es mir darum mich mit einer der weltweit häufigsten Todesursachen auseinanderzusetzen. Die Geschichte eines Musikjournalisten zu erzählen, der gut situiert in einem wohlhabenden, freien Land lebt – und sich, letztlich frei, für den Tod entscheidet. Ich erlebte, dass selbst Freunde und gute Bekannte ein wenig pikiert waren: Da kennen sie mal einen „richtigen“ Schriftsteller, so mit Verlag und „echtem“ Buch und dann schreibt der über sowas. Viele wollten sich das von vornherein nicht antun. Blutrünstige Thriller, Actionhelden, die reihenweise Gegner ummetzeln, gerne. Suizid: Eine rote Linie, die nicht überschritten werden sollte. Eine Frage des Anstands oder so, begriffen habe ich diese Argumentation nie.

Im „Koala“ erzählt der welterfahrene, erfolgreiche und mit beiden Beinen fest im Leben stehende Protagonist die Geschichte seines älteren Bruders, der nicht direkt scheiterte, aber es irgendwie zu nichts brachte, dem Ambitionen und Ziele fremd waren. Der, im Gegensatz zum Protagonisten, in der Provinz stecken blieb, belanglos vor sich hin eierte, sich dann umbrachte, mit Mitte 40. Gründe: unbekannt. Abschiedsbrief: keinen.

Der namenlose Erzähler hatte kaum noch Kontakt zu seinem Bruder, kannte ihn im Grunde nicht mehr. Er hat niemanden, den er fragen könnte, niemand, der ihm aufschlussreiche Hinweise geben könnte, warum jemand so etwas tut. Der Bruder hatte keine Schulden, auch ein gebrochenes Herz kommt nicht infrage, keine kurz zuvor diagnostizierte schwere Erkrankung, keine depressive Vorgeschichte. Er hat es halt einfach so gemacht. Sich in die leere Badewanne gelegt und getan, was er tun musste. Oder wollte. Oder, vielleicht, auch nur zu wollen glaubte?

Ja, irgendwas ist hier doch faul, der Erzähler steht gewissermaßen in seinem stinkenden Wohnzimmer und kommt nicht mehr zur Ruhe. Was auch daran liegt, dass er kein angegammeltes Schinkenbrot zur Hand hat, denn ein Thema wie Selbstmord kommt in seiner Welt nicht vor. Was für ihn, den Kulturschaffenden, schon seltsam ist, ist die Kunstgeschichte doch voll von berühmten meistern, die durch eigene Hand starben. Bärfuss liefert im ersten Teil seines Romans eine sehr gelungene Mischung aus wissenschaftlich-historischer Suizidschau und der subjektiven Betrachtung eines verständnislosen Verwandten, der nicht wirklich trauern kann um diesen Bruder, aber zunehmend zorniger wird, weil er so gar keine Gründe für dessen Blödsinnstat finden kann. Und dann, in einem Gespräch mit Jugendfreunden seines Bruders, fällt plötzlich dieser Begriff, dieser seltsame Spitzname, den er seit frühesten Pennälerzeiten trug: Koala. Erhalten in einem wald- und wiesenorientierten Jungenverein (ob es direkt die Pfadfinder sind, wird nicht ganz klar, etwas zu brutal gerät doch das eindrücklich von Bärfuss geschilderte Aufnahmeritual), haftete dieser Name an ihm bis zu seinem Ableben.

Bärfuss vollzieht hier, mitten im Roman, einen heftigen Bruch, einfach so von einem Absatz zum anderen. Wir wissen zwar, dass der Protagonist – eben weil er keine anderen Anhaltspunkte hat – es ist, der hier weitererzählt, seine Rechercheergebnisse vorträgt. Doch plötzlich sind der Bruder und der Erzähler weg, auch sind wir nicht mehr in der ländlichen Schweiz, sondern im Australien des 17. und 18. Jahrhunderts. Jener Zeit, in der die Briten ihre kriminellen Verdammten in dortigen Sträflingskolonien unterbrachten. Und jene Zeiten, in denen erste Expeditionstrupps diesen seltsamen Kontinent durchstreiften, auf Eingeborene trafen, seltsame Lebewesen entdeckten. Wie schon im Suizidteil, tritt Bärfuss erneut als talentierter Vermittler historisch-biologischer Zusammenhänge auf. Wir lernen aus – man kann so wie Bärfuss es aufbereitet tatsächlich von „erster Quelle“ – wie es für Männer und Frauen war, die wegen mitunter lächerlicher Vergehen monatelang auf dem Ozean umherschipperten, um schließlich im gefühlten Nichts zu stranden. Wie Eingeborene und (freiwillige wie unfreiwillige) Eroberer sich einander annäherten und immer wieder abstießen. Und wie man auf dieses seltsamste aller Tiere stieß, den Koala, der bis heute als Treppenwitz der Evolution erachtet werden kann, als ein Tier, das es nur geben kann, weil die Natur es in einen Teil der Welt und auch einen Teil Australiens zog, indem es keine Feinde hatte.

Bärfuss verliert sich derart tief in diese, tja, australischen Schilderungen, dass man, so abenteueromanhaft lesenswert es auch ist, sich mehr als einmal fragt, was denn das bitte mit der ersten Hälfte des Buches zu tun haben soll. Und wie Bärfuss diese beiden so enorm unterschiedlichen Geschichten am Ende verknotet kriegen will.

Nun, diesem fulminanten Teufelsschreiber gelingt das tatsächlich. Und so wie es sein muss, vollbringt er das ganz nebenbei, fädelt es durch die Hintertür ein. Es beginnt mit den Eingeborenen, den Eora, einem Stamm, der in der Bucht von Sydney lebte. Und der fast von einem Tag auf den anderen ausstirbt, weil seine Mitglieder allesamt einer seltsamen Viruserkrankung erliegen, an üblen Pocken dahinsiechen. Gerade noch in voller Blüte stehen ist plötzlich Ende, einfach Schluss. Die Gründe für das Auftreten dieser Seuche, die nicht auf Briten überging, bleiben schleierhaft. Fest steht nur: nicht mehr lebensfähig, nicht mehr nötig. Also weg. Ähnlich geht es den Koalas, auch wenn es keine Seuche ist, der dieses Tier kurz nach der Entdeckung bereits nahezu ausrottet. Es ist der Mensch. Nichts ist so einfach wie den Koala zu töten, ein Koala hockt oben auf dem Baum und flieht nicht. Wenn man am Baum rüttelt, fällt der Koala runter. Auch wenn er es dann noch könnte, läuft er dann nicht weg. Fluchtinstinkt hat er nie gehabt, sich in Sicherheit bringen nie gelernt. Und peng.

Aber warum schießt der Mensch Koalas? Wenig sinnvoll, das Fleisch schmeckt nicht, das Fell ist kaum zu gebrauchen, eine Gefahr stellt er sowieso nicht dar. Und, wie geschildert, liegt die Herausforderung, einen Koala zu erlegen bei null, Trophäen sind nicht zu erringen damit. Und genau hier stößt der Protagonist bei seinen Recherchen auf eine großartige Randnotiz. Er liest von Leuten, die in den frühen Tagen den Koala noch jagten, um sich am Fleischverzehr zu versuchen. Das aber nicht etwa einstellten, weil es nicht so richtig schmeckte. Sondern: weil sie sich schämten. Das Essen so keinen Spaß machte, wenn es keine Jagd und somit auch keine Beute gibt, die diesen Begriff verdient.

Also hörten sie auf den Koala zu essen, erschossen ihn einfach nur noch in Mengen, brachten ihn bis an die Grenze der Ausrottung. Warum? Was für eine Scham ist das, die den Verzehr unterbindet, den tierischen Massenmord aber befeuert? Je mehr sich Bärfuss mit seinem Protagonisten auf diese Fragestellung einlässt, desto näher kommen wir dem menschlichen Suizid. Unserem bis heute vorherrschenden Drang, einen solchen zu ächten, Selbstmörder zuvorderst danach zu analysieren, was bei ihnen falsch gelaufen sein könnte, anstatt zu sehen, dass bei einem Selbstmörder womöglich weniger falsch gelaufen ist als bei Menschen, die sich ein Leben lang daueroptimieren, um nur nicht unter die Räder zu kommen. Die besessen sind davon ihre Tage mit vermeintlich sinnvollen Dingen vollzustellen, um sich nur nicht klarmachen zu müssen, dass das Flucht ist, Selbstbetrug. Die beruflichen und privaten Erfolg in ihre Vita bekommen wollen, Kind, Ehe, Haus, Geld und dem Diktat hinterherjagen, demnach nur ein möglichst vollgestelltes und auch möglichst in die Länge gezogenes Leben ein gutes Leben ist.

Wir schämen uns, weil wir den Koala bewundern. Ein faules Tier, ein Astgabelhocker mit wenig Bewegungsdrang, kaum Radius. Das lieber verhungert als sich mal vom Baum zu trollen und sich Ersatznahrungsquellen zum Eukalyptus zu erschließen. Wenn kein Eukalyptus in greifbarer Nähe ist, ist halt Ende, wen juckt es, sagt sich der Koala. Derweil wir Menschen uns in überbordenden Aktivismus stürzen, als wenn das etwas daran ändern könnte, dass uns das Schicksal aller Lebewesen erwartet: Das Individuum stirbt, über kurz oder lang wird die ganze Gattung ausgelöscht.

Ob man uns von Bäumen schießen wird wie Koalas (eher unwahrscheinlich), ob eine seltsame Virenerkrankung uns vom Antlitz der Erde tilgt (na hoppla…) oder ob es der Lars von Trier’sche Meteorit ist, der dem ganzen Menschenzirkus ein Ende setzen wird, all das wissen wir noch nicht, ist vielleicht auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist vielmehr sich zu fragen, ob wir wirklich so viel glücklicher als Koalas sind. Oder aber als jene Menschen, die man mit Fug und Recht mit einem solchen Spitznamen versehen kann.

Ein wirklich grandioses Buch. Von einem der ganz sicher besten deutschsprachigen Schriftsteller unserer Tage. Einem, der weiß, wo das vergammelte Schinkenbrot liegt. Wenn es mal wieder muffelt.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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