David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Soeben ausgehört: Badly Drawn Boy – „Banana Skin Shoes“ (2020)

badrawwww

von David Wonschewski

Weggegangen, Platz vergangen – was für ein Monster von einem Kindergartenspruch. Knapp 40 Jahre sind vergangenen, seit ich diese alberne Heranwachsenden-Weisheit zuletzt gedacht habe, um sie mit dem Beginn der Grundschule komplett aus Denken und somit auch Wortschatz zu tilgen.
Wie frappierend, dass es ein Zeichen zunehmenden Alters ist, dass mir dieser Spruch seit einigen Monaten vermehrt wieder in den Sinn kommt. Zu allen möglichen Anlässen. Auch in der Kunst, der Musik. Anfang 2000 ging ich zum Studium nach Berlin, lernte einen neuen besten Freund kennen, wir begannen uns gemeinsam für Indie-Musik zu interessieren, begannen gemeinsam eine Musikjournalistenlaufbahn einzuschlagen. Mit Dabei, im Geiste: der Badly Drawn Boy, seinerzeit eine ganz große Nummer am Indie-Firmament, ein Zausel mit Mütze, angesiedelt irgendwo zwischen Singer-Songwriter und Pop. Wir interviewten ihn, wir besprachen ihn, wir schrieben über ihn und seine Platten. Und waren damit nicht allein, halb Deutschland und ganz UK tat einige Jahre das Gleiche. Oh ja, der Musiker, der bürgerlich Damon Gough heißt, war ein Indie-Star (wenn es so etwas gibt) und mit seinem Soundtrack zum Hugh Grant-Film „About a Boy“ mitten im Angriffssprung auf den Mainstream. Doch dann, tja, was geschah dann? Erst verlor er sich, wie so viele Musiker vor ihm, zwischen den Mahlsteinen Indie und Mainstream (die einen wollten ihn nicht mehr, die anderen noch nicht so richtig) und dann kam, wie wir heute wissen, eine private Tragödie mitsamt seelischem Niedergang dazwischen. Plötzlich war er weg, der kleine Star.
Nun, 2020, nach zig zig Jahren, ein neues Album. Von einem, auf den eigentlich niemand mehr gewartet hat und den keiner mehr so richtig braucht. Hört man „Banana Skin Shoes“, so der Name des neuen Werks, so wird das durch den Sound unterstrichen. So richtig modern klingt das nicht, was er da macht, aber auch nicht spröde genug, um zurück auf die Zausel-mit-Akustikklampfe zurückzufinden. Auf uncoole Art zwischen den Stühlen. Ein Eindruck, der auch nach vier Mal hören nicht vergehen will. Als wäre da einer tatsächlich um 2010 in eine Zeitkapsel gestiegen und erst jetzt aus ebendieser wieder ausgespuckt worden.
Die genannten vier Mal anhören sollte man das Album aber dennoch, denn nach dem diverse „Herrje, was soll das denn?“-Momente sich abgenutzt haben, pulen sich Songs heraus. Echte Songs! Also solche, wie sie doch schon lange nicht mehr geschrieben werden, weil irgendwie alle Notenfolgen längst in allen Variationen zusammengesetzt worden sind. Und wie variantenreich das doch ist: „You and me against the world“ ist luftiger Bossa Nova, in dem Gough uns schnippend mitteilt, wie verletzlich er sich fühlt und wie verloren. „I need someone to trust“ ist zahnloser Soft Rock, der vor lauter Zahnlosigkeit im Refrain plötzlich beginnt Gefangene zu nehmen, unentrinnbar wird, warum und wodurch: unerklärlich. Die Finger tippen den Schmalspur-Beat, das erhabene Hirn macht sich über das bisschen Streicher-Geschmalz zu Anfang und gegen Ende lustig, und die Zunge, verdammte Verräterin: singt mit.
„Note to Self“ klingt wie eine gelungenere Lindsay Buckingham-Solonummer, nur halt ohne Bock auf Bambule, derweil „Colours“ im treibenden Psych-Pop-Gewand daherkommt.
14 Stücke sind drauf auf dem Album und ja, dranbleiben lohnt sich, schält sich aus der anfänglich unterstellten Orientierungslosigkeit doch schnell ein Frühlingsalbum heraus, dass gerade deswegen so viel Freude bereitet und Durchgang für Durchgang an immer neuen Stellen minimal funkelnde Entdeckungen preisgibt, dass einem exakt ein solcher Langspieler tatsächlich gerade noch gefehlt hat. Mehr Cabrio-Album geht nicht.

Und die Sache mit dem Platz, der vergeht, sobald man selbst geht? Nun, meine Musikjournalistenkarriere trat ich einige Jahre später in die Tonne, als ich dachte, ich bräuchte sie nicht mehr. Und von meinem besten Freund trennte ich mich, wir waren beide der Meinung, wir hätten uns nichts mehr zu geben. Das mit dem Musikjournalismus bereue ich nicht, sobald Geld ins Spiel kommt, wird Kunst immer Dreck, egal aus welcher Position betrachtet. Den Freund von damals, doch, den vermisse ich arg oft. Den Badly Drawn Boy habe ich nun immerhin wieder. Auch wenn nichts mehr so werden wird, wie mir meine Erinnerung eintrichtert, dass es das mal war, hilft mir „Banana Skin Shoes“ mir meine eigene Erinnerung so zu verklären, wie ich sie verklärt haben mag.

Ein Musikjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

 

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17. Oktober 2020 von in Musikrezensionen, Nachrichten und getaggt mit , , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: