David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Geplant verpeilt. Soeben ausgelesen: Dag Solstad – „16.7.41“ (2002)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Es ist doch so: Wer an einem Anfang schon dessen Ende kennt, mag ein guter Handwerker zu sein. Bleibt jedoch zeitlebens ein lausiger Abenteurer. Diese im Deckmantel einer Weisheit daherkommende Lebensrechtferfertigung habe ich gerade erst erhirnt. Und mir, wie das halt so läuft, natürlich passgerecht auf den eigenen Leib geschneidert. Damit ich selbst möglichst gut dastehe. Und andere möglichst doof. Letztlich ist es aber doch so, es gibt Menschen, die denken nach, bevor sie reden, kennen das Wetter, bevor sie aus dem Hause treten, wissen immer den Weg, der zu gehen ist. Nicht aus Klugheit, sondern aus logischer Herleitung. So schwierig ist das ja auch nicht, man muss nur wissen, wo man steht und wo man hin will und dann Punkt A sinnvoll mit Punkt B verknüpfen. Aus mir unbekanntem Grunde hat sich unsere Gesellschaft entschieden, Menschen mit Lebens-, Karriere- oder auch nur Tagesplan als richtig, normal, gut zu benennen. Und alle anderen via Selfmanagement-Optimierungskurse dahin zu trimmen auch so zu sein.

Ich will das nun gar nicht per se schlecht reden, im Gegenteil, ich bin unfassbar neidisch, finde das anziehend, mitunter gar hochattraktiv. Wie oft wurde mir gesagt, dass zu mir – eher so der sprachverpeilt terminverdaddelende Wackeldackeltypus – in Sachen Partnerschaft doch eine leicht freakige Künstlerin total passen würde. Gelandet bin ich immer bei Lehrerinnen, BWL’erinnen, Bänkerinnen. Die aber eben auch bei mir. Was mir zeigt, dass es offenbar auch für meine unfreiwillig freiwillig eingeschlagene Art der Lebensgestaltung einen Absatzmarkt gibt. Und doch: Vierzig Jahre hielt ich mich diesbezüglich für ein wenig fehlerhaft. Mir wurde erst beim Lesen der Dag Solstad-Romane klar – nunmehr fünf an der Zahl in wenigen Monaten – wie sorgsam und gezielt ich das verplant sein eingeplant habe.

Wissen Sie, ich gehöre zu den Leuten, die ständig falsch angezogen sind. Zu kalt, zu warm, zu schick, zu unschick. Wenn ich Rezensionen oder sonstige Artikel schreibe, tippe ich sie – wie diesen hier – in einem einzigen schnellen Gedankenstrom herunter und puste sie direkt ins Netz, Rechtschreibhauer inklusive. Texte liegen lassen und mit etwas Abstand nochmal herüberschauen ist mir ein Graus, unvorstellbar. Darum lösche ich auch 5 Prozent meiner Artikelund Einträge nach Tagen oder Wochen wieder. Mein Studium (Islamwissenschaft, Jüdische Studien, Filmdramaturgie) nahm ich damals auf, weil – und hier endet der Satz. Einfach nur weil. Ich habe auch Romane geschrieben. Warum ich das tat, weiß ich nicht. Wie ich bis heute auch keinen Schimmer habe, worum es in meinen eigenen Büchern geht. Ich fing einfach an zu schreiben, wenn ich dabei überhaupt ein Ziel hatte, war es von mir selbst möglichst oft überrascht zu sein. Ich war immer selbst ganz gepannt, was ich auf der nächsten Seite wohl so schreiben werde. Das ist kein Witz, manchmal blättere ich in meinem Debütroman und stoße auf mir komplett unbekannte Stellen. In meiner Vita stehen über ein Dutzend Arbeitgeber und ähnlich viele Anschriften und mein Tagebuch gibt zu Protokoll, dass es abgesehen von nahen Verwandten seit dem Abitur vor zwanzig Jahren keine Menschen gab und gibt, mit denen ich länger als drei Jahre am Stück verkehre. David, dein Name ist Häutung.

Ich könnte noch viele Beispiele anführen und liefe ich noch knietief im Pessimismus herum, ich würde mich als unfassbar gescheiterten Mann darstellen. Da mir das Jammern aber vor geraumer Zeit schon zu öde wurde, habe ich den Begriff des „lustvoll Abgebrannten“ ersonnen. Mein Leben als Zündholzschachtel.

Dass ich mittlerweile den Wert einer „viele Wege führen nach Rom, aber ich lande immer in Bad Salzuflen“-Existenz zu schätzen und zu einem Gutmaß auch zu romantisieren weiß, liegt an Autoren wie dem Norweger Dag Solstad. Schon als ich seine Romane „T. Singer“ (1999) und „Scham und Würde“ (1994) las, beschlich mich das seltsame Gefühl, in dem Mann mein alter ego gefunden zu haben. Mit Betonung auf „alter“ und gerne als deutsches Wort gelesen. Sein 2002 in seiner Heimat erschienener und in diesen Wochen nun auch hier herausgebrachter Roman „16.7.41“ intensiviert dieses Gefühl. Lese ich Dag Solstad, ist es für mich, als habe ich die seltene Möglichkeit, in meine eigene Gedankenzukunft zu schauen, mein Befinden im Alter von 50, 60, 70 Jahren zu erschmökern. Solstad-Romane sind immer so aufgebaut, dass eigentlich nicht viel passiert. Da ist ein weißer, sich selbst als privilegiert bezeichnender Mann aus der Mittelschicht, der ein ruhiges, geordnetes Leben führt. Und der dann von einem Nichts an Geschehnis aus der Gedankenbahn geworfen wird. Weil einer an einer unpassenden Stelle lacht oder sich räuspert. Was ihn gar nicht persönlich verletzt, er als gar nicht schlimm einordnet, aber ihn ans kleine Philosophieren bringt. Mit mitunter katastrophalen Hauruck-Resultaten im Verhaltensbereich.

Protagonist seiner anderen Bücher sind fiktionale norwegische Männer, doch auch dort wird bereits klar, dass der Autor selbst sich dahinter verbirgt. In „16.7.41“ (sein Geburtsdatum) nun stellt er sich zum ersten Mal als Autor Dag Solstad in den Mittelpunkt, zeigt uns sein Leben in seiner Wahlheimat Berlin, erzählt jedoch auch von literararischen Vortragsreisen und begibt sich mit uns zurück nach Norwegen, erst zu einem Abiturtreffen in den Ort, in dem er auch seine Kindheit verbrachte. Wie in seinen anderen Werken – mal stärker, mal etwas weniger stark – erweist sich Solstad auch in diesem den Begriff „Biografie“ charmant umtänzelnden Buch als Spaziergänger, als Gedankenflaneur, der sich seine neue Heimat Berlin gleichermaßen per pedes erschließt wie seine eigene Vergangenheit. Ja, bei Solstad ist man stets viel zu Fuß unterwegs, Solstad liebt es das Haus zu verlassen, plan- und ziellos durch Straßen zu wandern, mal hier abzubiegen, dann wieder dort. Und so liest sich „16.7.41“ zu einem Großteil auch wie ein ungewöhnlicher Berlin-Führer. Ich selbst habe 18 Jahre in Berlin gelebt, alle Straßennamen, U-Bahnhöfe und sonstigen Fixpunkte sind mir bekannt. Und doch erfahre ich durch Solstad der Art viel Neues über diese Stadt, die ich mir selbst in vielen Nächten – exakt so lustvoll planlos losschlendernd wie Solstad – nie ganz erschlossen habe. Dass in Berlin gar nicht einmal die vielen Freaks das Besondere sind, sondern das unnormale Verhalten der vielen Normalen (wozu er eine Reihe sehr interessanter Beobachtungen anführt). Dass – wohlgemerkt Stand 2002 – die Welt Berlin nicht anerkennt, Westdeutschland es als Hauptstadt nur widerwillig akzeptiert und die Stadt noch voller Zeichen dafür ist, wie sehr man hofft, den Osten loszuwerden. Solstad, der sich dazu bekennt, menschlich wie auch politisch deutlich mehr Sympathien für den Osten als für den Westen zu besitzen, kommt aus dem Staunen nicht heraus, dass es noch zehn Jahre nach der Wende keinen Direktflug von Berlin nach New York gab – und als er eingeführt wurde, gab es ihn von der Lufthansa ohne Bonusmeilen, die es nur gab, wenn man von Düsseldorf, Frankfurt, München losflog. Auch seine norwegische Fluglinie, die SAS, bot 2002 nur zweimal pro Woche einen Direktflug nach Berlin an, derweil man mehrmals täglich von Oslo nach Düsseldorf kam. Oder der U-/S-Bahnhof Warschauer Straße, ein Endbahnhof. Der, wie Solstad gut erläutert, problemlos nur ein wenig weiter hätte gebaut werden können, auch müssen, um beim Frankfurter Tor zu enden. Das wäre nur logisch gewesen, wurde diese Hochbahn doch auf den Resten der alten Stadtmauer platziert, was die diversen „Tore (Schlesisches, Kottbusser, Hallesches) erklärt. Das Frankfurter Tor wurde auch nach 1990 ausgespart, was für Solstad nicht nur ästhetisch desaströs ist, sondern auch westliche Arroganz mit politischem Unterton zeigt. Denn am Frankfurter Tor liegt die ehemalige Pracht- und Paradestraße des Ostens, die Karl-Marx-Allee. Aber die West-Berliner Prachtstraße, den Kurfürstendamm wunderschön mit der Ost-Berliner Prachtstraße verbinden, nun, so viel Einheit sollte denn wohl doch nicht sein.

Wer nun darauf wartet, dass ich endlich beginne, die Handlung von „16.7.41“ zu beschreiben, wartet vergeblich. Denn Solstad, auch das gibt er hier offen zu, tut sich schwer damit Geschichten zu konzipieren und dann dramaturgisch in Romanform zu bringen. Eine Unfähigkeit, die auch so ein wenig der Aufhänger des Buches ist, streift Solstad doch immer wieder die Frage, warum er überhaupt schreibt, wenn er doch nichts Konkretes zu erzählen hat, er sich sebst wundert wie ihm, dem nichts einfällt, so viele Romane aus dem Schädel fallen konnten. Wie Solstad sich dem Begriff unds einem Bewusstsein als Künstler auf seinen Wanderungen immer wieder neu annähert, das ist nicht nur philosophisch und sensible, sondern immer wieder auch überraschend lustig, ironisch, doppelbödig. Nein, Solstad hat mal wieder keinen Plan gehabt, als er sich hinsetzte – ach was, loslief! – um „16.7.41“ zu schreiben. Er wurde 60, sah sich in seiner finalen Phase als Literaturschaffender und wollte einmal etwas anderes machen, empfindet er das Privileg, schreiben und veröffentlichen zu dürfen doch auch als Bürde, kann man sich als Künstler für vermeintliche Erfahrung oder Weisheit doch gar nichts kaufen, wenn es doch darum geht,immer wieder bei einem Punkt null zu beginnen. Dementsprechend ist der Roman zu einem Roadmovie auf durchgelatschten Altherrenschuhen geworden, das sich zwar in die drei Blöcke „Berlin“, „literarischer Vortrag“, „Jugend in Norwegen“ einteilen, aber auf diese Weise keineswegs erschließen lässt.

Für Leser, die einen klaren Handlungsstrang und eine deutlich hervortretende Dramaturgie mit clever gesetzten Plot pints ist der Roman nichts, Solstad allgemein nicht zu empfehlen. Für Menschen hingegen, die sich darauf verstehen, einen Satz wie Der Weg ist das Ziel nicht nur als hirnlose Plattitüde rauszuhauen, ist dieser verzagte, sensible, Privilegiert-ohnmächtige Mann das literarisch-philosophische Nonplusultra.

Dass der Verlag Dörlemann aus der Schweiz sich der Aufgabe widmet, die Werke von Solstad nach und nach für den deutschsprachigen Markt aufzubereiten, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Dennoch sollen die „mal hinne machen“ da in Zürich. Einen Solstad habe ich noch in der Lese-Pipeline, dann ist Ebbe. In der norwegischen Vita von Dag Solstad steht aber noch eine Menge.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. November 2020 von in 1950 - 2018, 4 Sterne, Nachrichten, Soeben ausgelesen, Solstad, Dag und getaggt mit , , , , , .
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