David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Pathos, Baby! Schon gewusst? Die Hintergründe zu: Queen – „A Night At The Opera“ (1975)

von David Wonschewski

Als Queen 1975 ins Studio gingen, um ihre LP „A Night At The Opera“ aufzunehmen, waren sie produktionstechnisch gesehen bereits beschlagene Musiker. Und – nicht zuletzt durch die Vorgängerplatte „Sheer Heart Attack“ – auch kommerziell bereits sehr erfolgreich. Eine nicht zu unterschätzende Kombination, die die Briten mit genug Selbstvertrauen ausstattete um nun auf Album Nummer vier musikalisch ein wenig was zu wagen. Über sich selbst hinauszuwachsen. Nicht zuletzt daher rührt der zwar ironische, durchaus aber auch vor Bombast kraftstrotzende Plattentitel „A Night At The Opera“, entlehnt im Übrigen einem gleichnamigen Film der Komikertruppe Marx Brothers. Den hatten Queen in einer Pause der Aufnahmen von „Bohemian Rhapsody“ gesehen und seinen Titel als überaus passend empfunden.

„Sheer Heart Attack“ war noch ein lupenreines Hardrock-Album gewesen, mitunter an der Grenze zum Heavy Metal. Mit dieser LP aber sollte nun alles anders werden, Freddie Mercury und seine Kollegen nahmen sich vor, zwar auf den Fundamenten ihres bisherigen Stils aufzubauen, das alles aber weiter auszubauen. Besser noch: aufzuplustern, ein pompöses Bekenntnis zum Bombast abzuliefern – ohne sich dabei selbst allzu ernst, allzu wichtig zu nehmen. Eine mutige Idee, die in den meisten Fällen als überambitionierter Kitsch nach hinten losgeht, die Erschaffer unter sich begräbt. Im Falle von „A Night At The Opera“ aber funktionierte wie nie zuvor – und wohl auch nie wieder danach.

Zwei Monate – den Juni und den Juli 1975 – verbrachten Queen damit, sich durch diverse Songskizzen zu hören. Die Aufnahmen fanden dann von August bis November des Jahres statt, interessanterweise in fast einem halben Dutzend Studios. 40.000 Pfund kostete die Albumproduktion seinerzeit (das dürften – umgerechnet und heute – knapp 320.000 Euro sein), eine Summe, die es zu einem der teuersten Alben seiner Zeit machten, aber auch zeigt, welches Standing die Band seiner Zeit bereits hatte und wie sehr man an die kommerzielle Kraft ihrer Musik glaubte. Zurecht, die damals wie heute höchst ungewöhnliche erste Single „Bohemian Rhapsody“ war am 31. Oktober 1975 bereits auf die Briten losgelassen worden und kurze Zeit später zum Nummer 1-Hit geworden. Das Album kam schließlich am 21. November 1975 hinterher.

„A Night At The Opera“ markiert den Punkt, an dem aus englischen Bekanntheiten die globalen Superstars wurden, die sie bis heute sind. Die Platte hielt sich fast ein Jahr lang nicht nur in den englischen, auch in den amerikanischen Albumcharts. Doch nicht nur für Freunde des Großgedruckten bietet die Platte viel Faszinierendes, auch wer das Kleingedruckte liest, kommt hier auf seine Kosten. Wussten Sie, dass Queen die einzige Band ist, in der jedes Bandmitglied zumindest einen Nummer 1-Hit geschrieben hat? Musiker hören auch schnell heraus, welcher der großen Queen-Hits vom Bassisten John Deacon kam, welcher Klassiker nur am Piano von Freddie Mercury entstanden sein kann, welche Nummer eindeutig Leadgitarrist Brian May in die Welt hinausbretterte – und welches Stück nur jemand schreiben kann, der wie Roger Taylor Drumsticks in den Händen hält (das bekannte Phil Collins-Phänomen, ein Musiker erläuterte mir einmal, wie heftig man dessen Pophits anhört, dass er von Haus aus Drummer ist).

So auch hier, genannt sei dabei vor allem „You’re My Best Friend“, einer der ersten Belege dafür, dass auch der Technokrat am Bass, John Deacon, noch einige fette Nummern abliefern würde. Wie auch auf vorhergehenden Platten war in den LP-Credits der hübsche Satz „No Synthesizers!“ zu lesen, offenbar seinerzeit ein wichtiges Statement, das nicht nur eine gewisse Attitüde unterstrich, sondern letztlich auch musikalisches Grundtalent, benötigten Queen doch nur ihre „traditionellen“ Instrumente, um einen derart großen Klangeffekt zu erzielen.

„You’re My Best Friend“: Das Stück schrieb John Deacon für bzw. über seine Frau. Deacon war und ist ein für Rockstar-Verhältnisse scheuer Charakter, der das behagliche und ruhige Leben daheim durchaus zu schätzen wusste. Interessant ist, dass er den Song auf einem elektrischen Piano komponiert hat, ein Instrument, das seinerzeit recht beliebt war und auch bei u.a. Stevie Wonder und Steely Dan häufig zum Einsatz kam. Wie man sich denken kann, hatte Deacon auf den eigentlichen Pianisten der Band, Mercury, gerechnet, der jedoch weigerte sich, ein solches Gerät auch nur anzufassen, solange man auch ein klassisches Piano nutzen kann. Da es für Deacon jedoch unabdingbar war, das Lied mit einem elektrischen Piano zu spielen, musste er sich wohl oder übel selbst ans Instrument bequemen. Dem Vernehmen nach erlernte der versierte Bassist das Spielen auch nur, damit dieser eine Song entstehen kann. In der Tat lässt sich heute hübsch darüber spekulieren, ob der unique Klang des Instruments nicht tatsächlich hauptverantwortlich dafür ist, dass der Song zu den großen Queen-Hits gehört, Deacon also recht hatte.

„Bohemian Rhapsody“ – es gibt wohl kein Stück der Rockgeschichte; über das sich mehr schreiben und mehr spekulieren lässt. Es gibt unendlich viele Interpretationen was die diversen Liedzeilen zu bedeuten haben. Darum von mir nur eine hübsche Annahmeherausgekramt: Mit dem wiederholt in den Sangesraum geworfenen „Galileo“ ehrte und belustigte sich Mercury gleichermaßen über seinen Bandkollegen Brian May. Denn der ist – tatsächlich – Astrophysiker.

„Love of my Life“ – eine der wenigen Balladen, die mich auf eine reine, unsagbar echte, authentische Art berühren. Falls da auch irgendwo Bombast ist, höre ich ihn nicht. Natürlich ein „echter Mercury“, ein Liebesjuwel. Der großartige Rocksänger Paul Rodgers, der nach dem Tod von Freddie Mercury für die Band ab und an den Mikrofonjob übernahm, hat zugegeben, dass das die einzige Queen-Nummer ist, die er nicht im Ansatz so gut singen kann wie einst Freddie Mercury – und entsprechend früh aufgegeben hat, es zu versuchen. Auch Brian May sang das Lied nach 1991 gelegentlich bei Konzerten, stets der emotionale Höhepunkt einer jeden Show.

„I’m In Love With My Car“ – Hithörern eher unbekannt, für Queen-Fans aber durchaus ebenfalls ein Klassiker. Geschrieben von Drummer Roger Taylor für den Queen Roadie John Harris, einen echten Autonarren. Es ist die hübsche Geschichte überliefert, dass Roger Taylor so sehr an dem Lied hing, dass er das Stück unbedingt auf die B-Seite der Single „Bohemian Rhapsody“ bringen wollte. Als Freddie Mercury ihm das verweigerte, schloss Roger sich kurzerhand in einen Schrank ein – und kam erst wieder heraus, als Freddie einknickte. Weniger romantisierende Stimmen verweisen darauf, dass nicht nur Taylors Herz, sondern auch sein Geldbeutel sehr an dem Lied hingen. Denn auf einer Single mit dem von Mercury geschriebenen Überhit „Bohemian Rhapsody“ bekam Taylor tatsächlich exakt die Tantiemen wie Mercury. Bekannt ist, dass John Deacon und Brian May am wenigsten mit diesem Kompromiss leben konnten, bei dem sie – relativ gesehen – leer ausgingen. Viele erfolgreiche Bands gehen an der gerechten Verteilung von Tantiemen kaputt, auch innerhalb von Queen gab es heftige Auseinandersetzungen darüber. Später beschlossen sie, dass bei allen Veröffentlichungen gerecht unter allen aufgeteilt wird.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. November 2020 von in Musikrezensionen, Nachrichten und getaggt mit , , , , , , , .
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