David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Zwischen Proust und Kafka. Soeben ausgelesen: Michel Butor – „Der Zeitplan“(1956)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 2 von 5 Sternen

Sagen wir doch wie es ist: Genauso oft wie der Akt des Verleihens gut gemeint ist, fällt man damit komplett auf die Visage. So wie ich in Potsdam, 1999. Ich war gerade in meine erste Studenten-WG gezogen und zu uns gesellte sich für ihre zwei Auslandssemester eine schottische Doktorandin, Deirdre. Diese Deirdre war zwar bereits 30, stellte sich jedoch schnell als das personifizierte Heimweh dar. Klein, schüchtern, verzagt, piepsstimmig und immer kurz vorm Weinen – das war Deirdre. Natürlich tat sie mir leid und es schmerzte mich beinahe physisch, das geballte Elend im Zimmer nebenan kauern zu wissen. Doch ich hatte eine Idee: Belle & Sebastian! Diese in gewissen Kreisen hochgeschätzte Band kam (und kommt) wie Deidre aus Glasgow, hatte gerade ihr drittes Album „The Boy With The Arab Strap“ veröffentlicht und galt in jenen frühen Jahren, tatsächlich, als „scheueste Band der Welt“. Bot sensibel-verzagte Songperlen zwischen Kammerpop und Folk, die jedoch die Kunst besaßen, die Seele emporsteigen zu lassen, gute Laune zu initiieren.

Ich schnappte mir also meine „Arab Strap“, klopfte an Deirdres Tür und lieh ihr die CD. Überreichte sie ihr mit dem breitesten Sonnenstrahlenlächeln, das ich finden konnte, sabbelte dazu gewiss auch – ich erinnere mich nicht mehr genau, ist lange her – irgendwelche vor Lebensoptimismus triefenden Worte. Deirdre freute sich total über meinen Trostversuch, bedankte sich überschwänglich – und sprach dann 4 Wochen kein Wort mehr mit mir. Meine „Arab Strap“ fand ich schon am nächsten Morgen vor meiner Zimmertür, wortlos von Deirdre dort hingelegt. Eiserne Stille legte sich über unsere WG.

Was war passiert? Ich hatte keine Ahnung, zerbrach mir den Schädel, kam nicht drauf. Deirdre mied mich, derweil eine andere Mitbewohnerin bei meinem Eintreten die Küche verließ, nur raunte, was für eine unglaubliche, gottverdammte Öffnung des Hinterteils ich doch sei. Um es abzukürzen: Wenige Tage vor Deirdres Abreise aus Schottland hatte ihr jüngerer Bruder, so was gibt es in dem Alter, einen Herzinfarkt erlitten. Er lebte, aber es stand nicht gut um ihn. Jeder wusste davon, ich nicht. Wie mir auch nicht bewusst war, mit welchen Zeilen das erste Stück auf „Arab Strap“ da gleich zu Beginn einsetzt: „He had a stroke at the age of 24 – it could have been a brilliant career“. Der mittelschwere Nervenzusammenbruch, den die sensible Deirdre Bain an einem Abend im Herbst 1999 beim Hören einer CD in ihrem Zimmer erlitt, geht – da sind sich Kirche, Politik und Gesinnungsverbände einig – komplett auf meine Kappe. Den Eindruck, dass ich, wie es an Rhein und Ruhr so gerne heißt, eine ziemlich fiese Möpp bin, den habe ich nie ganz aus der Welt schaffen können. Allein dieses aufgesetzte ultrabreite Sonnenstrahlenlächeln auf meinem Gesicht, als ich Deirdre meine Giftmusik übergab – da hat man keine Worte für, widerlich, einfach bäh.

Auch Jacques Ravel verleiht in „Der Zeitplan“ Kunst, einen Krimi – und setzt sich damit voll in die Nesseln. Ohne so richtig zu wissen, warum. Die Stimmung seines Freundes James, dem er den feisten Literaturschinken gibt, ist jedenfalls erst mal im Eimer und auch dessen Mutter schaut fortan lieber recht pikiert auf ihren Ring am Finger als Jacques noch länger ins Gesicht.

Doch beginnen wir weiter vorne: Der Franzose Revel kommt in die nordenglische Industriestadt Bleston, um für ein Jahr die französische Korrespondenz der Firma Matthews and Sons zu übernehmen (Wer sich wie ich bei dem Firmennamen gleich an einen fast genauso lautenden Klassiker von Cat Stevens erinnert fühlt – da gibt es keine Verbindung). Er kommt in einer abgeranzten Bude mit schlechter Beleuchtung und ohne Tisch unter, kennt nichts und niemanden und so beinhalten seine ersten Wochen all das, was das Klischee vorgibt: Tristesse, Regen, mieses Essen. Ein fürchterliches Grau in Grau. Doch da ist mehr, da ist etwas, das er sich nicht recht erklären kann. Diese Stadt Bleston, sielässt ihn tief erschauern, Jacques fühlt sich regelrecht bedroht von ihr.

Doch anstatt sich einschüchtern zu lassen, sich zu verkriechen und zu warten, dass dieses eine Jahr vorbei ist, beginnt er sich der Stadt zu stellen, sie sich zu erschließen. Er legt sich einen Stadtplan zu, wird zum Dauergast in den öffentlichen Verkehrsmitteln und beginnt, wenn auch später erst, Tagebuch zu schreiben. Und genauso lernen wie ihn und sein Leben in Bleston auch kennen, aus diesen Tagebucheinträgen, in denen sich Rückwirkendes und Gegenwärtiges vermengen. Dieses Führen eines Tagebuchs erweist sich dabei zunehmend als eine Melange aus Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ und Kafkas „Schloss“. Wir erleben Revel dabei, wie er sich immer wieder in Gemälde, toll dekorierte Kirchenfenster und Wandteppiche verbeißt, ihnen gleichermaßen poetisch wie mystisch auf die Schliche zu kommen versucht, er zugleich aber immer wieder von dieser trostlosen Stadt abgestoßen wird. Ziellos tappt er durch die Gegend wie einer, der einen Schlüssel zu finden hofft, den es womöglich gar nicht gibt.

Als Stütze erweist sich dabei „Der Mord von Bleston“, ein Krimi, das wohl einzige Stück Literatur, dass je über dieses Drecksloch von Stadt erschienen ist. Der Autor dieses Krimis verbirgt sich hinter Pseudonym, niemand in Bleston weiß, wer er ist, und so ist es ausgerechnet Revel überlassen, nicht nur äußerst zufällig über dieses ihm zuvor unbekannte Buch zu stolpern, sondern kurz drauf auch über seinen Verfasser. Eine Entdeckung, eine kleine Situation ist das – und das einzige Pfund, das Jacques in Händen hält. Um ein wenig Eindruck schinden zu können, von Blestons Bewohnern endlich einmal an- und aufgenommen zu werden. Natürlich weiß er, dass es moralisch nicht korrekt ist, den geheimnisvollen Autor zu enttarnen, er möchte es auch gar nicht an die ganz große Glocke hängen. Nur seinem Kollegen James, der vorgibt, das Buch gar nicht so recht zu kennen, will er davon erzählen, auch dessen Mutter. Oh, und Ann und Rose natürlich auch, zwei Schwestern, bei denen Jacques nicht sagen kann, in welche von beiden er ein bißchen mehr verliebt ist…

„Der Zeitplan“ ist ein Roman, der Freunde von Proust und Kafka faszinieren dürfte, Freunde von nur Proust wohl auch, Freunde von nur Kafka – und dazu gehöre ich – schon etwas weniger. Derweil jeder, der weder an Proust noch an Kafka gewöhnt ist, irrewerden wird an diesem dann mit Sicherheit hochnervigen Buch. Ja, diese tiefgraue Isolation, die Jacques Revel gerade zu Beginn erlebt, Langeweile, die sich mit Orientierungslosigkeit paart, ein Haufen existientieller Überlegungen, das ist genau mein Ding. Fruchtet jedoch nicht, da sich Revel in seinen Tagebucheinträgen immer wieder in entsetzlich luziden Sphären verliert, Klarträumen. Allein seine ausschweifenden Betrachtungen von Wandteppichen und Kirchenfenster, das habe ich noch unerträglicher bisher eigentlich nur bei Huysmans gelesen („Gegen den Strich“, 1884). Dass Michel Butor, der bei der Veröffentlichung seines Debütromans gerade einmal dreißig Jahre alt war und zwei Jahre Tätigkeit als Lektor in Manchester (ganz klar das Vorbild für Bleston) hinter sich hatte hier auf Anhieb gleich ein Meisterwerk – als ein solches wird es arg oft bezeichnet – gelang, das mag sogar sein. Der Roman ist genial konzipiert, fast schon orchestriert, die Sprache dabei leicht, halb träumerisch. Wer so etwas schreibt, der muss einen Kopf wie ein Hochhaus haben, anders geht es gar nicht.

Leider aber ist es bocklangweilig, zieht sich dadurch zäh in die Länge und ich für meinen Teil bin so dermaßen überhaupt nicht in die Geschichte reingekommen, dass ich froh war als ich es durch hatte. Hm. Da fallen mir doch auf Anhieb zwei bis drei Persönchen ein, denen ich diesen Roman mal leihen könnte. Mit Sonnenstrahlenlächeln im Gesicht: „Hier, für dich, Meisterwärrrrk“. Harharhar.

Weitere andere Rezensionen lesen? Zur Auswahl geht es: HIER.

Ein Kommentar zu “Zwischen Proust und Kafka. Soeben ausgelesen: Michel Butor – „Der Zeitplan“(1956)

  1. Armin Hennig
    25. November 2020

    Kafkas Schloss habe ich drei mal abgebrochen und inzwischen auf den Müllhaufen meiner Lesebio geworfen, aber Deine Rezi macht Lust auf den bislang komplett ignorierten Butor.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: