David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Das politisch korrekte Verhalten. Arglose Frage zum Stichwort „Blackfacing“.

von David Wonschewski

Das liest sich jetzt eventuell, als würde ich zwanghaft versuchen, witzig zu sein. Die Frage ist aber durchaus ernst gemeint, denn all das, was wir seit einiger Zeit unter dem Begriff „politisch korrekt“ im Verhaltenstopf erst vermengen und dann erhitzen, es versorgt mich zusehends mit Konfusion.

Stichwort „Blackfacing“. Dieser Begriff bezeichnet bekanntlich die fast schon traditionelle Unart von Europäern und Nordamerikanern, sich an Karneval etc. das Gesicht zu schwärzen, gewissermaßen „als Afrikaner zu gehen“. Ich gebe zu, den diskriminierenden Aspekt an derlei Handlung kann ich nicht sehen, ich sehe eher das Gegenteil davon, ich kann aber selbstredend respektieren, wenn People of Color das doof finden und darum bitten, das zu unterlassen. Dann sollte man dem auch nachkommen, ganz einfache Nummer. Drüber geredet, abgehakt, Kiste zu. (Hieß früher mal „Klappe zu, Affe tot“, aber das zu sagen wurde mir bereits ausge-schöneneueweltet)

Also, Kiste zu. Sicher? Eben nicht, Kiste wieder auf: Wie darf ich mir korrektes Verhalten denn nun Anfang Januar vorstellen, Stichwort „Heilige Drei Könige“, „Sternsinger“? Dieser hübsche christliche Brauch beinhaltet ja nun einmal, dass drei trällernde Kinder vor meiner Tür erscheinen und eines davon als eher nicht weiß kenntlich gemacht wurde. Durch, wie auch sonst: Blackfacing. Gut, könnte man nun sagen, das lässt man jetzt eben sein, keiner schminkt sich, drei weiße, trällernde Kinder vor der Tür. Kiste wieder zu.

Nene, so einfach, so Banane, Kiste wieder auf! Da stehen dann also ab jetzt drei weiße Kinder vor meiner Tür – und zeigen damit, dass wir ein tolerantes, weltoffenes und Minderheiten respektierendes Land sind? Wäre das nicht eher das, was man eine „Verschlimmbesserung“ nennt? Geht es nicht eher – oder eben auch – darum, so deutlich wie möglich zu zeigen, dass wir eben keine reine Ansammlung von Kartoffeldeutschen mehr sind? Mir sind wenige (keine) althergebrachte Anlässe bekannt, wo das so hervorragend machbar ist wie mittels Sternsinger. Oder eben wäre. Denn wir sollen, so reime ich es mir etwas hilflos selbst zusammen, quasi integrieren durch Desintegrieren. Die wirklich bunte Republik entschwärzt sich selbst. Oder wie, oder was?

Gut, ich hatte nun selbst die Idee, dass man hier ja einfach einen wirklich dunkelhäutigen Mitschüler einbinden kann. Leider ist die Idee wenig praktikabel, denn ob denn ein solcher in jeder Gemeinde zu finden ist, wage ich zu bezweifeln. Und ob der viel mit dem Christentum am Hut hat und wenn ja, ob der sich so wahnsinnig respektiert fühlt allein dadurch, den singenden Quoten-Caspar geben zu dürfen, ich weiß nicht, ich weiß nicht.

Türkische Mitbürger haben wir einige mehr, aber ich ahne, dass die uns ordentlich was husten werden. Und das in diesen Zeiten, hm, nein, auch keine Lösung.

Kein Witz, mich interessiert das, wie geht man korrekt damit um? Soll der weiße Caspar vielleicht ein Schild tragen, auf dem ein Pfeil zu sehen ist, der auf sein Gesicht zeigt: „Diese Haut könnte auch weitaus dunkler sein“?

Vielleicht ganz gut, dass ich keine Kinder habe, um das entscheiden zu müssen. Und vielleicht sogar ganz gut, dass ich mich seit 20 Jahren immer dann, wenn es Anfang Januar an der Tür klingelt, unterm Tisch verstecke. Und überhaupt, dass Corona ist. Dadurch fällt eh alles flach.

Ich möchte vermeiden, dass ich mich aus Verwirrung ignorant, vielleicht arrogant verhalte. So wie bei einem Spaziergang vor einigen Monaten. Da ging ich an fußballspielenden Kindern vorbei, der Ball trudelte in meine Richtung, ein dunkelhäutiger Junge kam in meine Richtung gelaufen, wartete darauf, dass ich zurückpasse. Und ich hatte mit dem Bein schon ausgeholt, hatte sie schon auf den Lippen, meine begleitenden Sportmoderatorenworte: „Und Kroos auf Boateng, Spitzenpass!“. Mir fiel aber rechtzeitig noch ein: Halt, kannste nicht bringen! Kannst den doch nicht Boateng rufen, nur weil er dunkelhäutig ist! Ich wollte dann schnell verbal umsatteln, einen weltoffenen Rollentausch vollziehen und rufen: „Und Boateng auf Kroos!“ Dachte dann aber: Das ist ja noch viel schrecklicher, wenn ich ihn als Kroos betitel!“. Ich stand dann ziemlich sprach- und beinvernuddelt da und habe den Ball in die Walachei austrudeln lassen. Sollen sich die Blagen die Pocke doch selbst zurückholen. Fussballspielen war auf dem Parkstück eh verboten. Rotzlöffel alle miteinander.

8 Kommentare zu “Das politisch korrekte Verhalten. Arglose Frage zum Stichwort „Blackfacing“.

  1. Manfred Rosenboom
    19. November 2020

    Zum Thema „Blackfacing“ zwei Empfelungen:
    https://amzn.eu/iDCyxVi
    und
    „Dear White People“ auf Netflix

  2. Bludgeon
    19. November 2020

    Das wird ja immer irrer?! Niederlande Osteuropa?
    Hm.
    Naja, West-Abi. Doch irgendwie klar. Am Ende gar NRW. Leistungskurs Tischtennis und sowas…. grummelgrummelgrummel…
    Ich kriegs nich‘ zusammen.

  3. davidwonschewski
    19. November 2020

    Es wird immer irrer, ich bin zugleich ein waschechter Brice-er. Für Gojko fehlten mir diverse hundert Kilomter, ich war ja fast schon Niederlande, damals, also quasi Nordsee. Ich würde ja rot anlaufen vor Identitätsscham, aber wer nimmt mir schon noch meine Fähigkeit zum Schämen aben, stattdessen wird es allenthalben heißen ich sei einer, der..naja, siehe obenoben….

  4. Bludgeon
    19. November 2020

    Das machts noch schlimmer! In Gojkolandien zum Cowboy geworden? Fühl dich nachträglich skalpiert! Uiiiiiiihiiiiiiiihiiiiii!

  5. davidwonschewski
    19. November 2020

    Ja, aber osteuropäischer Cowboy. Das ist wie eine Geschmacksverwirrung auf der Zunge. Irgendwie mit total fieser Täterreputation behaftet, zugleich aber auch armes Schwein. Ein opfertäterndes Täteropfer.

  6. Bludgeon
    19. November 2020

    Du warst Cowboy? Iiiih!

  7. davidwonschewski
    19. November 2020

    Ha, das mit dem Cowboy-Umkehrschluss gefällt mir. Deswegen fühlte sich das Abdrücken meiner Spielzeugwumme auch immer so gut an. Ich dachte immer ich sei irgendwie ein verkorstes blutrünstiges Killerarschloch, aber nix da. Das war die moralische Überlegenheit, die mich von innen heraus so wärmte. Puh.

  8. Bludgeon
    19. November 2020

    Schuld simmer ja selber, dass hier so viele jeden Amilandscheiß kopieren wollen.
    Das kommt alles noch viel schlimmer. Demnächst werden weiße Studenten gejagt, die sich Dreadlocks wachsen ließen – von Linken!
    Nur noch eine Frage der Zeit, bis alle Blueser als Nazis gelten, weil sie sich schwarze Musik aneignen. Das ist dann Musikkolonialismus!
    Wer früher beim Spielen Cowboy war (und deshalb Rothäute killte) ist nun der Gute, weil er sich nie „redfacte“.
    Solche wie ich – die kleinen Dakotas von früher – sind nu die Bösen. Muss ich aushalten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. November 2020 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , .
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