David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Ein Mann braucht Hits. Schon gewusst? Die Hintergründe zu: Bruce Springsteen – „Born to Run“ (1975)

von David Wonschewski

Die Bürde hätte schwerer kaum sein können für einen 24-jährigen Musiker: Seit der A&R-Mann seinen Labels Columbia Records, John Hammond, ihn unter Vertrag genommen hatte, war Bruce Springsteens Zukunft quasi abgemacht: Er sollte der neue Bob Dylan werden. Nicht weniger erwartete die halbe professionelle Musikwelt von dem jungen Mann aus New Jersey und zumindest John Hammond musste es wissen: Er hatte schon Dylan entdeckt und früh gefördert. Die ersten beiden Alben für das Label – „Greetings vom Asbury Park, N.J.“ (1973) und „The Wild, the Innocent and the E Street Shuffle“ (1973) waren in künstlerischer Hinsicht zwar bereits recht vielversprechend, hatten sich jedoch in kommerzieller Hinsicht als gerade einmal so knapp über der Flop-Grenze erwiesen. Dass Musikjournalisten längst schwer begeistert waren von Springsteen war nett, eine tragfähige Zukunft als globaler Musikstar ließ sich darauf nicht gründen.

Und so machte das Label Anfang 1975 was man halt so macht, wenn man selbst ein wenig mit dem Rücken zur Wand steht: Es setzte dem jungen, sprachgewaltigen Musiker die Pistole auf die Brust. Entweder er bringt Album Nummer drei en masse wie Burger an die Kundschaft – oder er kann künftig versuchen, ob er es mit realen Burgern nicht vielleicht doch besser hinbekommt als mit Songs. Schaut man sich die ersten beiden Alben an, so verwundert die Panik des Labels durchaus, denn auch wenn Springsteen sich noch auf Distanz zu den oberen Chartpositionen aufhielt, fanden sich dort bereits Stücke, die von seinerzeit (noch) bekannteren Musikern schnell abgekupfert wurden: Die Hollies bedienten sich dort eifrig, Manfred Mann, David Bowie – und fast 30 Jahre später machten die Disco Boys Springsteeens Frühkomposition „For You“ zu einem veritablen Dancefloorstampfer und Radiohit.

Dem Erschaffer brachte all das jedoch kaum Vorteile, im Gegenteil, Mitte der 70er-Jahre schien das Wunderkind schier zu verrecken an jenem vergifteten Lob der neue Dylan zu sein. Es ging also um alles oder nichts für Springsteen – der sich dazu entschloss, auf zumindest seiner Seite alles in die Waagschale zu werfen, was er hatte. Und das ist wahrlich von Bedeutung in diesem Kontext, denn wo Springsteens vorherige Alben rocklastig-eruptiven Folk boten, explodierte Album Nummer drei, „Born to Run“ schlichtweg. Und dass gleich in vielerlei Hinsicht. Mit der (umformierten) E Street Band hatte Springsteen mittlerweile die perfekten Mitmusiker gefunden, die es ihm erlaubten, seine seit jeher hochwertigen Kompositionen und zupackenden Lyrics in einen Soundkosmos zu jagen, der mitunter an das erinnerte, was einige Jahre zuvor Produzentenlegende Phil Spector mit seinem „Wall of Sound“ erstmalig hinbekommen hatte. Ein melodramatischer Bombastsound, eine nicht energie-, nein adrenalingeladene Sprengstoffmischung aus Rock, Soul, Folk und Pop. Nicht nur Springsteens Sound explodierte, auch seine Live Shows setzten plötzlich neue Maßstäbe, eines der berühmtesten Musikjournalistenzitate stammt aus jener Zeit, als der 27-jährige Jon Landau, seines Zeichens Schreiber beim „Rolling Stone“ nach einem Auftritt zu Protokoll gab, soeben die Zukunft des Rock’n Roll gesehen zu haben – ihr Name sei Bruce Springsteen.

Aus der Bekanntschaft zwischen Springsteen und Landau wurde Freundschaft, schließlich gesellte sich der Musikjournalist als Co-Prozent auch beruflich Springsteens Tross zu. Und hatte einen kaum zu bezifferenden Einfluss auf das Album, in dem Springsteen sich erstmalig durchrang, kürzere und knackigere Stücke zu schreiben, die zwar – Springsteens Spezialität – tiefe, vielschichtige und intensive Lyrics aufboten, zum Ende hin dank Hoffnung, mitunter gar Triumph jedoch das Potenzial einer regelrechten Katharsis boten. Und wohl kaum ein Springsteen-Stück steht derart für diesen Songansatz wie der Titeltrack „Born to Run“. Von 1972 bis 1975 hatte Springsteen als ein Musiker gegolten, der innerhalb einer Show von Lied zu Lied auch das Genre wechseln kann, vom Folker zum Rocker zum Jazzer und wieder zurück. Über ein Jahr dauerte es ihn mit „Born to Run“ seinen ersten Song fertigzustellen, in dem alle Einflüsse auf – anders kann man es nicht sagen – magische Weise zueinanderfanden.

Die Konzeptidee von Springsteen und Landau war durchaus mutig, hatten sie doch beschlossen, ein Album zu schaffen, das mit jeder Faser den guten alten, im Grunde erst seit wenigen Jahren zu den Akten gelegten Rock’n’Roll atmete. Wie eine Neufassung der West Side Story, dabei etwas näher an Bernstein als an Berry. Das Ganze jedoch, und das war die immense Herausforderung, ohne unfassbar altbacken zu klingen damit.  Springsteen selbst beschrieb die Zielvorgabe der Platte einmal wie folgt: „Roy Orbison singt Bob Dylan, produziert von Spector“. Klingt, so auf den Punkt gebracht, gleichermaßen griffig wie simpel. War es aber kein Stück. E Street Band-Gitarrist Steve Van Zandt lachte sich Jahrzehnte später noch schlapp bei dem Gedanken, wie viele Monate sie mit dieser Zielvorgabe an dem einen Lied werkelten und schreibt es – obschon damals längst versierte Musiker – einer gewissen Unerfahrenheit zu. Wenn du sechs verdammte Monate an einem Lied arbeiten musst, so Van Zandt sinngemäß, ist das doch der Beweis dafür, dass die Nummer für die Tonne ist.

Am 03. November 1974 feierte die Single „Born to Run“ auf WMMR Philadelphia Premiere. Auch das ein Beweis für die Zugkraft des Songs, den viele Radiostationen in den USA nach und nach in ihre Playlist aufnahmen, gab es damals doch noch keinen bestätigten Termin für ein Album, welches denn auch erst neun Monate später erschien. Eigentlich ein Ausschlussgrund, um in Playlisten aufgenommen zu werden. Und ob nun von Springsteen und Landau geplant oder nicht – als die Single „Born to Run“ ein wahrlicher Monsterhit wurde, fand sich das Label bereit, sich bei der Produktion des Albums nicht lumpen zu lassen, sperrte die Geldschränke weit auf, war man doch nunmehr überzeugt, einen Hitlieferanten unter Vertrag zu haben.

Natürlich hatte auch das seine Tücken, das viele Geld wollte adäquat in Musik angelegt werden, Springsteen explodierte schier der Kopf vor Ideen, die er nicht in realen Klang zu übersetzen vermochte. Und die Band spielte sich in bis zu achtzehnstündigen Studiosessions auch das letzte Quentchen Frohsinn aus dem Leib, ächzte, psychisch und physisch am Limit, zunehmend unter der Herausforderung energiegeladen zu klingen, obschon der eigene Akku längst leer ist. Aus dieser Zeit überliefert ist die nette Geschichte des Toningenieurs Jimmy Iovine, der, um irgendwie wach zu bleiben, ein Kaugummi nahm, es aus dem Aluminiumpapier wickelt, das Kaugummi direkt wegwarf, dafür auf dem Aluminiumpapier herumkaute. Die Älteren von uns wissen, was das bedeutet.

14 Monate doktorten Springsteen & Co. an der Platte herum. Jahre später gab der Sänger unumwunden zu, wie er sich fühlte, als der Produktionshammer endlich fiel: „Als es fertig war? Habe ich es gehasst! Ich konnte es mir nicht anhören. Für mich war das der größte Müll, den ich je gehört habe.“ Erneut war es zuvorderst Jon Landau, der seinem Kumpel die richtige Perspektive ermöglichte. Und ihn darauf hinwies, dass die Musikgeschichte voll ist von Stars, die ihre großen Hits selbst am allerwenigsten ertragen. Immer nur die Fehler und verpassten Gelegenheiten sehen darin.

Ein Album nach der ersten Single zu nennen, erfreute Springsteen zwar wenig – er hatte „American Summer“, „The Legend of Zero & Blind Tery“ oder auch „War and Roses“ als Titelideen im Kopf – doch der enorme Erfolg des Songs „Born to Run“ machte alle weiteren Überlegungen obsolet.

4 Kommentare zu “Ein Mann braucht Hits. Schon gewusst? Die Hintergründe zu: Bruce Springsteen – „Born to Run“ (1975)

  1. Bludgeon
    23. November 2020

    Madman drummers bummers
    Indians in the summer with a teenage diplomat
    In the dumps with the mumps as the
    Adolescent pumps his way into his hat
    With a boulder on my shoulder
    Feeling kinda older, I tripped the merry-go-round
    With this very unpleasing, sneezing and wheezing
    The calliope crashed to the ground
    The calliope crashed to the ground

    Super message oder? Und so wahr! (Scherz)

  2. davidwonschewski
    23. November 2020

    Naja, ich war jetzt – überraschender Weise – nicht dabei, aber dem Vernehmen nach soll er mit dem ein oder anderen versierten Bandkollegen (un das waren wohl Jazzer), bei Livekonzerten einiges aus dem Hobel geholt haben in der Richtung. Auf den ersten beiden alben hört man das natürlich nicht und ob gerade das jetzt die geheimnisvlle Zutat ist, die aus „Born to Run“ mehr macht als einen weiteren Rockfolk-Schößling, wer mag das schon final etnscheiden. Was die Lyrics angeht, bin ich anderer Meinung als du, da vermag ich das hohle Wortgeklingel nicht zu lesenhören.

  3. Bludgeon
    23. November 2020

    Die Erfindung des Hype, denn Jazz bei Springsteen heraushören zu wollen – echt? Was haben die geraucht, die sowas in die Welt setzen?
    Dass die Single so durch die Radios gereicht wurde, ist natürlich nur ihrer Qualität geschuldet, klar. Guhgeln wir noch mal, was Payola ist.
    Bruce S. hat schon einige gute Songs geschrieben, aber er wäre ewig Geheimtipp geblieben, wenn nicht die Firma für IHN den Geldschrank aufgemacht hätte, und dafür für soundsoviele andere eben nicht.

    Das selbe Bombastkonzept ist später nochmal mit Steinman/Meat Loaf durchgezogen worden. Die haben sich nur leider nicht lange genug vertragen.

    Und klar: Blinded by the light wurde ein Hit für Manfreds Erdenbande. Beim oberflächlich hören, gefiel mir das. Dann bekam ich die LP in die Hand und las die Texte – hohles Wortgeklingel, damit der Sänger was zu tun kriegt. Mann, war ich entgeistert!
    Das war definitiv noch kein neuer Dylan.

  4. sori1982
    23. November 2020

    Schöner Artikel, den ich als Springsteen-Fan aus vielen verschiedenen Quellen kenne, aber immer wieder gern lese. Und die filmische Dokumentation zum 30jährigen Jubiläum rundet das Ganze so schön anschaulich ab.
    „[…] Erneut war es zuvorderst Jon Landau, der seinem Kumpel die richtige Perspektive ermöglichte. Und ihn darauf hinwies, dass die Musikgeschichte voll ist von Stars, die ihre großen Hits selbst am allerwenigsten ertragen. Immer nur die Fehler und verpassten Gelegenheiten sehen darin. […]“
    So ist es. Landau soll zu Springsteen gesagt haben: „Glaubst du, Chuck Berry sitzt den ganzen Tag vor dem Plattenspieler und hört „Maybellene“?“

    Greetinx,

    S.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. November 2020 von in Musikrezensionen, Nachrichten, Soeben ausgehört und getaggt mit , , , , , .
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