David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Absturz auf halber Strecke. Soeben ausgelesen: Friedrich Dürrenmatt – „Der Verdacht“ (1952)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 2 von 5 Sternen

Dass Geschenke mitunter ein ziemlicher Mist sein können, tja, ist nicht so neu. Ganz selten gelangt man aber in die bizarre Situation, dass man ein Geschenk erhält, das sich deswegen als Mist erweist, eben weil es gut ist. Eine Friedrich Dürrenmatt-Biografie zum Beispiel. Ganz frisch herausgekommen, zack, wurde mir kredenzt. Oh, der Schenkende hat sich wahrlich einen Kopf gemacht, meine Person aber mal so richtig durchdrungen. Was mit Literatur, super. Biografien liebe ich auch, es gibt keinen besseren Weg im Vorbeilaufen Geschichte zu lernen, auch toll. Und Dürrenmatt, ein bei Diogenes verlegter Hochautor – besser beschenken kann man mich kaum.

Riecht ihr das auch, dieses große Aber? Und da kommt es auch schon, denn es gibt ein Problem: Ich habe nichts von Dürrenmatt gelesen in den ersten bald 44 Jahren meines Lebens. Nicht einmal die „Physiker“ in der Schule. Unsere Deutsch-Lehrerin war etwas alternativ unterwegs, was ich ihr hoch anrechne, mit Marlen Haushofers „Wand“ zum Abi traben ist auch den wenigsten Schülern vergönnt. Dafür offenbare ich jedoch Lücken beim Offensichtlichen, beim sogenannten Grundkanon deutschsprachiger Literatur. Oh, und ich hasse es, Biografien zu lesen, wenn ich da null Anknüpfungspunkte habe. Da ich meinen Literaturkonsum nun aber – oftmals zu meinem eigenen Leidwesen – gelegentlich auch als Pflichtaufgabe betrachte, nahm ich diese Biografien-Schenkung zum Anlass, mich hier zwangszubilden. Und so ackere ich jetzt eben meine vier, fünf Dürrenmatts durch, bevor ich die Biografie anfasse.

Den Anfang hat nun „Der Verdacht“ gemacht. Der Roman kann hervorragend (und problemlos) für sich gelesen werden, bildet inhaltlich jedoch die Fortsetzung zum Klassiker „Der Richter und sein Henker“ (1951). Der schwerkranke Kommissär Hans Bärlach liegt nicht nur karrieretechnisch in den letzten Zügen – seine Pensionierung steht unmittelbar bevor – sondern auch lebenstechnisch. Am Krebs dahinsiechend erholt er sich im Krankenhaus von einer Operation. Dort wird er Zeuge, wie sein Freund, der Arzt Samuel Hungertobel, beim Anblick eines Fotos in einem Magazin erst erbleicht und dann auffallend nervös wird. Der Abgebildete soll der deutsche Arzt Nehle sein, der in einem Konzentrationslager grausame Operationen an Häftlingen vorgenommen hatte, ohne sie zu narkotisieren, und der sich 1945 umgebracht hat. Hungertobel erklärt schließlich, eine große Ähnlichkeit zwischen Nehle und seinem Studienkollegen Fritz Emmenberger festgestellt zu haben, der während des Krieges angeblich in Chile weilte.

Bärlach – ein Kommissär kann das kommissären auch auf dem Sterbebett nicht lassen – schöpft den Verdacht, dass Nehle und Emmenberger entweder die Rollen getauscht haben oder aber ein und dieselbe Person sein müssen. Er prüft Interpol-Dokumente und medizinische Artikel von Nehle bzw. Emmenberger, die damals in Chile publiziert worden waren. Ein Bekannter Bärlachs, der Jude Gulliver, war im Konzentrationslager ein Opfer des Arztes. Zu Besuch im Krankenzimmer erzählt er von diesen Erlebnissen, während sie zusammen die Nacht durchzechen. Am wahrscheinlichsten erscheint Bärlach daraufhin, dass Emmenberger unter Nehles Namen die Verbrechen im Konzentrationslager begangen hat, nach dem Krieg in die Schweiz zurückgekehrt ist und nun unbehelligt die Privatklinik Sonnenstein führt. Diesen Verdacht lässt er von dem Journalisten Fortschig in dessen Zeitung „Apfelschuss“ veröffentlichen und begibt sich selbst unter dem falschen Namen Kramer als Patient in Emmenbergers Klinik, in der Hoffnung, Emmenberger psychisch unter Druck setzen zu können, bis der sich selbst verraten würde …

Das ist zunächst mal verdammt klasse. Selbst heute, 70 Jahre später, spürt man noch die politische Brisanz hinter dem Stoff. Anno 1952 aber muss das eine unsagbar heftige Angelegenheit gewesen sein. Nicht nur, weil der Krieg gerade erst vorüber war und sich die Deutschen, Europa, die Welt erst einmal sammeln musste und mussten. Sondern auch, weil gerade in deutschsprachigen Gegenden die Diskussionskultur noch eine denkbar andere war. Man darf dabei nicht vergessen, dass noch gut 20 Jahre später im Kabinett Brandt (!) sieben Minister saßen, die eine Nazi-Vergangenheit aufwiesen. Da schon 1953 mit einem solchen literarischen Stoff um die Ecke zu kommen nötigt einem heute, 2020, neben Respekt auch Dank ab. Dass wir Deutschen – auch wenn Dürrenmatt selbstredend Schweizer war – heute international für unsere Nazi-Aufarbeitungskultur gelobt werden, ist keine Selbstverständlichkeit, es brauchte mutige Wortpioniere dafür. Ich bin jetzt kein Historiker, mir aber sicher, Dürrenmatt hat hier unschätzbare Arbeit geleistet.

Riecht das hier schon wieder nach Aber? Absolut. Denn so grandios die erste Hälfte von „Der Verdacht“ gerät, so heftig stürzt die Story im zweiten Teil ab. Der erste Teil ist deswegen so gelungen, da Bärlach quasi vom Krankenhausbett ermittelt und sich mit Hungertobel, der seinen eigenen Verdacht gerne beiseite wischen will, eine detektivische Dialogschlacht liefertund ihm anhand nüchterner Betrachtungsweise immer wieder das Wort im Munde, den Gedanken im Kopf herumdreht. Wer bisher gedacht hat, dass Detektiv oder Kommissar (im helvetischen Kommissär) ein Job ist, zu dem zuvorderst ein abenteuerlustiger Charakter gehört, wird hier eines fast schon intellektuellen Besseren belehrt. Nicht zu vergessen der Spannungsbogen, den Dürrenmatt hier aufbaut, nicht zuletzt dadurch, dass es vom Krankenbett aus zwar viel zu vermuten, jedoch eher wenig bis gar nichts zu beweisen gibt.

Tja. Und wäre der Roman so weitergelaufen, oha, ich hätte gleich mit dem ersten schmalen Band verstanden, warum Dürrenmatt as Weltliterat gesehen wird, mich wie oll auf die anderen bereits erworbenen Bücher gefreut, die Biografie sowieso. Leider versemmelt Dürrenmatt den zweiten Teil komplett. Das habe ich selten erlebt, dass es ein Autor schafft, den zuvor so klug und feinmaschig aufgebauten Spannungsbogen binnen weniger Seiten komplett verpuffen zu lassen. Doch nicht nur das, so fulminant im ersten Teil auch psychologische Aspekte der Kriminologie zum Tragen kamen, so plump wird dieser Bereich im zweiten Teil abgehandelt. Da es auf diesem Erdenball noch ein paar wenige Menschen geben soll, die das Buch nicht gelesen haben, werde ich nicht allzu konkret werden. Die Versuche zu erklären, warum ein intelligenter Mensch sich auf fast schon philosophische Weise zu bösen Taten entschließt, kommt irgendwo zwischen pathetisch und albern daher. Zwar mag da was dran sein – wenn ein Mensch nicht aus Habsucht oder Rache oder Gier oder einer krankhaften Störung heraus etc mordet, bleibt eben nur noch ein philosophischer Ansatz – für Weltliteratur ist das hier im „Verdacht“ aber echt schal umgesetzt. Man fühlt sich mitunter an ganz üble Filme aus den 80er- und 90er-Jahren erinnert, als der Böse einfach nur aus Bösheit Böses tat, derweil der Gute Gutes tat, weil er grundgut war. Und der Böse sich mit hasserfülltem Gesichtso artikulierte, wie wir es aus dem NDW-Hit von DÖF (1983), dem mit dem Sauseschritt kennen: „Hässlich, ich bin so hässlich, so grässlich hässlich: Ich bin der Hass! Hassen, ganz hässlich hassen, ich kann’s nicht lassen: Ich bin der Hass!“. Und Katze auf dem Schoß kraulen und HÄRRHÄRRHÄRR und so. Puh.

Es gibt so Bücher, da hat man das Gefühl, dass der Autor nach der Hälfte die Lust verloren hat, vielleicht auch irgendeine dämliche Deadline ihm im nacken saß. „Der Verdacht“ ist ein solches Buch. Schade.

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