David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Der sabbelnde Unsympath. Soeben ausgelesen: Amélie Nothomb – „Kosmetik des Bösen“ (2001)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 5 von 5 Sternen

So wenig das auch für meinen Charakter sprechen mag, es gibt sie einfach: Bücher, die ich mit der Kneifzange nicht anpacken würde. Die ich, wir dürfen das durchaus als Kunststück bezeichnen, blöd finde, ohne überhaupt erst reingesehen zu haben. „Die Kosmetik des Bösen“ von der belgischen Autorin Amélie Nothomb ist perfektes Beispiel dafür. Erworben von einer Frau als Mitbringgeschenk für eine andere Frau im Bahnhofsbuchhandel. Nun, wenn Frauen für andere Frauen Bücher kaufen, bin ich traditionell – das ist ein Erfahrungswert – als zusätzliche Zielgruppe raus. Wenn das Buch zudem noch am Bahnhof erworben wurde, ist das mittlerweile auch ein nahezu sicheres Ausschlusskriterium. Zwar erinnere ich mich noch an Zeiten, in denen gerade an solchen Orten die richtig harten und interessanten Dinge angeboten wurden, seit Bahnhöfe jedoch zu modernen Einkaufspassagen herunterrenoviert wurden, geht es gerade dort zunehmend mäßig zu.

Nimmt man dann noch den Titel „Kosmetik des Bösen“ und das Cover hinzu, wird es richtiggehend abstoßend. Und so war mir vornweg klar, dass da irgendein „Shades of Grey“-Quark unversehens in meine Bude geschleppt worden war. Doch wie das dann so geht, das abendliche TV-Programm war lahm, der Abend aber bereits zu weit fortgeschritten, um noch „ein richtiges Buch“ anzufangen, da kam das knapp 100-Seiten schmale Bändchen von Frau Nothomb – von der ich zuvor nichts gelesen habe – gerade recht. Selbstverständlich erinnerte ich mich auch daran, dass Diogenes ein Verlag ist, der zumindest in meiner Welt für eine gewisse Qualität steht und zudem gut wäre, wenn ich das Buch lese und den Namen Amélie Nothomb, der geradezu penetrant oft mein Auge kreuzt, danach von meiner eh schon viel zu langen Lebensleseliste streichen kann.

Tja, aber dann kam alles ganz anders. Es fing schon damit an, dass mir die mit dem Buch beschenkte Dame mitteilte, das Werk sei „irgendwie verstörend“und könne durchaus in meine „Richtung“ gehen …was soll das denn heißen?! Seh‘ ich etwa aus wie einer der Weiberkrams liest? Heute Amélie Nothomb, morgen die Brigitte?! Frechheit.

Ob ich aussehe wie einer der Frauenkrams liest, was Frauenkrams überhaupt ist und so es einen solchen gibt, ob ich nicht wirklich Feuer und Flamme sein könnte dafür, wir werden es nicht erfahren. Zumindest nicht an dieser Stelle, hat „Kosmetik des Bösen“ doch nichts von dem, womit ich es aus der Ferne vorschnell abqualifizierte. Gut, der Name in Kombination mit dem Coverbild ist wirklich mies. Der Titel findet sich zum einen Teil („Kosmetik“) zwar im Buch wieder, hat dort jedoch gar nichts mit den schnell assoziierten Begriffen „Schönheit“ oder gar „Verführung“ zu schaffen. Das „Böse“ jedoch wurde keck einfach dazu gepresst, hätte man sich an den Originaltitel gehalten, hätte dort stattdessen irgendwas mit „Feind“ gestanden. Das Bild aber ist kompletter Murks, das hat null Bezug zur Handlung. Es sei denn, man steigt in ganz luftige Erläuterungsebenen empor und behauptet dort sei doch eindeutig abgebildet, dass Männer in Frauen etwas hineininterpretieren, was sie dann vorschnell Liebe nennen – dabei sehen sie den Menschen gar nicht, interessieren sich mehr für Maske und Lippenstift als für das, was dahintersteckt, die echte Frau.

Ja, darum geht es letztlich in diesem Roman, der genau genommen ein einziger, fast durchgehender Dialog ist. Das Setting ist wunderbar überschaubar, geradezu karg: Ein Mann trifft in der Wartehalle eines Flughafens einen anderen Mann und quatscht diesen hemmungslos zu. Wie er das zunächst macht, ist ein Fest für einen jeden, dessen Herz an sadistisch verabreichtem Schwarzen Humor hängt. Hier nun auf die konkreten Inhalte einzugehen würde den Lesegenuss künftiger Leser bereits zerstören, daher ist es geboten, dass ich im Vagen verbleibe: Der nervige Geselle erzählt dem anderen, der auf Geschäftsreise ist und einfach nur ab in den Flieger und weg will, von seiner großen Liebe. Vierzig Jahre ist er jetzt alt, die Dame seines Herzens traf er mit 20 Jahren auf einem Friedhof, verlor sie danach aber zehn Jahre aus den Augen. Erst mit 30 begegnete er ihr zufällig wieder und nutzte die Chance auch ihr, sie war mittlerweile verheiratet und noch weniger an ihm interessiert als zehn Jahre zuvor, man kann es nicht anders formulieren, nach Herzenslust ein Ohr abzukauen. Der Geschäftsreisende muss sich diesen ganzen Schmonz, der ihn so gar nicht interessiert, nun anhören. Und verliert, da sie sich an einem Ort befinden, wo sich schwerlich flüchten lässt, zunehmend die Nerven. Ja, er legt nach und nach die guten Manieren ab, kloppt alle Höflichkeitsfloskeln, hinter denen wir uns im kommunikativen Austausch mit Fremden gerne verschanzen in die Tonne. Und sagt dem nun wirklich unsympathischen Quatschkopf ungeschminkt, was er hält von ihm: nichts. Vielleicht sogar weniger als nichts.

Der genervte Jérôme Angust gegen den furios sabbelenden Textor Texel – ich habe schon einige Dialogbücher in meinem Leben lesen dürfen, das hier ist eindeutig das beste, psychologisch interessanteste, zugleich lustigste. Und es schließt locker auf zu meinem bisherigen Lieblingswerk in der faszinierenden Sparte „treffen sich zwei Fremde zufällig an neutralem Orte, quatscht der eine den anderen zu“. Mein bisheriges Highlight stammt vom mittlerweile leider verstorbenen Schweizer Autor Markus Werner, heißt „Am Hang“ (2004) und ist mit Martina Gedeck und Henry Hübchen in den Hauptrollen gar verfilmt worden. Auch die „Kosmetik des Bösen“ ist im französisch-, aber auch deutschsprachigen Raum sehr oft adaptiert worden, was kein Stück wundert.

Und so schließe ich mit dem einzigen Kritikpunkt, den ich habe: Meine Lebensleseliste ist kein Stück kürzer geworden, im Gegenteil. Jetzt darf ich die stattliche Veröffentlichungshistorie von Amélie Nothomb auch noch – beginnend mit ihrem soeben bestellten Debüt „Die Reinheit des Mörders“ von 1994 – von vorne aufrollen. Na schönen Dank auch!

Weitere andere Rezensionen lesen? Zur Auswahl geht es: HIER.

7 Kommentare zu “Der sabbelnde Unsympath. Soeben ausgelesen: Amélie Nothomb – „Kosmetik des Bösen“ (2001)

  1. davidwonschewski
    17. November 2020

    Ja, das hat zumeist – ne, immer – marktkapitalistische Gründe. Ich hörte vor Jahren mal einen sehr interessanten radiobeitrag zum Thema Filmtitel. Man glaubt gar nicht was da in den letzten jahrzehnten so alles verhunzt und verbrochen wurde, nur damit die deutschen Zuschauer ins Kino gelockt werden. Es hat aber auch einen interessanten Aspekt, ich meine die „Reinquatscher“ sind ja nicht per se blöd, oftmals im Gegenteil. Die Entscheidung einen Titel in der Übersetzung enorm abzuändern hat oftmals konkrete Hintergründe, Erhebungen. Muss man natürlich noch immer nicht gut finden deswegen, aer der deutsche Leser/Schauer tickt faszinierend anders als der japanische, amerikanische, französische. Als Titelpurist nervt es aber natürlich ungemein.

  2. davidwonschewski
    17. November 2020

    Das ist nett. Ich ahne, dass das manche auch nervt. Verlage und Autoren lieben das, weil die wollen ja immer, dass man sich total intensiv mit ihrem Zeug beschäftigt;-) Bei mir ist das halt so, dass ich an objektive Besprechungen eh nicht glaube, also ziele ich voll auf meine eigene Subjektivität: macht ein buchw as mit mir, rüttel es was wach, erinnert es mich an was, wo bringt es mich zum Nachdenken? Da ich meine Rezensionen zu Anfang ja tatsächlich als Blogeintrag im besten Wortsinne schrieb – quasi als Tagebuch, zuvorderst an mich selbst – habe ich das einfach beibehalten es weiter so zu machen. Eventuell auch das Schrebergen eines ehemaligen Romaautoren, dass da einfließt. Viele Grüße!

  3. tala2019
    14. November 2020

    Wann schaffst du es, all diese Bücher zu lesen?

  4. Kathrin Clara Jantke
    14. November 2020

    Interessant.. das ist ja fast wie mit den Schlagzeilen über Promis, die im Kontext dann was ganz anderes offenbaren.. Hauptsache die Neugier des nach Skandalen lechzenden Lesers wird geweckt…lach…

  5. Kathrin Clara Jantke
    14. November 2020

    Ich mag die Bögen die Du formulierst und beschreibst, bevor Du zum eigentlichen kommst.. lach…

  6. Bludgeon
    14. November 2020

    Das mit den blöden Buchtiteln ist so eine Folge des Hineinquatschens von Verlagen, die verkaufsfördernd „lenken“ wollen. Vermutlich hatte die Autorin eine ganz andere Idee, aber dann kommt so ein Schnösel und sagt: „Wir bringen das heraus, aber es braucht einen griffigeren Titel. Wie wäre es mit: Die Ohrenpeitsche – oder so…

    Ich hab seinerzeit mal die Hintergründe über die Diskrepanz zwischen plump falschem Buchtitel und seeehr anspruchsvoll/spannendem Inhalt von „Die Hure und der Henker“ (von Ingeborg Arlt) erfahren. In dem Buch geht es um – den Stadtschreiber einer Kleinstadt im 30jährigen Krieg, der zeitweilig Landsknecht wird, aber nicht Henker. Ne „Hure“(wider Willen) begegnet ihm immerhin tatsächlich als weiblicher Sidekick sozusagen. Ein Henker taucht für 6 Sätze auf den letzten 3 Seiten auf.

    (Das Buch aber ist lesenswert, weil es die Jugenderinnerungen einer jungen Vertriebenen im ungeliebten „neuen Zuhause“ ab 1946 enthält. Transponiert auf die Verhältnisse von 1640 – aber es passt perfekt.)

    Eigentlich hätte das Buch „Bittersüß“ heißen sollen, weil ihre Jugend, dort wo sie erfuhr, dass sie stört und verachtet wurde, auch schöne Seiten hatte, weil sie sich erfolgreich durchschlug – wie der Stadtschreiber, der nicht Stadtschreiber sein durfte… Aber dem Schnösel vom Verlag war „die Hure“ wichtiger.

    Man stelle sich vor „Winnetou“ hätte „Das Prinzip Kalaschnikow“ geheißen, weil der „Henry-Stutzen“ vorkommt!

  7. Gisela
    14. November 2020

    Ich bewundere Dich! Wie macht man das, so viele Bücher zu lesen, auch wenn der Inhalt nicht gefällt? Es mag sich seltsam anhören, aber ich pendle jedes Buch aus, bevor ich es lese. Dann weiß ich schon im Vorfeld, was mich erwartet und ob ich es lassen sollte.

    Liebe Grüße
    Gisela

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