David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Soeben ausgelesen: Gerbrand Bakker – „Oben ist es still“ (2006)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Hand aufs Herz: Wie oft haben wir schon über oder zu jemandem gesagt „Du fehlst mir“. Zum Partner, zur Ex-Freundin. Zur besten Freundin, zu Papa, Mama, Kind. Eigentlich ganz schön übertrieben. Wie wir situativ denken – oder fühlen – unser Körper, ja unser ganzer Organismus sei alleine nicht lebensfähig. Oder funktioniere zumindest nicht korrekt.

Typischer Menschenpathos. Oder aber zumindest Wortarmut. Wir wissen es einfach nicht anders zu beschreiben. Und können uns kaum vorstellen, dass es ein paar wenige Menschen auf diesem Planeten gibt, die einen Satz wie „Du fehlst“ im Gegensatz zu uns wirklich sagen können und dürfen. Ohne Übertreibung. Weil sie eine Lücke wahrnehmen, die uns Mehrheit auf ewig unbekannt bleiben wird.

Helmer van Wonderen ist ein solcher Mensch. Kleinbauer in der niederländischen Provinz, Mitte fünfzig. Ein paar Schafe, Hühner, Esel, Rinder. Alleinstehend. Mit Betonung auf stehend, denn oben in seinem kleinen Landhaus, da liegt durchaus noch einer: sein bettlägeriger Vater. Helmer hat ihn selbst dorthin verfrachtet, er erträgt den sterbenden Greis, der nur noch einen letzten Frühling erleben will, nicht mehr. Helmer bringt ihm das Essen, wenn er es nicht gerade, nun, absichtlich vergisst. Und wechselt ein paar Worte mit ihm, so es sich so gar nicht vermeiden lässt. Den wenigen Nachbarn, die sich nach dem Vater erkundigen, sagt er, der Vater sei bereits senil. Stimmt zwar nicht, aber was solls. Weniger gut Bekannten erzählt er auch gerne, dass der Vater bereits gestorben sei. Oh, mein Beileid – Ja, danke.

Helmer verrichtet diszipliniert und zuverlässig sein landwirtschaftliches Tagwerk, hat kaum Bekannte, Freunde schon gar nicht. Er geht abends nicht weg, Hobbys Fehlanzeige, Träume schon mal gar nicht. Abgesehen von der großen Dänemark-Landkarte in seinem Zimmer. Die hat er sich besorgt, als er hörte, dass ein Bauer aus der Umgebung dahin abgehauen sei. Und steht jeden Abend vorm Schlafengehen davor, lernt dänische Orte auswendig, prägt sich emotionslos Städte und Käffer ein.

Sagte ich alleinstehend? Nein, Helmer ist nicht alleinstehend, alleinstehend wäre schon die Aufwertung, die Auffüllung. Denn Helmer steht nicht allein, steht er doch nicht einmal halb. Helmer ist nämlich gar nicht Helmer. Er ist „Henk und Helmer“. Wie jetzt, schizophrene Anwandlungen in niederländischer Idylle? Nein. Phantomschmerzen eines übrig gebliebenen Zwillings. Henk war Helmers Bruder, wenige Minute nach ihm geboren. Ihm optisch gleich, charakterlich jedoch ein wenig zupackender als Helmer. Die wenigen Augenblicke, die Helmer noch mit Nachdenken beschäftigt war, setzte Henk bereits in Taten um. Eine kleine Verhaltensnuance nur, doch oh so wegweisend, so weichenstellend. Bis zum Ende der Pubertät das fast schon klischeehafte Zwillingsleben. Henk und Helmer – immer nannten die Leute sie nur so herum – verschmolzen, fühlten kongruent, schritten nicht parallel durchs Leben, sondern deckungsgleich. Eine Verbindung, die du keinem Menschen erklären kannst, ein Gefühl, das nur Zwillinge kennen. Die Lieben gewöhnlicher Mensch sind ein Witz dagegen. Doch dann der erste Bruch: Der grobe, prügelnde Vater erkennt im jüngeren Henk seinen besseren, weil praktisch begabteren Hofnachfolger, Henk wird sein Sohn. Helmer hängt halt so dran. Die sanfte Mutter merkt es, tut aber nichts. Helmer wird auch nicht ihr Sohn. Helmer ist nur Helmer, mit dem Kopf bereits in Amsterdam, um Literatur zu studieren. Aber dann, tja, das Leben. Die Zwillinge in einer Kneipe, die schöne Riet taucht auf. Henk, wie immer die entscheidenden vier Sekunden schneller, steht wenige Meter vor Helmer, Riet sieht ihn wenige Wimpernschläge vor Helmer. Darüber nachzudenken, ob Riet – immerhin sind es Zwillinge – nicht genauso gut Helmers erste Freundin hätte werden können, ist gleichermaßen zulässig wie überflüssig. Es ist, wie es ist. Und es kommt der zweite, ebenso fast unmerkliche Bruch. Henk mag nicht mehr mit Helmer in einem Bett schlafen, findet es seltsam. Henk will nicht mehr über alles mit Helmer reden, nicht mehr alles mit ihm teilen. Er verheimlicht ihm auch nichts, aber Henk ist 19 und irgendwann muss man doch erwachsen werden, eigenständig. Na, der hat gut Reden. Er hat Vater, er hat Riet, er hat eine klar vorgezeichnete Zukunft, einen Ort, an den er gehört. Helmer hat nichts. Außer Henk.

Riet hat gerade den Führerschein gemacht. Jeder merkt, dass sie nicht sicher fährt, aber herrje, die junge Frau braucht halt einfach nur ein wenig Übung, Fahrpraxis. Findet Henk, der sie liebt. Und sich kurz darauf mit ihr im Fluss wiederfindet, eingeklemmt im Auto. Riet überlebt, Henk ersäuft jämmerlich. Schluss mit Liebe, Schluss mit Zwilling. Und auch Schluss mit Hofnachfolger. Vater, grob wie immer, wirft Riet raus, er will sie nie wieder in der Gegend sehen. Und für Helmer ist jetzt aber mal Schluss mit Amsterdam, mit Trallafitti-Studium. Antanzen auf dem Hof ist angesagt, der echte Knecht wird rausgeworfen, Helmer muss dessen Position einnehmen, das landwirtschaftliche Geschäft von der Pike auf lernen. Einige Jahre später stirbt die Mutter.

Es bleiben zwei Männer auf einem kleinen Hof. Inmitten von Schafen, Eseln, Hühnern, Einsamkeit und Stille.

„Oben ist es still“ ist ein bemerkenswerter Roman. Ein derart ruhiges Stück Literatur, dass es wie Donnerhall nachklingt. Es braucht seine 150 Seiten, um zu verstehen, was hier abgeht – oder eben auch gerade nicht abgeht – wir erleben einen wortkargen Bauern bei der Arbeit und in seinem spärlichem Umgang mit den wenigen Menschen, die ihm begegnen. Zunächst nichts Wildes, so kennt man sie doch, die kernigen Landwirte. Auch als, schon ziemlich früh, der Tod von Henk benannt wird, ist das zwar schade, aber für den Leser auch nicht so wahnsinnig deprimierend. Wir alle verlieren Verwandte, immer tragisch, aber man lebt das eigene Leben dann halt weiter, irgendwann. Genau das ist aber der Punkt, den Gerbrand Bakker sehr kunstvoll und zartfühlend, in wenigen, rar platzierten Nebensätzen zunehmend brutaler klar macht: Für einen vergessenen Zwillingsjungen gibt es kein eigenständiges Leben. Ein vergessener Zwillingsjunge steht als erwachsener Mann auf zwei festen Beinen – doch es waren mal vier. Ein vergessener Zwillingsjunge mit zwei gesunden und starken Armen ist krank, ist amputiert.

Nein, so wahnsinnig viel passiert nicht in „Oben ist es still“. Dass Helmer beim Versuch, ein Schaf aus einem seichten Wasserloch zu ziehen, mitsamt Wolltier umfällt und selbst fast ertrinkt dabei, ist schon der actiongeladene Höhepunkt des Romans. Ach und ab und an kommen radfahrende Touristen vorbei und glotzen doof, paddeln auf dem kleinen Fluss hinterm Haus Knaben mit nacktem Oberkörper vorbei und veranlassen Helmer sich hinter einem Vorsprung zu verstecken und hinzustarren. Auch so ein immens toller Aspekt an dem Buch, den Bakker gleich mehrfach streift, jedoch immer derart sanft, dass eine konkrete Interpretation unmöglich ist, vermutlich weil auch Helmer selbst eine solche nicht hinbekommt. Ein homoerotischer Hauch liegt ab und an über Helmers Leben, aber derart nebulös und unartikuliert, dass die Frage im Raum schwebt, ob die Bruderliebe eines zurückgesetzten Zwillings letztlich auch sexuelle Züge trägt. War Helmer neidisch auf Henk, da er Riet bekam? Oder war vielmehr neidisch auf Riet, weil sie Henk bekam, auf eine Art, wie er ihn niemals kriegen sollte, gar nicht konnte? Und was ist mit dem Knecht, den sein Vater damals vom Hof jagte. Der einzige Mensch, der Helmer als Individuum sah, ihn immer auf Anhieb von Henk unterscheiden konnte, selbst wenn er alleine vor ihm stand. Der ihm Schlittschuhlaufen beibrachte, später auch das Schwimmen. Der dem damaligen Teenager Helmer zum Abschied einen kurzen Schmatzer auf den Mund gab, sich in eigene Einsamkeit aufmachte, um mit einem Hund zu leben, niemandem sonst.

Selbstverständlich werde ich auch weiterhin zu Menschen sagen, dass sie mir fehlen, wenn es sich nun einmal so anfühlt. Doch es ist Gerbrand Bakker zu verdanken, dass ich die Lücken, die sterbende Menschen in meinem eigenen Leben hinterließen, neu einzusortieren weiß. Helmers Schwäche ist nunmehr meine Stärke.

Ich bin mir eines Privilegs bewusst.

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3 Kommentare zu “Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Soeben ausgelesen: Gerbrand Bakker – „Oben ist es still“ (2006)

  1. Katja Kubiak
    30. Oktober 2020

    Keine Sorge, ich komm eh zu nichts. Bin derzeit nicht die einzige, die auf Sparflamme läuft. Wird auch nicht besser.

  2. davidwonschewski
    30. Oktober 2020

    Das ist ja nahezu obernett. Meines rezensieren muss nicht sein, ich habe mich aus dem, ehm, operativen Geschäft zurückgezogen…will heißen: mir tut es einfach nur noch weh;-))

  3. Katja Kubiak
    21. Oktober 2020

    Ich würde akut feststellen, dass dies die beste Rezension ist, die ich jemals gelesen habe. Nun denn, dein Buch liegt hier und mal schauen, vielleicht Rezensiere ich es auch, wenn ich das kann 🙂

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