David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Aber die Landschaft ist schön. Soeben ausgelesen: Sigríður Hagalín Björnsdóttir – „Blackout Island“ (2018)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 2 von 5 Sternen

Hach, Island. Oder besser, ehrlicher, wehmütiger: Haaaaach, Iiiisland! Der einzige gottverdammt gottverlassen-arschkalte Ort der Welt, wo nun wirklich jeder hin will. Also mal. Mal hin will. Sogar Hollywood-Beau Zac Efron war da, wie mir Netflix oder Prime oder sonst wer jüngst per Serie verkündete. Und ich will da auch mal hin, unbedingt. Aber nicht erst, seit friedlich feiernde Isländer eine ziemlich trostlose Fußball-WM doch noch zum Ereignis werden ließen, sondern schon seit 2002. Da veröffentlichte die wundersame Band Sigur Rós ein elfenhaftes Album in Zaubersprache. Aber ich will mal nicht so tun, so richtig Blut, also Eis geleckt habe ich vor wenigen Monaten, als Joachim B. Schmidt seinen in der isländischen Kälte spielenden Roman „Kalmann“ herausbrachte (HIER zur Rezension von „Kalmann“). Wäre nicht Corona, ich wäre längst da gewesen. Was ich schon deswegen so vehement behaupten kann, weil sich mein Konjunktiv nicht widerlegen lässt.

Dass ich, was Island betrifft, in eine fette Klischeefalle getappt bin, weiß ich dabei sehr wohl. Denn so wahnsinnig friedfertig geht es schon in „Kalmann“ nicht zu, auch der Eyjafjallajökull ist spätestens seit 2010 mehr als einfach nur ein Zungenbrecher. Und überhaupt: War jene Brünhild, die König Gunther von Burgund in der Nibelungensage mächtig vermöbelte, nicht auch aus Island? Schreck lass nach.

Kurzum: Wir haben es hier offensichtlich mit einem hoffnungslosen Fall von Idyll-Idealisierung zu tun. Gut, das ist einerseits menschlich, wir neigen dazu allem, was klein und sanft wirkt, einfach mal die besten und schönsten Absichten unterzuschieben, ihmihr mitunter gar die die einzig aufrichtige Rettung der Welt zuzutrauen – und dabei auszublenden, dass das Kleine kein Stück weniger verkorkst ist als das Große, Sanftmut, ähnlich wie Moral, keine Unterform von Anstand ist, sondern ein Privileg, dass sich viele Menschen schlichtweg nicht leisten können. Was letztlich auch mit dem Wohnort zusammenhängen kann. In Island mag das Wetter zwar kälter sein als in Deutschland, das Klima, zuvorderst das soziale, aber ist doch ganz gewiss hier auf dem Festland deutlich rauer. Ja oder nicht? Ist das auch schon wieder plumpe Idealisierung von einem, der nie in/auf Island war?

Allen, die wie ich an einer romantischen Dauerverkitschung Islands und seiner Bewohner leiden, ist „Blackout Island“ von Sigríður Hagalín Björnsdóttir definitiv zu empfehlen. Ein gutes Gegenmittel für jeden, der sich ein wenig zu viel von Isländern verspricht. Abraten von diesem Buch möchte ich daher nur jenen, die sich von Isländern gar nichts, von diesem Buch aber viel versprechen. Denn dafür gibt es durchaus Gründe, wozu neben einem aus meiner Sicht wunderbaren, sehr attraktiven Buchcover – ja, der Verlag stellte seine Kitschfalle und ich tappte hinein – auch das Grundthema zählt. Von einem auf den anderen Tag verliert Island den Kontakt zur Außenwelt, ist völlig auf sich allein gestellt. Internet, Fernsehen, Telefonie, Strom funktionieren nur noch im Binnenland, Island empfängt nichts mehr über Satelliten, kein Schiff oder Flugzeug kommt mehr vom Festland herüber. Die Expeditionen, die das Land selbst losschickt, sind noch einige Kilometer weit zu vernehmen, dann sind sie weg, kehren nicht mehr zurück, Kontakt abgebrochen. Die Isländer hoffen noch eine Weile, dass sich das – was auch immer da kaputt gegangen ist – einrenkt, müssen sich jedoch nach und nach darauf einstellen, dass sie fortan wieder so allein und auf sich gestellt sind wie ihre Urahnen es über Ewigkeiten hinweg waren.

Und hier die Preisfrage: Wenn einer auf Globalisierung geeichten Gesellschaft mit einem Male just diese Globalisierung entrissen wird – ist das dann ein Schreckensszenario oder eine Chance? Eine politisch, philosophisch und auch soziologisch hochinteressante Fragestellung und somit ein Trip ins eigentlich Undenkbare, zu dem Sigríður Hagalín Björnsdóttir uns hier einlädt. Und gerade in seiner Nicht-Denkbarkeit aktuell und brisant, geht der Trend vieler Bewegungen, Parteien, mitunter auch Regierungen bekanntlich längst dahin, das Zukunftsheil in Protektionismus und Abschottung zu suchen, das gepflegte nationale Solodribbling bis zur Strafraumgrenze zu einer diplomatischen Kunstfertigkeit zu erheben. Schade nur, dass ein Maradonna nur alle 100 Jahre vom Himmel fällt. Und wenn er fällt, dann selten ins politische Tagesgeschäft, wo wir es zuvorderst mit grätschintensiven Ausputzerqualitäten zu tun haben. Auch das von der Welt abgeschnittene Island erhält mit Elín Ólafsdóttir ein Abwehrbollwerk von einer Regierungschefin, eine wahrliche Maschine von einer Krisenmanagerin. In Windeseile lässt sie eruieren, welche Nahrungsmittel und Konsumgüter in welcher Zahl noch auf der Insel sind, welche Island selbst produzieren kann, in welche es sich lohnt zu investieren, um sie bald selbst herstellen zu können – und wovon man sich wohl oder übel verabschieden muss. Eines ist klar – Island ist durchaus in der Lage, sich selbst zu ernähren, vorausgesetzt möglichst viele Isländer beteiligen sich in der Landwirtschaft. Bye bye Berufsvielfalt. Wer weiterhin arrogant darauf besteht, beispielsweise Konzertviolistin zu sein, anstatt sich als Erntehelferin die zarten Fingerchen kaputt zu malochen, ist im wahrsten Sinne des Wortes asozial. Wobei das noch die erste, noch nette Bezeichnung für solcherart Künstlergesocks ist. Denn was Island in einer solchen Situation genauso benötigt wie Nahrungsmittel ist der Glaube an sich selbst, die Überzeugung es zu schaffen. Und was ist da hinderlich? Genau, kritischer Journalismus, der alles mies macht. Was hingegen ist förderlich? Bingo – Patriotismus. Die Rückbesinnung auf das traditionelle Erbe, das Gemeinsame. Wenn du als Konzertviolinistin also auch noch María heißt, eingewandert bist und die isländische Staatsangehörigkeit erst seit zehn Jahren dein eigen nennst – ha, doppelt verloren. Dass du echten Isländern die paar Kartoffeln wegfutterst, die der isländische Boden hervorbringt, ist ja nicht einmal mehr Fake News, sondern Fakt.

„Blackout Island“ ist mehr ein Gedankenexperiment als denn eine Dystopie. Und in diesem Sinne leistet Sigríður Hagalín Björnsdóttir auch durchaus überzeugende Arbeit, stellt sie doch sehr gut nachvollziehbar dar wie Bürgerechte beschneidende Maßnahme um Rechtsstaat aushöhlende Maßnahme auf Hunger-Notlage um Gewalt-Notlage folgt, der soziale Zusammenhalt bröckelt, Menschlichkeit zunehmend in den Hintergrund rückt, dafür die pure Existenzangst Oberhand gewinnt, die Sprache der Ellbogen zurückkehrt und mit dieser Sprache der Ellbogen: das Recht der Stärkeren. Ja, so gesehen ist „Blackout Island“ ein wichtiges und auch gut geschriebenes Buch. Und doch plätschert die Handlung auf seltsame Weise am Leser vorbei, lässt ihn emotional kühl zurück, animiert sie schrecklich wenig Dinge neu zu überlegen, sich neu zu positionieren, geschweige denn, nach der Lektüre, zum Weiterdenken.

Dass dem so ist, liegt zunächst am gewählten Erzählstil der Autorin. Der Plot wird abwechselnd aus der Sicht einiger weniger Protagonisten erzählt, mittendrin immer wieder unterbrochen von vermeintlichen Pressemeldungen oder offiziellen Verlautbarungen der Regierung. Der Roman erstreckt sich dabei über einen längeren Zeitraum, den wir mit den Figuren jedoch nicht durchschreiten, sondern in den uns die Autorin immer nur kurz und heftig tunkt. „Blackout Island“ zu lesen fühlt sich daher so ein wenig an wie einem Dreispringer bei der Ausübung seines Sports zuzuschauen. Sigríður Hagalín Björnsdóttir widmet sich nur den intensiven Punkten, in denen Fuß auf Schotter trifft, vernachlässigt jedoch alles das, was in der Luft passiert. Und landet mit ihrem Buch, man erlaube mir, im Bild zu bleiben, dadurch mit dem Gesicht voran in der Sandgrube. Was die Charaktere betrifft, so gelingen der Autorin zwar ein paar wenige Glanzpunkte – wenn sie zum Beispiel beschreibt, warum der kinderlose Journalist Hjalti es nicht schafft, eine halbwegs warme Beziehung zu Tochter und Sohn eben jener Konzertviolinistin María aufzubauen – ansonsten aber arbeitet sie hier doch mit arg viel Schubladen, um nicht zu sagen Klischees. Hjalti ist so abgespackt und opportunistisch unterwegs wie Journalisten es in Büchern und Filmen seit schätzungsweise 1950 sind. Die alleinerziehende ausländische Mutter María ist natürlich wieder einmal zu gut für die Welt, nie Täterin, aber immer Opfer. Und den plumpen Vogel schießt Regierungschefin Elín Ólafsdóttir ab, eine wahnsinnig attraktive, fulminant unterkühlte, wasserstoffblonde Schönheit, ach was sage ich denn: Göttin! Mit Augen wie Eisbonbons. Eine Mischung, wo ich eingangs schon bei den Nibelungen war, aus Brünhild und der späteren, der furienhaften Kriemhild, streng, strenger, am strengsten, rücksichtlos, Menschen zu ihren marionettenhaften Erfüllungsgehilfen degradierend. Das mag als wahr gewordener Fetischtraum im ein oder anderen Genre durchaus funktionieren, hier zieht es der Geschichte total den Stecker. Schade.

Natürlich lohnt es noch immer nach Island zu reisen. Schon um zu überprüfen, ob es wirklich nur eine hauchdünne Schneedecke ist, die die friedfertig-sanften Isländer meiner idealisierten Träume von vollendetem Nazitum trennt.

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