David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Ein Geist namens Ralf. Soeben ausgelesen: Ralf Rothmann – „Hotel der Schlaflosen“ (2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Hä, Ralf wer? Rothmann? Nie gehört. Wer soll das sein?

Hach, kennen Sie dieses innere Glühen, diese klammheimliche Freude an der Selbstzerstörung? Ich hörte mal, das sei völlig normal für Autoren. Wer auch seine widerlichsten Seiten und seine Fehlbarkeit nach Außen kehrt, sie genüsslich in aller Öffentlichkeit seziert, tja, ist auch vom Vorwurf des Masochismus nie ganz frei zu sprechen. Was soll ich lügen, ich bin da kein Stück anders. Nichts zeckt so sehr wie die Dekonstruktion der eigenen Reputation. Durch Zeilen wie die da oben, zum Beispiel.

Dabei stimmt beides. Und ich bin ja nicht irgendwer (Achtung, jetzt kommt der dramaturgische Kniff, wo ich mich selbst zunächst in luftige Höhen katapultiere, um hernach nur umso tiefer fallen zu können). Also: Ich bin ja nicht irgendwer! Ich, ehm, hatte Deutsch-Leistungskurs! Danach diverse Semester geisteswissenschaftliches Studium! Selbst Bücher geschrieben, privat mit mehr Künstlern abgehangen, als der eigenen mentalen Gesundheit zuträglich ist! Und bevor mir die Ausrufezeichen ausgehen, last und least: Fünfzehn Jahre lang Woche für Woche den Feuilletonteil der ZEIT gelesen (und erst damit aufgehört, als ich merkte, dass mir diese doch eigentlich honorable Publikation nachhaltige Magendarmbeschwerden verschafft)! Wenn ich also Ralf Rothmann nicht kenne, gibt es ihn auch nicht. Logischer wurde das glasklare Nichtvorhandensein eines Künstlers selten hergeleitet, nie so unwiderlegbar zu Digitalpapier gebracht wie von mir soeben.

Zum ersten Mal auf den Namen „Ralf Rothmann“ gestoßen bin ich vor wenigen Wochen in einem dieser wunderbar unnötigen Facebook-Umfrageexzesse, die Menschen in den sozialen Medien inszenieren, um auf halbwegs zulässige Art massig Zugriffe zu generieren. Ob es denn aktuell noch lebende deutschsprachige Hochliteraten gäbe, die theoretisch mal in die Nähe des Nobelpreises kommen könnten, wurde da gefragt. Oder ob das Volk der Dichter und Denker mittlerweile komplett verdummt und verflacht sei. Na ja, da fiel dann neben allerlei durchaus bekannten Namen irgendwann auch der Name Ralf Rothmann. Hielt ich für einen veritablen Witz, gibt es doch keinen großen deutschen Autoren, der so heißt. Und wenn Vor- und Nachname mit dem gleichen Buchstaben beginnen, hat das halt auch immer was Amüsantes. Als ich dann sah, wie die Zustimmung und Likes zu „Ralf Rothmann“ Überhand nahmen, habe ich mich halbtot gelacht. Die Menschen sind so doof, fallen auf alles rein. Um ein Haar hätte ich „Bolle Bohnenstedt“ und „Waldemar Wüstenwahn“ ins Rennen geworfen, ich meine ist ja nicht so, das sich völlig humorlos wäre. Wollte dann ganz clever posten, dass Wikipedia von diesem Ralf Rothmann seltsamerweise noch nie gehört hat, hat es aber. Das muss man sich mal vorstellen, irgendjemand hat sich echt die Mühe gemacht einen langen Eintrag zu diesem angeblich existierenden Mann da einzustellen. Und nicht nur das: Der Suhrkamp-Verlag führt diese Scheinpersönlichkeit sogar in seinem Autorenregister, tut penetrant so, als könne man von diesem Schrifststeller echt Werke erwerben. Ist das geil. Ich muss schon sagen, Kompliment, so viel Mühe in einen Fake Account wurde selten gesteckt, diese Blendung der Massen ist richtig professionell aufgezogen.

Nun gehöre ich aber zu den Leuten, die schwerlich hinters Licht zu führen sind, also habe ich den Suhrkamp-Verlag mal mit meiner journalistischen Hartnäckigkeit konfrontiert und per Schreiben darum gebeten, mir doch einmal ein Buch von diesem – hüstel – Ralf Rothmann zu schicken. In meinem Schreiben natürlich nicht mit „zwinker-zwinker“ gespart, damit die Leute da merken, dass ich so ein Ronan Farrow-Typ mit ausgeprägter Relotius-Nase bin. Einer, der jeden Schwindel aufdeckt.

Dummerweise haben die mir dann aber echt ein Buch geschickt, „Hotel der Schlaflosen“. Meine Hoffnung, dass es sich dabei um so ein IKEA-Luftexemplar handelt, das man aufklappt und wo dann gar nichts drin steht, erfüllte sich nicht. Elf Erzählungen sind drin. Was ein Aufwand, um einen Geist mit Leben zu füllen. Aber gut, was sollte ich machen, habe ich die Geschichten halt gelesen.

In der ersten Erzählung „Wir im Schilf“ begegnen wir einer Violinistin mit todbringender Krankheit, die in einem Taxi durch Berlin fährt, dabei immer wieder sanft touchierend ihrer eigenen Vergangenheit in dieser Stadt, Erinnerungen begegnet. Ein schöner, von Nostalgie getragener Text, in den dankenswerterweise auch der Musiker Iggy Pop eingeflochten wurde. Das ganz große Literatenkino ist diese Geschichte aber noch nicht, eher ein sachter Aufgalopp für das, was mit dem „Titeltrack“ dann folgt, erweist sich das „Hotel der Schlaflosen“ doch als ein echter Knaller. Wir erleben einen sowjetischen Offizier in der Zeit der stalinistischen Säuberungen. Für Exekutionen zuständig, hockt er die ganze Zeit im Kellergeschoss eines zweckentfremdeten Hotels, empfängt die, nun, der Sowjetfeindlichkeit Überführten in einem kleinen Raum, führt das letzter aller Gespräche, zückt dann die Waffe und wumm. Der Autor namens Ralf Rothmann serviert uns hier beklemmend nüchterne Inneneinsichten eines Täters, der als Rädchen im Getriebe einer fast schon abstrakten Macht auch Opfer seiner Zeit ist. Wir begegnen der Willkür einer von Paranoia verzerrten Diktatur, in denen die, die gerade noch Stütze des Systems waren, im nächsten Moment schon bei unserem Protagonisten in der Kammer sitzen können. Ein kleiner Hauch von Eugen Ruges 2019er Roman „Metropol“ weht durch das „Hotel der Schlaflosen“, mit Isaak Babel begegnen wir zudem einem gefolterten Schriftsteller, dessen Wirken nicht in Vergessenheit geraten sollte.

„Geronimo“ dürfte eine wahre Geschichte sein, der Autor spaziert 1960 mit seinem Vater zu einem Spielzeuggeschäft, als sie einem offenbar Irren im Bademantel begegnen, der sie mit einer Waffe bedroht. Der Vater hat im Krieg gedient und liest in seiner Freizeit gerne Cowboygeschichten, der kleine Sohn hingegen steht ganz auf der Seite der Indianer, stellt fest, dass in seiner Schulklasse nur noch die Großkopferten pro Cowboys sind – ist für den Moment, so scheint es, aber froh, einen Cowboy als Vater gehabt zu haben, der als Teil des Systems einem aussätzigen Gesellschaftsverlierer halbwegs zu begegnen weiß. Ein ziemlich guter Text, der auf leise Art den einige Jahre später dann bekanntlich heftiger hervorbrechenden Generationenkonflikt in die Spur setzt, auch gekonnt mit Rollenbildern und Zuschreibungen spielt.

„Auch das geht vorbei“ ist, ich sage das mal so, absolute literarische Meisterklasse. Der Autor, den ich der Einfachheit halber von mir aus nun auch „Ralf Rothmann“ nenne (zwinker-zwinker) führt uns das erschütternde Leben einer jungen Frau vor, die sich immer wieder mal ein wenig einnässt. Und ihre Katze quält. Wie es dazu hat kommen können, das erzählt uns der Autor nicht, nein, er reißt es erbarmunglos herunter, im Stakkato-Tonfall, der fast ein wenig an Billy Joels Song „We didn’t start the fire“ (1989) erinnert, nur eben nicht globalen Mist runterfeuert, sondern individuelle Niederschläge. Das Leben einer Frau, die das Pech hatte, Tochter einer Mutter zu sein, die ihrerseits das Pech hatte, im Krieg aufgewachsen zu sein. Dass das eine sehr viel mit dem anderen zu tun hat, sich leid über Generationen hinweg erhalten kann, subjektiv-historischer Dreck durch alle Bestandteile einer Familie hindurchsickern kann – so kurz und knapp auf den Punkt gebracht wurde es selten. Ein fast schon unemotional zu nennender Text, der gerade deswegen so erschüttert, da er keinen Platz für Mitleid bereithält.

Das Sternbild der Idioten“ führt uns zu Filmarbeiten ins West-Berlin des Jahres 1981 direkt an der Mauer. Max, auf Bewährung draußen und immer knapp bei Kasse, bekommt für 10 Tage einen Job als Komparse. Gelangweilt hängt er in seiner halbwegs gut nachgeschneiderten Grenzposten Ost-Uniform am Set herum und wartet auf seinen 2 Sekunden „Lauf mal eben durchs Bild“-Einsatz. Bis er Hunger bekommt, zu einer Dönerbude in der Nähe läuft. Und plötzlich eine lustige Idee hat… „Das Sternbild der Idioten“ ist definitiv die flockigste und lustigste Geschichte des Buches und sinnigerweise gerade dadurch auch die, bei der man am ehesten geneigt ist, sich am Ende ein kleines Tränchen aus der Iris zu quetschen. Richtig schönes Ding!

„Alle Julias!“ hingegen ist zwar nicht die stärkste, aber meine Lieblingsgeschichte in diesem Erzählband. Eine Frau, ich schätze sie auf Mitte/Ende 30, erhält überraschend einen Anruf ihrer ehemaligen Studienkollegin und Mitbewohnerin aus Freiburg. Die beiden hatten viele Jahre keinen Kontakt, jetzt aber möchte die alte Freundin unsere Protagonistin anzapfen, da sie von einer angesehenen Professorin ein unglaublich gutes Jobangebot in einem Bereich bekommen hat, in dem sie selbst sich kein Stück auskennt – unsere Protagonistin aber durchaus. Der Text ist deswegen so gelungen, da hier ein feines Stück um eine Freundschaft aufgezogen wird, die seit jeher gleichermaßen tief wie irgendwie schief aufgewickelt gewesen sein muss, das Unbehagen der Protagonistin mit ihrer tollen alten Freundin zu sprechen ist durchweg spürbar. Auf den letzten Metern. Wirklich mit nur den allerletzten Sätzen adelt der Autor diese Geschichte dann auch noch mit einem viel interpretierbarem, offenen Ende. Als Gegner klarer und konkreter Enden – ich halte solche immer für gekünstelt, da Leben doch weiterläuft – bin ich schwer begeistert.

„Admiral Frost“ ist eine Geschichte, die gewiss viele Leser toll finden werden, die ich ganz subjektiv aber leider nur doof finden kann. Wir befinden uns in diesem Text bei einem Pferdewirt und seiner Tochter, es geht ums Reiten und füttern und begatten und züchten, das ganze Programm. Nun habe ich, meine etwas wankelmütige Vita gibt es her, die letzten Jahre mit sehr vielen kleinen Mädchen und nahezu keinen kleinen Jungen verbracht. Was soll ich sagen, ich fand Pferde schon immer langweilig und völlig überschätzt. Der Umgang mit durchweg kleinen Mädchen, die – Genderzuschreibung hin, Genderzuschreibung her – alle offenbar mit einem abstrus-aufdringlichen Pferdegen zur Welt kommen, hat mir diesbezüglich einfach den Rest gegeben. Ich kann „Pferd“ einfach nicht mehr, ich ertrage das schlichtweg nicht. Lieber lese ich noch einmal in der ZEIT als mir auch nur eine weitere Pferdegeschichte anzutun. Vielleicht hat mich gerade deswegen ausgerechnet dieser Text einmal in lautes Lachen gebracht als mir ein wenig über den vielfältigen Stuhlgang von Pferden beigebracht wurde, der urtypisch dreckige Männerhumor so richtig aus mir herausbrach. Ansonsten finde ich die Geschichte aber auch technisch schwach. Wenn auf Seite zwei nur kurz eine Frau eingeführt wird und ich weiß sofort, dass die am Ende nochmal auftauchen wird und was dann der Aufhänger für vermeintliche Erschütterung sein wird, dann mag das für eine starke Charakterisierung dieser Figur sprechen, ist dennoch etwas platt.

Dicke Pluspunkte gibt es für den Abschlusstext, die kürzeste Geschichte im Buch: „Ein leises Ziehen in der Herzgegend“. Da der Text so kurz ist, verbietet es sich da jetzt viel drüber zu sagen, es geht auch hier um Erinnerungen. Ich gebe zu, den gesamten Text über dachte ich, dass das so ein Text ist, den der Autor noch irgendwo herumflattern hatte und der nur deswegen noch rangetackert wurde, da es das Buch dadurch gerade noch über die 200 Seitenmarke schaffte. Ist vielleicht auch so, mir aber egal, denn mit nur einem Satz, dem allerletzten, haut der Erzähler quasi rückwirkend eine Tiefe in die Erzählung, die man ihr niemals zugetraut hätte. Das ist gleichermaßen ganz große Kunst, wie es ganz großes Schreibhandwerk und eine ordentliche Portion Lebensweisheit ist.

Dieses „Hotel der Schlaflosen“ ist ein sehr überzeugendes Beispiel dafür, dass hohe Literatur nicht automatisch verkopft und schwergängig sein muss, ich habe es in anderthalb Tagen gelesen, selbst die von mir als eher nicht so gut benannten Texte sind weit entfernt von Zeitverschwendung. Eine sehr überzeugende Textsammlung, bei der mich echt interessieren würde, wer das wohl geschrieben hat. Bei Boney M kam irgendwann raus, wer dahintersteckt, bei Banksy steht die Welt größtenteils noch vor einem Rätsel. Bei „Ralf Rothmann“ – zwinker-zwinker – habe ich meinen Mitschüler Roland aus dem Deutsch-Leistungskurs von 1995 in Verdacht. Was der damals an Sprüchen auf seine Rucksäcke und Collegeblöcke geschmiert hat, das hatte echt Niveau, war auch weise. „Pearl Jam never dies“ zum Beispiel. Haben ihn auch alle für ausgelacht damals, aber Pustekuchen, die Band gibt es immer noch. Und der Roland hat es antizipiert.

Wie auch immer, ich habe mir jetzt gleich mal den Debütroman („Stier“) von diesem Ralf Rothmann – hihi – bestellt. Den Fake kriege ich, den entlarve ich, versprochen. Und wenn ich die ganze pralle Romanvita von dem lesen muss – David Farrow bleibt dran. Und mein eigenes „Like“ bei der eingangs erwähnten Umfrage habe ich auch gerade noch nachgereicht. Bin echt gespannt, welchen Schauspieler die da in Oslo auflaufen lassen, wenn es so weit ist. Wäre ja nicht schlecht, wenn der ein wenig so aussieht wie der auf den Verlagsseiten und dem Wikipedia-Foto.

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