David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

George Clooneys Weisheit. Oder: Und, was lest ihr gerade so? 21. Januar 2021

Danach befragt, wie er seine Filmrollen auswähle, hat George Clooney vor wenigen Jahren erklärt, dass er versucht, ein 3:1-Verhältnis aufrecht zu erhalten. Auf drei typische Hollywoodblockbuster mit begrenzt intellektuellem Tiefgang – die ihn persönlich weniger interessieren – leistet er sich einen halbwegs ambitioniert-spannenden cineastischen Experimentalausritt, die ihn sehr viel mehr interessieren. Auf die Nachfrage, ob jemand mit seinem Standing es sich nicht erlauben könne, permanent anspruchsvollere Filme zu machen antwortere er gar nicht einmal so doof: Leisten schon, es brächte nur niemandem was. Ein George Clooney hilft der Filmszene am meisten, wenn er als „der George Clooney“ der Massen identifizierbar bleibt. Denn nur dann werden Leute, die her zu oberflächlichem Filmgenuss neigen, sich auch mal in heftigere Filmvorführungen begeben. Zwar nur, weil sein Name auf dem Filmplakat steht, aber immerhin besser auf diese Weise als gar nicht.

Letztlich befinden wir uns hier im Bereich der kulturellen Querfinanzierung, so neu ist das nicht. Wissen Sie, was ich gar nicht ausstehen kann? Bücher von Sebastian Fitzek und Stand-up Comedians. Doch machen wir uns nichts vor, ein sich hervorragend bombig verkaufender deutscher Thrillerautor, über den Leute via penetranter Vermarktung wieder in die Buchladen strömen, davon haben weitaus mehr Leute was als nur der Autor oder sein Verlag. Klar kriege ich Ausschlag, wenn ich einen Buchladen betrete und mich mit meiner eitel-selbstverliebten Gesinnungsmachete erst mal 500 Meter weit durchs Fitzek-Gestrüpp schlagen muss, um in mein kleinfeines Literateneckchen zu kommen. Letztlich ist mir aber auch bewusst, dass es der eh schon darbenden Buchladenbranche ohne Fitzek & Co. noch viel schlechter gehen würde. Und die Stand-up Comedians? Einerseits schlimm genug, dass die mit überwiegend öden Witzen so ein großes Publikum anziehen und ihre abgestandenen Pointen dann auch noch in Bücher pressen müssen. Andererseits ist die Vermutung gar nicht so abwegig, dass ich für meine eigenen Romane ohne Stand-up Comedians vielleicht nie einen Verlag gefunden hätte. Denn, was Wunder, auch Verlage brauchen zum Überleben Produkte, die sich ordentlich verkaufen. Nur wenn das läuft, kann man schauen, ob noch Luft für die Nische ist. Kann man natürlich auch positiv formulieren: Mich zu verlegen kann sich halt nicht jeder leisten, ha!

Ich kam auch nur auf das Thema, da mein Foto es hergibt. Diese beiden Romane stehen aktuell auf meiner Lektüre-Liste, der Nobelpreisträger Vargas Llosa und der, och ich sage mal Berliner Indie-Geheimtipp Clint Lukas. Was Vargas Llosa betrifft, so habe ich mir vorgenommen, alle seine Romane in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Dass ich mit „Der Hauptmann und sein Frauenbataillon“ (1974) bei nunmehr Nummer vier gelandet bin, ist mir selbst etwas peinlich. Ich meine, dieser Titel geht so gar nicht. Erinnert mich an die Art von Filmklamotten, die bis in die frühen 90er-Jahre hinein nach 22 Uhr bei RTL (damals noch „RTL plus“) und Sat.1 liefen. Auch eine wenig niveauvolle Episode der ansonsten, ehm, hochgradig anspruchsvollen „Eis am Stiel“-Reihe ploppt da sofort in meinem Hirn auf. Bitte glauben Sie mir, dass ich das googlen musste: Es ist Teil 4, „Hasenjagd“. Nun, was so ein (damals) kommender Nobelpreisträger draus macht, ich werde es erfahren. Sobald ich „Asche ist furchtlos“ von Clint Lukas beendet habe. In dem beim Periplaneta-Verlag erschienen Roman – bin auf Seite 100 – erleben wir eine Tochter, die gar nicht gut auf ihre Eltern zu sprechen ist. Was wohl damit zusammenhängt, dass sich diese Eltern im ach wie undergroundig-szenigen Berliner Nachtleben kennenlernten, von Club zu Drogenexzess, von durchzechter Nacht zu verkatertem Morgen hangelten. Zwar habe ich extra für die Lektüre meine Marcel Dettmann-CDs aus dem Regal hinter mir gekramt, tendiere momentan allerdings eher dazu, mal zu schauen, ob da nicht irgendwo auch noch einige Whitney Houston-Scheiben verpeinlichsteckt sind. Wie man vom Technotempel Berghain zu Souldiva kommen kann und dass das gar nicht so HöckskenStöcksken ist, wie es sich liest, erfahrt ihr dann bald in der entsprechenden Rezension.

Ach so, ja, fast vergessen, die Querfinanzierung: Wer Mario Vargas Llosa mag und kauft und liest, mag und kauft und liest auch Clint Lukas! Man stellt sich mit einem Nobelpreisträgerbuch ins Bild, den jeder kennt und nahezu jeder achtet und generiert dafür Aufmerksamkeit für die vielen kleinen Perlen, die gewiss auch deutschlandweit in vielen Buchläden stünden. Wenn vor lauter Gestrüpp denn noch Platz wäre.

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