David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Angriff der Killer-Kamele oder: Kauleisten-Einrenken für Anfänger. Soeben ausgelesen: Téa Obreht – „Herzland“ (2020)

herzzzz

von David Wonschewski

Vorabfazit: 3 von 5 Sternen

Ein Songschreiber klagte mir gegenüber vor einigen Jahren, dass es nur eine begrenzte Zahl von Noten gibt und es daher, logisch, auch nur eine begrenzte Anzahl von Kombinationsmöglichkeiten ebendieser gibt. Die Chance eine tolle neue Melodie zu erhirnen, war bis in die 80er-Jahre hinein daher noch gegeben, danach übernahmen folgerichtig Produzenten- und DJ-Qualitäten das Hit-Ruder. Die die Kunst beherrschen aus einem wenig an Melodie ein Viel an Klang zu machen.

Gilt für die Musik, gilt auch für die Literatur, wie an Téa Obrehts neuem Roman „Herzland“ unschwer nachzulesen ist. Dass gewöhnliche Tiere an unbekannten Orten für manch Aufreger gut sind, das hatte zuletzt Robert Menasse in seiner preisgekrönten „Hauptstadt“ (2017, Rezension: HIER) aufgezeigt. Was Menasse das Schwein in der Brüsseler Innenstadt war, sind Obreht Kamele im amerikanischen Westen. Und dass Frauen, die sich an der Besiedlung bis dato unbewohnter Landstriche aufreiben, offenbar einen Hang dazu haben ihre Erstgeborenen umzubringen, das konnte ich vor wenigen Wochen erst in Knut Hamsuns „Segen der Erde“ (1917, Rezension: HIER) fast deckungsgleich zu Obreht nachlesen. Wie „Herzland“ überhaupt über weite Strecken wie ein nordamerikanisches Pendant zum norwegischen Klassiker wirkt. Das soll nicht heißen, das Obreht in irgendeiner Weise kopiert, keineswegs, es ist sogar gut vorstellbar, dass ihr die benannten Bücher unbekannt sind. Es zeigt nur auf, warum auch die begabte Jungliteratin das Problem vieler Spätgeborenen hat: da kann sie machen was sie will, irgendwie alles schonmal gehabt, alles schonmal eindrücklicher anderswo gelesen.

Doch beginnen wir mit Obrehts großem Talent: „Herzland“ spielt um das Jahr 1890, bildet das Leben der frühen Siedler in den USA ab, zeigt den mühevollen Versuch inmitten einer kargen, sonnenverbrannten Natur eine Zivilisation aufzubauen ohne dabei – man kann es nicht anders sagen – irrezuwerden an Gewalt und Durst, Durst und Gewalt. Und dieser schrecklich unbekannten Variable namens: Indianer. Ich gestehe, ich gehöre zu den Menschen, die eine Art romantisches Verhältnis zu diesem Teil der amerikanischen Wildwest-Geschichte pflegen und Obreht triggert dieses Verständnis perfekt. Wo man steht und geht in diesem Roman, da knallt die Sonne vom Himmel, lässt sich nichts Fruchtbares gescheit anbauen, schmeckt alles nach wahlweise Sand, Staub oder Stein. Und die Menschen: Alle am Schwitzen, kommen um vor Durst, tragen alle Stiefel, sitzt der Revolver locker, wird man eher ohne als mit Gerichtsverfahren am nächsten Galgen aufgeknüpft. Es mag, so aufgereiht, nach üblem Klischee klingen, was Obreht da abfeuert, genau das ist es aber nicht. Wer während des Lesens das Gefühl haben will in der staubtrockenen Weite von Arizona zu stehen, den Sheriff im Nacken, der wird kaum bessere Lektüre finden als dieses „Herzland“.

Ebenso fulminant geraten Obreht brutale Ideen. Derart fulminant, dass man sich – ganz schubladengerecht – wundert, dass eine Autorin auf all diese widerwärtigen Dinge kommt. Als Beispiel erwähnt sei hier lediglich ihre Schilderung eines rüden Hinterhof-Boxkampfes, bei dem dem einen Kombattanten derart die Visage eingefaustet wird, dass die Vorderzähne mitsamt Kieferstück in den Rachen klappen. Was den so hingebungsvoll Verletzten dazu bringt sich die Kauleiste mit lautem Krachen selbst wieder in Position zu drücken. Das Buch ist voll von ganz üblen Ideen dieser Art, für die man Obreht umarmen will.

Die bereits erwähnten Kamele, die gab es zu jener tatsächlich, das U.S. Camel Corps war ein 1856 aufgestellter, mit Kamelen ausgerüsteter Nachschubverband der amerikanischen Armee. Sie bilden den Hintergrund des einen Plots von „Herzland“, dem Erzählstrang um Lurie, Waise eines Einwanderers aus Osteuropa, der sich als kleiner Ganove durchschlägt, schließlich einen Mord begeht und zum gesuchten Outlaw wird. Derweil die toughe Farmersfrau Nora – das ist der zweite Plot – ihre kleine Farm in Arizona gegen Grundstücksspekulanten verteidigen, zugleich gegen Hitze und Dürre kämpfen muss. Gleich zu Beginn des Romans wird sie mit der Tatsache konfrontiert, dass nicht nur ihr Mann, sondern auch ihre beiden ältesten Söhne irgendwie weg sind. Der Gatte vorgeblich, um sich auf die Suche nach dem verschollenen Wasserlieferanten zu machen, die beiden Söhnen hingegen, ebenso vorgeblich, um sich nach dem daraufhin verschollenen Vater zu machen. Da hockt Nora also auf ihrer Ranch und kann zusehen wie sie den kleinsten Sohn, ihre Mutter und die naiv-abergläubische Pflegetochter sattkriegt.

Genau hier aber stößt Obrehts an sich so toller Erzählstil an seine Grenzen, das ganze Buch damit ins Wanken, orientiert sie sich doch zuvorderst am Magischen Realismus. Gut, dass die Menschen vor 150 Jahre noch bedeutend abergläubischer waren, ist belegt und dass in unerschlossenem Gebiet die Möglichkeit einer Sichtung – oder eines Angriffs – furchteinflössend-unbekannter Ungeheuer durchaus gegeben ist, das ist nicht von der Hand zu weisen. Auch dass die Gewalt, die Isolation und nicht zuletzt der Durst die Möglichkeiten von Visionen fördern ist kein Humbug. Alles das webt Obreht in Ihren Roman ein – leider nur übertreibt sie es dabei. Lurie wird von seinem kleinen, früh verstorbenen Stiefbruder Hobb noch viele Jahre zum Klauen angestiftet, Nora hält beständig Zwiesprache mit ihrer Erstgeborenen, Evelyne, für deren Tod im Säuglingsalter sie sich verantwortlich fühlt. Wie überhaupt jeder irgendwie öfter Mal Tote am Wegesrand entlangschlurfen sieht. Auch die armen Kamele – achja, mit seinem eigenen Kamel, Burke, quatscht Lurie semi-rückblickend satte 500 Seiten lang – müssen hierfür herhalten. Sie sind zwar im Lurie-Plot des Menschen bester Freund, im Nora-Plot aber eine wüste Erscheinung, die Menschen angreift, tötet oder aber als Krüppel zurücklässt. So toll Obreht die Zeit, Land und Leute darstellt, so nervig wird die Story als solche, wie überhaupt zu sagen ist, dass der Begriff „Story“ zunehmend unpassender wird. Da sind halt zwei Geschichten, zwei Menschen – und jeder darbt halt 500 Seiten lang so vor sich hin. Das könnte, wie bei Hamsuns „Segen der Erde“ ja durchaus was Existenzialistisches haben, auch was Karges gen ora et labora wäre möglich gewesen. Hat es aber nicht. Stattdessen kippt das wirklich grandios startende „Herzland“ einfach nur ins Schwülstige ab.

Selbstverständlich denkt Obreht daran ihre beiden Erzählstränge am Ende noch zusammenzuführen. Wie sie das macht, soll an dieser Stelle bewusst unerwähnt bleiben. Ich will jedoch darauf hinweisen, dass in diversen Feuilleton-Rezensionen zu lesen war, dass sie das grandios macht. Derweil ich selbst mich nicht erinnern kann, mich schonmal derart über eine solche Zusammenführung geärgert zu haben. Platt.

Weitere Literaturbesprechungen gibt es: HIER.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski. Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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