David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Sex von der Stange. Soeben ausgelesen: Mario Vargas Llosa – „Der Hauptmann und sein Frauenbataillon“ (1974)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Malente. Ganz klar. Malente ist ein kleiner Ort in Schleswig-Holstein, keine 15.000 Einwohner, der außerhalb der unmittelbaren Region eigentlich komplett unbekannt sein müsste. Eigentlich. Denn groß ist die Chance, dass sich zwei einander bis dato fremde Männer einer gewissen Generation – meiner eigenen beispielsweise – an sonst einem Ort – gerne Mallorca oder Jerusalem oder Waikiki Beach – treffen, zunächst keinen rechten Draht zueinanderfinden, zäh und unbehaglich kommuniziert man steif eher voreinander hin als aufeinander zu. Tja, und dann sagt einer „Das ist hier ja voll Malente“, der andere grinst und schon ist da dieser unique best friends forever Moment.

Wie kann das sein? Nun, in Malente befindet sich eine Sportschule, die über Jahrzehnte hinweg der Ort war, an dem sich deutsche Fußballnationalmannschaften auf Welt- und Europameisterschaften vorbereiteten. Sepp Herberger war in den 1950er-Jahren der erste Bundestrainer, der seinen Stab dort einkasernierte, Berti Vogts 1994 der letzte. Unzählige Balltreter-Mythen und Weggrätscher-Anekdoten ranken sich um diesen Ort. Und auch für die Boulevardpresse waren die wenigen Wochen Aufenthalt der bundesdeutschen Kickerelite stets ein Quell an Nachrichten. Als eines der beliebtesten Themen erwiese sich dabei ein Sujet, das sich im Laufe der Jahre zwar mächtig gewandelt hat, dass vom Grundsatz her Sportwissenschaftler und Ertüchtigungspädagogen bis heute polarisiert: Spielerfrauen.

Um es kurz zu machen: Bis heute ist nicht ganz klar wie ein, nun, junger agiler Mann dazu gebracht werden kann, auf den Punkt Höchstleistung zu bringen. Sicherlich, es gibt viele Konzepte und Theorien dazu, von Trainingsintensität bis Ernährungsplan und eingeschobenen Freizeitaktivitäten ist alles dabei. Doch eine heftig umstrittene Variable bleibt. Spielerfrauen eben. Es gab Trainer, die fanden es hilfreich, wenn kurz vor einem Turnier die Ehefrauen und Lebenspartnerinnen für ein Wochenende in der Spielstätte vorbeischauten und – hüstel – auch über Nacht blieben. Andere Trainer stellten ernüchtert fest, dass eine solche – wieder hüstel – wohlmeinende Ehefrau in der Lage ist, binnen weniger nächtlicher Stunden ein hochkompliziertes und langwieriges Aufbaukonzept zunichte zu machten.

Gerne noch lapidarer: Sollte ein Hochleistungssportler besser „ordentlich Druck auf dem Füller“ haben bei Turnierstart? Oder aber, die Gegentheorie „möglichst befreit aufspielen“ können? Diese grundsätzliche Frage ist verdammt alt und bekanntlich sehr facettenreich. Viele gesellschaftliche „Männerclubs“ jeglicher Couleur müssen gerade aktuell mit dem Vorwurf leben, dass es ihnen darum geht, dominant-patriarchalische Strukturen aufrechtzuerhalten und nur darum so erpicht darauf zu sein, möglichst keine Frauen reinzulassen. Ich spare mir mal eine Auflistung, unsere Historie, aber auch unsere Gegenwart sind voll davon. Dass diesem „lieber unter sich bleiben“ aber auch eine Erkenntnis innewohnt, die nicht alle, aber viele Männer teilen, wird dabei oft noch vernachlässigt (was nicht heißen soll, dass nicht auch an dem dominant-patriarchalen Aspekt was dran ist). Ob man nun einer Religionsgemeinschaft angehört, die ihre Frauen lieber verschleiert und zu Hause einmottet oder aber ein modernes Internet-Start-up ist, dass sich dazu entschließt, die Vorstandsposten auch mal wieder nur rein männlich zu besetzen, ist nur auf den ersten Blick eine total unterschiedliche Kiste.

Sieht man sich den aktuellen Stand der individuellen Schulerfolge an, so wird eines klar: Die Mädchen haben die Jungs längst überflügelt. Es sind aktuell die Jungen, um die man sich Sorgen machen muss. Der Erfolg sei den Mädchen herzlich gegönnt, auf die Frage, warum das so gekommen ist und sich die Erfolgsschere aktuell sogar noch weiter spreizt, weiß zumindest fast jeder Mann eine klare Antwort: Die Konzentrationsfähigkeit und das Disziplinvermögen männlicher Teenager werden enorm auf die Probe gestellt, sobald man Mädchen darunter mischt. Natürlich haben auch Mädchen unter der Koedukation auf ihre Weise zu leiden, doch es scheint, dass Mädchen sich eher herausgefordert fühlen als denn tierisch abgelenkt. Ich selbst habe neben einem Haufen Statistiken natürlich nur meine eigene subjektive Erfahrung eines verdammt schlechten Abiturs, klar nehme ich jede Ausrede, die mir gegeben wird, um diesen Makel in meiner Vita irgendwie geradezurücken. Denke ich jedoch ehrlich zurück an jene Jahre, so komme ich nicht umhin, mir einzugestehen, dass Mädchen für mich – auch wenn sie natürlich wenig bis gar nichts dafür konnten – immer ein immenser Störfaktor waren im Alter zwischen 12 und 20. Ich gehe jede Wette ein, dass ich zumindest eine ganze Note besser abgeschnitten hätte, wäre ich damals in der Lage gewesen, mich zumindest etwas öfter auf den Schulstoff konzentrieren zu können als, nun ja, etwas anderes, dass ich nur deswegen im Schädel hatte, weil es Ingeborg hieß und sieben Plätze weiter saß und sich dauernd durchs Haar fuhr und mich anlächelte, was sie gar nicht tat, vielleicht aber ja doch tat, wer weiß denn das schon so genau.

Natürlich kann und muss man das doof finden, man kann auch sagen, dass es an den Männern liegt, sich hier irgendwie umzupolen oder sonst was zu unternehmen. Diese schöne Regel aber, wonach Privates und Berufliches streng zu trennen sind, scheint mir auch mit zwanzig weiteren Berufsjahren im Lebensgepäck etwas zu sein, was Frauen eher liegt, derweil Männer sich da verdammt schwer mit tun.

Also Frauen von Männern getrennt halten, dann wird alles super, charakterlich hochwertige maskuline Leistungsexplosionen aller Orten? Leider nicht. Reinhard Mey hat einmal den schlichten Satz gesagt, dass es bei allem Tun und Sagen letztlich immer um Liebe geht. Ich bin fest davon überzeugt, dass es bei allem maskulinen Tun und Handeln auch immer nur um Frau geht. Selbst die hinterletzte Spackobastion – in aufgemotzten Karren zu Wummsmusik durch die Pampa heizen oder braun gebrannt in Muscleshirts im Fitnessstudio posieren, kennt nur ein Ziel, nämlich Frau. Wer wie ich die Gelegenheit hatte, beruflich ziemlich viele Promis zu treffen, weiß, dass unfassbar viele kleine Männer Konzernlenker oder künstlerische Rampensäue sind. Ich bin 1,85 m und kann sagen, dass mir der männliche Otto-Normal-Promi oftmals bis zur Schulter geht. Das ist kein Zufall. Die Sehnsucht danach weibliche Anerkennung zu bekommen – etwas, was kleinen Männern nur selten hinterhergeworfen wird – ist offensichtlich. Einen größeren Motivationstreiber als das gibt es für Männer nicht (und ich bin mir verdammt sicher, dass nicht einmal der ebenfalls große Wunsch, es dem eigenen Papa zu zeigen, was man drauf hat, dagegen anstinken kann).

Ich selbst habe fünf Bücher geschrieben. Und freue mich über jeden Mann, der mit meinem Zeug was anfangen kann. Aber was soll ich lügen: Ohne Frauen hätte ich keine einzige Zeile geschrieben. Wozu auch?

In seinem vierten Roman „Der Hauptmann und sein Frauenbataillon“ von 1974 lässt Mario Vargas Llosa seinen untadeligen Hauptmann Pantaleon in eine brisante Angelegenheit mit sehr ernstem Hintergrund torkeln. In der Selva – so etwas wie die peruanische Walachei – haben sich die dort stationierten jungen Soldaten nicht mehr so richtig im Griff. Von Vorgesetzten drangsaliert und gedrillt sehen sie Tag für Tag das Wochenende herbei, kaum ist es da marschieren sie freiwillig zig Kilometer in die nächste kleine Ortschaft, um irgendwas zu erleben. Und dann ist da nichts. Also betrinken sie sich und kaum sind sie betrunken, fallen sie über jede Dorffrau her, die ihnen zufällig in die Quere kommt. Alter und Aussehen egal. Die Provinzbevölkerung ist empört, beschwert sich, der Rückhalt – unabdingbar für eine jede Truppe – schwindet rapide. Der junge Pantaleon wird nun dorthin versetzt, um irgendwas zu machen. Egal was, Hauptsache, die Vergewaltigungen hören auf. Kaum vor Ort werden ihm vom dortigen General jedoch gleich Stöcker zwischen die Beine geworfen, er möchte nicht, dass Pantaleon als Armeeangehöriger zu erkennen ist, er darf keine Unifnorm tragen und auch nicht in der Kaserne vorstellig werden. Einen Aufpasser, geschickt von den hohen Herren aus Lima ist das letzte, was die traditionell darbende Moral der am Hinterteil der Welt stationierten Rekruten gebrauchen kann. Pantaleon muss also in zivil durch die Gegend latschen und darf niemandem von seinem heiklen Auftrag erzählen, nicht einmal seiner Frau und seiner Mutter, die mit ihm in die Selva gezogen sind.

Zunächst ist Pantaleon ratlos. Bis ihm eines Tages auffällt, dass sich in dieser Gegend eh viele Frauen aus purer Not als Freizeitprostituierte verdingen. Und so beginnt er, ein ausgewiesener Fachmann für Organisations- und Strukturanalyse, ein Gedankenspiel, das schnell reale Formen annimmt. Wie viele Soldaten in der Gegend stationiert sind, das weiß er, dass er einen ersten festen Stamm von zehn, nun, hüstel, hoch qualifizierten „Truppenbetreuerinnen“ in Lohn und Brot nehmen könnte, das hat er schnell heraus. Also lässt er mittels geheimer Umfragen in den Kasernen den, ehm, Grundbedarf an monatlichen, also, Dienstleistungen eruieren. Rechnet diesen Bedarf auf jede seiner Truppenbetreuerinnen herunter, stellt noch fünf weitere ein als ihm bewusst wird, dass auch Frauen mal eine Pause brauchen und – es ist halt nicht so ganz sein Fachgebiet – ihm klar wird, dass es Tage im Monat gibt, wo Frauen unfreiwillig pausieren müssen.

Seine Unternehmung wird ein durchschlagender Erfolg, die Vergewaltigungen hören prompt auf, die Moral der Truppe wächst. Dann jedoch meldet auch die unweit stationierte Marine Bedrf an, wie auch die höheren Dienstgrade zu bedenken geben, dass männliche Bedürftigkeit ja nicht aufhört, nur weil jemand in der militärischen Hierarchie weiter oben steht. Doch nicht nur das, auch die männliche Landbevölkerung schlägt plötzlich bei Pantaleon auf, schließlich haben auch sie einst ihren Wehrdienst abgeleistet und es wäre doch eine ungehörige Schmähung von Veteranen, ihnen keine eigenen Truppenbetreuerinnen zuzuteilen …

Mit „Der Hauptmann und sein Frauenbataillon“ ist Vargas Llosa ein für seine Verhältnisse fast leichter, zugleich aber sehr faszinierender Versuch gelungen, ein ungehöriges Gedankenexperiment im wahrsten Sinne des Wortes einmal durchzuexerzieren. Was das betrifft, ist das Sujet auch gut 40 Jahre später noch immer sehr aktuell, denn die Überlegungen, gewisse Bereiche wie Prostitution (oder aber auch leichten Drogenkonsum) zu legalisieren und damit zu entkriminalisieren, aus einem ursprünglich gesellschaftlichen Makel quasi im Handumdrehen einen großen Nutzen zu ziehen, werden noch immer mit schöner Regelmäßigkeit aufgeworfen. Vargas Llosa, der große Teile seines Romans im Beamtensprech entworfen hat, gelingt dabei das Kunststück gleichermaßen lustig wie schockierend und auch weitsichtig zu sein. Auch wenn die Frauen tatsächlich dankbar sind, durch den Arbeitgeber Staat sichere Arbeitsverhältnisse vorzufinden, ist die Reduzierung der Frau als, man muss es so sagen, Gebrauchsobjekt gerade deswegen so schockierend, weil Pantaleon redet und schreibt wie ein Beamter, der klare Begriffe wie Sex, Prostitution, Geschlechtsverkehr aus Geheimhaltungsgründen nicht nutzen darf, solche im erlernten Beamtenduktus aber auch gar nicht zur Verfügung hat. Wenn er zum Beispiel versucht herauszufinden, wie lange oder auch kurz ein junger Rekrut durchschnittlich braucht, um zum geschlechtsaktlichen Ziel zu kommen, dann kann er es so nicht in seinen offiziellen Bericht schreiben und nennt es ergo „Maximalforderung je Truppenbetreuungseinsatz“. Das ist für den Lesenden mitunter frappierend, an sich selbst festzustellen, wie lustig diese entmenschlichte Darstellungsweise für Sex von der Stange immer wieder ist, wie zugleich aber unser gesamtes Moralverständnis dagegen rebelliert, die Arbeit der Truppenbetreuerinnen derart legalisiert und nüchtern zu beschreiben. Unweigerlich kommt man an den Punkt, an dem einem auffällt, dass auch ein Begriff wie „Nutte“ oder „Prostituierte“ auf ihre niederschmetternde Weise immerhin ein wenig Würde transportieren, zumindest verglichen mit dem doch eigentlich respektableren Wort „Truppenbetreuerin“.

Das Buch ist auch deswegen so beklemmend, weil alle Folgen, die auf Pantaleons anfänglichem Erfolg hin nach und nach auf ihn hinabstürzen, aufzeigen, warum gewisse Schieflagen nicht so einfach aus unserer Gesellschaft zu tilgen sind. Und warum Legalisierung mitunter noch viel schlimmer ist als ein Feststecken im halbseidenen Schmuddelbereich. Denn welche menschlichen Schlünde wir aufreißen, wenn Prostitution erst einmal legalisiert und von staatlicher Seite gefördert wird, wenn sie plötzlich von jedem Beamten einfach so eingefordert und abgerufen werden kann, simpel abzurechnen wie eine Spesenerstattung – dann wird sich so mancher gewiss mit Wehmut an das erinnern, was die Generation vor Corona noch unter dem Namen „Rotlichtbezirk“ kannte.

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Ein Kommentar zu “Sex von der Stange. Soeben ausgelesen: Mario Vargas Llosa – „Der Hauptmann und sein Frauenbataillon“ (1974)

  1. barbarasie
    12. Februar 2021

    Wunderbare Rezension. Werde mir das Buch sofort bestellen. Mille Grazie.

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