David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Abstufungen von cineastischem Grau. Soeben ausgelesen: Georges Simenon – „Maigret stellt eine Falle“ (1955)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 3 von 5 Sternen

Ob das noch was wird mit mir und den Krimis, den Thrillern? Den ach so packenden, den haste nicht gesehen wie atemberaubenden Stoffen? Auf Seite 74 von 206 war es diesmal. Als ich wusste, wer der Mörder war. Wer die fünf Pariserinnen umgebracht hat, immer kurz nach Anbruch der Dunkelheit. Ein eindeutig sexuell motiviertes Verbrechen, wenngleich kein Sexualverbrechen. Soll heißen: Der seelenmürbe Täter suchte sich den immer gleichen Frauentyp aus – klein, dicklich – erstach ihn, also sie, blitzeschnell, zerriss ihr die Kleider: und Ende. Einer der seltenen Fälle, wo jemand gleich noch mal kränker wirkt, weil er das Offensichtliche unterlässt, nicht kann.

Mein Problem mit Thrillern und Krimis begann schon mit 16. Die ersten dickeren Bücher, die ich las, waren von Stephen King. „Es“, „The Stand“, „Needful Things“. Ich fand und finde die Bücher dieses „Großmeister des Horrors“ sehr gut, toll geschrieben. Mir ist nur bis heute nicht klar, wo da der Horror steckt. Zum Grausen war da gar nichts dran, spannend auch nicht. Einfach gut geschriebene, kecke Stories mit der ein oder anderen schön irren Figur. Das ist aber offensichtlich mein Problem, da sich das später wiederholte, sogar Poe finde ich einfach nur literarisch sehr gut, Grusel kann ich nicht entdecken da. Irgendwann habe ich dann ganz aufgehört, derlei Zeug zu lesen, habe akzeptiert, dass es so schön spannend wie bei den Drei Fragezeichen ??? für mich nie wieder werden wird. Weil sich Grusel für mich über Bücher einfach nicht transportieren lässt. Spannung durchaus, aber herrje, Krimi ist halt Krimi und zwölfhundert Tatort-Folgen und düster-kaputte Schwedenbrocken später ist die Luft komplett raus. Der Mörder ist immer der Gärtner? Nein, der Mörder ist immer der Ermittlerkollege, der vorher nicht zum Team gehörte und irgendwie plötzlich zur Unterstützung dazu versetzt wird. Die Mörderin ist immer die Frau, die in den ersten 20 Minuten nur einmal kurz mit Satz durchs Bild huschen darf, damit der Zuschauer sie schon kennt, hinterher aber total überrascht sein darf,ohne sich von den Drehbuchschreibern übers Ohr gehauen zu fühlen, weil da plötzlich ein fremder Täter-Kai aus der Kiste gekramt wird. TV-Zuschauer akzeptieren die kriminalistische Realität nicht: Dass der wirkliche Täter – im übertragenen Sinne – zum ersten Mal in Minute 87 ins Bild kommt.

Nach zwanzig Jahren Krimi-Abstinenz habe ich mich – angesteckt durch Jörg Fauser – entschieden, dem Genre gelegentlich eine neue Chance zu geben. Die beiden Dürrenmatts „Justiz“ (1985) und „Der Verdacht“ (1952) fielen bei mir durch – ich finde Dürrenmatts Schreibe richtig toll, nur als Krimi kann ich diese beiden Bücher nicht schätzen. Also dachte ich mir, ich versuche es mal mit einem der große Klassiker: Kommissar Maigret. Über einen Zeitraum von 40 Jahren hat der belgische Autor George Simenon seinen berühmten Protagonisten in 75 Romanen und zig Erzählungen ermitteln lassen. Seine Ideen und seinen realistischen Background bezog Simenon dabei aus seiner ursprünglichen Profession: Er war Polizeireporter in Lüttich. Wichtig zu wissen ist dabei, dass Simenon nach eigenem Bekunden nie vorhatte, wahnsinnig dezidierte Ermittlerparcours zu schildern, sondern seinen Fokus – als einer der ersten Krimi-Autoren überhaupt – fast vollständig auf die Psychoanalyse zu legen. Warum ein Täter zum Täter wird, ist ergo wichtiger als wie Maigret diesen Täter dingfest macht. Ein Konzept, das man auch in „Maigret stellt eine Falle“ von 1955 – im Übrigen der 48. Fall – par excellence erleben darf. Wobei man – ich – mir bei der Bewertung des Ganzen natürlich immer klarmachen muss, dass das Buch aus dem Jahr 1955 stammt und auch in dieser Zeit spielt. Das hat für nostalgische Verklärer wie mich zunächst natürlich seinen Charme, wenn ein Ermittler beispielsweise immer schauen muss, wo die nächste Telefonzelle ist, um sich im Kommissariat nach dem Stand der Ermittlungen zu erkundigen. Wenn die Kerle, sogar die miesen, die ganze Zeit in Anzügen herumlaufen, ein Kleidungsstück wie beispielsweise die Jeans sich noch nicht komplett durchgesetzt hat. Oder wenn ein abgerissener Knopf – wie „retro“ ist das denn? – eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung spielt. Zusätzlich darf man als Leser aber eben auch nicht vergessen, dass der Krimikonsument des Jahres 1955 noch nicht dermaßen mit Profiler-Gedöns zugemeiert wurde wie wir. Dass der Mörder der fünf Frauen halt irre ist und mit roten Augen und zu allen Seiten abstehenden Haaren durch Paris läuft und vermutlich in der Kanalisation lebt, tja, das erscheint der breiten Masse des Jahres 2021 als abwegig, war für damalige Leser aber durchaus noch plausibel. Wie, so einer duscht jeden Morgen, grüßt nett auf der Straße, hat einen guten Job??!

Ja, warum ein Mann in die seelische Schieflage kommt, fremde Frauen zwar zu ermorden, sie nach vollbrachter Tat dann aber nicht auch noch unpassend anfasst, was das aussagt, wenn er nur die Kleider zerreißt und dann abhaut, doch, ich denke, das wissen mittlerweile sehr viele. War halt ein bißchen viel Wallander, Special Victims Unit, CSI die letzten Jahre. Braucht man heute kein Psychologiestudium mehr für, um sich halbwegs treffend auszumalen, welche Art Erfahrungen der vorher gemacht haben könnte. Und so verliert „Maigret stellt eine Falle“ seinen im Jahr 1955 gewiss noch existenten Reiz, eben weil der Ermittlerpart eher schwach ist, die Psychoanalyse mittlerweile altbekannt, aber so was von durch- und auserzählt ist. Sagenhafte sechs Mal wurde der Stoff verfilmt, was vermutlich ein feiner Beleg für Simenons sehr filmische Schreibe ist, bei der man das Gefühl hat, dass zwischen den Zeilen so überhaupt nichts passiert, ja nicht einmal Spielraum für irgendwelche eigenen Interpretationen gelassen wird. Denkt hier jemand über etwas nach, sagt er das, was er sich da denkt, direkt ins Buch bzw. in die gedachte Kamera. Das ist so unfassbar „clean“, dass man – und das macht Massenerfolg oftmals bekanntlich überhaupt erst möglich – ratzfatz durch ist mit den 205 Seiten, man fällt gewissermaßen durch die Handlung hindurch, ich in unter einem Tag. Keine Widerhaken, keine Hindernisse. Schaut man sich jedoch die diversen Reaktionen auf den Roman an, so fällt auf, dass er unfassbar polarisiert. Einerseits taucht er in Best of-Maigret-Aufstellungen und sogar Best of-Krimi-Listen auf, andererseits haben echte Maigret-Kenner oftmals betont, dass „Maigret stellt eine Falle“ der schablonenhafteste Maigret ist, einer der wenigen Komplettausfälle.

Und so könnte man meinen, dass dieser Roman mein erster und auch mein letzter Maigret ist. Nichts da, ein weiterer Maigret ist schon bestellt. Ja, huch, warum das? Nun, aus drei Gründen:

a) Wer ansonsten eher zu verhirnt und/oder verschwurbelten Büchern greift, so wie ich, erlebt bei Simenon das, wovon auch eingefleischte Krimifans schwärmen: einen Zustand von Entspannung. Lesen ohne Nachdenken, wie cool ist das denn (ab und an mal).

b) Frankreich, 50er-Jahre. Das beste Kino aller Zeiten ist das französische, und so habe ich diesen Maigret in Schwarz-Weiß genossen, in Abstufungen von cineastischem Grau. Jean Gabin, Annie Girardot, Jean Desailly, vor der Tür parkt der 4CV – und zupft und singt da nicht irgendwo Brassens im Hintergrund? Darf nicht die ganze Welt – und ist es auch nur die in meinem Kopf – für einen einzigen Tag lang einfach nur Piaf sein? Nooooon, rien de rien. Hach, genau der Trip, den ich ab und an brauche.

c) Der Täter, den ich schon auf Seite 74 glasklar erkannt habe, also, ehm: war gar nicht der Täter. Das war ein anderer. Verdammt, Simenon!!!

Weitere andere Rezensionen lesen? Zur Auswahl geht es: HIER.

Ein Kommentar zu “Abstufungen von cineastischem Grau. Soeben ausgelesen: Georges Simenon – „Maigret stellt eine Falle“ (1955)

  1. Bludgeon
    16. Februar 2021

    Wiedermal toll geschrieben! Was Krimis angeht, bin ich noch abstinenter: keine Tatorts, Polizeirufe seit Jahrzehnten.
    Simenon in den 80ern ein bisschen, weil es ihn halt gab, in der Ehemaligen. „Der Präsident“ blieb halbwegs in Erinnerung, weil es da um den amtsmüden deGaulle gehen soll, ohne das sein Name fällt.Kein Krimi. Hab Simenon auch immer für’n Franzosen gehalten. Und nu isser sogar aus Lüttich, also quasi Fast-Deutscher. Kannste ma‘ sehn!
    Ansonsten, hab ich Simenon zwar allweil zuende gelesen, aber auf den letzten Seiten angekommen bereits den Anfang vergessen gehabt.
    Ich habs auch mal mit Mrs Atwood und diesem Arsen Lupin versucht – naja, ging so, aber mehr muss nich‘.
    Am schlimmsten war Chandler: In der Ehemaligen DAS eine Buch bekommen, das eben genehmigt worden war. Riesen Erwartungshaltung und Geschwätz im Bekanntenkreis: Oh Chandler! Und auch noch im West-Buchschmuck! Mit Pinup Girl vorn drauf! Klassiker! Hat die Zone endlich ein Einsehen! – Und ich krieg das Buch, Freudeschock inclusive, schlags auf und lese: – Öööööödeeeee.-

    Richtig geil war allerdings „das Ekel aus Säffle“ von Söwall/Wallöh; da bringt einer nach Jahren seinen ehemaligen Spieß um, und zwar so, wie er es bei ihm in der Armeezeit gelernt hat: Maximaler Schmerz bei gleichzeitig keiner Möglichkeit zu schreien. Sehr schön! Eine Art Fetischgeschichte. Mein Spieß war auch so ein Schwein, da konnt‘ ich richtig mitgehn!

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: