David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Der charmant pöbelnde Narzisst. Soeben ausgelesen: Ulrich Brunner – „Bruno Kreisky – Lernen S‘ Geschichte, Herr Reporter“ (2020)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Na, auch schon Witze über AmerikanerInnen gemacht? Sie wissen schon, weil die sich für den Nabel der Welt halten, größtenteils aber null Ahnung von eben dieser haben, außerhalb ihres eigenen Riesenlandes nix kennen und sich auch für nix interessieren. Ja, da sind wir Deutschen ein ganz anderes geografisch-politisches Kaliber, unsere Intellektualität und Wissbegierde, unser „global thinking“ sind legendär. US-Bundesstaaten plus deren Hauptstädte runterrattern? Kein Problem. Afrikanische Diktatoren aufsagen, israelische Ministerpräsidenten aneinanderreihen, aus dem Stand zu einem halbstündigen Vortrag über Südamerika oder Australien ansetzen? Auch kein Thema. Kann ich alles. Und so wäre ich durchaus bereit für jenen wundervollen Status, der sich „vollauf berechtigte Wissensarroganz“ nennt, wenn, ja wenn da nicht dieses minimale, ins Heuchlerische spielende Bigotterie-Problem wäre: Es betrifft unsere Nachbarn. Ja, über die große weite Welt wissen wir bestens Bescheid. Über unsere unmittelbaren Nachbarn aber wissen wir mitunter so wenig, dass es schon an Ignoranz grenzt. Und sich nur mit billigen Ausflüchte-Witzen kaschieren lässt. Fünf niederländische Flüsse? Ehm, so viele passen in das kleine Land doch gar nicht rein, hihi. Drei polnische Wojwodschaften? Ehm, Gesundheit!, hihi. Berühmte österreichische Politiker vor Sebastian Kurz? Adolf, hüstel, hihi.

Überhaupt Politiker. Briten und Franzosen ausgenommen, fällt uns doch kaum eine Handvoll Politiker anderer europäischer Länder ein. Und die paar, die uns einfallen, sind in der Regel – ich ahne plumpeste germanische Schadenfreude dahinter – ordentliche Rechtsausleger. Kaczyński, Salvini, Pim Fortuyn, Geert Wilders. Ganz zu schweigen vom adretten, aktuell regierenden Ungarn, dem ersten in seinem Amt, den man in Deutschland wahrnimmt. Und auch nur, na ja, eben weil.

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde ich mal aufgefordert, fünf österreichische Politiker der Zweiten Republik zu nennen, die nicht der aktuellen Regierung angehören. Häh, Zweite – was?! Ja, da geht es schon los. Ich übererfüllte die Frage knapp, juhu. Aber auch nur, weil auch mein Hirn offensichtlich eine klammheimliche Freude daran hat, sich zuvorderst rechte Spießgesellen zu merken. Ich stotterte daher: Kurt Waldheim, Haider, Strache, Thomas Klestil, Zilk, Wolfgang Schüssel. Ende. Ne, nicht Ende, da war doch was mit…also dieser, dieser…und da hockte ich dann mit der Wissenspistole auf der Brust, kurz davor meinen Geniestatus zu verspielen, der Schweiss trat mir auf die Stirn…irgendwas mit Kreis…Kreis…Kreisler? Ne, das war ein österreichischer Musikkabarettist …Kreisky? Das ist eine der besten deutschsprachigen Indiebands, aus Österreich, schon klar. Aber sind die nicht benannt nach so einem, ehm, Politiker?

Liebe Leserinnen, liebe Leser – ich gestehe: Ich bin mir selbst unsagbar peinlich. Ich habe den vielleicht größten Sozialdemokraten Europas (neben Brandt) erst nicht gekannt, dann für eine Band gehalten. Ich bin ja mal voll der Ober-Ami. Wie günstig war es da, dass mir dieser Tage ein Kreisky-Buch vor die Linse trat, pünktlich erschienen zur exakt 50 Jahre zurückliegenden Regierungsübernahme der österreichischen Politiklegende im Jahr 1970. Ich rechne es mir hoch an mir immer dann, wenn ich mir meiner eigenen Doofheit bewusst werde, dann auch Gegenmittel besorgen zu wollen. Und so hat nach unzähligen Biografien israelischer Ministerpräsidenten und amerikanisch-britischer Musiklegenden nun also „Lernen S‘ Geschichte, Herr Reporter! – Bruno Kreisky, Episoden einer Ära“ von Ulrich Brunner Einzug in mein Wissenszentrum erhalten.

Um es vorwegzunehmen: Es gibt gute Gründe vor dem Kauf einer Biografie zurückzuschrecken. Ich las vor 25 Jahren beispielsweise Biografien über Bob Dylan und David Bowie, legte beide aber nach einigen Seiten frustriert weg. Weil es einfach nicht zeckt, sowas zu lesen, wenn man – so wie ich damals noch – zwar die Namen, aber bestenfalls vier, fünf Songs kennt. So gar nichts einordnen kann, es folglich auch kein Aha-Erlebnis geben kann. Diese Gefahr bestand auch bei diesem Kreisky-Buch, denn sich ins kleinklein österreichischer Innenpolitik der 70er-Jahre und die Geschichte der SPÖ zu knien, das braucht, so argwöhnte ich, schon Nerven. Das Lustige an diesem Buch – das in der Tat eher eine Anekdotenansammlung mit leicht biografischen Zügen ist – ist, dass es zwar tatsächlich viel von diesem innenpolitischen Austro-kleinklein auffährt, das aber in einer sehr unterhaltsamen, wohldosierten Form, was den hübschen Effekt hat, dass man vor lauter Amüsement gar nicht merkt, dass man sich gerade auch ordentlich bildet.

Dass dieses Buch sich so flockig liest, ist natürlich zuvorderst Autor Ulrich Brunner zu verdanken, einem ehemaligen ORF-Intendanten und ehemaligem SPÖ-Mitglied, Jahrgang 1938, der sich in dieser Gemengelage gleichermaßen als langjähriger Wegbegleiter Kreiskys betrachten darf wie auch als sein berufsbedingter Gegenspieler. Der Titel – „Lernen S‘ Geschichte, Herr Reporter!“ – ist längt zu einem europaweit geflügelten Wort geworden. Ursprünglich vom grantelnden Kreisky entgegengeschleudert wurde es dem jungen Berufsjournalisten Brunner, der, wie er murrend bekennt – ausgerechnet durch diesen Zornesausbruch des damaligen Kanzlers selbst zu einer Fußnote der Geschichte wurde. Ja, Brunner macht keinen Hehl aus seiner Antipathie für den Menschen Kreisky, den er als Politiker bewundert wie keinen zweiten. Und genau dieses durchaus zerrissene Gefühl für ein kauzig-knarrziges politisches Jahrhunderttalent ist es, an dem Brunner den Leser nicht nur teilhaben lässt, sondern in das er ihn mit hineinzieht, eintaucht.

Wenn das Leben die besten Geschichten schreibt, dann hat Ulrich Brunner mit Kreisky den vermutlich besten, in der Rückschau mit Sicherheit aber unterhaltsamsten aller Protagonisten zur Hand. Chronologisch aufgebaut ist das Buch nicht, Brunner springt hauptsächlich in jener Regierungszeit Kreiskys zwischen 1970 und 1983 umher, in der ihm das unglaubliche Kunststück gelang, gleich dreimal hintereinander die absolute Mehrheit zu erringen. Immer wieder unterbrochen von punktuellen Stippvisiten in Kreiskys frühe Jahre, zuvorderst die zwischen den beiden Kriegen, die er aufgrund seiner politischen Gesinnung zu einem Großteil im Gefängnis brachte, wo er sich in seiner Dreimannzelle – auch so war der Jude Kreisky – lieber mit dem Nazi-Mithäftling anfreundete als dem ebenfalls eingekerkerten Kommunisten. Ja, Kreisky war zeitlebens egozentrisch und polternd, ein Ich-bezogener Narzisst, der das Kunststück fertigbrachte, sogar auf einer großen Trauerfeier für einen SPÖ-Granden in seiner Grabrede fast nur von sich selbst anstatt vom Verstorbenen zu erzählen. Zugleich jedoch war er jedoch hochgebildet und rhetorisch nahezu unschlagbar, keine Politiker-Ära hat derart viele abdruckreife Sprüche und Erwiderungen zwischen clever, weise und rotzfrech hervorgebracht. Ja, dieser Klotz von einem Mann war ein Feingeist, der ein untrügliches Gespür dafür besaß, mit welchem Gegner charmant zu paktieren ist und an welchem niederrangigen Parteigenossen er sich von oben herab gar prächtig austoben konnte.

Brunner – das aktuelle Beispiel Trump gibt es her – verbingt viel Zeit darauf, tiefenpsychologisch nachzuzeichnen, warum gerade narzisstisch geprägte Menschen derart mächtig werden und warum das vielleicht auch nicht immer ein Fluch sein muss. Vorausgesetzt, einer bekommt den Spagat der Unberechenbarkeit so gut hin wie Kreisky, der auch als Sozialdemokrat privat die konservativsten Einstellungen pflegte, beruflich aber Reformen in Justiz und Familie erst ermöglichte. Dass Homosexualität in den 70er-Jahren straffrei wurde und Frauen der Weg zu einem selbstbestimmten, vom Ehemann unabhängigen Leben geebnet wurde, ist zuvorderst das Verdienst Kreiskys. Im Taktieren war Kreisky, der 1990 verstarb, ein Meister, er konnte sich selbst die größten Gegner zu Freunden machen. Wie so viele Narzissten – von Willy Brandt wird Ähnliches berichtet – kannte er wirkliche Freundschaft jedoch nicht, war sein Misstrauen in Menschen zu groß. Aus gutem Grund, war seine Vita doch geprägt von mannigfalitgen Zurückweisungen. Seine Mutter zog den kränklichen älteren Bruder vor, in der Jugendorganisation der Sozialdemokraten wurde er nicht etwa diskriminiert, weil er Jude war, sondern weil er aus einem bürgerlichen Elternhaus kam. Er wurde von seinen Mitstreitern als idealistisch-intellektueller Bourgeois betrachtet und für unglaubwürdig erachtet, für unfähig erklärt, die zupackenden Belange der Arbeiterschaft verstehen zu können. Und flankierend als ständiger Begleiter, natürlich, jene Probleme, die nur er als Jude kannte. Im öffentlichen Leben zwischen den Kriegen ein Bürger zweiter Klasse, musste er nach seinem Gefängnisaufenthalt nach Schweden emigrieren, schlichtweg um zu überleben. Kaum zurück, nahmen es ihm die Parteigenossen krumm, dass er die Kriegsjahre in seiner ach so behaglichen nordeuropäischen Sicherheit verbracht hatte, sogar im Parlament wurde er noch als Drückeberger diffamiert. Noch schlimmer aber die Juden selbst, zuvorderst Nazi-Jäger Simon Wiesenthal, mit dem Kreisky sich immer wieder anlegte. Wie auch 1969 unter Brandt unglaubliche sieben Minister eine eindeutige Nazi-Vergangeheit besaßen, war Kreisky wenig zimperlich darin auch sein eigenes Kabinett entsprechend zu bestücken, verteidigte die, die er rein historisch doch abgrundtief hassen müsste, sogar vehement. Und warf Wiesenthal vor ihn, Kreisky, viel mehr zum Juden zu machen als alle Nicht-Juden es zuvor getan hatten und noch immer taten.

Liest man all das, so wundert es, dass dieser sich permanent abgelehnt fühlende Mensch, dieser dauergekränkte Mann mitsamt seinen Workaholic-Genen und der Lust, Hausärzte, die ihm negative Befunde ausstellten, solange auszutauschen, bis er einen fand, der ihn gesundschrieb, derart beliebt beim Volk war, derart erfolgreich im Umgang mit den ganz großen Staatsmännern. Doch es ist Brunners Wissen um und Erfahrung mit Politikern zu verdanken, dass sich auch dieser scheinbare Widerspruch auflöst, zur Nachvollziehbarkeit wird. Von Bismarck heißt es, dass er – bildlich gesprochen – der einzige Politiker seiner Zeit war, der mit fünf Bällen gleichzeitig jonglieren konnte. Über dieses Talent verfügte auch Kreisky, nicht trotz, sondern gerade wegen seines fast schon deformiert zu nennenden Charakters.

Sollte ich im Übrigen noch eine Indierock-Band gründen, so werde ich sie „Androsch“ nennen. Das ist jetzt aber mehr ein Nachsatz für so Leute, die wo sich total auskennen mit österreichischer Innenpolitik. Die wo auch wissen was ein „Klubobmann“ ist. Und die wo wissen, warum man in „Zwentendorf“ gefahrlos Urlaub machen kann. So Leute wie mich halt.

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Ein Kommentar zu “Der charmant pöbelnde Narzisst. Soeben ausgelesen: Ulrich Brunner – „Bruno Kreisky – Lernen S‘ Geschichte, Herr Reporter“ (2020)

  1. michaelcarljohanns
    19. Januar 2021

    Artikel ist spannend. Habe ich gerne gelesen.

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