David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Mein lieber Herr Relotius. Soeben ausgelesen: Jay McInerney – „Ein starker Abgang“ (1984)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 4 von 5 Sternen

Bei SPIEGEL ONLINE hat es dieser Tage wieder richtig aua gemacht. Da wurde öffentlichkeitswirksam suggeriert, dass Politikerinnen ganz besonders unter Hetze im Internet zu leiden haben. Leider kann hier nur der Begriff „suggeriert“ verwendet werden, denn der SPIEGEL hatte zur Beweisführung zwar so etwas wie eine Umfrage gemacht, diese allerdings, nun, macht eben aua. Befragt wurden alle 222 weiblichen Mitglieder des Bundestags. Und ausgewertet wurden dann zuvorderst die Rückläufer, die ein „Ja, habe ich erlebt“ beinhalteten. Nicht, dass wir uns falsch verstehen, ich sage nicht, dass dem nicht so sei und unterstütze eine jede Kampagne in dieser Richtung. Denn online wie in der Realität erfahren Frauen bei allem, was sie tun, mit Sicherheit eine stärkere, eine schärfere Beachtung. Das kann zu unfassbar vielen positiven Reaktionen führen, wie man als Kerl beispielsweise bei Instagram, je nach Tagesform neidisch bis kopfschüttelnd, beobachten kann (simples „bin ich nicht liebenswürdig?“-Foto, eindimensionales „body positivity“-Statement drunter, peng: 7.000 likes, 270 Kommentare), im Fahrwasser der fragwürdigen Massenbegeisterung aber eben auch unfassbar viel Hass, Neid, unzulässige Attacken generiert, ausgeübt durch Menschen beider- oder auch allerlei Geschlechts. Als Ottonormal-Mann kennt man beides weniger bis gar nicht. Wenn ich ein Knutschmund-Foto von mir ins Netz stelle und drunter schreibe „Egal was andere sagen, sei wie du bist!“ passiert: nichts. Kein Like, kein Hate. War was, Wonsch?

Wenn man nun, wie eben SPIEGEL ONLINE, eine steile These aufstellt, sollte man zusehen, dass man eine halbwegs saubere Erhebung dazu macht. Denn macht man das nicht und knallt es dem Leser sogar derart deutlich vor die Augen, dass man gar kein Interesse daran hatte, es zu tun, dann wird es so langsam echt knirsch mit der medialen Glaubwürdigkeit. Herrje, so schwierig ist das doch nicht, wenn man eh schon dabei ist: Man befragt einfach ALLE Mitglieder des Bundestages, bekommt einen Wert für Politikerinnen, einen für Politiker, sieht und zeigt, dass der für Politikerinnen desaströser ist – und haut zack die Headline raus, startet die Kampagne. Und David Wonschewski hockt vor seinem PC und denkt „frappierend, lasst uns was tun!“, anstatt, wie jetzt, wieder nur das Pippi Langstrumpf-Lied vor sich hin zu summen, weil diese tendenziöse Form von on demand-Journalismus anders schlichtweg nicht zu ertragen ist. Wir halten fest: Die männlichen Bundestagsabgeordneten wurden gar nicht erst befragt. Also auch kein Spahn, kein Lauterbach, kein Amthor (in deren Mailbox ich ums Verrecken nicht hocken möchte). Warum der SPIEGEL keine Lust hatte, auch die männlichen Bundestagsabgeordneten zu befragen, warum er derart die Chance verstreichen ließ, einen wasserdichten Beweis für die auch von mir nicht geleugnete Misogynie zu erhalten, wir werden es nie erfahren. Kommen jedoch zu dem zwangsläufigen Resultat: Kampagne und Headline standen als erstes, die Untersuchung wurde erst danach entsprechend in die Schiene gesetzt. Vielleicht wurden auch Männer befragt, das Ergebnis passte dann aber nicht mehr zur Artikelidee, wer weiß das schon. Kann ich im Übrigen auch: In eine Eisdiele gehen, alle Leute, die gerade ein Eis schlecken, zu ihrem Verhältnis zu leckerem Eis befragen und mich dann zu dem Schluss orakeln, dass das Eis der Pizza längst und eindeutig den Rang abgelaufen hat. Das kann ich – tataaa – ohne auch nur eine einzige Pizzeria betreten zu haben.

Wer so vorgeht, generiert Klicks, beglückt seine Bubble-Leserschaft, zementiert aber den Stillstand. Voran geht es nur, wenn man komplett sagt, was ist. Und nicht nur ein bisschen. Dass diese fahrlässige Vorgehensweise gerade beim SPIEGEL so aua macht, liegt daran, dass der nach dem „Fall Relotius“ doch eigentlich (und sehr publikumswirksam) Besserung gelobt hatte, was die eigene Faktencheckerei betrifft. Wir erinnern uns: Claas Relotius galt bis vor Kurzem als güldener Stern am Reporterhimmel, jung, charismatisch, brillant, mit Preisen dekoriert. Bis herauskam, dass der werte Herr mit seinen ach so profunden Auslandsstories eher im Bereich der Fiktion anzusiedeln ist, er Orte, über die er schrieb, nie besucht hatte, Interviews, aus denen er zitierte, nie geführt hatte. Er wusste, was ins Weltbild der SPIEGEL-Klientel passt und sog sich das dann einfach entsprechend aus den Fingern. Wurde dann halt wenig in Frage gestellt und viel ausgezeichnet. Man muss dem Mann fast ein wenig dankbar sein, dass er ein um sich greifendes Problem, wenn auch ungewollt, derart offenlegte. Um das zu prüfen und derlei Peinlichkeiten zu vermeiden, hält sich jedes Medium, das was auf sich hält, eine faszinierende Abteilung, die, so weit ich weiß, überall anders heißt. Manchmal einfach „Lektorat“, im Kultroman „Ein starker Abgang“ von Jay McInerney aus dem Jahr 1984 „Dokumentationsabteilung“. Die Leute in dieser Abteilung sind dafür verantwortlich, einen jeden eingereichten Artikel vor Veröffentlichung noch einmal hochkritisch auf Herz- und Nieren zu prüfen. Und, wie der namenlose Protagonist im Roman, der dieser Tätigkeit nachgeht, erläutert prinzipiell erstmal gar nichts zu glauben von dem, was der Journalist da recherchiert hat. Wenn zum Beispiel erwähnt wird, dass am Rande einer Tagung in x die Politiker y und z im Hotel xyz aufeinandertrafen, um bei einem Tee den Nahostkonflikt zu erörtern, dann muss dieser professionelle Faktenchecker sich ins Netz oder ans Telefon begeben und sich von Dritten möglichst alles, wirklich alles, verifizieren lassen. Sogar den Tee. Wobei derlei Dinge nervenaufreibend, gewiss aber machbar sind. Ganz anderes Kaliber sind wissenschaftliche Fachartikel. Ich meine, als Faktenchecker kann man ja vieles studiert haben, aber auch nicht alles. Es müssen unglaubliche Allgemeinwissensmonster sein, die in derlei Abteilungen arbeiten. Über Jahre alles gelesen, alles nachrecherchiert. Jauch-Klientel. Schwer vorstellbar, dass solchen Gehirnhochleistungssportlern nicht auffällt, dass bei SPIEGEL ONLINE seit einigen Jahren schon Headlines generiert werden, die gerne mal in keinem oder bestenfalls mageren logischen Zusammenhang zur unterfütternden Statistik stehen.

Da wir uns in arg aufgeregten Zeiten befinden: Ich rede nicht von „Fake News“. Die deutschen Medien, sogar die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, arbeiten toll, professionell. Darum lese ich das Zeug ja weiterhin, schaue, höre. Und kritisiere lediglich den aktuellen Trend diverser Erzeugnisse, sich bei der Wahl zwischen „Pflicht“ und „Kür“ zunehmend für die Kür zu entscheiden. Und das nicht entsprechend deutlich zu machen.

Vielleicht sind die modernen Faktenchecker aber auch längst allesamt Menschen vom Schlag eines Michael J. Fox, der in der Verfilmung von „Ein starker Abgang“ den Protagonisten spielt und eigentlich zu kreativ und zu sehr auf der Suche nach sich selbst und seiner eigenen Identität ist, um diesem Job mit der gebotenen Nüchternheit und persönlichen Distanz nachzugehen. Denn eigentlich will der New Yorker Schriftsteller werden, sieht sich als Literat. Und die Tätigkeit in der etwas trockenen Dokumentationsabteilung eines großen amerikanischen Magazins nur als prototypischen ersten Fuß in der Tür. Zu Beginn reicht er noch eifrig Kurzgeschichten rüber in die Literaturabteilung, die jedoch allesamt abgelehnt werden. Es kommt, was kommen muss: Er versumpft. Die eigenen Schreibversuche nehmen ab, die Ernsthaftigkeit, mit der er seiner Tätigkeit in der Dokumentationsabteilung nachgeht, auch. Zu nehmen nur – wir befinden uns in der Yuppie-Generation der 80er-Jahre – der Kokainkonsum, das Nightclubbing, der Sarkasmus und die Perspektivlosigkeit. Als ihm dann noch seine Model-Ehefrau mehr oder minder grußlos abhaut, zerfleddert sein Leben völlig, latscht er komplett haltlos durch die Metropole, seinen Alltag. Das Faszinierende an McInerneys Schilderungen, die – er arbeitete tatsächlich lange als professioneller Faktenchecker in New York – als mitunter autobiografisch angesehen werden dürfen, ist dabei, dass er einer der ersten ist, der das Lebensgefühl einer in Privilegiertheit ertrinkenden Generation beschreibt, einer Generation, die vor lauter Freiheit nichts damit anzufangen weiß, die finanziell dermaßen abgesichert ist, dass sie Existenz nur noch wie durch einen Puffer, einen Schleier, einen Schalldämpfer wahrnehmen kann, grässlich überziehen muss, um überhaupt noch was zu spüren. Das Frappierende dabei: Anders als im artverwandten Bestseller „American Psycho“ von Bret Easton Ellis (1991) ist der Protagonist – auch deswegen war Michael J. Fox wohl die perfekte Filmbesetzung – kein Arsch vor dem Herrn, im Gegenteil, er ist mitunter dermaßen natürlich und nett, dass man ihm wahrlich über den Kopf streicheln möchte, weil er einer ist, der genauso aufrichtig sucht, wie er aufrichtig nichts findet. Anders als die Bateman-Exzesse fallen ihm die Unverschämtheiten fast schon naiv aus dem Mund. So zum Beispiel als er in der Subway einen frommen chassidischen Juden beobachtet und feststellt: „Dieser Mann hat einen Gott und eine Geschichte, eine Gemeinde. Er verfügt über eine perfekte Ökonomie des Glaubens, in der Schmerz und Verlust mit begriffen einer transzendentalen Bilanz erklärt werden, in der am Ende alles irgendwie hinhaut und in der Tod nicht wirklich Tod ist. Den ganzen Sommer über schwarze Wollsachen zu tragen ist daran gemessen ein niedriger Preis. Er glaubt, zu den von Gott Auserwählten zu gehören, während du dich fühlt wie eine Ziffer in einer beliebigen Zahlenreihe. Trotzdem, was für eine bescheuerte Frisur!

Als das Werk 1984 erschien, sollte es damit die amerikanische Literaturszene verändern. Mit dem neuen Status, den man McInerney in der New Yorker Autorenszene zuwies, fand er sich prompt auf gleicher Höhe mit Philip Roth, John Updike und Tom Wolfe. Dabei war Jay McInerney keine 30 Jahre alt und dies war sein Debüt. Als Rowohlt den Bestseller dann 1986 nach Deutschland holte, ließ sich der Erfolg in den Staaten nicht kopieren, aber nachbilden. Für die kommenden deutschen „Pop-Autoren“ wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Eckhart Nickel oder Joachim Lottmann wird das Buch nicht weniger als ein Erweckungserlebnis gewesen sein. Nicht zu vergessen, dass McInerney sein Werk mit einer stilistischen Neuerung ausstattete, an der sich sporadisch zwar schon Autoren vor ihm versucht hatten, zumeist jedoch horrend gescheitert waren: Einem Ich-Erzähler, der seine Geschichte durchgehend in der zweiten Person erzählt.

Als Leser, der den Roman weit über 30 Jahre später zur Hand nimmt, überwiegt die Überraschung. Der mehr als plumpe deutsche Titel – im Original immerhin „Bright Lights, Big City“ – dazu eine Verfilmung mit Michael J. Fox, das lässt einem jeden 80er-Jahre Nostalgiker zwar das Herz aufgehen, riecht es doch an jeder Ecke und an jedem Ende nach den gleichermaßen wundervollen wie klamaukigen „Brat Pack“-Verirrungen jener Zeit (Emilio Estevez, Rob Lowe, Anthony Michael Hall, Andrew McCarthy, Judd Nelson, Molly Ringwald etc.). Man befürchtet gerade deswegen jedoch eher Bodenloses. Erhält jedoch stattdessen eine Melange aus, tja, peppig-pointierter Schreibe und existenzialistischem Tiefgang.

Nicht geklärt wird (natürlich) die Frage, ob der Beruf des Faktencheckers anno 2021 noch eine Zukunft hat, eine solche überhaupt haben sollte. Wenn SPIEGEL ONLINE sich eine eigene Pippi Langstrumpf-Realität zusammenzimmert, ist das ja per se sehr menschlich, philosophisch betrachtet macht das jeder, gibt es das schon immer, geht es auch gar nicht anders. Steht ja nirgends in Stein gemeißelt, dass der klar analysierte Ist-Zustand immer der Startpunkt sein sollte, mit dem traumhaften Soll-Zustand als Ziel. Vielleicht, nein, ganz sicher bin ich da einfach ein wenig oldschool unterwegs. Will nicht einsehen, dass diese Denke zwar logisch ist, aber eben in 2000 Jahren wenig eingebracht hat. Hm. Okay, ich gelobe Änderung. Zum Teufel mit dem Ist-Zustand, ’ne Line gelegt, hoch ins Hirn damit, Leben und Existenz ab jetzt nur noch als Soll-Zustand. Mein Heute konsequent als Futur gedacht.

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2 Kommentare zu “Mein lieber Herr Relotius. Soeben ausgelesen: Jay McInerney – „Ein starker Abgang“ (1984)

  1. davidwonschewski
    19. Februar 2021

    Absolut. Das von mir benannte Thema ist nur der jüngste Hauer. Auf Artikel, die erklären, ob es nicht auch gute Gründe gibt, warum Türken oder Russen ihren Staatsführern so vehement die Treue halten – also abgesehen von einfach Mal so gerne dahin vermuteter Verstocktheit an der Grenze zu Blödheit – warte ich noch immer…

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  2. Bludgeon
    19. Februar 2021

    Naja, Ukraine 2014, TTIP-Berichterstattung, bis aufflog, was wirklich dahinter steckt, Nawalny vs. Assange-Berichterstattung.
    Hintergründe zu Nordstream 2 und und und…

    Irgendwelche guten Jobs als IV.Gewalt sind laaaange her!

    … die Öffis haben dringenden Reformbedarf.

    Gefällt 1 Person

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