David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – bipolarer Bedenkenträger

Wenn die Titan-Molybdän-Decke mal wieder versagt. Soeben ausgelesen: Stanisław Lem – „Der Unbesiegbare“ (1964)

von David Wonschewski

Vorabfazit: 3 von 5 Sternen

Ach herrje. Science Fiction. Da habe ich es ja nicht so mit. Klar, im Alter von sechs wollte ich „Weltraumfahrer“ werden, Peter Schilling hatte es zu verantworten. Kurz danach die für meine Generation übliche Phase aus Jedi-Rittern und Masters of the Universe. Und die Hörspielreihe „Jan Tenner“. Mit 13 Jahren war dann aber auch Ende. Dass Alf vom Planeten Melmac kam, mag ich da nicht ernsthaft mit einzusortieren.

Erst in den letzten Jahren ist meine Faszination an extraterrestrischen Überlegungen wieder angestiegen. Ich glaube, weil ich mich ein wenig heftiger mit dem Wirken von David Bowie beschäftigt habe. Und mich in Romane von Philip K. Dick und J.G. Ballard verliebte, auch Jules Verne. Wobei der Begriff Science Fiction hier, finde ich, auch schon kurz vor albern ist. Das sind mehr Dystopien, die größtenteils auf der Erde spielen und oftmals gar nicht so arg weit zukünftig. Mitunter sogar derart nah am neuesten Stand der Technik, dass es sich allenfalls um 15 bis 20 Jahre weiter handelt.

Jetzt aber, so dachte ich mir, bin ich bereit für den großen Sprung. Die volle Dröhnung. So richtig Weltall, Raumfähre, Schutzschirm und Extraschub. Und „Passen Sie auf sich auf, Commander!“. Und wer eignet sich zum Einsteig in die Literaturkapsel besser als Stanisław Lem, der polnische Genre-Pionier? Ein Visionär, Utopist und Meister der Wortschöpfungen, die es Übersetzern verdammt schwierig gemacht haben, seine Werke in die 57 Sprachen zu übertragen, in denen sie schließliche rschienen sind. Offenbar mit Erfolg, fast 50 Millionen Bücher hat Lem verkauft. Und eines davon, „Der Unbesiegbare“ aus dem Jahr 1964, steht nun also bei mir.

Beim titelgebenden Unbesiegbaren handelt es sich um einen schweren Raumkreuzer, in dem neben vielen Fahrzeugen und Kommandoschaltzentralen auch rund 100 Mann Besatzung Platz finden. Was schon mal gut ist. Als der Roman beginnt fliegt der Unbesiegbare gerade zum viele Lichtjahre entfernten Planeten Regis III, um nach seinem Schwesternschiff, der „Kondor“ zu suchen. Die war wenige Jahre zuvor dort gelandet, ein Standardeinsatz zur Erforschung des Planeten. Man hoffte, dort Spuren von Leben zu finden. Doch die Verbindung zur „Kondor“ brach ab und ihr Schicksal blieb unklar. Was wiederum eher schlecht ist.

Vor Ort erwartet die Besatzung des Unbesiegbaren ein öder Planet, der an Land keine Spuren von Leben aufweist, während in seinen Ozeanen eine Menge Getier keucht und fleucht. Es geht nun darum, den verlorenen Kreuzer ausfindig zu machen und – schon aus Eigenschutz – die rätselhaften Vorgänge auf dem Planeten zu untersuchen, die zum Verlust der „Kondor“ geführt haben. Dabei sind die Wissenschaftler zunächst selbst ratlos. Auch als die Kondor schließlich lokalisiert wird, kann die Besatzung des Unbesiegbaren nicht erklären, was passiert ist. Es sieht nicht so aus, als habe ein Kampf gegen irgendwen oder irgendwas stattgefunden, auch eine potenzielle Naturkatastrophe oder ein Unfall scheint ausgeschlossen. Es scheint eher, als sei die Mannschaft geschlossen dem Wahnsinn anheimgefallen. Nach einiger Zeit und viel Forschungsarbeit kommen die Herren Wissenschaftler (aber natürlich sind es ausschließlich Kerle, allzu visionär sein und Damen ins All entsenden will man dann offensichtlich auch nicht ….) natürlich auf eine Lösung, die, so typisch die Erzählung auch beginnt, komplett untypisch ist, erfrischend, bemerkenswert. Allein die lebensphilosophische Wandlung, die der Protagonist, der Navigator Rohan, angesichts einer Reihe wahrlich nervenzerfetzender Ansichten durchlebt, ist von einer Tragweite, dass sie für das ökologisch relativ bewusste Jahr 2020  halbwegs naheliegend sind. Anno 1964 aber, als man von heldenhaften Raumfahrerepen ein wenig was anderes erwartete als innere Einkehr und gesamtheitliche Bewusstwerdung mit Sicherheit revolutionär. 

Zwar liest sich „Der Unbesiegbare “ flüssig, selbstredend muss Science-Fiction Literatur sprachlich aber stets ein wenig freakig sein. Und das auf zweierlei Wegen: Zum einen, ich selbst bin geschulter und semi-studierter Altsprachler, gehört einfach eine deftige Prise Fremdwörter in so einen Stoff. Zeug, dass ich mir nicht einmal im Ansatz selbst herleiten kann, bestenfalls noch nie gehört habe, nachschlagen muss. Das liefert Lem, ich habe ein kleines Vokabelheft angelegt und präsentiere stolz meine neuen Lieblingsbegriffe: Kataklysmus und Parsek.

Hand aufs Intellektuellenherz: Hätten Sie die Bedeutung gekannt?

Der zweite sprachliche Freakfaktor betrifft technisch-physikalische Entwicklungen. Dass ein Abonnement der „P.M.“ nicht ausreicht, um als Science-Fiction-Autor auf dem neuesten Stand der zukunftsweisenden Entwicklungen zu sein, das merkt man bei den Klassikern sofort, das ist selbst bei Vernes „20.000 Meilen unter den Meeren“ schon zu erleben. Was die Lektüre für den zwar altsprachlich bewanderten, naturwissenschaftlich aber arg unterbelichteten Leser – also mich – zu einer, wenn man denn bereit ist, es humorig zu nehmen, recht lustigen Angelegenheit werden lässt. Kaum eine Seite im „Unbesiegbaren“ auf der ich mich nicht fragte: Geht das echt – oder verarscht der mich jetzt? Gibt Lem da einfach nur wider, was der neueste Forschungsbericht der NASA Anfang der sechziger Jahre bereit war, der Öffentlichkeit mitzuteilen? Oder hockte er in seiner Bude, vermutlich in Krakau, und war einfach hübsch am Herumspinnen? Wenn Abitur und Studium mich nicht in die Lage versetzt haben, das einwandfrei unterscheiden zu können, dann hat so ein Science-Fiction-Autor verdammt vieles richtig gemacht. Allein die „Energoboter“, von denen die Wissenschaftler bei Ihrer Arbeit reichlich Gebrauch machen und die kaum näher erläutert und spezifiziert werden, haben mein Denken durchgängig beschäftigt, tun es im Grunde immer noch. Warum keine Roboter, was kann so ein Energoboter besser? Bei den entsprechenden Überlegungen, beim Auseinandernehmen und wieder Zusammensetzen dieses Wortes wird man fast selbst zum Visionär.

Oder, nah am Text und als Beispiel mal so runterfabuliert: Wenn nichts einer Titan-Molybdän-Decke etwas anhaben kann, dann muss eine vorliegende Amnesie durch magnetischen Schock hervorgerufen worden sein, so als wenn man den Kopf zwischen die Pole eines gigantischen Elektromagneten steckt.

Bockmist oder fundiert-logische Herleitung?

Was die Lektüre sehr sympathisch macht, ist, dass Lem natürlich ein wilder Entwicklerkopf ist – aber letztlich eben auch nur ein Mensch des Jahres 1964. Was sich daran zeigt, dass er zwar die ausgewieftesten Ideen und abstrusesten Möglichkeiten abschöpft, zugleich aber unfähig, die Selbstverständlichkeit einiger anderer Dinge infrage zu stellen. So ist der Navigator bei seinen Streifzügen über den Planeten zwar mit unfassbarem neotechnologischen Plimplam ausgestattet – aber blättert doch in einem Buch, schaut Fernsehen, macht auf altmodisch umständliche Art Fotografien, steigt in einen Skaphander. Mit Sicherheit hätte es Lem ein müdes Lächeln gekostet, auch hier die ein oder andere Neuerung zu erhirnen, aber es ist faszinierend, sich gedanklich damit auseinanderzusetzen, warum er es hier nicht wollte. Vermutlich erschien es 1964 zu unvorstellbar, dass man Bücher anders konsumieren könnte als blätternd.

Auch nicht unerwähnt bleiben darf, dass das Wort „Erde“ zwar nur wenige Male vorkommt, Gedanken über die Heimat nur ganz am Rande transportiert werden. Lem zwischen den Zeilen jedoch weitaus mehr transportiert. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Roman aus der Hochzeit des Kalten Krieges stammt, Weltuntergangsszenarien nicht nur en vogue waren, sondern sehr plausibel. Lem erweckt an keiner Stelle des Romans den Eindruck, es wäre was sonderlich schief gelaufen auf der Erde, man müsste sich überhaupt irgendwelche Sorgen machen. Mehr noch: Allein die Namen, die er den handelnden Wissenschaftlern gibt, erwecken die Hoffnung, die Völker der Erde hätten sich nicht nur friedlich ge-, sondern regelrecht vereinigt: Rohan, Payne, Ballmin, Hagerup, Kralik, Chen.

Schlussendlich ist „Der Unbesiegbare“ aber natürlich zuvorderst ein gelungener Abenteuerroman, der einfach keine Lust hat, wieder nur das aufzufahren, was wir Menschen eh schon in- und auswendig kennen. Ein Roman, der die Lust weckt, sich die Möglichkeit von Unmöglichkeiten vorzustellen und sich dabei nicht abduckt, so es um die parallele Verantwortung des Menschen, um ethische Fragen geht.

Für echte Science-Fiction-Fans gewiss ein fünf Sterne-Klassiker, zurecht. Für mich genügen drei Sterne, da mir reale Abenteuer im Hier und Jetzt mehr zusagen, ich es für aufregender und wichtiger halte – so wie Ballard und Dick – die nächsten 20 oder 30 Jahre auszuloten, die halbwegs in den Griff zu kriegen. Um alles nach dem Jahr 2100 sollen sich dann bitte die Kindeskinder kümmern, wenn es so weit ist.

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